Love & Mercy

26. April 2016 at 11:20

 

 

© Lionsgate Roadside Attractions

 

 

 

„Sometimes it scares me to think where it’s coming from, you know? Like… There’s someone else in there, not me. Well… What if I… What if I lose it and never get it back? What would I do then?“

 

 

 

Anfang der 1960er Jahre befinden sich die Beach Boys auf dem Höhepunkt ihres Erfolges und landen mit ihrem Surfsound einen Welthit nach dem anderen. Doch Brian Wilson strebt nach mehr, nach etwas größerem, etwas künstlerisch wertvollem. Er beginnt mit der Arbeit an dem Album Pet Sounds, seinem Meisterwerk und Opus Magnum, welches ganz allein in seinem Kopf ensteht, aber keineswegs auf Gegenliebe bei seinen Brüdern und Cousins stößt. Das Bandgefüge wird zusehends fragiler und brüchiger und auch Wilson selbst rutscht immer tiefer in seine Drogensucht hinein….

 

Mit Biopics ist das oft so eine Sache. Sie sind ein zweischneidiges Schwert und nur selten gelungen, sind sie doch meist nicht mehr als ein filmgewordener Artikel auf Wikipedia. Das stumpfe Abarbeiten chronologischer Punkte, ein in bewegte Bilder übertragenes Inhaltsverzeichnis verschiedenster Kapitel eines Lebens, das nie die wahre Person dahinter auszuleuchten vermag. Selten werden solche Filme den Menschen dahinter wirklich gerecht und erreichen einen Kern im Inneren, der wirklich lohnenswert ist zu offenbaren und zu entdecken. Nur wenigen Vertretern dieses Genre gelingt es, dieses starre Schema hinter sich zu lassen. Love & Mercy ist glücklicherweise einer dieser Vertreter und eine ganz wunderbare Ausnahme im Spektrum der Biopics, denn das Regiedebüt des eigentlich als Produzenten tätigen Bill Pohlad ergeht sich nicht einfach nur in der plumpen Abarbeitung einer Checkliste voller Eckdaten der Künstlerbiografie, Love & Mercy ist nicht einfach nur die strikte Nacherzählung eines Lebens, sondern konzentriert sich vielmehr auf zwei sehr wichtige und einschneidende Phasen im Leben des Brian Wilson. Eine Mitte der 60er Jahre auf dem Höhepunkt des Erfolges der Beach Boys und eine rund 20 Jahre später, in der Wilson unter dem Einfluss seines Therapeuten Dr. Eugene Landy steht und seine spätere Frau Melinda Ledbetter kennenlernt. Pohlad erzählt all das, aber er erzählt es nicht linear, als stringente Geschichte von Jugend, Verwirrung, Absturz und Katharsis, sondern als Collage, die sich nach ihrem eigenen Rhythmus zusammensetzt. Mit eine wirren Klangcollage aus Stimmen, Geräuschen und den verschiedensten Tönen, verzerrt, geloopt und gesamplet, offenbart uns Pohlad einen ersten Zugang und Blick in die Welt und vor allem auch in den Kopf von Brian Wilson. Es gelingt ihm, Wilson als genau das zu zeigen, was er war: ein gequälter Künstler, gefangen zwischen Erfolgsdruck, Erwartungshaltung, Anspruchsdenken, familiären Problemen, seiner eigenen Besessenheit und den Stimmen in seinem Kopf. Er beleuchtet das kreative Genie dieses Mannes, das für ihn Fluch und Segen gleichermaßen bedeutete, schuff er doch eingängige und makellose Popsongs, war aber gleichzeitig ebenso geplagt von seinen inneren Dämonen, den Stimmen in seinem Kopf, die ihn schließlich in Drogensucht und Depression trieben. Love & Mercy geht dabei aber immer sensibel genug damit um, ohne Wilson als abgedrehtes Genie am Rande des Wahnsinns zu stilisieren, bloß um billige Drehbuch-Kniffe zu bedienen. Der Mensch Brian Wilson bleibt immer und zu jeder Zeit ganz klar im Fokus, wird skizziert durch einzelne Momentaufnahmen und lose Stimmungsbilder und so gelangt man näher an die zerbrechliche Persönlichkeit heran, als man es für möglich halten würde.

