The Neon Demon

7. November 2016 at 18:24

 

 

© Gaumont Film Company

 

 

 

„Beauty isn’t everything. It’s the only thing.“

 

 

 

Die sechzehn jährige Jesse ist gerade erst allein nach Los Angeles gezogen mit dem Ziel, dort als Model Fuß fassen zu können. Tatsächlich kann sie schon bald ihren ersten Vertrag ergattern und lernt mit der Visagistin Ruby jemanden kennen, die sie immer tiefer in eine befremdliche Glitzerwelt voller dekadenten Partys, exzessiven Ausschweifungen und stylishen Foto-Shootings führt. Doch schon bald lernt die naive Jesse Neid und Missgunst kennen, denn ihr kometenhafter Aufstieg in der Welt der Models findet nicht bei jeder ihrer Kolleginnen auch unbedingt Anklang.

 

Das Kino des Nicolas Winding Refn ist von jeher ein ausgesprochen egoistisch geprägtes und sein neuestes Werk The Neon Demon bildet da sicherlich keine Ausnahme. Mehr noch, dieses Mal zelebriert er seine ganz eigenwillige Stilistik noch viel mehr als er es schon in Only God Forgives getan hat und erschafft formvollendetes Oberflächenkino in seiner reinsten Form. Kam jedoch Only God Forgives noch als surrealer Fiebertraum rund um das Thema Rache daher, ist The Neon Demon deutlich kühler und distanzierter in seiner Inszenierung geraten. Und wie die meisten seiner vorherigen Filme spaltet auch The Neon Demon erneut die Gemüter der Zuschauer. Refn war noch nie ein Regisseur der Kompromisse oder gar Anbiederung an ein Publikum, das ihn ohnehin nicht interessiert. Insofern kann ich sehr gut verstehen, wenn man keinen Zugang zu dieser sehr egozentrischen Filmwelt des dänischen Regisseurs erlangt. Und tatsächlich hätte es mich auch bei seinem neuesten Film doch sehr überrascht, wenn keine Verurteilung oder Manifestation der Empörung von Gruppen oder Einzelpersonen entstanden wären, die argumentieren, dass es sich bei The Neon Demon um einen weiteren, flachen, an das männliche Publikum gerichteten Film handelt, der Frauen objektiviert, stereotypisiert und verunglimpft. Mal im Ernst: wie kann ich einem Film Frauenfeindlichkeit vorwerfen, der sich einem ganz von sich heraus doch schon frauenfeindlichen Kosmos widmet? Das ist mir deutlich zu kurz gegriffen und viel zu einfach gedacht. Zudem muss man auch festhalten, dass Refn lediglich abbildet, nie aber urteilt. Seine Bilder bleiben wertfrei und ohne Anklage. Auch den immer wieder zu vernehmenden Vorwurf der inhaltlichen Leere und der stringenten Künstlichkeit kann ich zumindest aus einem bestimmten Betrachtungswinkel nachvollziehen, aber ebenso wenig verstehen wie den der Misogynie. Natürlich ist jedes Bild in The Neon Demon geradezu durchzogen von dieser Künstlichkeit, aber das ist in meinen Augen keineswegs ein Kritikpunkt, denn was könnte die künstliche und absurde Welt der Mode besser untermalen als künstliche Figuren in künstlichen Umgebungen, versehen mit künstlichen Neon-Farben und einem künstlichen Soundtrack? Und es geht Refn auch keineswegs um eine Kritik oder gar schräge Satire auf die Fashionwelt, denn die braucht es gar nicht, dafür ist die Künstlichkeit des ganzen Modezirkus auch so schon viel zu offensichtlich und sich selbst entlarvend, genauso wie sein Jugendwahn und sein Schönheitskult. Stattdessen zelebriert er eine