Green Room

9. Oktober 2016 at 20:55

 

 

© A42

 

 

 

„Now. Whatever you saw or did. Is no longer my concern. But let’s be clear. It won’t end well.“

 

 

 

Die junge Punkband The Ain´t Rights tourt durch das amerikanische Hinterland und hangelt sich mehr schlecht als recht von Auftritt zu Auftritt. Als ihnen endgültig das Geld ausgeht, kommt ihnen ein Angebot für einen Auftritt wohl oder übel gelegen, denn er findet in einer ranzigen Spelunke voller Skinheads und Nazis statt. Das Konzert dann auch mit einem Cover des Songs Nazi Punks Fuck Off von den Dead Kennedys zu beginnen, ist wohl nicht die aller beste Idee, dennoch können The Ain´t Rights das Konzert zu Ende bringen und ihre Gage einstreichen. Ein vergessenes Handy jedoch wird schnell zum Problem, als die Band es aus dem Backstageraum holen will und unfreiwillig Zeuge eines Mordes wird.

 

Jeremy Saulnier ist zweifellos einer der aktuell größten Hoffnungsträger des amerikanischen Genre-Kinos und hat schon 2013 mit seinem hervorragenden  Blue Ruin einen enorm spannenden und unkonventionellen Thriller rund um Rache und Vergebung gedreht, der nicht nur mich zu begeistern wusste. Und auch mit Green Room liefert er einen mehr als nur gelungenen Beitrag zum Genre der Belagerungsfilme, der schnörkellos und ausgesprochen effektiv daher kommt und einen glänzenden Spannungsbogen vorzuweisen hat. In seiner ganzen Ästhetik und Inszenierung atmet der Film den Geist der ganz klassischen Exploitationfilme und erinnert an John Carpenters Meilenstein Assault on Precinct 13 ohne diesen jedoch zu kopieren. Schon sehr früh im Film entsteht ein enormes Gefühl des Unwohlseins beim Zuschauer, doch Regisseur Saulnier kostet diese angespannte Atmosphäre lange genüsslich aus und lässt die Situation erst auf ihrem Höhepunkt dann völlig eskalieren. Gewalt in Kinofilmen verkommt immer öfter zu einem bloß noch auf seinen Selbstzweck ausgerichteten Mechanismus, zu mit schwarzem Humor und Augenzwinkern aufgebauschte Übertriebenheit, leicht konsumierbar aufbereitet für das Publikum. Es gibt nur sehr wenige Regisseure, die so mit Gewalt in ihren Filmen umgehen wie Jeremy Saulnier, eben nicht selbstzweckhaft und im Vordergrund inszeniert, sondern sehr dosiert, gleichzeitig aber auch roh und brachial, erschreckend realistisch und immer verbunden mit deutlich spürbaren Konsequenzen für seine Charaktere wie auch für den Zuschauer. Seine Inszenierung der Gewalt bahnt sich nicht an und wird nicht künstlich hochgespielt, sondern bricht vielmehr explosiv und schlagartig über Figuren wie Zuschauer herein, unvorbereitet und mit voller Wucht trifft sie dort, wo es weh tut, und ist dann auch genauso schnell wieder vorbei. Bei Saulnier wird Gewalt nicht einfach nur stumpf ausgestellt, sie ist dreckig und unangenehm, bringt spürbare Folgen für alle Beteiligten mit sich und entwirft eine Art Negativbild zu dem für Hollywood so typischen Heroismus. In Green Room wie auch in Blue Ruin ist niemand sicher und eine Überlebensgarantie gibt es nicht, was ich als enorm erfrischend empfinde im Vergleich zu vielen ähnlich gelagerten Vertretern der Genres Horror und Thriller. Saulnier benötigt kein Gemetzel, keine hunderte Liter Kunstblut, keine riesigen Leichenberge, denn er arbeitet viel effektiver mit begrenzten Mitteln und erzielt eine viel stärkere Wirkung als jede Splatter-Sause es jemals könnte. Insgesamt ist Green Room auf der inszenatorischen Ebene sehr stark, kann aber auf der Ebene der Figuren nicht immer ganz so punkten. Das Drehbuch ist in seiner dramaturgischen Konzeption stärker als in seiner Figurenzeichnung und in den Dialogen und der brachiale wie grausame Kampf ums nackte Überleben begeistert mehr mit seinen handwerklich formidablen Aspekten als mit seinen emotionalen Aspekten, weil die Ain´t Rights unterm Strich zu blass und eindimensional ausfallen. Das ist vor allem schade, weil Green Room genaus das nämlich auf der Gegenseite richtig gut macht und seinen Skinheads und Nazis mehr Profil gibt. So verachtenswert sie handeln und ihre Gesinnung auch sein mag, das Drehbuch erliegt hier nicht dem Fehler stumpfer schwarz/weiß-Malerei und zeichnet sie keineswegs als hirnlose Horde zurückgebliebener Hinterwäldler voller Muskeln und Waffen. Ganz im Gegenteil, tritt erst einmal der von Patrick Stewart hervorragend eindringlich verkörperte Darcy auf den Plan, dann wird es noch einmal richtig spannend. Der Anführer und Besitzer der Skinhead-Kneipe ist ruhig und kontrolliert, wirkt enorm abgeklärt, agiert geradezu freundlich und zuvorkommend, ist dennoch bestimmend, vermittelt zu jeder Sekunde das Gefühl, die Situation vollkommen im Griff zu haben und ist gerade deswegen absolut furchterregend und von unfassbarer Präsenz.

