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Color Out of Space (2019)

5. Juli 2020 at 15:14

 

 

© SpectreVision/RLJE Films/Quelle: IMDb

 

 

 

What touched this place cannot be quantified or understood by human science. It was just a color out of space. A messenger from realms whose existence stuns the brain and numbs us with the gulfs that it throws open before our frenzied eyes.“

 

 

 

Das beschauliche Landleben der Familie Gardner wird von einem Meteoriten-Einschlag in ihrem Vorgarten durcheinander gebracht. Schon bald danach häufen sich merkwürdige Vorfälle und irgendeine fremde Macht beginnt nicht nur, die Flora und Fauna zu verändern, sondern dringt auch in die Köpfe ihrer Bewohner ein.

 

West of Arkham, the hills rise wild and there are valleys with deep woods that no ax has ever cut. There are dark, narrow glens where the trees slope fantastically, where thin brooklets trickle without ever having caught the glimpse of sunlight... Then I saw that dark westward tangle of glens and slopes for myself, end ceased to wonder at anything beside its own elder mystery.

 

Diese unheilvollen Worte gesprochen aus dem Off zu Beginn setzen annähernd perfekt die Stimmung für die folgenden knapp zwei Stunden. Filmische Adaptionen der Werke von Lovecraft sind immer etwas heikel in ihrer Umsetzung. Wie der menschliche Verstand angesichts all dieser unaussprechlichen Schrecken versagen muss, so versagt bei Lovecraft ganz bewusst die Sprache als Werkzeug des Menschen, seine Umwelt einzuordnen und zu verstehen. Wenn schon das gesprochene Wort dabei an seine Grenzen stößt, wie soll dann eine bildliche Umsetzung funktionieren? Nun versucht sich Richard Stanley 23 Jahre nach seinem Fiasko The Island of Dr. Moreau an der Kurzgeschichte The Colour Out of Space. Seine Filme Hardware (1990) und Dust Devil (1992) mag ich sehr, sind sie doch fantastische Genrefilme, die sich kreativ über ihre budgetären Limitierungen hinweg setzen.

 

Stanley ist clever genug, sich zu Beginn seines Filmes Zeit zu lassen, das drohende Grauen nur nach und nach durchsickern zu lassen, statt den Zuschauer schon früh mit allerhand grotesken Momenten zu konfrontieren. Auch die Horrorelemente sind klug dosiert und auf plakativen Ekel wird überwiegend verzichtet. Nur langsam tröpfelt der Wahnsinn in diese ohnehin schon dysfunktionale Familie und Stück für Stück steigert sich der kaleidoskopische Irrsinn. Zeit und Raum verlieren zusehends an Kontur, verschwimmen, dehnen sich, und der eigenen Wahrnehmung kann nur immer weniger getraut werden. Bei all dem bleibt Stanley überraschend nah an seinem Ausgangsmaterial und modernisiert die Kurzgeschichte von Lovecraft nur sehr vorsichtig, um den namenlosen Schrecken in die Gegenwart zu überführen. Eine Atmosphäre des buchstäblich Unbeschreiblichen, dieses schier unfassbare Entsetzen, das steht spürbar im Vordergrund und ergießt sich spätestens im letzten Drittel in Bilder von geradezu irrealer Schönheit.

 

Visuell einfallsreich erschafft Stanley zusammen mit seinem Kamermann Steve Annis so eine dichte, bedrohliche und doch seltsam schöne, schillernde und einnehmende Bildsprache, die Colin Stetson (Hereditary) mit den fremden Klängen seines Scores gekonnt unterstreicht. Und wenn dann etwa zur Hälfte des Filmes Nicolas Cage von der Kette gelassen wird und das tun darf, was er am besten kann, dann findet sich dieser schleichende Wahnsinn auch im Schauspiel wieder. Cage überdreht völlig, bietet fleischgewordenes Overacting par excellence, doch in den filmischen und erzählerischen Kontext von Color Out of Space passt das ganz hevorragend. Das Comeback von Richard Stanley hat mit viel Freude bereitet, ist es doch überaus gelungenes Genrekino mit Verstand und Seele. Ist Color Out of Space eine würdige Lovercraft-Adaption? Schwierig zu beurteilen, er kommt in jedem Fall aber in die Nähe.

 

8 von 10 Mal genüsslich ein Alpaka melken

 

 

Hard Eight (1996)

27. Juni 2020 at 20:26

 

 

© The Samuel Goldwyn Company/Quelle: IMDb

 

 

 

Never ignore a man’s courtesy.“

 

 

Vollkommen pleite und am Tiefpunkt in Reno angekommen wird der junge John vom älteren Sydney von der Straße aufgelesen und unter die Fittiche genommen. Der professionelle Spieler bringt John seine Tricks bei und entwickelt im Laufe der Zeit eine väterliche Beziehung zu ihm. Doch als sich John in die Kellnerin Clementine verliebt, beginnen die Dinge schief zu laufen.