von kalten Neonlichtern geflutete Parallelwelt, die das menschliche Antlitz so weit abstrahiert, bis es nur noch wie ein aus Marmorstein geschlagenes Zerrbilder seiner selbst erscheint. Alles, was hier von Belang anmutet, sind die Ideale der Oberflächlichkeit. Der Film handelt vorgeblich von jungen weiblichen Models in L.A., von Konkurrenz und Missgunst unter ihnen, von der Schönheit, die nicht alles ist, sondern das Einzige ist in ihrer Welt. Eine Welt, in der es unmittelbar um das Sehen geht, um das Glück, gesehen zu werden, und das Drama, nicht gesehen zu werden. Natürlich geht es Refn dabei nicht im Geringsten um einen realistischen Blick auf dieses Milieu und die Mechanismen, aus denen es gebaut ist, auch und erst recht nicht um eine wendungsreiche Dramaturgie oder ein konkretes Handlungsgeschehen. Hier geht es nicht um junge Mädchen, nicht um Outfits, nicht um Laufstege; es geht nicht um psychologische Komplexität, nicht um Figuren, die wichtige Motive und Pläne hätten; es geht einzig und allein um das Kino selbst, um die Essenz des Kinos, um das Sehen. Nicht etwas sehen, sondern bloß den Vorgang des Sehens selbst. So ist dann The Neon Demon auch nicht als Angebot an das Denken konzipiert. Sicherlich kann man den Film auf unterschiedliche Weisen auslegen und interpretieren, doch bewusst daran gelegen war Refn vermutlich nicht und die Frage nach der eigentlichen Aussage hinter dieser Bilderflut versandet ganz automatisch und geradezu unmittelbar. An Dingen wie Inhalt, Handlung oder Bedeutung ist Refn schlicht und ergreifend einfach nicht interessiert. Ist es eine Demontage der schillernden Modewelt? Eine Parabel auf unsere Fixierung auf Schönheit? Ist es vielleicht einfach nur eine Verkettung von avantgardistischen Bildern und Posen? Ist er doppelbödig klug oder tappt er in die selbst geschaffene Falle, dass sein Film, der die zelebrierte Oberflächlichkeit der Modewelt erforscht, selbst nicht viel mehr als hochstilisierte Fassade ist? Eine klare Antwort darauf gibt es nicht, The Neon Demon ist alles und doch nichts davon, und letztlich ist es auch vollkommen egal. Die Charaktere im Film sind gar keine, denn so etwas wie eine Entwicklung erleben sie nicht, sie sind allenfalls Figuren, eigentlich aber nur noch schablonenhafte Projektionsflächen für seine Bilder. Nicht ohne Grund dominieren den Film zwei bestimmte metaphorische Bilder, wenn immer wieder Spiegel und Augen in den Vordergrund rücken. Allein das pure Sehen ist der Dreh- und Angelpunkt in Refns künstlicher Welt und sonst nichts, alles andere wird auf das absolut Rudimentärste herunter gebrochen und hemmungslos der Bilderflut untergeordnet. Ein paar Worte noch zu Ellen Fanning: Schönheit liegt zweifellos immer auch im Auge des Betrachters und weniger in gesellschaftlich formulierten Kriterien und ist vollkommen subjektiv. So kann man also zu ihrer Wahl als Hauptfigur stehen, wie man möchte, und dem einen gefällt sie, dem anderen eben nicht. In meinen Augen ist sie fantastisch besetzt und wirkt zart und fragil, engelsgleich und makellos, vor allem aber kindlich naiv und seltsam kühl zugleich. Man spürt sofort, dass da irgendetwas in ihr schlummert, von dem man nur bedingt möchte, dass es zum Vorschein kommt.

