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Coen-Retrospektive #1: Blood Simple (1984)

18. Februar 2018 at 23:22

 

 

© Circle Films

 

 

 

„Never point a gun at anyone, unless you mean to shoot him and if you shoot him, you better make sure he’s dead. Because if he ain’t dead, he’s gonna get up and try to kill you.“

 

 

 

Ray arbeitet in der Bar des schmierigen Marty. Dieser ist zwar mit Abby verheiratet, doch Ray liebt sie und sie ihn auch. Die beiden beginnen eine Affäre, nachdem Abby beschlossen hat, Marty endgültig zu verlassen, doch Marty ahnt etwas und beauftragt den zwielichtigen Privatdetektiv Loren Visser damit, Abby zu beschatten und falls möglich Beweisfotos zu machen. Schnell wachsen Wut und Hass in Marty und bringen ihn zu einem für alle Beteiligten gefährlichen Entschluss.

 

Blut ist hier das Leitmotiv. All dieses Blut. Auf dem Boden einer versifften Bar. Auf der Rückbank eines Autos, in einem Badezimmer. Es lässt sich nicht sehr gut entfernen, kommt immer wieder durch die Handtücher durch, will einfach nicht versickern oder sich abwaschen lassen. Ein Mahnmal. Schuldig ist hier irgendwie jeder, frei von Sünde wohl niemand. Blood Simple ist der Auftakt zur heute noch andauernden Karriere eines der wohl bekanntesten Brüderpaare des amerikanischen Kinos, wenn die Coen-Brüder klassische Motive und Erzählstrukturen des Film Noir auf ihren Kern verdichten und auf ein sehr begrenztes Setting sowie eine überschaubare Anzahl an Figuren reduzieren. Mit sehr limitierten Mitteln begeben sie sich mit Blood Simple knietief in die Traditionen des Film Noir und erzählen von einer Liebesgeschichte, welche schrecklich schief geht, sobald der schnöde Mammon ins Spiel kommt. Untreue, Betrug, Verrat, Missverständnisse, Mord – das volle Programm. Jede Handlung zieht ungeahnte und stellenweise schier unglaubliche Konsequenzen nach sich.

 

Selten trifft man auf ein derart ausgereiftes wie abgeklärtes und gleichermaßen stilsicheres wie souveränes Regiedebüt. Pechschwarz, kompromisslos und stellenweise derart spannend inszeniert, dass es einem die Kehle zuschnürt, wird das tragische Geschehen von Kameramann Barry Sonnenfeld  in kargen wie gleichsam faszinierenden Bildern voller Hitze, Blut, Liebe und Verrat eingefangen und ganz ruhig und langsam, ja geradezu quälend bedächtig erzählt. Die Besetzung rund um Stan Getz, Dan Hedaya, Frances McDormand und M.Emmet Walsh erweist sich als nahezu perfekt und der Score von Carter Burwell ist traumhaft schön in seinem finsteren Minimalismus. Dazu gesellt sich ein Talent der beiden Brüder, welches sie im Laufe ihrer Karriere noch weiter perfektionieren sollten, denn sie entpuppen sich bereits in ihrem Debüt als ausgesprochen präzise Beobachter menschlicher Unzulänglichkeiten und verstehen es wie kaum jemand sonst, das ganze  Drama all dieser Existenzen durch den Genre-Blick festzuhalten und die alltägliche Jämmerlichkeit auf die große Leinwand zu bringen. Komisch wie tragisch, vor allem aber auch hässlich wie schön. Jeder neue Morgen bringt nur wieder die bittere Erkenntnis, dass eh nur wieder alles so beschissen bleibt wie zuvor.