 

Wie schon mit Blue Ruin liefert Jeremy Saulnier einen weiteren starken Beitrag zum amerikanischen Genre-Kino und dürfte nun wohl aus der Nische des Geheimtipps langsam aber sicher hinaus wachsen. Green Room ist straff und schnörkellos inszeniert, dreckig und brachial, sehr spannend und er nutzt gekonnt sein begrenztes Setting. Seine sparsamen, aber dafür umso intensiveren Gewaltspitzen gehen abermals durch Mark und Bein, brechen vollkommen unberechenbar über die Figuren des Filmes hinein und verschwinden so schnell wie sie passieren. Leider ist die Zeichnung der Protagonisten nicht mehr so ganz gelungen wie noch in Blue Ruin, aber die der Antagonisten umso besser. Letztlich ist Green Room ein fieser kleiner Bastard im Genre der Belagerungsthriller und ich bin jetzt schon gespannt, was Jeremy Saulnier als nächstes machen wird. Seine beiden letzten Filme waren wirklich gutes Genre-Kino abseits ausgetretener Pfade und sehr mutig in ihrer Inszenierung und von derartigen Filmen kann es nicht genug geben. Ein deutlicher Mittelfinger in Richtung der glattpolierten, weichgezeichneten Filmindustrie ohne Ecken, Kanten und Mut zu Experimenten. Danke dafür!

 

7 von 10 zweckentfremdeten Teppichmessern

 

 

Starcrash

7. Oktober 2016 at 13:16

 

 

© New World Pictures

 

 

 

„Well, it’s done. It’s happened. The stars are clear. The planets shine. We’ve won. Oh. Some dark force, no doubt, will show it’s face once more. The wheel will always turn; but for now it’s calm. And for a little time, at least, we can rest.“

 

 

 

Die Weltraumschmugglerin Stella Star und ihr Navigator Akton werden von den interstellaren Polizeikräften des Emperors gefangen genommen und mit einem wichtigen wie heiklen Auftrag betreut. Sie sollen die mächtige Vernichtungswaffe des bösen Count Zarth Arn ausfindig machen und zerstören, anderenfalls erwartet sie lebenslange Strafarbeit. So ergeben sich die beiden vorerst ihrem Schicksal und begeben sich gemeinsam mit dem Roboter Elle auf die Suche nach Count Zarth Arn und seiner Waffe.

