Shortcut Vol. II: Everly

26. Februar 2017 at 13:15

 

 

  © Dimension Films

 

 

 

„That’s a lot of dead whores.“

 

 

 

Was für ein eigenartiger Film. Eigenartig, nicht zwangsläufig schlecht. Was jedoch zutrifft, ist der Vorwurf, dass Regisseur Joe Lynch und das Drehbuch recht viel Potential ungenutzt lassen. Irgendwie will der Film zu viel auf einmal in einem stark limitierten Setting, welches all diese Ideen gar nicht verkraften kann. Dazu wechselt ständig der Ton der Narrative: den Einstieg fand ich noch temporeich, spannend und gelungen, dann geht dem Spannungsbogen merklich die Luft aus, dann wird es reichlich bizarr und im letzten Akt wandelt sich Everly hin zu einem eher intimen Racheszenario. Letztlich quetscht Lynch sehr viel in seinen kleinen, von der Grundidee her eher minimalistischen Film und das will nicht so recht funktionieren. Das ist ein wenig schade, denn einige dieser kruden Ideen sind wirklich gut und machen Spaß. Zudem geizt Everly herzlich wenig mit dem roten Lebenssaft, aber wundert das einen, wenn Lynch zuvor Filme wie Wrong Turn 2 gemacht hat? Eher nicht. Comichaft übertriebene Gewalt inszenieren kann er und die richtigen Ideen hat er auch, aber das Setting von Everly ist zu eng konstruiert, um all das sinnvoll unterbringen zu können. Allein die Performance von Selma Hayek allerdings wertet den Film noch ein wenig weiter auf.

 

6 von 10 toten Huren auf dem Fussboden

 

 

John Wick: Chapter 2

22. Februar 2017 at 22:59

 

 

  © Summit Entertainmant

 

 

 

„The man. The myth. The legend. John Wick. You’re not very good at retiring.“

 

 

 

Eigentlich hatte der Profikiller John Wick geglaubt, seine Rückkehr aus dem Ruhestand sei nach seinem blutigen Rachefeldzug gegen den russischen Mafiaboss Viggo Tarasov und dessen Schergen nun endlich vorüber und er könne zurückkehren zu einem normalen Leben, da steht erneut jemand aus seiner Vergangenheit vor seiner Tür und fordert eine alte Schuld ein, die es zu begleichen gilt.

 

John Wick kam 2014 für mich aus dem nichts und glich einem Schlag mitten in die Fresse, so unvorbereitet traf mich die schiere Wucht dieses wahnsinnigen Filmes voller purer Kinetik und dank des hohen Tempos ohne nennenswerte Verschnaufpausen. Eine Art geistiges Erbe des 80er Jahre Actionkinos, welches sich wieder auf dessen ursprüngliche Qualitäten und Werte besinnt und über seine kompromisslose Action hinaus dazu noch ein Meisterwerk in Sachen visuellem Storytelling ist. Wie Chad Stahelski und David Leitch hier mit nur ganz wenigen Pinselstrichen diese vollkommen eigene Welt des John Wick entwarfen, das war einfach nur genial. Ich mag es immer wahnsinnig gern, wenn ein Film viel mehr über seine Bilder erzählt, als mich mit Dialogen zu erschlagen und den Erklärbär zu spielen. Wie dem auch sei, schnell wurde eine Fortsetzung angekündigt und bald machte sich leise Skepsis in mir breit. Würde man dieses Spektakel wiederholen können oder an einem zweiten Teil scheitern? Würden die Macher an ihrer direkten wie druckvollen Stilistik festhalten oder würde ein aufgrund des nicht gerade unerfolgreichen ersten Teiles höheres Budget spürbare Änderungen mit sich bringen? Berechtigte Fragen, aber nun, nach dem Kinogenuss von John Wick: Chapter 2 kann ich beruhigt verkünden: wenn überhaupt, dann steht der neueste Streich seinem Vorgänger in nur sehr wenigen Punkten nach und bildet eine überaus gelungene Fortsetzung, welche zum einen den geradezu mythischen Status seiner Hauptfigur (nicht immer, aber dazu später mehr) weiterhin zementiert, zugleich aber auch die Welt, in der John Wick sich bewegt, dem geneigten Zuschauer deutlich weiter offenbart als zuvor.