 

8 von 10 Blutflecken auf der Rückbank

 

 

Master & Commander (2003)

15. Februar 2018 at 21:11

 

 

© 20th Century Fox/Universal Pictures

 

 

 

„The simple truth is, not all of us become the men we once hoped we might be.“

 

 

 

Im Jahr 1805 hat Napoleon Europa nahezu überrannt und will nun den Krieg aufs Meer hinaus und  somit auch in die britischen Kolonien tragen. Das britische Schiff H.M.S. Surprise unter dem Kommando von Jack „Lucky Jack“ Aubrey befindet sich vor der Küste von Brasilien und hat den Auftrag, das ungleich größere, stärkere und schnellere Schiff der Franzosen namens Acheron abzufangen und zu zerstören, um das Machtverhältnis wieder ein wenig mehr zu Gunsten der Briten zu verschieben. Doch bei dem ersten gemeinsamen Aufeinandertreffen kann die Surprise nur mit viel Glück ihre Zerstörung verhindern und muss ihr Heil zunächst in der Flucht suchen. Captain Aubrey jedoch ist nicht gewillt, einfach so aufzugeben.

 

Auf einen Prolog verzichtet Peter Weir gleich ganz, nur eine kurze Schrifteinblendung zu Anfang setzt den Kurs und dann ist man auch schon mittendrin im Setting rund um die H.M.S. Surprise und deren Suche nach der Acheron, ist Teil der Crew, eingesperrt auf einem hölzernen Gefängnis und dem Schicksal gleichsam ausgeliefert auf den Weiten des Meeres, in denen Freiheit und Schönheit nie weit entfernt sind von Verlorenheit und Ausgeliefertsein. Peter Weir liefert mit Master & Commander großartiges Abenteuerkino, spannend, dramatisch und meisterhaft inszeniert: eine Art Film, welche das heutige Kino gar nicht mehr hervorzubringen vermag. Handwerklich kann man hier nichts bemängeln und der Film bietet reichlich fürs Auge. Allein die Surprise ist bis ins aller kleinste Detail durchweg perfekt gestaltet und wurde komplett nachgebaut und für die Acheron gilt das gleiche. Natürlich kommt nicht selten CGI zum Einsatz – bei den Seeschlachten und dem Sturm zum Beispiel – aber es wird immer so gekonnt eingesetzt, dass es nie wirklich auffällt und die Schiffe selbst sind echt. Auch die Soundkulisse ist beeindruckend, wenn es an Bord an jeder Ecke das Gebälk ächzt und mächtige Wellen gegen den Bug schlagen, und verstärkt nur noch mehr das klaustrophobische Gefühl unter Deck. Und die Seeschlachten zwischen der Surprise und der Acheron sind geradezu episch in Szene gesetzt, spektakulär anzusehen und von erstaunlicher Dynamik geprägt.

 

Zwar ist der eigentliche Handlungsbogen rund um die Verfolgung der ungleich stärkeren und schnelleren Acheron letztlich denkbar simpel und schnell erzählt, aber es sind eben auch all die kleinen Geschichten am Rande vom zehrenden Leben auf See, welche Master & Commander so sehr auszeichnen. Besonders hervorzuheben ist da natürlich die Beziehung zwischen Captain Jack Aubrey und dem Schiffsarzt Dr. Stephen Maturin, welcher immer wieder zwischen Forscherdrang und Pflichtbewusstsein schwankt: zwar würde er den Captain wohl nie im Stich lassen, ist aber zugleich auch sein größter Kritiker. Da entsteht durch diese beiden Figuren ein spannender Konflikt, denn Aubrey ist ein Pragmatiker, ein Mann der Tat und des Krieges, der seine Männer mit Stärke und Autorität gleichermaßen führt wie mit Mitgefühl und Verantwortung, und vor allem felsenfest daran glaubt, dass eben jene Strenge und Disziplin unabdingbar sind um die Mannschaft zusammenzuhalten („Men must be governed! Often not wisely, but governed nonetheless.“). Maturin dagegen ist Arzt und Wissenschaftler, interessiert an Biologie und vermutlich in erster Linie deswegen an Bord, weil er so an Orte gelangen kann, welche bisher nicht erforscht wurden. Er ist ein Intellektueller und ein Humanist und eben gerade kein Mann des Krieges („That’s the excuse of every tyrant in history, from Nero to Bonaparte. I, for one, am opposed to authority. It is an egg of misery and opression.“). Er fühlt sich dem aufklärerischen Gedanken verpflichtet und ist folglich im Gegensatz zum konservativen Aubrey deutlich progressiver orientiert. Die Streitgespräche – rund um die menschliche Natur und die Notwendigkeit, eben diese einzuschränken – der beiden, welche sich aus dieser Konstellation heraus immer wieder ergeben, sind großartig anzusehen. Russell Crowe und Paul Bettany ergänzen sich optimal, spielen sich gegenseitig munter die Bälle zu und animieren sich so zu darstellerischen Höchstleistungen der Spitzenklasse.