 

Was wurde über diesen Film des italienischen Regisseurs Luigi Cozzi nicht schon alles gesagt und geschrieben? Absolute Trash-Granate. Größter Quatsch aller Zeiten. Dumm-dreistes Star Wars-Plagiat. Wenn ich in den letzten Jahren auch im Zuge meiner Texte für den Mattscheibenvorfall und der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem Medium Film eines gelernt habe, dann, dass es immer einfacher ist, sich über einen vermeintlich schlechten oder billigen Film lustig zu machen und die offensichtlichen Mängel herauszuarbeiten, anstatt sich die Mühe zu machen, seine Werte zu erkennen, vielleicht seine eigenwillige Schönheit und dann letztlich auch die glatt polierte Willkürlichkeit etablierter, filmischer Standards zu hinterfragen. Insofern will ich doch Star Crash einfach mal nutzen, um eine Lanze für die vermeintlich miesen Filme dieser Welt zu brechen, die oft nämlich gar nicht so mies sind, wie sie gerne gemacht werden, durchaus auch ihre eigenen Reize haben und mehr bieten als schnöde Kalauer und unfreiwillige Belustigung. Sofern man denn auch dazu bereit ist, sich auf die Suche danach zu begeben. Natürlich ist Star Crash wohl eines der hirnrissigsten und beknacktesten jener Science Fiction-Märchen, die zu der Zeit im Fahrwasser von George Lucas´ Sternenoper die Filmwelt fluteten, aber es ist zugleich wohl auch eines der wildesten, grellsten und buntesten. Und den Film einfach nur stumpf als billig runtergekurbeltes, trashiges Star Wars-Rip Off abzutun, das ist mir dann doch zu kurz gegriffen, und wird dem Film nicht immer gerecht. Klar, schon der opening shot bedient sich schamlos bei seinem übergroßen Bruder im Geiste, aber Star Crash hat schon noch etwas mehr zu bieten als viele andere Star Wars-Epigonen jener Zeit wie beispielsweise der berühmt-berüchtigte Turkish Star Wars (Dünyayi Kurtaran Adam), welcher dann nämlich tatsächlich vollkommen schamlos ist in seinem Betreiben, sich gleich bei allem zu bedienen, das auch nur irgendwie bekannt war um 1980 herum. Überhaupt dieses Wörtchen Trash. Ich mag es ebenso wenig wie den massiv inflationär gebrauchten Ausdruck Kult. Beides leere und bedeutungslose Worthülsen, die zu allem Überfluss auch noch meist im falschen Kontext gebraucht werden. Sharknado und Co. aus dem Hause Asylum sind vieles, aber sicher kein Trash, allenfalls blanker Zynismus, denn es mangelt ihnen an einer gewissen Unschuld. Diese Art von Film ensteht nicht aus Unvermögen oder Geldmangel, sie macht ja ganz bewusst, was sie macht, legitimiert sich selbst, indem sie sich hinstellt und laut rufend ihre Waren an den Mann bringen will: So bad that it´s good! Aber genau das öffnet der ewigen Gleichmacherei und dem identitätslosen Professionalismus alle Türen. Im Umkehrschluss irritiert mich auch immer, wenn Plan 9 From Outer Space von Ed Wood auch von Menschen, die es eigentlich besser wissen sollten, als der oder zumindest einer der schlechtesten Filme aller Zeiten bezeichnet wird. Man sollte schon differenzieren zwischen einer Idee oder künstlerischen Vision, die zwar vielleicht aus offensichtlichen Gründen scheitert, aber wenigstens Herzblut und Seele zu bieten hat und Leidenschaft erkennen lässt, und einer absichtlichen Anbiederung an ein abgestumpftes Publikum, dessen Lieblingsworte die eben leeren wie bedeutungslosen „Kult“ und „Trash“ sind. Erstere scheitert dann immerhin in Würde, was mehr ist als so manch anderer Film für sich verzeichnen kann und darf und mir dann auch sehr viel lieber ist als all der seelenlose, glatt gebügelte, an nackten Zahlen ausgerichtete wie stumpfe Klamauk, der sich als Trash feiern lässt. Womit wir dann auch den Bogen zurück zu Star Crash schlagen.