 

Ich bin ein großer Freund des Kinos von Nicolas Winding Refn, kann aber ebenso sehr gut verstehen, wenn jemand damit nun so gar nichts anfangen kann. Nur gewisse Vorwürfe der Kritik an ihm, seinen Filmen im allgemeinen und The Neon Demon im besonderen kann ich in der Form oft nicht nachvollziehen. Schon die erste Sichtung des Filmes hat mich enorm fasziniert, es werden zweifellos noch mehrere folgen und ich bereue es jetzt nur noch mehr als zuvor, es nicht geschafft zu haben ihn im Kino zu sehen. Aus meiner Sicht heraus kulminieren in The Neon Demon all die Stärken seiner bisherigen Filme und seine nur noch radikalere Form der Inszenierung macht ihn für mich zu Refns bisher intensivsten Film. Ob auch zu seinem besten, das wird sich dann im Laufe der Zeit noch zeigen. Zweifellos zelebriert er sich in seinem neuesten Werk über alle Maßen selbst und erschafft ein in seinem vollkommen ohne Ironie glorifizierten Körperkult beinahe schon riefenstahleskes Oberflächenkino. Ein Film von einem Narzissten für Narzissten. Und das meine ich jetzt keineswegs negativ.

 

9 von 10 wahrhaft sehenden Augen mit Luft nach oben

 

 

31 – A Rob Zombie Film

4. November 2016 at 15:42

 

 

© Saban Films

 

 

 

„In Hell, everybody loves popcorn.“

 

 

 

Halloween 1976. Eine Gruppe von Schaustellern befindet sich mit ihrem Kleinbus auf dem Weg durch das amerikanische Hinterland zu ihrem nächsten Auftrittsort, als plötzlich mehrere Vogelscheuchen die Straße blockieren. Ehe sie begreifen können, was überhaupt los ist, werden sie von Clowns überfallen, teilweise getötet und fünf von ihnen werden verschleppt. Wieder bei Bewusstsein finden sie sich als Teil eines makaberen Spiels namens 31 wieder. Das Ziel: in einem labyrinthartigen, verfallenen Fabrikgebäude zwölf Stunden überleben, während eine ganze Reihe schwer gestörter Psychopathen Jagd auf sie macht.

 

