Incendies – Die Frau die singt

16. Oktober 2015 at 14:27

 

 

 

Incendies (2010)
Incendies poster Rating: 8.2/10 (67,249 votes)
Director: Denis Villeneuve
Writer: Valérie Beaugrand-Champagne (script consultant), Wajdi Mouawad (play), Denis Villeneuve
Stars: Mustafa Kamel, Hussein Sami, Rémy Girard, Mélissa Désormeaux-Poulin
Runtime: 139 min
Rated: R
Genre: Drama, Mystery, War
Released: 12 Jan 2011
Plot: Twins journey to the Middle East to discover their family history, and fulfill their mother's last wishes.

 

 

„Death is never the end of the story. It always leaves tracks.“

 

 

 

Nach dem Tod ihrer Mutter eröffnet ein Notar den beiden Zwillingen Jeanne und Simon Marwan deren Testament, welches zwei Dinge offenbart: die beiden haben einen weiteren Bruder und ihr tot geglaubter Vater scheint doch noch am Leben zu sein. Es ist der letzte Wunsch ihrer Mutter, dass die Zwillinge versuchen die beiden im Libanon ausfindig zu machen. Simon ist nicht sonderlich begeistert von dieser Idee, doch seine Schwester Jeanne macht sich bereitwillig auf den Weg in den Nahen Osten und begibt sich auf die Spur der Vergangenheit ihrer Mutter, um so Stück für Stück die Geschichte ihrer Familie zu enthüllen…

 

Ein gewaltiger Schlag in die Magengrube ist Incendies, der zweite Spielfilm des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve, der auf sein ebenfalls sehr zu empfehlenden Erstlingswerk Polytechnique folgte. Später realisierte der Mann mit Enemy und Prisoners ebenfalls zwei sehr starke Filme und aktuell ist sein Sicario im Kino zu sehen. Allesamt extrem lohnenswerte Filme, aber keiner von ihnen erzielt eine vergleichbare Wirkung wie Incendies. Schon die allererste Szene ist schlicht und ergreifend atemberaubend, ebenso klar und präzise wie bedrückend und erschütternd in ihrer Bildsprache und lässt zu den Klängen von Radioheads You and Those Army? bereits von der ersten Sekunde an ein sehr unangenehmes Gefühl entstehen. Der perfekte Einstieg in diese Geschichte und ein überaus gelungener Blick auf die folgenden 120 Minuten. Diese Bildsprache zieht sich dann auch durch den ganzen Film und immer wieder gelingt es Villeneuve, die erschreckensten Momente wunderschön zu inszenieren, was ihre Wirkung nur noch weiter verschärft. So erzählt er eine schmerzhafte und aufwühlende Geschichte, die den Zuschauer in die Zeit des Bürgerkrieges im Libanon mitnimmt und sich über verschiedene Orten und Zeiten hinweg nur langsam Stück für Stück offenbart. Das Erzähltempo ist sehr unaufgeregt und macht in Kombination mit der wunderschönen Bildsprache die Enthüllungen im Laufe des Films nur noch schrecklicher. Ganz ohne die explizite Darstellung der grausamen Details gelingt es Villeneuve gerade durch den Verzicht auf die in solchen Genres doch häufig bemühten Taschenspielertricks, eine Atmosphäre zu erschaffen, die den Zuschauer sogartig in die Ereignisse hinzieht und nicht mehr loslassen wird, so intensiv und aufwühlend wie sie ist.

 

 

 

„Childhood is a knife stuck in your throat. It can’t be easily removed.“

 

 

 