 

Denn dieser wilde, bizarre, jegliche Logik ignorierende Ritt durch seine ganz eigene, krude Welt, die zudem quasi im Minutentakt ihr eigenes Regelwerk permanent über Bord wirft und neu erfindet, und atemlos von set piece zu set piece hetzt, dem spürt man eben die Liebe, die Begeisterung, den Enthusiamus und die große Lust am Fabulieren seines Machers immer an. Zwei Jahre später drehte Luigi Cozzi den schon deutlich uninspirierter wirkenden Alien-Klon Astaron – Brut des Schreckens, aber bei Star Crash hat er sich seine Vision erhalten und nicht durch finanzielle Limitierung und künstlerische Abwägung kaputt machen lassen und das ist doch toll und lobenswert. So ist seine Space Opera ein völlig überbordendes, wildes, herrlich kreatives Chaos und eben keine nüchtern berechnete, nach technischer Perfektion strebende und letztlich langweilige Hochglanzproduktion ohne Ecken und Kanten. Insofern ist mir Star Crash mit all seinen Fehlern, Problemen und Schwächen trotzdem lieber als der nächste lieblos runtergekurbelte, aalglatte, mit riesen Budgets aufgeblasene, das Sommerloch überbrückende Blockbuster, denn er hat Herz, Mut und keine Angst zu versagen oder verlacht zu werden. Nennt mich kulturpessimistisch, aber es ist doch schade, dass modernes Kino immer öfter durch sein Streben nach steriler Perfektion das kindliche Staunen in uns mehr und mehr abtötet. Phantasie scheint immer weniger gefragt zu sein und in den Hintergrund zu rücken, der Wille zur sogenannten suspension of disbelief, das Versinken in fremde Welten, die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, all das scheint zusehends an Bedeutung zu verlieren. Das finde ich schade und es ist nicht nur, aber auch ein Grund dafür, warum mich Star Crash so fasziniert, obwohl ich sehr wohl um seine mitunter doch auch gravierenden Probleme weiß und diese mir vollkommen bewusst sind. Eine nackte Zahl zur Bewertung gibt es heute nicht, ich mag Star Crash einfach und das muss vorerst reichen. Am besten, ihr schaut ihn euch selbst mal an und bildet euer eigenes Urteil.

 

 

Trance

3. Oktober 2016 at 11:59

 

 

© Fox Searchlight Pictures

 

 

 

„Do you want to remember, or do you want to forget?“

 

 

 

Der Kunstauktionator Simon ist Teil eines groß angelegten Gemäldediebstahls, wird dabei jedoch schwer am Kopf verletzt und kann sich in Folge dessen nicht mehr daran erinnern, wo er das Goya-Gemälde Flug der Hexen versteckt hat. Die Diebesbande rund um ihren Anführer Franck ist davon natürlich nicht begeistert und als Folter und Medikamente nicht den gewünschten Effekt erzielen, greift man als letzten Ausweg zu Hypnose. So soll die Therapeutin Elizabeth die verschollenen Erinnerungen wieder zu Tage fördern, doch je tiefer sie in Simons Unterbewusstsein vordringt, desto stärker vermischen sich seine Grenzen zwischen Realität und Illusion.