 

Zunächst beginnt der Film mit einem von der eigentlichen Handlung eher losgelösten Prolog, der voller Tempo und sehr actionreich klarmacht, woher hier erneut der Wind weht. Danach wir erst einmal das Tempo herausgenommen und Regisseur Chad Stahelski, diesmal ohne David Leitch an seiner Seite, beginnt, die eigentliche Geschichte zu etablieren. Drehbuchautor Derek Kolstad ändert am Grundkonzept recht wenig, optimiert allenfalls die eine oder andere Stellschraube und die eigentliche Story ist nach wie vor schlicht und dient kaum mehr als Vehikel für all die dynamischen Actionszenen, verlagert ihren Schwerpunkt aber zunächst einmal hin zu den Mechanismen und Eigenarten dieser seltsamen Welt voller Auftragskiller und Ganoven, die ihrem ganz eigenen Kodex folgen, vollkommen losgelöst von der Realität. Comichaft überzogen und stetig pendelnd zwischen ernsthafter Härte und augenzwinkernder Verspieltheit, baut der zweite Teil viele der bereits etablierten Elemente weiter aus und führt uns tiefer in diese mysteriöse Parallelwelt, deren Absurditäten man allerdings akzeptieren muss, um den Film auch wirklich genießen zu können. So ist es auch hilfreich, dass sich zahlreiche alte Weggefährten aus dem ersten Teil hier erneut wiederfinden und ein Gefühl der Vertrautheit und Kontinuität vermitteln, ist der erzählerische Tenor doch beinahe identisch. Zwar kratzt der fortschreitende Ausbau dieser filmischen Welt ein wenig am Nimbus von John Wick als stoischer Einzelgänger und der eine oder andere könnte das als leichten Kritikpunkt betrachten, mich persönlich jedoch hat das nicht so sehr gestört, dass es das Filmvergnügen für mich spürbar abwerten würde. So wird dann auch in der zweiten Hälfte der auf den ersten Blick eher lang anmutenden 120 Minuten Laufzeit (die letztlich dann doch schneller vergehen, als einem lieb ist) das Tempo wieder angezogen und der Film reiht nahezu eine waghalsige Actionsequenz an die nächste, wobei so manches Set Piece in inszenatorischer Hinsicht brilliant ist. Allein der finale Akt in einer Art surrealem Spiegelkabinett lohnt schon das Geld für die Kinokarte, ist diese Szene doch visuell einfach fantastisch umgesetzt, wenn dort beinahe jegliche Grenzen aufgehoben werden und die rein sinnliche Wahrnehmung der Action vollkommen über die logische Wahrnehmung dominiert.

 

Selten erlebe ich es, dass eine Fortsetzung ihrem furiosen ersten Teil in so wenig nachsteht, dass ich sie kaum schlechter bewerten kann. Natürlich verfügt John Wick: Chapter 2 nicht mehr über den schlagkräftigen Überraschungseffekt seines Vorgängers, der mehr oder weniger aus dem Nichts kam und vollkommen unvorbereitet einschlug, dafür aber versteht es der Film im Gegenzug sehr gut, punktuell in seiner Inszenierung nochmals einen drauf zu setzten und gibt sich sogar eher noch kompromissloser. Darüber hinaus erhalten wir noch mehr und vor allem auch tiefer gehende Einblicke in die überaus faszinierende wie zwielichtige und vollkommen fremdartig anmutende Zwischenwelt des John Wick, der dieser eigentlich nur noch entsagen will, sie ihn aber nicht lässt und abermals einholt. Das mag zuweilen vielleicht ein wenig entmystifizierend anmuten, offenbart aber auch neue Möglichkeiten für kommende Szenarien. Der dritte Teil scheint beschlossene Sache, ist das Ende von Chapter 2 doch ein mehr als nur deutlicher Hinweis, aber wenn die Qualitäten weiterhin auf solch hohem Niveau rangieren, dann dürfte auch ein weiterer Film sicherlich seinen Reiz haben. Ich jedenfalls hätte nichts dagegen.

 

9 von 10 kugelsicheren Abendgarderoben

 

 

Blood Father

15. Februar 2017 at 13:49

 

 

  © SND Films

 

 

 

„You sure are a good girl. You sure are. You sure… are.“

 

 

 

John Link ist ein in die Jahre gekommener Ex-Sträfling und trockener Alkoholiker, der sein altes Leben hinter sich gelassen hat und nun zurückgezogen in einem Trailerpark lebt und seinen Lebensunterhalt als Tätowierer verdient. Als plötzlich seine Tochter, die er jahrelang nicht mehr gesehen hat, vor seiner Tür steht und dringend seine Hilfe braucht, wird Link doch nochmal mit seiner eigentlich längst abgelegten Vergangenheit konfrontiert.