 

 

 

„I want you to leave, but I don’t want you to leave me.“

 

 

 

Die Proben und Aufnahmesessions im Studio wirken in ihrer schnörkellosen Unmittelbarkeit beinahe schon wie eine Dokumentation und Pohlad versteht es ganz wunderbar, den Geist und die Seele, die Essenz dieser Phase einzufangen. Diese Szenen sind es, in denen man Brian Wilson am nächsten kommt, als Zuschauer ist man mittendrin und ganz nah dabei, wenn sein musikalisches Genie arbeitet. Bezeichnenderweise sind es dann auch genau diese Momente, in denen Wilson am glücklichsten zu sein scheint, wenn er mit all diesen großartigen Musikern arbeiten und mit all den neuen Instrumenten und allen nur denkbaren Geräuschen von Fahrradklingeln bis hin zu Hundegebell experimentieren kann, um die künstlerische Vision in seinem Kopf endlich erfahrbar zu machen. Dem kreativen Schaffensprozess und den künstlerischen Sternstunden wird auch ausreichend würdigender Raum gegeben, aber parallel dazu setzt sich bereits in dieser Phase eine Abwärtsspirale in Gang, die Wilsons Zustand drastisch verschlimmern sollte, aufgerieben zwischen den Problemen mit seiner Familie, den Stimmen in seinem Kopf und nun auch seiner Drogensucht. Für ihn verwischen die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit zunehmend und nur wenig später wird Brian Wilson so sehr unter seinen Depressionen leiden, dass er annähernd drei Jahre lang kaum noch sein Bett verlassen wird. Auf der schauspielerischen Seite muss Paul Dano unbedingt erwähnt werden, denn er sieht dem jungen Brian Wilson nicht nur verblüffend ähnlich, er spielt ihn auch gnadenlos gut. Seine Performance ist wirklich fantastisch und er überzeugt absolut und vollkommen als introvertiertes, beinahe schon autistisch wirkendes Musikgenie. John Cusack spielt dann den älteren Brian Wilson und auch er macht seine Sache sehr gut, wenn er ihn auch anders anlegen muss, mehr als gebrochenen und verstörten Mann, der schwer unter dem alles vereinnahmenden Einfluss seines Therapeuten und gleichzeitig auch Treuhänders Dr. Eugene Landy steht. Womit wir zu Paul Giamatti kommen, den ich grundsätzlich immer sehr gerne in Filmen sehe. Auch in Love & Mercy weiß er als schmieriger und manipulativer Therapeut, der nicht nur Brian Wilson, sondern auch dessen gesamtes Umfeld fest unter seiner Kontrolle hat. Jedoch erscheint mir die Art und Weise, wie das Drehbuch diese Figur anlegt, ein wenig zu eindimensional zu sein, wenn sie vollkommen auf Gier und Niedertracht ausgelegt ist. Das ändert aber nichts an Giamattis gewohnt starker Leistung.

 

Love & Mercy ist eine mehr als nur angenehme Überraschung im Meer der Biopics und sticht deutlich aus der Masse hervor, indem der Film eben nicht einfach nur verschiedene Lebensstationen chronologisch und lieblos abhandelt, sondern vielmehr versucht, der Person des Brian Wilson gerecht zu werden und dem Zuschauer spürbar nahe zu bringen, wie es im Kopf dieses musikalischen Genies ausgesehen haben muss. Und tatsächlich ist das Regiedebüt von Bill Pohlad die wohl bisher beste Annäherung an diesen so talentierten wie komplizierten Menschen.

 

8 von 10 Hunden im Tonstudio

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Horns

23. April 2016 at 17:47

 

 

© Dimension Films

 

 

 

„People say you should always do the right thing, but sometimes there is no right thing, and then… well then you just have to pick the sin you can live with.“

 

 

 

Ignatius „Ig“ Perrish hat alles verloren, was ihm jemals wirklich etwas bedeutet hat, als seine Freundin Merrin brutal ermordet wird. Obwohl er verzweifelt seine Unschuld beteuert, glaubt die ganze Stadt inklusive der berichtenden Medien, der Polizei und sogar seiner Eltern, dass er der Mörder sei. Einzig sein Bruder Terry und sein Jugendfreund Lee halten noch zu ihm. Als Ig eines nachts betrunken die Gedenkstätte für Merrin verwüstet und entweiht, wachsen ihm am nächsten Morgen plötzlich Hörner aus der Stirn. Zunächst treibt es ihn verzweifelt zu einem Arzt, um sich helfen zu lassen, doch schon bald stellt er fest, dass diese Hörner die Menschen in seiner Umgebung dazu bringen, ihre tiefsten und dunkelsten Geheimnisse und Wünsche zu offenbaren. Nach und nach beginnt Ig, die Hörner vielleicht als Chance und Möglichkeit zu begreifen, den Mord an Merrin aufzuklären und seine Unschuld zu beweisen…