 

Oh Danny Boy. Ich möchte meine erneute Sichtung von Trance auch zum Anlass nehmen, um mal ein paar Gedanken über das Kino des Danny Boyle zu verlieren, den ich für einen oftmals sträflich unterschätzten und viel zu wenig beachteten Regisseur halte. Inhaltlich und thematisch lässt sich der Brite nämlich in keine Schublade stecken und springt mit seinen Filmen gerne wild durch allerlei Genre,  jedoch prägt seine Werke immer sein ganz eigener, unverkennbarer Stil, sehr modern, visuell aufregend und immer stark am Puls der Zeit. Aber aus irgendeinem mir nicht ganz ersichtlichen Grund wird Boyle trotz einer enormen Dichte an wirklich guten Filmen, angefangen bei Trainspotting und The Beach, über 28 Days Later und Sunshine, Slumdog Millionaire und 127 Hours bis hin zu eben Trance und zuletzt Steve Jobs, nicht so wahrgenommen, wie sein konstant hohes Niveau es eigentlich erwarten lassen würde. Irgendwie bewegt er sich immer ein wenig unter dem Radar oder, wie er selbst es ausdrückt: „I learned that what I’m better at is making stuff lower down the radar. Actually, ideally not on the radar at all.“

 

Was anfangs noch schwungvollen Schrittes mit einem direkt an das Publikum gerichteten Kommentar seitens James McAvoy als leichtgängiges Gaunerstück daherkommt, das verzerrt Danny Boyle schon bald zu einem wilden, psychedelischen Trip, in dessen Verlauf die Grenzen zwischen Realität und Illusion schon bald zu verschwimmen beginnen, bis sie sich letztlich vollkommen auflösen. Wenn Trance auf der thematischen Ebene die Beschaffenheit unserer Realität und wie wir diese wahrnehmen hinterfragt und auf den Prüfstein stellt, dann ist der Film gar nicht so weit entfernt von Inception, wie man vielleicht glauben möchte. Während jedoch Christopher Nolan seine in immer tiefer liegende Traumebenen absteigenden Schachzüge sorgsam vorbereitet und sauber ausführt, damit der Zuschauer nie völlig den Überblick verliert und der Orientierungslosigkeit anheim fällt, kümmert sich Danny Boyle nicht im geringsten um die Etablierung einer solchen inneren Logik und lässt uns viel lieber immer tiefer in diesen Strudel aus Wahrheit, Lüge, Suggestion und Einbildung fallen. Viel eher spürt man in jedem Moment die reine Lust am Fabulieren des waghalsigen Plots, der sich nicht eine Sekunde lang groß um eben erwähnte innere Logik schert und ganz eindeutig keinerlei Interesse an der geradezu mathematischen Präzision eines Inception hat. Bereits der Durchbruch der Vierten Wand gleich zu Beginn von Trance ist elementar bedeutsam, spricht doch McAvoy direkt in die Kamera und erzählt dem Zuschauer von berühmten, geraubten Kunstwerken. Eines davon ist ein Rembrandt, in dessen Bildmitte sich der Künstler selbst hinein gemalt hat, und dort sitzt er und sieht seinen Betrachter ebenso an wie uns Simon in diesem Moment, und dennoch geht er in der Gesamtbetrachtung leicht unter. Diese paradoxe Struktur wird zum Leitmotiv des Filmes und fortan geht es immer auch um die Frage: was sieht man, was nicht und welche Bedeutung misst man dem bei. In welchem Gemälde befinden wir uns eigentlich? Und ist Simon der Betrachter oder schon Teil des Kunstwerks?