Incendies ist breit angelegt und erzählt von Schuld, Sühne, Glauben und Vergebung, der Film ist episch, aber dennoch ausgesprochen intim, weil sich universelle Konflikte im ganz kleinen, persönlichen Rahmen abspielen. Ist Schuld erblich? Erlischt diese mit dem Tod der schuldigen Person? Solch essentielle Fragen wirft Incendies in seinem Verlauf immer wieder auf und erforscht diese über mehrere Generationen und Zeiträume hinweg, ohne immer Antworten finden zu können. Das liegt auch gar nicht im Fokus des Films, Villeneuve erzählt seine Geschichte geradezu nüchtern und wertfrei, den Rest muss der Zuschauer für sich selbst übernehmen. Er zeigt uns Leiden und Leben in einem Krieg, der nicht ständig von Explosionen und Gewehrfeuer begleitet wird, ein Krieg, der vielmehr im Stillen stattfindet, in den betroffenen Menschen, in uns. Soziale und moralische Traumata sind es, die sich hier zeigen, Verschiebungen ethischen Denkens und geschundene Seelen. Wunden, die vielleicht niemals werden heilen können. Hoffnung, Träume, Wahnsinn und alles auf einmal. Als würde das alles nicht schon reichen, setzt Villeneuve dem ganzen zum Schluss die Krone auf, in dem er eine finale Wendung präsentiert (die hier selbstverständlich nicht verraten werden kann), die so böse und schmerzhaft daherkommt, dass es einem den Atem raubt und betäubt zurück lässt. Diese Wendung ist es dann auch, die Incendies ganz nah an die klassische, griechische Tragödie heranrückt, so nah, wie es kaum ein anderer Film zu schaffen vermag.

 

Incendies ist wahrlich ein kleines Meisterwerk, wunderschön und grausam zu gleich, schmerzhaft anzuschauen angesichts all des Wahnsinns. So verstörend und aufwühlend seine Wirkung auch ist, so gefühlvoll ist die Geschichte erzählt, präzise, aber nie plakativ. Das hat Villeneuve auch gar nicht nötig, die Bilder, die er findet, sprechen für sich und sagen alles. Ein wirklich großer Film mit starker Durchschlagskraft, der nach dem Anschauen noch lange nachhallt und beschäftigt, und zumindest ich werde noch eine Weile brauchen, bis ich ihn mir ein weiteres Mal anschauen kann. Incendies ist von einer Qualität, wie man sie nur sehr selten findet, ein wichtiger Film, ein oft nur schwer zu ertragender Film, ein Film, den man unbedingt gesehen haben sollte.

 

9 von 10 Grabsteinen ohne Inschrift

 

 

 

 

 

 

Zitat des Tages

13. Oktober 2015 at 12:13

 

 

 

„Maybe some day you forget what it’s like to be human and maybe then, it’s ok.”

 

 

 

 

Safety Not Guaranteed

11. Oktober 2015 at 15:58

 

 

 

Safety Not Guaranteed (2012)
Safety Not Guaranteed poster Rating: 7.0/10 (93,475 votes)
Director: Colin Trevorrow
Writer: Derek Connolly
Stars: Aubrey Plaza, Lauren Carlos, Basil Harris, Mary Lynn Rajskub
Runtime: 86 min
Rated: R
Genre: Comedy, Drama, Romance
Released: 18 Oct 2012
Plot: Three magazine employees head out on an assignment to interview a guy who placed a classified ad seeking a companion for time travel.

 

 

 

„WANTED: Someone to go back in time with me. This is not a joke. You´ll get paid after we get back. Must bring your own weapons. SAFETY NOT GUARANTEED! I have only done this once before!”

 

 

 

Mit diesen Worten in Form einer Zeitungsanzeige beginnt der Film. Als Jeff Schwensen auf dieses Inserat aufmerksam wird, beschließt der Journalist des Seattle Magazines diesem obskuren Text auf den Grund zu gehen. Zusammen mit den beiden Praktikanten Darius und Arnau macht er sich auf den Weg nach Ocean View, wohin sie die Adresse des zugehörigen Postfachs führt, um den Urheber der Anzeige ausfindig zu machen. Tatsächlich stoßen sie vor Ort auf den verschrobenen und zurückgezogen lebenden Kenneth, doch Jeff scheitert gnadenlos bei seinem Versuch der Kontaktaufnahme. Erst der ähnlich kauzigen Darius gelingt es nach und nach sein Vertrauen zu gewinnen. Ist also tatsächlich etwas dran an der Zeitungsanzeige von Kenneth? Kann er wirklich durch die Zeit reisen? Oder ist er doch nur ein durchgeknallter Spinner?

