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Avengement (2019)

22. September 2019 at 14:57

 

 

© Samuel Goldwyn Films/Quelle: IMDb

 

 

 

Einen Freigang anlässlich des Todes seiner Mutter nutzt der Häftling Cain Burgess kurzer Hand zur Flucht, um sich an denen zu rächen, die ihn zu dem machten, was er nach Jahren im Gefängnis ist: ein eiskalter wie brutaler Schläger mit gebrochenem Geist und gestähltem Körper.

 

Avengement ist nach mal mehr, mal weniger gelungenen Filmen wie Accident Man (2018), The Debt Collector (2018), Triple Threat (2019) und Savage Dog (2017) die nun mehr fünfte Zusammenarbeit zwischen Regisseur Jesse V. Johnson und seinem Hauptdarsteller Scott Adkins. Zwar ist die Story hauchdünn und passt auf jeden Bierdeckel, doch Johnson inszeniert den mageren Plot durchaus interessant, wenn sich das eigentliche Geschehen auf eine Konfrontation in einem ranzigen Pub fokussiert und immer wieder durch Rückblenden erzählerisch aufgebrochen wird. So setzen sich nach und nach episodenhaft die Hintergründe zusammen und offenbaren das Drama hinter Cain Burgess, der seinen Namen sicher nicht ohne Grund verpasst bekam. Das mag nicht neu sein oder sonderlich innovativ, aber es verleiht Avengement immerhin eine gewisse Note und bietet willkommene Abwechslung.

 

Dazu versprüht das dreckige und herzlich wenig glamouröse Setting in Englands Straßen seinen ganz eigenen räudig versifften Charme weit weg von irgendeiner Gangster-Romantik. In den Action-Szenen geht es mitunter ziemlich brachial zur Sache, wenn Adkins wenig filigran reichlich Knochen brechen darf, und die Kämpfe gestalten sich meist hart, geradlinig und kompromisslos. Zwar kann Adkins aufgrund der eher bodenständig inszenierten Action sein ganzes Können kaum entfalten und unter Beweis stellen, denn Jesse V. Johnson hat nicht das kinetische und räumliche Gespür eines Isaac Florentine, dennoch hat all das mächtig Druck und Wucht. Letztlich erfindet Avengement das Genre nicht neu, kann sich aber punktuell durchaus vom üblichen Einheitsbrei abheben und zumindest im Detail eigene Wege finden.

 

6,5 von 10 gebrochenen Kiefern

 

 

Chungking Express (Chung Hing sam lam, 1994)

17. September 2019 at 12:18

 

 

© Ocean Shores Video/Miramax/Quelle: IMDb

 

 

 

Actually, really knowing someone doesn’t mean anything. People change. A person may like pineapple today and something else tomorrow.“

 

 

 

Zwei junge Polizisten stehen im Mittelpunkt: Nr. 223, der gerade von seiner Freundin verlassen wurde und sich in eine flüchtige Drogendealerin verliebt, und Nr. 663, auch frisch verlassen, auf den die neue Bedienung in seinem Stammimbiss ein Auge geworfen hat. Dort kreuzen sich die Schicksale vierer Menschen mit unterschiedlichstem Ausgang.

 

California dreamin`.Was ursprünglich während des Schnittes von Ashes of Time (Dung che sai duk, 1994) als kleine Fingerübung gedacht war um den Kopf wieder frei zu kriegen, das sollte sich als lebendiges, vibrierendes Kino voller Energie entpuppen, welches spürbar mehr über Stimmung und Atmosphäre wirkt als über den Inhalt. Wo die narrative Ebene eher wenig hergibt, da ist der außergewöhnliche Stil der Inszenierung das, was am meisten zu fesseln weiß. Visuell zeigt Regisseur Wong Kar-Wai all sein Können und bricht mit seinem Kameramann Christopher Doyle an seiner Seite nur zu gern Konventionen, ist dynamisch wie abwechslungsreich und immerzu in Bewegung. Chungking Express bietet wirklich ein paar grandios inszenierte Momente, eine kunstvolle Bildsprache und einige raffiniert arrangierte Szenen auf handwerklich hohem Niveau.

 

Dazu sagt der Film oft sehr viel mehr durch winzige Details als durch große Gesten und gewichtet die kleinen Momente des Alltags deutlich stärker als Pathos und Kitsch. Alles hat ein Verfallsdatum: die Figuren erscheinen oftmals allein unter Menschen, einsam in den überfüllten und wuseligen Gassen von Hongkong. Unerfüllte Sehnsüchte, geplatzte Träume und die Suche nach Liebe sind hier Thema, und doch wird all das beschwingt, locker, leicht und geprägt von Improvisation erzählt. Zwei Geschichten werden dem geneigten Zuschauer präsentiert, aber allenfalls lose miteinander verknüpft und gerade noch durch ihr Setting zusammen gehalten. Das macht nichts, denn visuell ist das alles berauschend, wenn sich diese Figuren im hektisch pulsierenden Treiben dieser Großstadt finden und verlieren, annähern und auseinander leben. Do you like pineapple?