 

Trance ist ein vollkommenes Kunstprodukt und eine ganz klare Abkehr vom Alltagsrealismus. Nichts in diesem Film ist dem Zufall überlassen und einer schöpferischen Logik unterworfen, welche sich durch und durch der puren Ästhetik des digitalen Kinos verschrieben hat. Und diese reizt Danny Boyle auch bis an ihre Grenzen aus und erschafft ein geradezu psychedelisches Verwirrspiel um Sein und Schein, Trug und Wahrheit, einen surrealen wie elektrisierenden Heist-Thriller mit reichlich Anleihen an den Film Noir. Trance ist sicherlich nicht Boyles bester Film, aber er weiß sehr wohl um dessen Stärken und Schwächen, versteht diese gekonnt zu nutzen und erschafft so einen modernen, pulsierenden Reigen rund um Realität, Wahrnehmung und verschütteten Erinnerungen, welcher nicht dem Fehler erliegt, alles erklären zu wollen, aber gleichzeitig auch nie so verworren und undurchsichtig wird, dass man ihm nicht mehr folgen könnte. Letztlich sind unsere Erinnerungen ein Teil unserer Persönlichkeit und gleichzeitig auch nur Abbilder der Wirklichkeit. Sie können uns trügen, sich im Laufe der Zeit verfälschen oder uns gar völlig in die Irre führen, aber wir brauchen die Gewissheit, dass sie uns zu dem machen, was wir sind. Sind unsere Erinnerungen gefälscht, dann sind wir es auch.

 

8 von 10 Schlüsseln im Wandschrank

 

 

Streets of Fire

1. Oktober 2016 at 16:01

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

„There’s nothin‘ wrong with goin‘ nowhere, baby, but we should be goin‘ nowhere fast, it’s so much better goin‘ nowhere fast!“

 

 

 

Als die junge Rocksängerin Ellen Aim während eines Konzerts mitten auf der Bühne vom finsteren Raven Shaddock und dessen Bikergang entführt wird, kann im Grunde nur noch ihr Ex-Freund Tom Cody helfen. Also bittet ihn seine Schwester in die Stadt zurückzukehren, die er einst verließ. Gemeinsam mit der ehemaligen Soldatin McCoy und Ellen Aim´s schmierigen Manager und neuen Freund Billy Fish macht sich Cody auf, um seine Ex aus den Fängen von Raven zu befreien.

 