 

Safety Not Guaranteed ist das Regiedebüt von Colin Trevorrow. Also der Film, welcher Steven Spielberg so sehr begeisterte, dass er Trevorrow mehr oder weniger vom Fleck weg den Platz auf dem Regiestuhl für Jurassic World anbot und der dem noch unbekannten Regisseur darüber hinaus  für 2019 das Engagement für Star Wars: Episode IX einbrachte. Ein kometenhafter Aufstieg. Was ist also dran an Safety Not Guaranteed? Ist diese kleine Independent-Produktion wirklich so stark wie es scheint? Ja und nein, die Wahrheit liegt wieder einmal, wie so oft, irgendwo dazwischen. Safety Not Guaranteed ist beleibe nicht der große Hit, den man anhand solcher Vorschusslorbeeren vielleicht erwarten würde, aber er ist auf jeden Fall eine höchst charmante und sehr liebevoll inszenierte, leicht verschrobene und abgedrehte Indie-Komödie. Wer jetzt an Filme wie Juno oder Little Miss Sunshine denkt, liegt vielleicht ein klein wenig falsch, der Film erinnert eher an den sehr empfehlenswerten neuseeländischen Überraschungshit Eagle Vs. Shark als an das, was Hollywood inzwischen unter dem Deckmantel der Indie-Komödie adaptiert hat. Treverrows Film ist skurril und verrückt, aber auch genauso liebevoll und warmherzig und stellt seine Figuren ganz klar in den Vordergrund der Geschichte und spielt von Beginn an mit der Erwartungshaltung der Zuschauer, denn bis zum Schluss bezieht das Drehbuch nie konkret Stellung zu den Ereignissen, bis zur letzten Einstellung bleibt offen, ob Kenneth nun ein Spinner ist oder nicht, ob er wirklich durch die Zeit reisen kann. So erzählt Safety Not Guaranteed auch eher weniger von Zeitreisen als von Zeitreisenden, die Frage ist vielmehr das „Warum?“ und nicht das „Wie?“. Trevorrow vermischt lieber verschrobene Schrulligkeit mit wissenschaftlichen Aspekten und erschafft eine wundersam offene Erzählung, die an den Wunsch appelliert, Träume zu verwirklichen, anstatt sich in kruden Gedankenspielen zu verlieren. Die Charaktere sind es, die den Film ausmachen, nicht seine Geschichte. Darius, Kenneth, Jeff und Arnau, sie alle sind auf ihre Art und Weise Außenseiter und finden auf teils sehr schrägen Wegen zueinander. Der Clou ist, dass diese vier Figuren ganz wunderbar geschrieben sind, in all ihrer Kauzigkeit doch sehr lebensnah und sympathisch, und dass sie genügend erzählerischen Raum bekommen, um sich weit über die Grundprämisse des Films hinaus entwickeln zu können. Es ist eine sehr liebevoll inszenierte, unperfekte Menschlichkeit, die den Zuschauer letztlich sogar so sehr für sich einnimmt, dass es einen an das eigentlich völlig absurde Konzept einer Zeitreise glauben lässt. Tatsächlich ist das am Ende aber auch egal, denn es sind die Figuren, die zählen, ihre Motivation, auf die es ankommt. Die Zeitreise-Thematik bietet da nur das Grundgerüst, um eine berührende Geschichte frei von Klischees und Kitsch zu erzählen.

 

Safety Not Guaranteed bemächtigt sich einer reichlich schrägen Ausgangslage, um seine Geschichte zu erzählen. Eine kleine, aber sehr feine Indie-Komödie, deren Ansehen sich in jedem Fall lohnt. Toll ausgearbeitete Figuren, ein intelligentes und starkes Drehbuch sowie herrliche Dialoge kommen in dieser warmherzig und erfrischend lebensnah erzählten Geschichte zusammen und ergeben einen mitunter sehr witzigen und klugen Schlagabtausch skurriler Momente und Situationen, der letztlich mit einer Botschaft aufwartet, die wichtiger kaum sein könnte: wir leben nur einmal, also packe Gelegenheiten beim Schopf, folge deinem Instinkt und verwirkliche dich selbst… egal, was andere davon denken könnten. Colin Trevorrow beweist hier bereits mit seinem Debüt, dass seine Stärke im Erzählen von Geschichten liegt, weshalb ich glaube und auch hoffe, dass der Mann im Star Wars-Universum besser aufgehoben sein wird als unter Dinosauriern.

 

7 von 10 Schießübungen im Wald

 

 

 

 

 

Zitat des Tages

8. Oktober 2015 at 21:24

 

 

 

„I don’t need nice. I don’t need myself to be it, and I don’t need anybody else to be it at me.”