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Zitat des Tages

20. April 2018 at 2:18

 

 

My question is: if the idea of an illness can be become an illness, what else about our reality is actually a disorder?“

 

 

 

Coen-Retrospektive #13: Burn After Reading (2008)

12. April 2018 at 16:56

 

© Focus Features

 

 

 

CIA Superior: What did we learn, Palmer?

CIA Officer: I don’t know, sir.

CIA Superior: I don’t fuckin‘ know either. I guess we learned not to do it again.

CIA Officer: Yes, sir.

CIA Superior: I’m fucked if I know what we did.

CIA Officer: Yes, sir, it’s, uh, hard to say

CIA Superior: Jesus Fucking Christ.

 

 

 

Als Linda und Chad, beide Mitarbeiter eines Fitness-Centers, in der Umkleide eine mysteriöse CD voller vermeintlichen geheimen CIA-Informationen finden, beschließen sie, den Besitzer dieser Daten zu erpressen. Allerdings haben die beiden nicht den Hauch einer Ahnung, in welch gefährliche Regionen sie damit vordringen und schon bald sind zahlreiche Personen mehr oder weniger unfreiwillig in diese Affäre involviert ohne absehen zu können, welche Folgen ihr jeweiliges Handeln haben könnte.

 

Wenn die Coen-Brüder ihre Filme Intolerable Cruelty und The Ladykillers brauchten, um danach den alles verschlingenden No Country For Old Men verwirklichen zu können, dann bedurfte es vielleicht im Gegenzug Burn After Reading, um nach dem niederschmetternden Neo-Western den Kopf frei zu kriegen für A Serious Man. Wenn nämlich No Country For Old Men finster wie zutiefst ehrlich und A Serious Man voller Aufbruchstimmung und mit neuem Mut auf dieses seltsam eigenwillige Ding namens Leben blickt, da ist Burn After Reading vor allem eines: unangenehm zynisch. Natürlich finden sich hier wieder alle bekannten Elemente aus dem Schaffen der Coens und auch Humor und Slapstick sind wieder zurück, dennoch beschleicht mich nun zum ersten Mal das leise Gefühl, dass die beiden Brüder vielleicht eine Spur zu routiniert ans Werk gehen. Manchmal wirkt Burn After Reading auf mich wie eine Fingerübung ohne Liebe. Jerry Lundegaard, Ed Crane oder auch Llewelyn Moss: immer begegneten die Coens ihren Figuren offen mit Empathie und Verständnis, so dumm, unüberlegt oder verantwortungslos ihre Taten auch waren. Immer waren sie auch so angelegt, dass man als Zuschauer verstehen konnte, was sie zu ihren Taten antrieb.

 

In Burn After Reading jedoch tummeln sich auffallend viele ausgesprochen unsympathische Figuren, deren Gedankenwelt sich meist um nichts weiter dreht als sie selbst. Selbstsucht als Alleinstellungsmerkmal unter vielen. Bis auf den unglücklich verliebten Ted Treffon kann ich niemandem aufrichtige Sympathie entgegen bringen, seine Rolle jedoch fällt denkbar begrenzt aus. Dennoch ist er der einzige im Film, der aufrichtig liebt, dem es tatsächlich um etwas geht, der zwischenmenschlichen Kontakt aufnehmen will. Oder es zumindest versucht, aber meist weder Gehör noch Beachtung findet, denn alle anderen haben nur sich selbst im Kopf ohne auch mal über den Tellerrand blicken zu können. Kann man sich darauf einlassen, dann ist Burn After Reading zweifellos ein unterhaltsamer Film und nicht ohne Witz und Tempo, aber er ist letzten Endes zumindest für mich auch eine sehr ätzende und bittere, eher wenig versöhnliche Betrachtung dieses Ameisenhaufens, den wir Leben nennen. Zwar sind die schauspielerischen Leistungen auf hohem Niveau, so mancher Darsteller ist hübsch gegen den Strich besetzt und über die Auftritte von J.K. Simmons, David Rasche und Richard Jenkins habe ich mich gefreut, aber leider sind die Figuren selbst einfach viel zu unsympathisch geraten, als dass mich irgendjemandes Schicksal im Film ernsthaft berühren würde. Außer Ted. Bei soviel Zynismus mangelt es mir bei Burn After Reading tatsächlich ein wenig an Herz, dennoch ist das nunmehr dreizehnte Werk der Coen-Brüder bei weitem kein schlechter Film. Alle von ihnen über die Jahre hinweg etablierten Trademarks sind vorhanden, aber all das wirkt hier seltsam selbstzweckhaft. Wenn man die Ausrutscher Intolerable Cruelty und The Ladykillers mal ausklammert, dann ist Burn After Reading für mich ihr bisher schwächster Film.