What the fuck is going on?! Oh Mann… für gewöhnlich kann ich nach einem Film schnell sehr gut zumindest eine Tendenz in mir ausmachen, ob ich gesehenes nun mochte oder nicht. Das neueste Werk von Rob Zombie macht mir das letztlich sehr, sehr schwer. Ich bin verwirrt und kann das alles noch nur schwer einordnen. Was für ein räudiger, schmieriger, versiffter, vulgärer, nihilistischer, sadistischer, wahnsinniger Brocken von Film. Nach seiner Hommage an den Okkultismus-Horror der 60er und 70er in Gestalt des von mir inzwischen sehr lieb gewonnenen Lords of Salem und der teils doch sehr harschen Kritik an diesem Film, wollte Rob Zombie sich eigentlich erstmal zurückziehen aus dem Filmgeschäft. Nun jedoch ist er mit 31 zurück, seiner durch Crowdfunding finanzierten Rückkehr zu seinen Wurzeln in Gestalt des Grindhouse/Horror/Bahnhofskino der 70er und 80er Jahre, und liefert dem geneigten Zuschauer purstes Affektkino. Inhalt, Handlung und auch Figuren sind weitestgehend egal und dienen im Grunde nur dazu, um zunehmend eskalierende Gewaltakte und immer neue Erniedrigungen aneinanderzureihen. Zombie entfesselt ein Kino der Körperlichkeit, eines in dem schon längst keine Bedeutung mehr unter der Oberfläche versteckt liegt, welche man noch zu Tage fördern könnte, sondern eines, das alles vollkommen offen und auf rein fleischlicher Ebene verhandelt. Gewalt um ihrer selbst willen ist das rohe wie geschmacklose Leitmotiv von 31 und Zombie unternimmt recht wenig dafür, all das nicht zu glorifizieren oder gar umzudeuten. Gruselig im klassischen Sinn eines Horrorfilmes ist hier gar nichts, denn schon bald, wenn die vermeintlichen Leidtragenden beginnen sich zu wehren und beide Seiten aufeinander losgehen, verschwimmen die Grenzen zwischen Täter und Opfer und der Film setzt nur noch auf die reine Kraft der Schaulust und entwaffnend offensiven Terror, der sich entweder in brutaler Langsamkeit ergeht oder in hysterischem Wahnsinn explodiert. So ist das tödliche Spiel ums nackte Überleben für Rob Zombie lediglich ein fadenscheiniger Vorwand, um Szene für Szene ikonische Momentaufnahmen der letzten rund 90 Jahre Horrorfilm zu zitieren. Von F.W. Murnau´s Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens (1922) über Tobe Hoopers Klassiker The Texas Chainsaw Massacre (1974) bis hin zu Paul Michael Glasers Running Man (1987) lassen sich sehr viele mehr oder weniger offensichtliche Referenzen entdecken. Wenn als erster Gegenspieler der kleinwüchsige Hitler-Verschnitt Sick-Head (überhaupt die Namen: Sick-Head, Schizo-Head, Psycho-Head, Death-Head, Sex-Head und Doom-Head!!!) in SS-Uniform, mit Hakenkreuz auf der Brust und passendem Bart wie Haarschnitt auf der Bildfläche erscheint und auf die fünf noch eher ahnungslosen Opfer losgelassen wird, sie hysterisch schreiend und lachend, meist auf Spanisch übelst beschimpfend durch die engen und verwinkelten Gänge jagt und ihnen nach dem Leben trachtet, da fragt man sich schon kurz, was hier eigentlich los ist. Oder wenn sich der als vollkommen entfesselte Naturgewalt von Richard Brake voller Inbrunst gespielte Doom-Head quälend viel Zeit lässt und mit seinen Opfern spielt, ellenlange Monologe über das Töten hält, sich zu eben erwähnten Nosferatu die Seele aus dem Leib fickt und eine wahrlich befremdliche Performance hinlegt, die Heath Ledgers Joker zu einem drittklassigen Kindergarten-Clown degradiert, dann zählt für Rob Zombie einzig und allein der möglichst irrwitzige Moment, dann geht Stimmung ganz eindeutig vor Inhalt. Alleiniger Dreh – und Angelpunkt in 31 sind schlicht und ergreifend Gewalt und Erniedrigung. Das größte Problem des Filmes liegt dann auch genau an diesem Punkt in seiner Inszenierung, denn letzten Endes ist diese nämlich immer genau dann, wenn die drastische Gewalt explodiert, zu zahm. Der Schnitt ist hektisch und konfus, die Kamera oft arg verwackelt in dem Irrglauben, so mehr Dynamik zu erzeugen, und blendet oft ab. Sicher, es fließt literweise Blut in 31, aber was wirklich auf der Leinwand passiert, das sieht man nur allzu selten. Das passt dann nur bedingt zu dem ursprünglichen Ansatz von Rob Zombie, eine Art extrem verdichtetes Terrorkino zu inszenieren, dem Inhalt, Figuren und Story egal sind, und das nur über seine brachiale Körperlichkeit wirken will.

 

So richtig weiß ich immer noch nicht, was ich mit Rob Zombies neuestem Werk anfangen soll. Noch kriege ich keinen richtigen Zugriff auf den Film und es werden mit Sicherheit noch eine zweite und dritte Sichtung erfolgen (vor allem auf Englisch, denn die deutsche Synchronisation ist ziemlich mies). Nicht alles ist schlecht in 31, vieles allerdings schon, manchmal bewusst, manchmal wohl eher unfreiwillig. Auf jeden Fall zieht Rob Zombie geradlinig sein Ding durch, ungeachtet von Geschmack, dem Zuschauer oder Moral. Stattdessen wirft er uns dieses Monster von Film vor die Füße und lässt uns damit kommentarlos vollkommen allein. What the fuck is going on?!

