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Brimstone (2016)

16. Juni 2018 at 17:16

 

 

© Momentum Pictures/Quelle:IMDb

 

 

„People think it’s the flames that make Hell unbearable. It’s not. It is the absence of love.“

 

 

Die stumme Liz lebt zusammen mit ihrem Mann Eli, dessen Sohn aus erster Ehe Matthew und der gemeinsamen Tochter Sam auf einem kleinen Hof ein hartes, aber glückliches Leben. Als eines Tages ein neuer Priester in die Stadt kommt, ist Liz felsenfest davon überzeugt, dass er allein ihretwegen da ist und sie für vergangene Taten bestrafen will. Schnell wird sie von ihrer schrecklichen wie traumatischen Vergangenheit eingeholt, welche sie längst vergessen glaubte.

 

Brimstone is an alternative name for sulphur, or sulfur. It may also refer to: Fire and brimstone, an expression of signs of God’s wrath in the Bible, or a style of Christian preaching that uses vivid descriptions of judgment and eternal damnation to encourage repentance.

 

Offenbarung – Exodus – Genesis – Vergeltung. Das ist der erzählerische Bogen, welchen Brimstone beschreitet, das sind die vier Kapitel dieser ausgesprochen unangenehmen Reise durch den moralischen Verfall. Rückblickend kann ich mich nicht erinnern, wann ich mich zuletzt dermaßen unwohl gefühlt habe wie mit dem Film des niederländischen Regisseurs Martin Koolhoven. Sogar die Pausentaste musste ich zweimal bemühen, weil ich kurz ein wenig Abstand vom Geschehen brauchte. Brimstone ist ein widerlicher, abartiger Brocken, eine qualvolle Tour de Force, verstörend, zerstörend und für sich genommen eine bittere Erfahrung, deren eiskalte Hand gnadenlos das Herz des Zuschauers umklammert. Brimstone kriecht in deinen Kopf, nistet sich dort ein, verendet dann und fortan sickert unentwegt sein giftiges Gebräu aus Hass, Abscheu und Verachtung Tropfen für Tropfen in deine Gedankenwelt. Ein finsteres Meisterwerk, nur schwer verdaulich. Ich halte mich eigentlich für recht abgebrüht, schließlich haben 25 Jahre des aktiven Umgangs mit Filmen jeglicher Couleur allerhand mit sich gebracht, doch Brimstone wurde zur Grenzerfahrung für mich.

 

Die Mischung aus Abscheu und Faszination ist riesig, ein sehr schmaler Grat, auf welchem man hier permanent wandelt. Brimstone zieht an und stößt ab, begeistert und erschüttert gleichermaßen. Viele der Bilder von Kameramann Rogier Stoffers werde ich so schnell nicht vergessen können, haben diese sich doch tief in mein Gedächtnis gebrannt. Dabei ist der Film gar nicht mal so übermäßig explizit in seiner Darstellung, wie man nun vielleicht meinen könnte, wendet den Blick jedoch auch nie ab, ist nicht allzu zeigefreudig, hält aber auch nicht hinter dem Berg. All die seelischen wie körperlichen Grausamkeiten, welche Brimstone so perfide wie meisterhaft vor uns ausbreitet, die nagen und zehren, verstören und irritieren. Man kann den Film nicht einfach nur SEHEN, er lässt sich nicht leicht und locker konsumieren, er wird auch unweigerlich GEFÜHLT werden, ERFAHREN werden, und das ist nur bedingt ein freudiges Unterfangen. Dennoch: es lohnt sich, diese Erfahrung zu machen, in diese schier unglaubliche Leidensgeschichte voller Qual und Schmerz einzutauchen.