 

Ein solch selbstbewusst inszeniertes Regiedebüt wie Hard Eight gibt es nicht oft zu bestaunen. Blood Simple von den Coens, Reservoir Dogs, Bound von den Wachowskis vielleicht. Paul Thomas Anderson scheint mit seinen damals erst 26 Jahren schon mehr gewusst zu haben als viele andere, nämlich ganz genau, was er will. Sein ausgeprägtes Stilbewusstsein jedenfalls lässt sich bereits hier kaum leugnen. Hard Eight ist inhaltlich eher schlicht gehalten, aber zugleich von großer Klarheit und Präzision geprägt und klug und bedächtig erzählt. Das große Spektakel sucht man hier vergeblich, findet stattdessen aber viel Feingefühl, aufrichtiges Verständnis für die Figuren und die dichte Atmosphäre einer lakonischen, aber nie zynischen Geschichte voller zärtlicher Melancholie.

 

Zweifellos gibt es Parallelen zum alternativen US-Kino jener Zeit, da ist diese ausgestellte Coolness, die Liebe zum klassischen amerikanischen aber auch europäischen Gangsterfilm und natürlich die Einflüsse des Film Noir, doch Paul Thomas Anderson findet dennoch seinen ganz eigenen Weg. Die elegant geführte Kamera von Robert Elswit harmoniert hervorragend mit der Bildsprache von Anderson und gemeinsam fangen sie die unglaublich starke und würdevolle Präsenz von Philip Baker Hall ein. Allein die Eröffnungssequenz, in der sein Sydney kaum mehr tut als eine Straße zu überqueren, sagt durch ihre Art der Inszenierung bereits alles, was wir wissen müssen. Oder die wunderbar anzusehenden, regelrecht schwebenden Kamerafahrten durch die Casinos.

 

Überhaupt setzt Anderson mit seinem klugen Drehbuch weniger auf Exposition und mehr auf Dialoge und vor allem Schauspiel. Wie Hall in der Szene im Motel reagiert, ruhig, besonnen, abgeklärt, wie er beruhigend einwirkt, versucht, die Situation zu lösen, das verrät sehr viel über seine Figur und deren Hintergründe. Dazu ist der Cast rund um Hall, John C. Reilly, Gwyneth Paltrow, Samuel L. Jackson und in einer Nebenrolle Philip Seymour Hoffman hervorragend besetzt und weiß zu glänzen. Reilly halte ich in ernsteren Rollen ohnehin für unterschätzt und sein Spiel in Hard Eight beweist eindrucksvoll, dass er mehr kann als nur die platte Comedy-Schiene rund um Will Ferrell und Adam McKay.

 

Am Ende erweist sich Hard Eight mehr als Drama denn als Thriller, beeindruckt durch die selbstbewusste, ruhige Inszenierung seines Regisseurs, eine dichte Atmosphäre und starkem Schauspiel. Sicherlich gerade an noch folgenden Großtaten von Paul Thomas Anderson gemessen noch nicht der ganz große Wurf, doch dieser Vergleich ist ohnehin unfair. Ein verdammt starkes Regiedebüt ist Hard Eight allerdings ohne jeden Zweifel.

 

8 von 10 Mal zwei Vierer in Craps würfeln

 

 

 

The Peanut Butter Falcon (2019)

18. Juni 2020 at 17:42

 

 

© Roadside Attractions/Quelle: IMDb

 

 

 

Zak ist 22 Jahre alt, hat das Down-Syndrom, keine Familie mehr und wurde daher vom Staat in einem Altenheim untergebracht. Sein größter Traum ist es, ein Wrestler zu werden, und so beschließt er abzuhauen und sich auf die Suche nach seinem großen Vorbild zu machen, dem Wrestler Salt Walter Redneck. Unterwegs trifft er auf den vor seiner Vergangenheit fliehenden Tyler, welcher Zak zunächst widerwillig dabei hilft, sein Ziel zu erreichen.

 

Friends are the family you choose. Mag abgedroschen klingen, lässt sich aber kaum leugnen. Was die beiden Regisseure Tyler Nilson und Michael Schwartz mit ihrem Debütfilm auf die Beine stellen, das ist durchaus bemerkenswert. Sicher, The Peanut Butter Falcon ist formelhaft erzählt und zu jedem Moment vorhersehbar, bedient er sich doch klar an den gängigen Strukturen eines Road-Movies mit ungleichem Paar. In den Details allerdings vermag diese warmherzige Südstaaten-Odyssee punktuell starke Akzente zu setzen. Da wären zum Beispiel die pointiert geschriebenen Dialoge. Der tolle Score und das wundervoll eingefangene Setting. Oder der entwaffnende Charme des unbekümmert und authentisch aufspielenden Zack Gottsagen, der von Nilson und Schwartz erstaunlich gut in Szene gesetzt wird, so dass sich der Film zu keiner Sekunde vorwerfen lassen muss, ihn als bloßes Gimmick zu nutzen oder gar der Lächerlichkeit preiszugeben. Ein wirklich schmaler Grat, den die beiden Regisseure gefühlvoll meistern.