 

6 von 10 Türen in Form einer Vagina (vorläufig!)

 

 

Doctor Strange

2. November 2016 at 13:42

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures

 

 

 

„This doesn’t make any sense. – Not everything does. Not everything has to.“

 

 

 

Dr. Stephen Strange ist ein brillanter wie arroganter und überheblicher Neurochirurg, der nach einem schweren Autounfall irreparable Nervenschäden an seinen Händen davon trägt und seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Nachdem er jede noch so experimentelle Behandlungsform traditioneller, westlicher Medizin ausgeschöpft hat und ihm keine helfen konnte, sucht er verzweifelt sein Heil in fernöstlichen Praktiken und reist nach Nepal. Dort wird er nicht nur geheilt, sondern auch eingeweiht in die Geheimnisse uralter magischer Künste, denn was er anfangs noch herablassend als Humbug abtut, dient einem erlesenen Kreis mächtiger Magier zur Verteidigung der Menschheit….

 

Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk produziert Disney Film um Film für sein Megaprojekt MCU, erweitert eifrig seinen filmischen Kosmos und beginnt nun langsam aber sicher Phase 3 seines Masterplans auszubauen. Abermals muss mit Doctor Strange nach den Guardians of the Galaxy und Ant-Man nun eine weitere Figur aus der zweiten, nicht ganz so bekannten Reihe herhalten, und erstaunlicherweise kann auch diese deutlich besser überzeugen als viele der bereits etablierten Figuren. Überraschend dabei ist neben der mit Benedict Cumberbatch, Mads Mikkelsen und Tilda Swinton wohl hochkarätigsten Besetzung bisher im MCU überhaupt vor allem auch die Wahl von Scott Derrickson als Regisseur, der zumindest mir vorher kein Begriff war. Eine kurze Recherche ergab mit Hellraiser: Inferno, The Exorcism of Emily Rose, Sinister und Deliver Us from Evil eine handvoll überwiegend aus dem Horror stammende, allenfalls mittelmäßige Filme, zu denen sich dann noch das vergessenswerte Remake von The Day the Earth Stood Still gesellt. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen, wer vermag das schon so genau zu beurteilen, ist Doctor Strange als inzwischen bereits vierzehnter Beitrag im MCU und zweiter in dessen Phase 3 erfrischend genug anders geraten als die meisten übrigen Filme des Universums, bedient sich dabei aber immer noch dessen typischen erzählerischen Duktus, der ihn ganz klar als Marvelfilm kennzeichnet. Allerdings sollte man auf der erzählerischen Charakterebene keine Innovationen erwarten, denn hier bedient Doctor Strange die klassischste von allen nur denkbaren Origin Stories und deckt sich überwiegend mit der von Tony Stark/Iron Man, wenn das arrogante und überhebliche Genie durch ein einschneidendes Ereignis seine Läuterung erfährt und fortan seine eigentliche Bestimmung findet. Nennenswerte erzählerische Neuerungen oder Risiken, die eingegangen werden, gibt es nicht, und der Rhythmus ist klar vorgegeben und beschreitet gewohnte Wege. Mit dem Einführen der Magie und dem damit verknüpften Konzept der multiplen Universen und Dimensionen jedoch stößt Marvel die Tür zu ungeahnten Möglichkeiten weit auf und fügt seinem Kosmos einige ganz wunderbare Ideen hinzu, mit denen nicht nur Doctor Strange auf faszinierende Art und Weise umzugehen weiß, sondern die darüber hinaus noch spannende Gedankenspiele für die Zukunft implizieren. So ist Doctor Strange dann auch visuell buchstäblich atemberaubend und zelebriert ein überwältigendes Feuerwerk an Effekten, erschafft einen regelrecht psychedelischen und rauschhaften