 

Der französische Regisseur Jean-François Richet ist mir bisher nur durch sein eher mäßiges und vor allem unnötiges Remake von John Carpenters Assault on Precinct 13 und durch die beiden Filme L’instinct de mort und L’ennemi public n°1 mit Vincent Cassel als französische Gangster-Ikone Jacques Mesrine aufgefallen. An manchen Stellen war zu lesen, Blood Father würde im Schaffen von Mel Gibson einen ähnlichen Stellenwert einnehmen wie Taken in dem von Liam Neeson, ihm also als gealterten Actionhelden einen zweiten Karrierefrühling bescheren. Damit lässt man allerdings Get the Gringo außer Acht, der bereits 2012 ganz ähnlich angelegt war. Aber gut, sei´s drum. Richet hat mit Blood Father einen ziemlich guten, stimmungsvollen Genrefilm abgeliefert, der anfangs sehr gut und bedächtig seine beiden Hauptfiguren einführt und sich ausreichend Zeit nimmt, um seine offensichtliche B-Movie-Handlung sorgfältig vorzubereiten. Stilistisch vermengt Richet einige Elemente aus Western, Roadmovie und Drama, abgeschmeckt mit einer Prise Sons of Anarchy, zu einem zwar überraschungsarmen, aber dafür enorm kurzweiligen und straff wie schnörkellos inszenierten Thriller, dessen Schwerpunkt keineswegs auf seiner Action liegt. Wer hier ein temporeiches Spektakel erwartet, welches Actionszene an Actionszene reiht, der ist mit Blood Father falsch beraten. Sicher kracht und knallt oft genug in den angenehm kurzen 88 Minuten Laufzeit, aber der Film bietet auch immer wieder ruhige Momente zum Durchatmen und kann durch einen hervorragenden Rhythmus glänzen ohne jemals künstlich aufgeblasen zu werden. Auch auf überflüssigen Schnickschnack in der Inszenierung wird hier weitestgehend verzichtet, die Action ist überwiegend herrlich altmodisch handgemacht und auf CGI wird glücklicherweise verzichtet. Die Actionszenen sind allesamt kurz und knapp gehalten und bodenständig umgesetzt, wodurch sie eine deutliche Intensität entwickeln können, die Blood Father sehr gut zu Gesicht steht und sich angenehm vom üblichen Action-Einerlei abzuheben weiß.

 

John Link ist der Inbegriff eines Antihelden – trockener Alkoholiker und Ex-Sträfling mit bewegter Vergangenheit in einer Bikergang auf der Suche nach Absolution für früherer Verfehlungen. Eine Rolle, die Mel Gibson wie auf den Leib geschneidert ist und die er glaubhaft und so sehr voller Inbrunst verkörpert, dass sein geerdetes Schauspiel verhindert, dass Blood Father in die typischen Klischeefallen tappt. So ist Mel Gibson dann wohl auch die größte Stärke des Filmes, aber zugleich auch ein Schwachpunkt, denn er gefällt sich selbst ein wenig zu sehr in seiner Rolle des auf den rechten Pfad zurückgekehrten Saulus voller biblischem Zorn. Ansonsten gibt es an Blood Father nicht viel zu mäkeln. Der Film ist angenehm knackig kurz, entfaltet einen guten Rhythmus zwischen Drama getriebenen und Action getriebenen Szenen und hat eine starke Hauptfigur. Die Action selbst ist bodenständig, altmodisch und gekonnt inszeniert. Kurzum: ein guter und stimmungsvoller Actionthriller, der seinem Genre zwar nichts neues hinzufügen kann, aber zu jeder Zeit zu unterhalten weiß. Nur eines hat mich ein wenig irritiert: warum musste sich Richet in einer Szene in einem Kino selbst referenzieren, indem sein Assault on Precinct 13 dort auf der Leinwand zu sehen ist? Kein richtiger Kritikpunkt, merkwürdig fand ich es dennoch. Aber gut, sei´s drum.

 

7 von 10 kunstvollen Tätowierungen

 

 

Lethal Warrior (Saat po long 2/ Kill Zone 2)

14. Februar 2017 at 12:39

 

 

 

  © Bravos Pictures

 

 

Drei Männer mit unterschiedlichsten Interessen stehen hier im Mittelpunkt eines wendungsreichen Katz – und Maus-Spieles: zum einen der Gefängniswärter Chatchai, der auf der verzweifelten Suche nach dem Mann ist, der mit seiner Knochenmarkspende das Leben seiner schwerkranken Tochter retten könnte. Bei diesem handelt es sich um den drogensüchtigen Undercover-Cop Chan-Chi Kit, der in den Organhandel-Ring von Gangsterboss Hung Mun-Gong eingeschleust wurde. Letzterer benötigt dringend ein neues Herz, doch der einzige in Frage kommende Spender ist sein eigener Bruder. Ein Geflecht aus verschiedensten Motiven, Zielen und Plänen verwebt die Schicksale dieser drei Männer miteinander, doch nicht jeder von ihnen wird diese auch erreichen.