 

Dazu ist die Chemie zwischen Gottsagen und Shia Labeouf unglaublich stark. Die beiden harmonieren fantastisch miteinander, wirken vollkommen unverkrampft im Umgang und glücklicher Weise nimmt sich Labeouf angenehm zurück in seinem Spiel. The Peanut Butter Falcon ist ein Film über Freundschaft, über Familie, das Leben, aber auch über das Loslassen. Zak und Tyler haben mehr gemein als sie denken. Beide wurden ein Stück weit ihres Lebens beraubt und müssen sich nun erstmals ihrer gewählten und ungewollten Unabhängigkeit stellen. Da ist Zak, der das Abenteuer geradezu sucht und in seiner neu erworbenen Freiheit aufgeht, neue Eindrücke und Gefühle aufsaugt wie ein Schwamm und seinen Ballast abgeworfen hat. Und da ist Tyler, der mit den Dämonen seiner Vergangenheit kämpfen muss und ein gewaltiges Päckchen zu tragen hat. Mit dem fein austarierten Innenleben der beiden Männer kann die im letzten Drittel dazustoßende Eleanor leider nicht mithalten, ist ihre Figur doch spürbar eindimensionaler angelegt.

 

Im Schlussakt nimmt The Peanut Butter Falcon sogar leicht märchenhafte Züge an und vielleicht entlassen Nilson und Schwartz etwas zu einfach aus dem zuvor aufgebauten Dilemma, doch letztlich fällt das kaum ins Gewicht. Ihr Film ist eine liebevolle Ode an die Freundschaft, ist voller Wärme, aufrichtiger Empathie, und lebt durch das ungemein starke Spiel von Gottsagen und Labeouf.

 

7,5 von 10 weggeworfenen Autoschlüssel

 

 

The Neptune Factor (1973)

29. Mai 2020 at 0:50

© 20th Century Fox/Quelle: IMDb

 

 

 

Als die Unterwasserforschungsstation Oceanlab II wegen eines Seebebens in einen angrenzenden Tiefseegraben stürzt, da kann nur noch der Bergungsexperte Adrian Blake mit seinem U-Boot Neptune helfen. Doch die Zeit drängt, denn den möglichen Überlebenden droht der Sauerstoff auszugehen.

 

Ich gebe zu, dass ich ein großer Fan von Filmen mit Unterwasser-Setting bin, egal, ob Thriller, Horror, oder Abenteuer, und so brachte mich meine ausgeprägte Faszination für diese eher spezielle Form des Genre-Kinos nun auch zu The Neptune Factor. Doch was Regisseur Daniel Petrie hier auf die Leinwand brachte, das ist ein ausgesprochen seltsamer Film, und viel mehr unausgegorenes Katastrophenkino der 70er als das Plakat vielleicht suggeriert. Unentschlossen irgendwo zwischen nostalgisch-naiver Jules Verne-Fantastik der 50er Jahre und eben jenem, gerade boomenden Katastrophenkino der 70er Jahre schwankend ist The Neptune Factor letztlich nichts von alldem. Die Story dümpelt zu lange vor sich hin, ist spannungsarm und viel zu langsam erzählt und bietet darüber hinaus kaum interessante Figuren zum mitfiebern.

 

Ob nun Regisseur Petrie, Drehbuchautor Jack DeWitt oder Kameramann Harry Makin, ich weiß es nicht genau, irgendwer jedoch hatte scheinbar ein großes Faible für die, nun ja, eingehende Beobachtung von Fischen. Anders lassen sich teils minutenlange und zudem technisch nicht sonderlich anspruchsvolle Szenen voller Fischen kaum erklären, welche zur filmischen Dramaturgie nun wirklich gar nichts beitragen und stattdessen immer wieder das Tempo ausbremsen und den Spannungsbogen kollabieren lassen. Wenig maßstabsgetreu mit einem U-Boot-Modell aus Plastik und einigen Zierfischen im Aquarium zu arbeiten, das zerstört schlicht jegliche Illusion. Für Liebhaber filmischer Randnotizen und kurioser Fußnoten vielleicht noch irgendwie interessant, wirklich sehenswert oder gar gut ist The Neptune Factor ganz gewiss nicht.

 

4 von 10 Mal im Aquarium planschen