Wirbelsturm von Bildern und Eindrücken, von denen ich einige in solcher Form noch nie zuvor gesehen habe. Wer mich kennt, der weiß, dass ich alles andere als ein Freund des 3D bin, aber ich muss zugeben: für diesen Film lohnt sich das wirklich sehr, zumal es Regisseur Derrickson hin und wieder sogar gelingt, dieser eigentlich nur als Gimmick dienenden technischen Spielerei einen erzählerischen Mehrwert abzuringen. Dazu gesellt sich der bereits erwähnte starke Cast rund um Benedict Cumberbatch, der seinen Dr. Stephen Strange zwar nicht so herausragend spielt wie seinen Sherlock, aber dennoch eindrucksvoll genug auftritt, um der Mischung aus Tony Stark und Dr. House charismatisch Ausdruck zu verleihen und eine glaubwürdige, leicht gebrochene Heldenwerdung zu zeigen. Tilda Swinton fängt mit einer geradezu androgynen Vorstellung ganz hervorragend den mystisch-rätselhaften Geist von Strange´s Lehrmeister The Ancient One ein und die ganze Diskussion um das leidige Thema white washing hab ich sowieso nie verstanden. Die geradezu sklavische Ergebenheit gegenüber den Comicvorlagen vieler Hardcorefans und Liebhaber der bunten Seiten empfinde ich in Bezug auf die filmischen Umsetzungen doch eher als störend und limitierend, sind Film und Comic letztlich doch verschiedene Medien, die sich nicht 1:1 aufeinander übertragen lassen. Aber wieder zurück zum Film: auch Chwitel Ejiofor (einigen vielleicht eher bekannt als „der Typ aus 12 Years a Slave„) als Baron Mordo weiß mit seiner ruhig zurückhaltenden Art, unter deren Oberfläche es allerdings zunehmend brodelt, zu überzeugen, und inhaltlich löst der Film seine Entwicklung sehr schön auf und deutet schon auf Zukünftiges hin. Dem tollen Mads Mikkelsen kommt dann der Part des Bösewichts Kaecilius zu als ehemaliger brillanter wie arroganter Schüler von The Ancient One, der ihre Lehren nicht länger anerkennen, sich ihren Regeln nicht länger unterwerfen wollte und ihr letztlich mit seinen Jüngern den Rücken kehrte. Zwar lässt sich seine Motivation durchaus verstehen und beschränkt sich nicht einfach nur auf stumpfe Allmachtsfantasien und Weltzerstörungspläne, dennoch bleibt die Figur erstaunlich eindimensional und blaß. Und der B-Movie Action-Mime Scott Adkins ist leider Gottes in seiner Funktion als eine Art Henchman von Kaecilius vollkommen verschenkt und bekommt kaum Gelegenheit seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Ein inzwischen alt bekanntes Problem des MCU, dass die Bösewichte meist nichts taugen. Kurioserweise gelingt es den Marvel-Serien wie Daredevil, Jessica Jones und Luke Cage um Längen besser glaubwürdige und vielschichtige Bösewichte zu erschaffen.

 

Doctor Strange ist ein ausgesprochen unterhaltsamer Beitrag zum MCU geworden, der auf erfrischende Art und Weise durchaus auch vom üblichen erzählerischen Korsett abweicht, dieser stetig wachsenden Welt neue, spannende Facetten verleihen kann und auch mühelos als Film für sich allein stehen kann. In Bezug auf die Origin Story des Helden gibt es zwar keine nennenswerten Neuerungen, aber die elegante Inszenierung, die überwältigenden visuellen Schauwerte, der angenehm auflockernde Humor und starke Darsteller wissen das mühelos zu kompensieren. Es ist bezeichnend, dass mit den Guardians of the Galaxy, Ant-Man und jetzt auch Doctor Strange die Figuren aus der zweiten Reihe des MCU mir dann doch meist besser gefallen als die der ersten Reihe rund um Captain America und Iron Man. So darf das gerne weitergehen.

 

8 von 10 flatterhaften Umhängen