A rock & roll fable… another time, another place… Was für ein energiegeladener und atemloser Trip dieser Film doch ist. Ich wünschte wirklich, ich hätte ihn früher für mich entdecken können, aber jetzt ist er da in meiner Filmwelt, und er wird sie auch nicht mehr verlassen. Allein die Eröffnungssequenz ist ihr Geld wert und pure Kinomagie der 80er, pulsierendes Nachtleben im Neonlicht, geschnitten zum Rhythmus der Musik, die den Herzschlag des Films vorgibt. Ich bin großer Freund des stark auf Bewegung ausgelegten Actionkinos von Regisseur Walter Hill, dem wir unter anderem Filme wie Driver (1978) und The Warriors (1979), das recht frühe Buddy-Movie 48 hrs. (1982), Red Heat (1988) und den oft unterschätzten Johnny Handsome (1989) oder seine eigene Interpretation von Akira Kurosawas Film Yojimbo in Gestalt seines Last Man Standing (1996) zu verdanken haben, aber Streets of Fire ging bisher irgendwie an mir vorbei. Dabei ist der Film eben genau eine solche Genre-Perle wie auch der neulich von mir besprochene Pumpkinhead und einer dieser seltenen Momente, in denen einfach alles irgendwie zu passen scheint. Tempo, Timing, Look und Coolness. Was Walter Hill uns hier präsentiert, das sucht wirklich seines gleichen, diese wilde Mischung aus Musical, Actionfilm, Western, Neo-Noir, Romanze, Melancholie und Märchen. Streets of Fire erschafft buchstäblich seine ganz eigene Welt, entführt uns vom ersten Moment an in eben diese, gleichzeitig modern wie zeitlos, und vereint so viele Stilelemente in seinen rund 90 Minuten, dass einem Hören und Sehen vergehen kann. Geschickt verschmilzt Hill in seinem Film Klischee um Klischee um Klischee und destilliert all das zu etwas viel größerem, reduziert auf das absolut nötigste und dennoch vollkommen unvergleichlich. Ganz ähnlich wie im Western, der oftmals eher geradlinig und von Bewegung geführt verläuft, bietet auch der simple und überschaubare Plot von Streets of Fire keinen Anlass zur Abweichung und konzentriert sich vollkommen auf sein minimalistisches Setup. Da ist die damsel in distress, die entführte Jungfrau in Nöten, wenn man so will, da ist der stoische drifter, der lonesome gunman, der wortkarg durch die Welt streift und nie irgendwo länger bleibt als unbedingt nötig, da ist sein zupackender und schlagkräftiger Sidekick voller spitzfindiger Sprüche, und da ist zu guter letzt der psychopathische Bösewicht. Mehr braucht Hill nicht, um aus diesen klassischen Elementen eine packende wie kurzweilige, visuell einzigartige Collage, einen ganz eigenen filmischen Kosmos aus den verschiedensten Versatzstücken zu erschaffen. Streets of Fire spielt in einer namenlosen Großstadt, einer in sich geschlossenen Kunstwelt, welche die amerikanische Großstadt des Gangsterfilms der 30er Jahre, die traditionelle Westernstadt, den Moloch des Film Noir und die neonleuchtenden Strassen der 80er Jahre in sich vereint und bevölkert wird von seltsam zeitlos anmutenden Menschen, die oftmals wirken, als wären sie direkt dem Musical Grease entsprungen und dem Lebensgefühl der 80er Jahre huldigen. So ist dann letztlich auch der große Star des Films wie so oft bei Walter Hill die Stadt selbst. Waren noch in Driver die Straßen gestaltet wie ein unüberschaubares Netz aus Asphalt, gelangten noch The Warriors auf den pausenlos fahrenden S-Bahn-Zügen schnellstmöglich von einem Ort zum nächsten, so sind es in Streets of Fire die regennassen, vom pulsierenden Neonlicht glitzernden Strassen, die auch ein Michael Mann in seiner Hochphase so hätte entwerfen können. Walter Hills Timing ist einfach unglaublich präzise und über alle Maßen auf den Punkt, so dass Streets of Fire weniger inszeniert als doch mehr komponiert wirkt: jede Szene, jeder Schnitt, jede Bewegung, jeder Blick, jeder Satz, jede Kamerabewegung sind genau an der richtigen Stelle platziert. Am Ende sehen wir unseren wortkargen Helden Tom Cody ähnlich wie John Wayne damals in The Searchers (1956) im Rahmen einer Türöffnung stehen und realisieren, dass die Welt, für die er zuvor noch gekämpft hat, niemals sein Zuhause sein wird. Für ihn ist es Zeit weiterzuziehen. Ein Happyend, ja, die Jungfrau in Nöten ist gerettet, nur den Prinzen, den bekommt sie nicht. Aber die Musik geht weiter.

 

Walter Hill war mit Streets of Fire ganz eindeutig seiner Zeit voraus, was sich auch in der damaligen Rezeption des Filmes deutlich niederschlägt. Dabei erschafft er einen rasanten und visuell sehr reizvollen Hybriden aus so vielen verschiedenen Versatzstücken, die eigentlich nicht zusammen gehören, und verdichtet das alles zu einem in vielen Belangen wirklich einzigartigen Film mit ganz eigenem Herzschlag. Streets of Fire konnte mich schon beim ersten Schauen begeistern, aber nach dem dritten, vierten oder fünften Mal konnte er mein Herz im Sturm erobern. Ich mag ja ohnehin das sehr auf Bewegung ausgelegte Actionkino des Walter Hill, aber Streets of Fire hebt das noch einmal auf ein höheres Level und ist dann irgendwie auch die Quintessenz dessen, was Kino noch in seinen Anfangstagen war, nämlich Bild gewordene Bewegung.

 

8 von 10 lakonischen Helden, unterwegs auf einsamen Strassen