 

So erschafft Peter Weir letztlich mit Master & Commander einen weiteren Eintrag in seiner ohnehin schon beeindruckenden Filmografie und überträgt gekonnt den Krieg der Briten gegen Napoleon in den Mikrokosmos der Surprise. Ein großer Abenteuerfilm, spannend wie dramatisch, aber eben nie romantisch verzerrt, sondern vermutlich so nah wie möglich an der damaligen Realität. Technisch wie inszenatorisch ist sein Film herausragend gelungen und die starken darstellerischen Leistungen runden das ganze ab. Schlicht und ergreifend ganz hervorragende Unterhaltung.

 

8,5 von 10 Rationen Rum

 

 

Gallipoli (1981)

12. Februar 2018 at 15:28

 

 

© Roadshow Film Distributors

 

 

 

„It’s not our bloody war. It’s an English war. It’s got nothing to do with us.“

 

 

 

Australien, 1915. Aus unterschiedlichen Gründen wollen die beiden Freunde Archie Hamilton und Frank Dunne in die australische Armee eintreten, um im Ersten Weltkrieg auf der türkischen Halbinsel Gallipoli gegen die Türken zu kämpfen. Und das, obwohl sie nicht einmal genau wissen, warum oder wofür dort Krieg herrscht. Nach einer langen und beschwerlichen Reise erreichen sie schließlich Perth, wo sie sich endlich einschreiben können. Von dort aus geht nach Ägypten in ein Ausbildungslager der australischen Armee und dann schließlich nach Gallipoli, wo die beiden Freunde schnell feststellen müssen, was Krieg wirklich bedeutet.

 

Mit Gallipoli kann ich nun einen weiteren Film des australischen Regisseurs Peter Weir von meiner Liste streichen und erneut hat mich Weir nicht enttäuscht. Es sollte sein letzter rein australischer Film sein, denn danach wurde Hollywood auf ihn aufmerksam und auch für den noch jungen Mel Gibson sollte dieser Film der Sprung in die Traumfabrik bedeuten – Mad Max ließ bereits aufhorchen, doch Gallipoli bewies, dass er mehr konnte. Weir erzählt die abenteuerliche Geschichte der Freundschaft zweier junger Männer vor dem Hintergrund eines wohl eher in Vergessenheit geratenen Stückes australischer Geschichte: die Schlacht um Gallipoli im Ersten Weltkrieg, in welcher australische und britische Truppen gemeinsam gegen die mit Deutschland verbündeten Türken. Dennoch sehe ich Gallipoli in erster Linie nicht oder nur sehr bedingt als klassischen Kriegsfilm, steht doch lange die Freundschaft sowie die abenteuerliche wie oftmals beschwerliche Reise von Archie und Jack von Queensland aus quer durch die Wüste nach Perth, von dort nach Ägypten und letztlich zur türkischen Halbinsel im Mittelpunkt und das eigentliche Kriegsgeschehen rückt tatsächlich erst sehr spät in den Mittelpunkt. Dazu bedient sich Weir bei vielen Themen klassischer Kriegsdramen – wie etwa den scheinbar ewig währenden Hurra-Patriotismus junger Männer, das bedenkenlose Verheizen unzähliger Soldaten durch ihre Vorgesetzten oder die beinahe schon rassistische Herabwürdigung und Missachtung fremder Kulturen – reißt diese allerdings immer nur gekonnt an ohne sie je zum Leitmotiv zu erheben. Historisch mag das alles vielleicht nicht korrekt sein, dennoch überzeugt Weir mit der von ihm gewohnten leicht schrägen Art der Inszenierung und findet einige wirklich sehr schöne Bilder und Motive, wo man sie kaum vermuten würde. Am Ende bleibt kaum mehr als eine Medaille und eine Taschenuhr im türkischen Staub und zwei junge Leben, denen eine perspektivenreiche Zukunft in einem Krieg genommen wurde, welcher nicht einmal ihr Krieg war.