 

Von einer vertrauenswürdigen Quelle kam die Empfehlung, mir mal Lethal Warrior von Regisseur Pou-Soi Cheang anzuschauen, wenn ich die Möglichkeit hätte. Günstig beim Versandhändler meiner Vertrauens erstanden, wanderte der Film dann auch schnell bei mir in den heimischen Player. Und was soll ich sagen? An jeden, der etwas mit dem Hong Kong-Actionkino anfangen kann, gebe ich diese Empfehlung nun weiter. Lethal Warrior ist weit mehr als der durchschnittliche Asia-Klopper und hat einen spannenden und von seinen Charakteren und deren Motiven getriebenen Handlungsbogen, der letztlich kunstvoll wie elegant seine verschiedenen Erzählstränge zusammenführt und in einem emotionalen Finale auflöst. Auch wenn der Einstieg in die Handlung zunächst etwas konfus und unübersichtlich ausfällt, weil Details über die handelnden Figuren erst nach und nach preisgegeben werden, entfaltet sich doch schnell eine stringente, stetig anziehende Dramaturgie, welche sehr zielgerichtet einem großen Konflikt entgegen strebt. Der erzählerische Rhythmus ist hervorragend und Lethal Warrior beginnt ausladend wie bedächtig, zieht seine Kreise aber mit fortschreitender Handlung immer enger und verdichtet gekonnt Spannung und Action immer weiter, bis sich alles im letzten Akt entlädt. Gut, das Finale übertreibt ein wenig und nutzt vielleicht etwas zu viele Spezialeffekte, bleibt aber auch dank der kunstvollen Inszenierung nicht weniger spannend. Die zunächst noch ruhige Einführung der Figuren sowie deren Entwicklung steht gleichberechtigt neben druckvollen Kampfszenen und spektakulären Shootouts. Ein großes Highlight ist sicherlich eine furios inszenierte Gefängnisrevolte, aber Glanzpunkte gibt es einige zu bestaunen, ist die Action in Lethal Warrior doch meist von großer Kinetik, deren Wirkung nur noch verstärkt wird, indem sie mit einer nicht zu verachtenden Emotionalität einher geht. Zudem hat der Film einige kleine, aber hoch interessante wie ausgesprochen gelungene Ideen zu bieten, wenn zum Beispiel ein Smartphone – sonst oft ein schnell bemühtes Hilfsmittel für faule Drehbuchautoren – äußerst kreativ zum Einsatz kommt und auch die Sprachbarriere zwischen dem Thai Chatchai und dem Chinesen Chan-Chi Kit weiß Pou-Soi Cheang sinnvoll zu nutzen. Und ein ganz besonderer Reiz geht auch von der Figurenkonstellation selbst aus, wenn die Charaktere sehr viel weniger von ihren Beziehungen untereinander wissen als der Zuschauer. Sicher ist so mancher Moment theatralisch, einige sind sogar kitschig und emotional sehr überhöht, aber das ist von jeher auch immer Bestandteil eben jenes Hong Kong-Actionkinos der späten 80er und frühen 90er Jahre gewesen, in dessen Tradition sich Lethal Warrior überwiegend sieht. Ein Kritikpunkt, den ich dem Film durchaus verzeihen kann, aber ebenso verstehen kann, wenn das einigen dann doch zu sentimental ist.

 

Lethal Warrior ist zweifellos eine Empfehlung wert, denn Pou-Soi Cheang inszeniert seinen Film stilsicher, druckvoll und mit einer sehr guten Balance aus Action und Figurenentwicklung aus. Dazu sind mit Tony Jaa, Zhang Jin und Wu Jing einige der talentiertesten Kampfsportler der jüngeren Generation in teils erstaunlichen Set-ups zu bestaunen. Wer dem asiatischen Actionfilm grundsätzlich nicht abgeneigt ist und mit dem manchmal schwülstigen Pathos des Hong Kong-Actionkinos leben kann, der wird an Lethal Warrior seine Freude haben. Ich hatte sie jedenfalls.

 

7,5 von 10 gebrochenen Knochen