 

6,5 von 10 selbstgebauten Sex Toys

 

 

 

 

 

 

Lo chiamavano Jeeg Robot (2015)

8. April 2018 at 18:02

 

© Lucky Red

 

 

Der Kleinkriminelle Enzo befindet sich gerade auf der Flucht vor der Polizei durch verwinkelte römische Gassen und entscheidet sich für ein Versteck im Fluss Tiber. Dumm nur, dass dort augenscheinlich radioaktiver Abfall entsorgt wurde und er damit in Kontakt kommt. Schon bald muss er feststellen, dass sein Körper sich verändert und er scheinbar übermenschliche Kraft entwickelt hat. Als er diese Kräfte nutzt, um einen Geldautomaten aufzubrechen, landet ein Video von ihm im Internet, welches die Aufmerksamkeit des Mafiosi Zingaro auf sich zieht.

 

Da muss also erst ein kleiner Superheldenfilm aus Italien kommen und frischen Wind in schrecklich festgefahrene Strukturen bringen, um den Genre-Größen aus Übersee mal kurz zu zeigen, dass man solche Geschichten auch anders erzählen kann. Ich gebe zu, dass mich Jeeg Robot ausgesprochen positiv überraschen konnte, allerdings war meine Erwartungshaltung verhältnismäßig gering, klang der Plot zumindest auf dem Papier für mich doch verdächtig trashig. Aber weit gefehlt: der erste Langfilm vom italienischen Regisseur Gabriele Mainetti funktioniert ganz hervorragend, weil er seinen erzählerischen Fokus geschickt verschiebt und bestimmte Motive und Mechanismen des Genres aushebelt oder gar gleich ganz unterwandert.

 

Zwar erzählt Jeeg Robot einerseits eine ganz gewöhnliche Origin-Story, misst aber andererseits den unfreiwillig erworbenen Kräften des Protagonisten in Gestalt des Kleinkriminellen Enzo erfrischend wenig Bedeutung bei und befasst sich stattdessen viel lieber mit dem emotionalen Innenleben seiner Figuren. So kann also von einem effektgeladenen Spektakel kaum die Rede sein, wenn vielmehr nicht nur die persönliche Entwicklung von Enzo im Mittelpunkt steht, sondern eben auch jene von Alessia, welche ohnehin eine der Stärken des Filmes ist: wie Ilenia Pastorelli diese fragile Figur verkörpert, das ist schon recht beeindruckend. Schnell wird sie zum emotionalen Herzstück des Filmes und nicht nur wegweisend für Enzo, der anhand der Beziehung zu ihr auch seine eigenen Gefühle auf den Prüfstein stellen muss, sondern auch für den Zuschauer, welcher fortan versucht, irgendwie aus dieser kindlich anmutenden Frau und ihrem seltsam wirren Innenleben schlau zu werden.