 

Vielleicht seit L.A. Confidential bin ich Fan von Guy Pearce, welcher mich immer wieder mit den unterschiedlichsten Rollen begeistern konnte: Priscilla, Ravenous, Memento, The Proposition, Animal Kingdom, Lockout, Lawless oder The Rover – allesamt Filme, die dank seiner erstklassigen Performance immer auch ein ordentliches Stück besser wurden. Aber was der Mann in Brimstone als wandelndes Sinnbild allen alttestamentarischen Zornes leistet, das ist nicht nur einfach beeindruckend, es lässt sich kaum in Worte fassen. Sein Reverend scheint allgegenwärtig, auch in den anderen Figuren des Filmes. Er ist wie Brimstone selbst, man wird ihn nicht los, nimmt ihn in sich mit. Eine solch einnehmende wie erdrückende Präsenz erlebt man nur sehr selten. Zuletzt vielleicht vom großen Daniel Day-Lewis in There Will Be Blood. Klingt womöglich hochgegriffen, dennoch will ich diesen Vergleich nicht scheuen, war der zurück bleibende Eindruck auf mich doch sehr ähnlich. Aber so überragend und entfesselt Guy Pearce hier auch agiert und dominiert, so wenig sollte man dabei die Leistung von Dakota Fanning vergessen, welche ebenfalls eine wahnsinnig starke Performance bietet.

 

Weiter weg vom Wohlfühlkino als Brimstone kann ein Film kaum sein. Eine schmerzhafte Erfahrung voller Hass, Verachtung, Gewalt und Sex, schonungslos und grenzwertig in seiner radikalen Inszenierung. Unwohlsein ist hier vorprogrammiert bei so viel Abscheu und Ekel, kalt und grimmig sind diese rund 150 Minuten geraten. Brimstone hat mich unfassbar weit aus meiner Komfortzone gerissen, hat sich in meinem Kopf festgesetzt und beschäftigt mich nachhaltig enorm. Eine filmische Grenzerfahrung, für die ich sehr dankbar bin!

 

9 von 10 abgeschnittenen Zungen

 

 

Killing Them Softly (2012)

10. Juni 2018 at 16:34

 

 

© The Weinstein Company/Quelle:IMDb

 

 

 

„America is not a country. It´s a business.“

 

 

 

Die beiden Kleinkriminellen Frankie und Russell wollen schnell und einfach ans große Geld kommen und überfallen eine illegale Pokerrunde um das Preisgeld abzugreifen. Das dieses Pokerspiel von der Mafia betrieben wird, ist ihnen zwar bewusst, doch sie wähnen sich auf der sicheren Seite, ist ein Sündenbock doch schon praktisch bei der Hand. Der Überfall glückt, ruft jedoch schnell einen Mafia-Mittelsmann auf den Plan, der Licht ins Dunkel bringen und die Schuldigen finden soll. Dazu bedient er sich der Dienste des eiskalten Profikillers Jackie Cogan. Als dieser dann noch seinen abgehalfterten Kollegen Mickey nach New Orleans beordert, droht die Lage komplett zu eskalieren.

 

Ein schonungsloses wie bitteres Fazit über den Zustand einer ganzen Nation sind diese zwei Sätze. Eine wahrlich zynische Bilanz in denkwürdigen Worten, ein pessimistischer Kommentar zum Zustand der Welt im Spätkapitalismus. Killing The Softly zeigt in düsteren Bildern ein zerrissenes Land zwischen Wohlstand und Armut. Ein Land, welches immer noch nur zu gern als strahlender Held wahrgenommen werden will, stattdessen aber selbst schon lange am Boden liegt. Der amerikanische Traum ist hier längst zum wirtschaftlichen Überlebenskampf verkommen, bei dem nur die Stärkeren überleben und die Schwachen einfach an den Rand der Gesellschaft gedrückt werden. Der Sound dieses Amerikas ist das Wahlkampfgeschwätz von Obama und McCain, es sind die Phrasen von nationaler Einheit und Erneuerung, die aus jedem Radio und Fernseher blechern erklingen.

 

Der neuseeländische Regisseur Andrew Dominik erzählt all das im Gewand einer eher klassischen Gangster-Geschichte und verpackt seine eigentliche Aussage geschickt in gängigen Genre-Strukturen. Es ist die Geschichte zweier in sich zusammenbrechender Systeme und der daraus resultierenden Folgen. Die Wirtschaft und das organisierte Verbrechen. Unterschiedlicher Rahmen, gleiche Probleme. Am Ende erweist sich der Film als treffsichere und zu gleich zynische wie schonungslose Offenlegung des amerikanischen Traums, wenn hoffnungsvolle Redenschwinger mit der trostlosen, fatalistischen Situation des Alltags zu einem blutig-brutalen, gestylten Thriller zusammenkommen. 