 

Horns ist nach High Tension, The Hills Have Eyes, Mirrors und Piranha 3D der nunmehr fünfte Film des französischen Regisseurs Alexandra Aja und eine Verfilmung des gleichnamigen Romanes von Joe Hill, ein Pseudonym für Joseph Hillstrom King, dem Sohn von Stephen King. Aja kommt aus dem Horrorfilm und hat seine Wurzeln im französischen Terrorkino. Schon sein Debüt High Tension schlug hohe Wellen, schnell wurde Aja als Wunderkind und Rettung des Horrors gefeiert und auch sein Folgefilm, das Remake von Wes Cravens The Hills Have Eyes (eines der ganz wenigen Remakes, welches mir besser gefällt als sein Original) schlug ein, war er doch bestimmt durch eine wirklich beklemmende Atmosphäre aus Angst, Terror und Tabubrüchen. Mirrors, sein Remake des südkoreanischen Horrorfilmes Into the Mirrror, lässt aber bereits ein wenig von dieser Mischung vermissen und Piranhas 3D ist zwar weniger Remake des B-Movies Piranhas von 1978 und eher als eigenständige Hommage zu betrachten, kommt aber eben auch als bluttriefende und tiefschwarze Horrorkomödie daher. Für Horns beschreitet Aja nun erneut andere Wege, ist dort der Horror letztlich nur noch ein Element von vielen und vermischt sich mit zahlreichen Bruchstücken aus Fantasy, Drama, Thriller, Coming of Age, wird gewürzt mit einer Prise schwarzem Humor und gebiert einen kruden und eigenwilligen Hybriden mit vielen Gesichtern. So zusammengewürfelt und chaotisch das nun klingen mag, so fällt doch recht schnell auf, das Aja gekonnt mit all diesen verschiedenen Versatzstücken umgeht und sehr stilsicher zu einem großen Ganzen verschmilzt, welches auf seiner Odyssee durch menschliche Abgründe viele interessante Themenkomplexe streift. Auch von der für Aja oftmals typischen Atmosphäre aus Terror, Angst und Gewalt ist hier nichts mehr zu spüren, stattdessen machte dieses so intensive Gemisch nun Platz für viel Surrealismus und düsteres Fantasy und so ist Horns mehr übernatürlich angelegt und bewegt sich doch deutlich weg vom Horror seiner früheren Werke. Einige wenige Szenen sind zwar immer noch recht drastisch inszeniert und geben sich in puncto Gewalt durchaus zeigefreudig, aber das ist nichts im Vergleich zu den blutigen Eruptionen in High Tension oder The Hills Have Eyes.

 

 

 

„She went to church every fucking Sunday, she wore a cross around her neck, and did it make ANY difference? No. God turned a blind eye and let her die out here alone and afraid!“

 

 

 