 

8 von 10 in Kairo gekaufte Esel

 

 

A Futile and Stupid Gesture (2018)

10. Februar 2018 at 19:53

 

 

© Netflix

 

 

 

„These last few days are among the happiest I´ve ever ignored.“

 

 

 

Anfang der 70er Jahre kommen die beiden Harvard-Studenten Doug Kenney und Henry Beard auf die Idee, ein Satire-Magazin zu gründen. Benannt nach dem erfolgreichen Harvard Lampoon nennen sie ihr neues Projekt National Lampoon. Doch der Weg ist lang und steinig: zunächst findet sich kein Verlag für ihre Idee, dann läuft der Lampoon nur schwerlich an und mit dem Erfolg kommen schon bald die Klagen ins Haus, wenn sich beinahe jeder von dem satirischen und Tabus brechenden Inhalten beleidigt fühlt.

 

Es gibt sie also doch noch: moderne Komödien jenseits von plattem Fäkalhumor. A Futile and Stupid Gesture ist ein unglaublich geistreicher Rückblick in die Entstehungsgeschichte von National Lampoon, der vor genialem Wortwitz nur so sprüht und irre pointierte Dialoge bietet. Doug Kenney dürfte den meisten kein Begriff sein, seine Filme jedoch schon, war er doch maßgeblich an den Drehbüchern zu Animal House und Caddyshack beteiligt und zusammen mit Henry Beard einer der Gründer von National Lampoon. Ich wusste nur ganz grob, was mich erwarten würde, aber schon nach wenigen Minuten hatte mich der Film und ließ mich nicht mehr los. Ein wenig fühlte ich mich an Man on the Moon mit Jim Carrey erinnert, wenn die Stimmung im weiteren Verlauf immer mehr ins Dramatische abgleitet. Regisseur David Wain (Wet Hot American Summer, 2001) bringt uns einen beinahe verloren geglaubten Humor vergangener Tage zurück, den ich schon für ausgestorben hielt: albern, klamaukig, teils wirr und manchmal buchstäblich sinnfrei, der sich aber auch aus oftmals klugen Alltagsbeobachtungen speist und Dinge überspitzt, die jeder von uns kennt. Egal, ob nun das College-Setting in Animal House, der Ferienjob in Caddyshack oder das Weihnachtsfest mit der ganzen Familie in Christmas Vacation.

 

Und so sieht sich das Drehbuch von John Aboud und Michael Colton auch in genau dieser Tradition und nimmt sich zum Glück selbst nicht allzu ernst, wenn es ein herrlich skurriles Bild der Comedy-Welt im New York der 70er und 80er voller allerhand schräger Typen zeichnet, die sich unter dem Dach von National Lampoon zusammen finden. Der Weg zum ersten Film ist noch weit, zunächst gilt es, das Magazin zu etablieren und später eine eigene Radioshow zu starten. Kenney übernimmt sich, entdeckt die Drogen, bricht zusammen, steigt aus, kehrt zurück, geht nach Hollywood. Beard geht nach fünf Jahren gleich ganz und beschreitet fortan seinen eigenen Weg. Alle kommen sie vor Bill Murray, Chevy Chase, Harold Ramis, Christopher Guest, John Belushi, Gilda Radner, Ivan Reitman, John Landis, Rodney Dangerfield, die ganze Clique. Nicht immer sind die Schauspieler ihren Vorbildern unbedingt ähnlich, dennoch spielen sie sie durch die Bank weg hervorragend getroffen: besonders Joel McHale als Chevy Chase ist da hervorzuheben. Und die Chemie zwischen Will Forte und Domhnall Gleeson, diese Wortgefechte zwischen ihnen, dieser schnelle Schlagabtausch, das macht alles unglaublich viel Spaß. Ein schöner und vor allem auch wirklich witziger Film voller geistreichem Wortwitz und einer Prise Wahnwitz. Und zum Schluss macht auch der merkwürdige Titel des Filmes plötzlich einen traurig-lustigen Sinn.

 

8 von 10 Hunden mit Pistole am Kopf