 

Der Cast ist mit Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, Brad Pitt, James Gandolfini, Richard Jenkins und Ray Liotta überragend besetzt. Pitt spielt seine Rolle des pragmatisch agierenden Auftragkillers Jackie Cogan souverän und wortkarg, obwohl der Rest des Films doch sehr dialoglastig und manchmal geradezu geschwätzig daherkommt. Gandolfini gibt eine großartige arme Sau dabei ab und war selten so gut wie hier, blitzen doch in seinem verschwitzten Gesicht, unter dem ungepflegten Rest von dem, was er womöglich einst mal war, stets die Augen eines Soziopathen auf.

 

Die Story ist kurz und knackig, versucht nicht zu überraschen. Es gibt keine unerwarteten Entwicklungen. Vielmehr wird die dreckige Seite des von Obama und anderen Politikern immer heraufbeschworenen und ausgelutschten „American Dream“ gezeigt. Ein dreckiges Amerika, dreckige Leute, dreckige Methoden. Ich für meinen Teil fand den Film auf seine recht spezielle Art und Weise großartig, kann aber gleichzeitig verstehen, dass er bei vielen nur bedingt auf Gegenliebe stößt.

 

8 von 10 entführten Hunden

 

 

Suburbicon (2017)

8. Juni 2018 at 19:06

 

 

© Paramount Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

„What do you think you know, big man? Hmm? Because I know a lot of things. That’s the case with being a grownup. You have to make decisions. Decisions like what’s best for the family.“

 

 

 

Willkommen in Suburbicon, einem Vorort aus dem Bilderbuch der späten 50er Jahre. Doch Ruhe und Frieden dort werden von einem grausamen Verbrechen überschattet, als die Familie Lodge eines abends in ihrem Haus brutal überfallen wird. Die Mutter Rose überlebt diese Nacht nicht, ihr Mann Gardner, der gemeinsame Sohn Nicky und ihre Zwillingsschwester Margaret hingegen schon. Quasi zeitgleich zieht die erste farbige Familie in Suburbicon ein und bringt schnell die Einwohner gegen sich auf. Es dauert nicht lange, da wütet schon der aufgebrachte Mob vor den weißen Gartenzäunen.

 

Nach What Happened to Monday? bekam ich nun mit Suburbicon zum zweiten Mal in relativ kurzer Zeit einen Film zu sehen, der deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück bleibt und sein Potential nicht wirklich voll zu entfalten vermag. Das Drehbuch stammt von den Coen-Brüdern, die Regie hingegen von George Clooney, und beides spürt der aufmerksame Betrachter deutlich. Suburbicon etabliert zwei separate Handlungsstränge, welche nie wirklich zueinander finden. Schlimmer noch: der Teil des Rassismus-Dramas ist nie mehr als ein bloßes Plot-Vehikel, hat keine Tiefe, entwickelt keine Relevanz und der Film macht buchstäblich nichts damit. NICHTS! Außer dem Krimi-Plot an einem bestimmten Punkt ein Hintertürchen zu öffnen. 

 

Letztlich sagt mir Suburbicon kaum mehr als: guck mal, hinter den gepflegten wie spießigen Fassaden der Vorstadt, hinter den akkuraten Vorgärten und weißen Gartenzäunen, da lauert auch das Grauen in Form menschlicher Abgründe. Danke, aber das ist mir keineswegs neu und wurde in anderen Filmen schon deutlich besser umgesetzt. Coen-Brüder light ist das, was mich sogar ein wenig ärgert, sehe ich doch das Potential dahinter, aber irgendwie fehlt es an Stringenz und vor allem an Bissigkeit, um wirklich eine Aussage zu treffen. Darstellerisch ist das zwar solide, aber gerade Matt Damon und Julianne Moore sind schon sehr gefangen in der Eindimensionalität ihrer Figuren. Einzig Oscar Isaac ragt hier heraus: zwar ist seine screen time sehr begrenzt, aber seine wenigen Szenen sind das beste am ganzen Film. Mit Abstand.