 

Natürlich sieht man Jeeg Robot sein eher schmales Budget auch immer mal wieder an, aber insgesamt macht Regisseur Mainetti das schon sehr geschickt in seiner Inszenierung, indem oftmals die Action eben gerade nicht im Mittelpunkt steht und wenn doch, dann wird das gekonnt umschifft, so dass sich sein Film wirklich selten arg schwachen Effekten ergeben muss. Überhaupt hat Jeeg Robot insgesamt einen stark italienischen Einschlag und orientiert sich visuell herzlich wenig an etwaigen großen Genre-Brüdern, wenn vor allem Rom selbst eine nicht zu verachtende Rolle im Film spielt und viel Lokalkolorit einbringt: enge, verwinkelte Gassen abseits der üblichen Touristen-Attraktionen, schmutzige Randbezirke, ja, sogar das Derby Lazio – Roma finden ihren Platz im Geschehen und all das setzt so der Ewigen Stadt ein modernes Denkmal.

 

Zudem hat Mainetti immer wieder wirklich hübsche Ideen und findet schöne Bilder wie zum Beispiel in der Szene mit Enzo und Alessia in seiner Wohnung, wenn sie dort via Beamer die Serie Kōtetsu Jīgu schauen und plötzlich beide Welten miteinander verschmelzen. Oder wenn Enzo erstmals seine Superkräfte für sich entdeckt und dabei die ganze Zeit ein Porno im Hintergrund läuft. Das sind kleine Widerhaken, die all das doch sehr menschlich wirken lassen und den Film merklich erden. Die Welt rund um Enzo ist überhaupt insgesamt voller wunderbarer, teils winziger Details, wirkt dadurch greifbarer und man spürt deutlich, dass man sich hier doch sehr viele Gedanken gemacht hat und viel Herzblut und Leidenschaft hat einfließen lassen. Das ist es dann letztlich auch, was Jeeg Robot für mich so reizvoll macht, denn der Film hat eindeutig etwas, was ich oft innerhalb seines Genre schmerzlich vermisse: Herz, Seele und eine Vision. Jeeg Robot lässt mich etwas fühlen. Und das kann ich nicht von sonderlich vielen Filmen über Superhelden behaupten.

 

8 von 10 Joghurts beim Porno gucken

 

 

Road House (1989)

6. April 2018 at 11:50

 

© MGM

 

 

 

„All you have to do is follow three simple rules. One: never underestimate your opponent. Expect the unexpected. Two: take it outside. Never start anything inside the bar unless it’s absolutely necessary. And three: be nice.“

 

 

 

James Dalton ist nicht einfach nur Rausschmeißer, er ist einer der besten seiner Zunft. Als ihm der Barbesitzer Tilghman anbietet, seinen Laden namens Double Deuce zu führen und dort für Ordnung zu sorgen, willigt er ein. Kaum dort angekommen, räumt Dalton gleich auf und bringt die Bar schnell auf Vordermann. Doch da ist auch noch der Großgrundbesitzer Brad Wesley, dem die halbe Stadt gehört, von der er Schutzgelder erpresst.

 

In welch wundervoller Welt könnten wir doch alle Leben, wenn die Lehren des James Dalton Allgemeingültigkeit hätten? Seine Grundsätze sind so simpel wie effektiv, so schlicht wie wahrhaftig. No one ever wins a fight. Was braucht es denn mehr für ein friedliches Miteinander? It´ll get worse until it gets better. Road House wirft uns spielerisch wie wissend so viele Weisheiten lässig aus dem Handgelenk vor die Füße, dass man mit ihnen eine ganze Lebensphilosophie aufbauen möchte. Be nice until it´s time not to be nice. Ein moralischer Leitfaden, welchen wir alle vielleicht einfach verinnerlichen und leben sollten.