So erfrischend sich Aja´s neuer Erzählstil von seinen bisherigen Werken abhebt, so dünn und durchschaubar ist dann leider letztlich der Whodunnit-Plot in der Geschichte. Ig´s Suche nach dem Mörder seiner großen Liebe Merrin gestaltet sich sehr formelhaft und gerät schnell allzu offensichtlich. Die Frage, wer denn nun der eigentliche Täter ist, erschließt sich dem trainierten Auge aus den verschiedensten Gründen viel zu schnell, um auf dieser Ebene wirklich Spannung erzeugen zu können. Selbst vereinzelt eingestreute falsche Fährten können daran nicht viel ändern, wenn all das wie aus dem Baukasten für Thriller daherkommt und in der und ähnlicher Form schon unzählige Male an anderer Stelle zu sehen war. Wäre das nun das einzige erzählerische Element in Horns, dann wäre der Film wohl tatsächlich ein kompletter Reinfall, ist es aber zum Glück nicht, sondern nur eines von vielen und noch nicht einmal das tragende. Auch nutzt Horns sein grundlegendes Potential nicht immer zu Gänze völlig aus, denn für einen Film, in dem aufgrund seiner fantastischen Prämisse beinahe alles möglich wäre, führt Aja doch recht konventionell durch die Geschichte und lässt das Geschehen selten ins völlig absurde kippen. Dafür stattet Aja sein jüngstes Werk mit einer insgesamt erstaunlich gelungenen Symbolik und Bildsprache aus, welche ich ihm so gar nicht zugetraut hätte und die uns durch den gesamten Film begleitet, uns immer wieder über den Weg läuft, gelegentlich aber auch ein wenig zu plakativ und offensichtlich gerät. Natürlich ist Horns für Daniel Radcliffe auch ein weiterer Versuch der Emanzipierung von seinem Stigma des Harry Potter und zumindest hier gelingt es ihm durchaus, denn während der gesamten Laufzeit von rund zwei Stunden fühlte ich mich nie ernsthaft an den Zauberschüler von einst erinnert. Radcliffe macht seine Sache richtig gut und spielt seinen Ig glaubwürdig pendelnd zwischen Wut, Trauer, Selbstvorwürfen und dem Gefühl grenzenloser Macht. Mit Juno Temple, Max Minghella, James Remar, Kathleen Quinlan, Heather Graham und David Morse versammelt der Film auch über Radcliffe hinaus schauspielerische Stärke und weiß durchgängig zu überzeugen. Abgrundet wird das alles durch einen wirklich tollen Soundtrack mit Songs von den Pixies, den Eels, David Bowie, The Flaming Lips, Fever Ray, Sunset Rubdown oder The Dead Weather, die Aja auch sehr gekonnt und präzise als erzählerisches Element nutzt, passen sie doch immer absolut perfekt zu den jeweiligen Situationen, in denen sie laufen.

 

Horns beinhaltet nur noch recht wenig von Alexandre Aja´s Wurzeln im französischen Terrorkino und beschreitet neue, andere, kreativere Wege. Ein sehr eigenwilliger Film mit einer surrealistischen Atmosphäre und einem wilden Mix der verschiedensten Erzählstile, die der Franzose jedoch stets fest im Griff hat und nicht ausufern lässt. Obwohl der Plot vielleicht ein wenig zu durchschaubar ist, manche Szenen etwas zu kitschig wirken und es das Finale mit seiner Symbolik etwas übertreibt, so weiß dieses Füllhorn voller kruden und kreativen Ideen und Einfällen wirklich zu überraschen. Horns ist eine Reise ganz tief in menschliche Abgründe. Lügen. Immer wieder Lügen. Alle tun es. Immerzu. Letztlich offenbart sich unter dieser düsteren Oberfläche eine zutiefst tragische Geschichte. Sicherlich Aja´s bisher unkonventionellster Film, aber auch sein reifster. Ich bin gespannt, wo sein Weg den Mann als nächstes hinführen wird.

 

7 von 10 Schlangen im Paradies

 

 

Howl

17. April 2016 at 17:12

 

 

© Starchild Picture/Pathé

 

 

 

„Bears don´t howl…“

 

 

 

Schaffner Joe freut sich nach einem langen Tag im Grunde schon auf seinen wohlverdienten Feierabend, als er unversehens doch noch für einen kranken Kollegen einspringen und den letzten Nachtzug begleiten muss. Als dieser dann auch noch plötzlich mit einer Notbremsung mitten in der Abgeschiedenheit der britischen Wälder zum Stehen kommt und der Zugführer unauffindbar ist, haben die wenigen Passagiere und auch Joe noch keinen Schimmer, was in der Dunkelheit dieser regnerischen Nacht auf sie lauert…

 