 

5 von 10 Tüchern getränkt mit Chloroform

 

 

 

 

 

 

Acts of Vengeance (2017)

7. Juni 2018 at 17:34

 

 

© Lionsgate/Quelle: IMDb

 

 

 

„Within days after I stopped talking, my sense of hearing had drastically improved. You see? Good things do happen when you shut the fuck up for a minute or two.“

 

 

Die Ermordung seiner Frau Susan und seiner Tochter Olivia stürzen den Anwalt Frank Valera nicht nur in ein Loch tiefer Trauer, sondern auch in einen Strudel der Verzweiflung. Weil Polizei und Justiz mit ihren Ermittlungen keinerlei Fortschritte machen, untersucht der redegewandte Strafverteidiger den Fall nun selbst und begibt sich ganz allein auf die Suche nach den Mördern seiner Familie. Mit seiner steigenden Wut wächst auch seine Disziplin: Frank legt ein Schweigegelübde ab und macht aus seinem Körper mit Trainingseinheiten bis zur Erschöpfung eine stahlharte Waffe, um schließlich selbst Rache an den Tätern zu üben.

 

Isaac Florentine ist ein Meister seines Faches. Ein Künstler unter den kinetisch getriebenen B-Movies, ein Virtuose des DTV-Actionfilms. Er wird nicht ganz ohne Grund oftmals als einer der derzeit besten Action-Regisseure angesehen und ist zweifellos einer der aktuell wichtigsten Regisseure in seinem Genre, denn kaum jemand versteht es derart gut, Martial Arts-Kämpfe so physisch wie rasant und vor allem druckvoll zu inszenieren. Sein Gespür für Tempo, Timing und Dynamik ist überragend und seine Filme sind meist sehr schnörkellos, enorm ökonomisch und hochgradig effizient umgesetzt. Actionszenen unter seiner Regie sind selten übermäßig spektakulär, dafür aber wunderbar choreografiert und mit großem Gefühl für Raum, Bewegung und Geschwindigkeit ausgestattet. Und so effektiv Florentine seine Actionszenen gestaltet, so inszeniert er seine Filme gleichermaßen: präzise, voller Klarheit, auf den Punkt genau und ohne ein Gramm Fett auf den erzählerischen Rippen. Meist reichen ihm nur ganz wenige Pinselstriche für die Plotgestaltung, um die Protagonisten und ihren Konflikt erkennbar herauszuarbeiten und so eine Grundlage für das zu schaffen, was bei ihm den Löwenanteil der Erzählung ausmacht: Aktion, Bewegung, Kampf.

 

Auch sein neuester Film Acts of Vengeance beinhaltet wieder seine inzwischen über die Jahre hinweg zu regelrechten Trademarks gewordene Stilistik, vermag sich jedoch nicht ganz oben in seinem Schaffen zu platzieren, sondern eher im gesunden Mittelfeld. Acts of Vengeance ist nicht auf einem Level mit Filmen wie Ninja: Shadow of a Tear, Undisputed II und III oder Close Range, aber ein dennoch solider Thriller unterfüttert mit knackiger Action. Abgegriffen im Thema vielleicht, aber gelungen in seiner Inszenierung. Zwar nerven der ständige Off-Kommentar in Verbindung mit dem selbstauferlegten Stoizismus der Hauptfigur mit der Dauer ein wenig, aber letztlich kann ich darüber hinweg sehen. Zum wohl größeren Nachteil gerät der Umstand, dass Antonio Banderas nicht wie beispielsweise Florentines langjähriger Weggefährte Scott Adkins vom „Fach“ ist, dennoch muss man festhalten, dass er sich durchaus anständig und passabel schlägt. So bleibt letzten Endes ein solider Rachethriller, dessen herausragende Momente die stark choreografierte Action bildet. Und die beherrscht Isaac Florentine blind.

 

6,5 von 10 Lektionen des Stoizismus