 

8 von 10 Dosen abgelaufener Ananas

 

 

Green Book (2018)

3. September 2019 at 12:11

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

You never win with violence. You only win when you maintain your dignity.“

 

 

 

Eigentlich arbeitet Tony Vallelonga als Türsteher und Rausschmeißer in einem Nachtclub, doch als dieser aufgrund einer Renovierung für zwei Monate schließen muss, da kommt ihm ein gut bezahlter Job nicht ungelegen. Er soll den begnadeten Pianisten Don Shirley auf einer Tournee durch die Südstaaten begleiten und als Fahrer für ihn arbeiten. Doch die beiden Männer könnten unterschiedlicher kaum sein und so gestaltet sich eine erste Annäherung als nicht sonderlich leicht.

 

Manchmal ist das Gegenteil von gut eben doch gut gemeint. Green Book von Regisseur Peter Farrelly gerät mit seinem Anspruch auf Versöhnung recht schnell an seine Grenzen, bleibt vieles doch bloß oberflächlich. Der Film ist so sehr darauf bedacht, nirgendwo anzuecken, dass er geradezu konturlos daherkommt. Ein vermeintliches Feel Good-Movie über den strukturellen Rassismus der frühen 60er, hübsch familienfreundlich verpackt und sehr gefällig in seiner Inszenierung, dafür aber auch bieder, seicht und zahm. Bloß nicht positionieren und es stattdessen lieber allen recht machen. Sicherlich hat das mitunter durchaus seine Momente, doch immer wenn der Blick in den Zwiespalt aus Rassismus und persönlicher Entfremdung ernsthaft zu fordern droht, eilt man schnell weiter zu nächsten Episode, zur nächsten Station auf dem Roadtrip durch die Südstaaten.

 

Dazu ist der Film von der ersten Minute an komplett vorhersehbar in seiner ganzen erzählerischen Struktur, wenn vieles an Filme wie Plaines, Traines & Automobiles oder Driving Miss Daisy angelehnt ist. Einzig die wahrlich herausragende darstellerische Leistung von Viggo Mortensen (A History of Violence, The Road, Lord of the Rings) und Mahershala Ali (Moonlight, True Detective, Hidden Figures) bewahrt Green Book vor dem Abgleiten in die vollkommene Belanglosigkeit. Die Chemie zwischen den beiden ist fantastisch und wie sich diese zarte Freundschaft langsam entwickelt, das ist schon toll zu sehen. Auf der schauspielerischen Ebene hervorragend, handwerklich okay, inhaltlich und inszenatorisch vor allem in seiner grundlegenden Botschaft erstaunlich naiv.

 

5 von 10 überwiegend dank Viggo Mortensen und Mahershala Ali, ohne diese beiden spürbar weniger.

 

 

Peppermint (2018)

1. September 2019 at 18:31

 

 

© STXfilms/Quelle: IMDb

 

 

 

You didn’t serve the justice. I will.“

 

 

 

Als Riley North bei einem Drive-By-Shooting Ehemann und Tochter verliert und die von ihr identifizierten Täter dennoch vor Gericht freikommen, da taucht sie unter, nur um fünf Jahre später als durchtrainierte Killermaschine voller Spezialfähigkeiten wieder aufzutauchen. Die Rache an den Mördern ihrer Familie ist alles, was sie jetzt noch antreibt.

 

Rache als Motiv ist wohl eine der ältesten und auch simpelsten Triebfedern, für die es im Grunde wenig braucht. Doch Regisseur Pierre Morel (Taken, From Paris with Love, The Gunman) vermag es mit Peppermint nicht so recht, selbst solch einfachen Anforderungen zu genügen. Auch wenn nicht wenig im Off passiert, ist die Action zumindest halbwegs solide inszeniert und auch Jennifer Garner bietet eine durchaus schwungvolle Performance, aber das war es dann im Grunde auch schon, wenn weder Plot noch Dramaturgie überzeugen können und kaum Spannung aufkommt. Erzählerisch wenig überraschend hakt Peppermint Klischee um Klischee brav ab und kommt äußerst konventionell daher, nimmt sich selbst dabei aber viel zu ernst. Dazu gerät die Legitimierung vom Rachefeldzug der Riley North denkbar plump und manipulativ.

 

Auch die allenfalls angedeutete Entwicklung von der braven Bankangestellten und liebenden Mutter hin zu einer skrupellosen Killermaschine funktioniert nur sehr bedingt. Und das gar nicht mal, weil Jennifer Garner das Ganze körperlich nicht darstellen könnte, sondern weil Morel und sein Drehbuchautor Chad St. John ihren fünf jährigen Werdegang seltsam nebulös halten und dadurch unglaubwürdig umsetzen. Ein YouTube-Video reicht mir da nicht. Selbst ein Ärgernis wie seiner Zeit American Assassin (2017) von Michael Cuesta hat sich in diesem Aspekt mehr Mühe gegeben. Abgerundet wird das alles von einem seltsam abfallendem Finale und einem Ende ohne den nötigen Mut. Schade, das Potential für einen geradlinigen, schnörkellosen Rache-Actioner ist ja durchaus vorhanden, doch Peppermint ist dramaturgisch seltsam akzentuiert und bietet keinerlei Alleinstellungsmerkmale im Genre. Umgekehrte Rollenbilder allein machen noch keinen spannenden Film.

 

4,5 von 10 durchlöcherten Piñatas