Howl (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film über den Dichter Allen Ginsberg und dessen Gedicht Howl und nicht mit The Howling von Regisseur Joe Dante, einem wichtigen und wegweisenden Beitrag zum Genre der Werwolf-Filme) ist nach The Seasoning House die zweite Regiearbeit des britischen Effekte – und Make-Up-Spezialisten Paul Hyett, dessen Arbeit man in Filmen wie Centurion, Doomsday oder Attack the Block bewundern kann. Nun, um es vorweg zu nehmen: Howl erfindet das Genre sicherlich nicht neu und erzählt uns auch nichts neues, aber einen solchen Anspruch hat der Film auch gar nicht. Auch wird man ihn vermutlich nicht als einen der besten Vertreter seines Genre bezeichnen, aber ein grundsolider Beitrag zu dem Thema, der auch unterhalten und Spannung generieren kann, ist der Film allemal. Dank der straffen Erzählweise und einem interessanten Setting kommt auch kaum Leerlauf oder Langeweile auf. Auch schon ohne die Bedrohung von außen ist das Szenario an sich alptraumhaft genug, mitten in der Nacht mit lauter Fremden in einem Zug festzusitzen ohne zu wissen, was überhaupt passiert ist. Zudem leistet sich Howl den Luxus, seinen Horror lange nur anzudeuten, was der Atmosphäre zu gute kommt, und konzentriert sich zunächst stark auf die Gruppe aus zusammengewürfelten Fremden, die sich nun der neuen Situation anpassen müssen. Die Angreifer bleiben lange eine eher abstrakte Bedrohung und Hyett gelingt es auf diesem Weg, Spannung und Neugier lange genug aufrecht zu halten ohne den Zuschauer mit Reizen zu bombardieren und seine stärksten Trümpfe in der Hand zu behalten statt sie, wie heute leider oft üblich, viel zu früh auszuspielen. So entpuppt sich dann letztlich auch das Monsterdesign als überraschend gelungen für einen eher kleinen Genrefilm und setzt auf ein kluges Zusammenspiel zwischen praktischen und digitalen Effekten. Hyett distanziert sich auch ganz bewusst vom sonst eher üblichen Design früherer Werwölfe der Filmgeschichte, indem er mehr menschliche Züge bei seinen Kreaturen mit einfließen lässt, die dann auch ungewöhnlich deutlich ausgeprägt sind. Das gefällt vielleicht nicht jedem, ist aber in jedem Fall mal etwas erfrischend anderes und hat durchaus auch seinen Reiz. Die Charakterzeichnung fällt da deutlich weniger ungewöhnlich aus und scheint direkt der Klischeehölle entsprungen zu sein. Die Figuren in Howl sind kaum weniger als einfache Schablonen, aber immerhin erfüllen diese ihre ihnen zu gedachten Funktionen, und Hyett gesteht ihnen wenigstens ein absolutes Minimum an (vorhersehbarer) Entwicklung zu und räumt jedem von ihnen einen eigenen Moment im Film ein. Dass das unterm Strich immer noch zu wenig ist, ist klar, so aber auch zu erwarten in einem kleinen Genrefilm. Natürlich ist all das formelhaft erzählt, Hyett versteht es aber durchaus auch Atmosphäre und Spannung zu generieren und baut genügend kleine Abwandlungen vom erzählerischen Korsett in seinem Film ein, damit es unterhaltsam bleibt. Schauspielerisch bietet Howl allenfalls Mittelmaß. Sean Pertwee ist zwar noch der bekannteste Darsteller im Cast, hat aber erstaunlich wenig screen time. Ed Speleers kennt man sonst wohl nur noch aus Eragon und vielleicht noch aus A Lonely Place to Die, das war es dann aber auch. Der Rest läuft eindeutig unter ferner liefen, erfüllt aber immerhin seinen Zweck und bietet keine drastischen Ausreißer nach unten hin. Was man vom Drehbuch nicht immer unbedingt behaupten kann, denn das eine oder andere, mal größere, mal kleinere Logikloch leistet es sich trotz des sehr begrenzten Settings dann doch. Allein schon die Prämisse selbst ist im Zeitalter von Smartphone und WLan doch arg konstruiert und unglaubwürdig, das muss man so erstmal schlucken. Glücklicherweise machen die Vorzüge von Howl solche Schnitzer relativ schnell wieder vergessen.

 

Auf den Punkt gebracht ist Howl am Ende ein grundsolider Film innerhalb seines Genre und will auch gar nicht mehr sein als genau das. Hyett macht ebenso viel richtig wie falsch und erschafft mit seinem Zweitling einen durchaus ansehnlichen Film, der Spannung und Atmosphäre erschaffen kann und kurzweilig zu unterhalten weiß. Die formelhafte Erzählstruktur und Logikfehler werden durch ein gelungenes Monsterdesign und einigen kleinen, eher ungewöhnlichen Einfällen wieder ausgeglichen. Sicherlich kein allzu großer Wurf, aber ein Reinfall ist Howl keineswegs und man darf sich durchaus auf den Film einlassen ohne Gefahr zu laufen, einen Rohrkrepierer zu sehen.

 

6 von 10 blutverschmierten Äxten

 

 

Zitat des Tages

15. April 2016 at 0:47

 

 

 

„I chose to believe in the basic goodness of people. Some basically good people do some very bad things.“