 

Naja, Spaß beiseite. Natürlich ist Road House von Rowdie Herrington eine einzige Absurdität – wie sonst sollte man einen Film denn bezeichnen, in dem Kneipenbesitzer quer durchs Land reisen um Türsteher zu verpflichten wie Fussballclubs einen neuen Star-Spieler? Die dann innerhalb ihrer vielleicht eher zweifelhaften Zunft gefeiert werden und beinahe schon den Ruf antiker Helden genießen? Das alles ist fernab jeglicher Realität, aber wie der Film seine eigenartige Parallelwelt auf seine konsequente wie liebevolle Art und Weise entwirft und vor dem Zuschauer ausbreitet, das macht einfach wahnsinnig viel Spaß und lässt mich immer wieder aufs neue staunen. Road House steht breitbeinig und immer bereit zum Ärsche treten irgendwo zwischen der plastikartigen Oberflächenverehrung der 80er und der versifften wie schmierigen Grobkörnigkeit der 70er, hat aber auch bereits einen Fuß in der Tür zu den 90ern. Die Ernsthaftigkeit, mit der hier zu Werke gegangen wird ist schlicht atemberaubend: allein wie Patrick Swayze seinen Dalton vollkommen frei von Ironie oder Zynismus und ohne jegliches Augenzwinkern spielt, ist Gold wert und der Film selbst erledigt den Rest, wenn er ihn quasi als Mensch gewordenen mythologischen Halbgott direkt aus dem Olymp entstiegen in Szene setzt.

 

Wenn er das erste Mal das Double Deuce betritt, wenn er alles in sich aufnimmt, jedes Detail registriert, sich alles einprägt und sich einen Überblick verschafft, das ist schon ziemlich toll. Und wenn danach seine Beobachtungen zu Konsequenzen führen, dann geschieht auch das schlicht, aber ungemein effektiv. Klar und einfach. My way… or the highway. Fakt ist: mit der Performance von Swayze steht und fällt bei Road House einfach alles, denn er ist hier auf dem absoluten Höhepunkt, versieht diesen ganzen Nonsens mit geradezu heiliger Ernsthaftigkeit und seine körperliche Aufopferung ist beeindruckend. Sein Mentor Wade wird vom grandiosen Sam Elliott kaum weniger imposant verkörpert, ist aber dann doch anders angelegt: die geradezu lässige Sorglosigkeit, mit welcher er seinen Job verrichtet, die hat Dalton einfach nicht, schlagen doch zwei Herzen in seiner Brust zwischen prügelndem Rausschmeißer und denkendem Philosophen. Vielleicht ist es genau das, was ihn so gut macht, denn er ist eben nicht der heißblütige Brutalo, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat, sondern vielmehr jemand, der einen Job ergriffen hat, für den er zwar ein gewisses Talent mitbringt, aber sicherlich keine aufrichtige Begeisterung. Vielleicht macht es das für ihn leichter, im rauen Gemenge zwischen Faustschlägen, zerschmetterten Bierflaschen und Beleidigungen einen kühlen Kopf zu bewahren. Letztlich jedoch bleibt er ein Wanderer und geht dahin, wo er gebraucht wird, und ist der Job erst getan, dann zieht er weiter. Ein nobles Ansinnen, möchte man meinen, macht James Dalton die Welt doch auf seine Art ein klein wenig besser. Und die wichtigste Regel ist und bleibt: Be nice!

 

Sicher ist das alles furchtbar klischeehaft und stereotyp geraten in seiner eher eindimensionalen Welt, aber gerade deswegen beeindruckt mich Road House immer wieder aufs Neue, weil er sich mit einer solch unfassbaren Ernsthaftigkeit seinem Milieu widmet, dass ich einfach nur anerkennend nicken und bewundernd vor mich hin lächeln kann, wenn Dalton konsequent wie konzentriert seiner Arbeit nachgeht. Ich mag den Film seit vielen Jahren sehr und habe auch heute immer wieder meine Freude an diesem Spektakel aus Bier, Flanellhemden und Kneipenschlägereien in schmierigen Kaschemmen. Ein wuchtiges Relikt aus einer Zeit, als solche Genre-Filme noch nicht Schaden nehmen mussten durch kommerzielle Überlegungen, limitierte Budgets oder unangenehm ironische Distanzierung.

 

8 von 10 harten Tritten gegen Kniescheiben