Der deutsche Genrefilm oder Trivialkultur vs. Hochkultur – eine unnötige Differenzierung

12. Februar 2017 at 15:31

 

 

 

Der deutsche Film taugt nichts. Der deutsche Film ist langweilig. Deutsche Filme schaue ich aus Prinzip nicht. Der deutsche Film schmort nur im eigenen Saft. Der deutsche Film lässt keine neuen Einflüsse mehr zu und zeigt weder den Willen, noch den Mut zur Entwicklung. Der deutsche Film besteht nur aus Tatort, Til Schweiger und Fack Ju Göhte, aus seichter Romantik, hohlem Witz und verbissen umgesetzten Stoffen der ureigenen Historie, Spießertum und Vorabendserie. Bis vor gar nicht so langer Zeit dachte ich in ähnlichen Bahnen, aber gerade im letzten Jahr begann sich diesbezüglich meine Wahrnehmung ein wenig zu verändern. Plötzlich waren da Filme wie Victoria von Sebastian Schipper, Der Nachtmahr von Achim Bornhak – vielleicht eher bekannt unter seinem Künstlernamen Akiz – oder Der Bunker von Nikias Chryssos, die neue Wege aufzeigen, ein junges, wildes, unverbrauchtes deutsches Kino, welches unter Beweis stellt, dass es sie sehr wohl gibt dort draußen, die kreativen Filmemacher voller Ideen, dass sie aber auch kaum bis gar nicht die Möglichkeiten haben, ihre Ideen auszuarbeiten, umzusetzen und zu verwirklichen. Leute wie Adolfo Kolmerer, Krystof Zlatnik, Felix Koch oder Dennis Gansel sind leise auf dem Vormarsch und zeigen: Es gibt ihn, den deutschen Genrefilm, aber er fristet ein trauriges Nischendasein ohne ernstzunehmende Plattform, ohne nennenswerte Unterstützung und ohne zugkräftige Förderer. Die Ideen und die Leidenschaft der Filmschaffenden gibt es zwar, aber sie können sich kaum Gehör verschaffen, geschweige denn Projekte realisieren. Der Drang und Hunger nach mehr als nur Melodram, Krimi oder romantische Komödie ist also zweifellos vorhanden, aber Science Fiction, Horror, Fantasy, Action und  Themenbereiche wie Zeitreisen, Blut und Gewalt, Monster oder Raumschiffe genießen in der deutschen Filmlandschaft einfach keinen besonderen Stellenwert oder stoßen gar auf unverhohlene Ablehnung. Im Ausland ist oftmals der Genrefilm, also im Sinne des Unterhaltungsfilms, tonangebend und der Kunstfilm muss sich daran ausrichten und um seine Berechtigung kämpfen, nur in Deutschland ist das anders. Warum eigentlich?

 

Das verlangt der Markt nicht und was der Markt nicht verlangt, damit verdienen wir kein Geld, argumentiert die Industrie. Aber dass dieses Thema nicht ganz so einfach ist, dass soll dieser Text ein wenig versuchen aufzudröseln. Die strukturellen Probleme beginnen schon ganz am Anfang, im Kleinen, nämlich in den Vorlesungen und Seminaren der Filmhochschulen. Natürlich lehren und lernen dort fähige wie talentierte Leute, das steht außer Frage. Aber stilistisch ist man dort relativ altmodisch orientiert und ebenso wie die deutsche Filmkultur an sich nur sehr bedingt experimentierfreudig, was letztlich auch Sinn ergibt, wenn auch dort nur die Dramen, Komödien und historischen Stoffe im Vordergrund stehen. Im Umkehrschluss zu eben: was der Markt verlangt, damit verdienen wir Geld, und womit wir Geld verdienen – was also etabliert ist und erwiesenermaßen funktioniert – das fördern wir auch bereitwillig. Inklusive Scheuklappen und herzlich wenig Blicke nach rechts oder links oder gar über den Tellerrand hinaus. So kompetent die Dozenten auch sein mögen, oftmals mangelt es ihnen schon am Verständnis dafür, wie grundlegend Spannung in einem Film erzeugt werden kann, weil sie sich viel zu selten damit haben befassen müssen. Zudem lassen an den Filmhochschulen die meist doch stark verfestigten Strukturen generell kaum zu, dass Einflüsse von außen in die inneren Kreise vordringen könnten. Insofern dreht man sich dann schnell im Kreis und produziert nur immer und immer wieder die gleichen oder sehr ähnliche Inhalte, Ideen und Methoden verbreiten sich gewissermaßen beinahe inzestuös. Bereits hier, quasi an der Wurzel der Elite, sollte angesetzt und festgefahrene Strukturen aufgebrochen werden, um einfach neue Einflüsse von außen, eben auch aus anderen Bereichen, aus Horror, Thriller, Science Fiction, Fantasy oder was auch immer, zulassen zu können. Zu Beginn dieser augenscheinlich nur schwer zu durchdringenden Kette steht also die Industrie mit dem Ziel, den Markt zu bedienen, und an ihrem Ende stehen reihenweise junge Filmhochschul-Absolventen, mit den Werkzeugen ausgestattet, den Markt zwar zu erweitern, aber nicht immer auch zu bereichern.

 

Zudem ist das deutsche Publikum quasi seit Jahrzehnten darauf konditioniert, dass der Genrefilm in Deutschland nicht funktioniert und allenfalls müde belächelt wird, aber keinesfalls ernstgenommen. Zu sehr sitzt immer noch die Trennung von Anspruch und Unterhaltung in den Köpfen fest, zu sehr pocht die deutsche Filmlandschaft ebenso wie ihr Publikum immer noch auf die ganz klare Unterscheidung zwischen Trivial – und Hochkultur. Was letzten Endes Quatsch ist, denn Unterhaltung und Anspruch müssen sich doch nicht immer zwangsläufig widersprechen und sich gegenseitig ausschließen, aber man gefällt sich in Deutschland doch sehr in seinem kulturell elitären Anspruchsdenken. Der deutsche Film besticht leider immer noch sehr stark durch seine realistische Art, fernab jeglicher Fantasie und filmischer Überhöhung, und Begriffe wie realistisch werden immer noch viel zu oft mit Begriffen wie anspruchsvoll verwechselt. In Deutschland wird Film meist nur noch verwaltet und nach engen, stark abgesteckten Regeln produziert. Filmkultur ist eigentlich ein von unzähligen individuellen künstlerischen Leistungen bestimmter Prozess, in dem eben gerade nicht über Verordnungen, Satzungen, Paragrafen und politischen wie religiösen Übereinkünften Filme entstehen, sondern vielmehr über den Wunsch sich auszudrücken, dem Sprengen von Grenzen und künstlerischer Reflektion. So gesehen Leben wir in einem Land ohne eigene Filmkultur und mit einem seltsamen Mangel an einer eigenen filmischen Identität, einer Art Geschmacksinstanz. Selbst ein international gefeierter und viel bepreister Genrefilme wie zuletzt beispielsweise Der Nachtmahr wurde in Deutschland erst dann entsprechend wahrgenommen und gewürdigt, nachdem das Ausland sein Lob ausgesprochen und Preise verliehen hatte. Da mangelt es ganz offensichtlich an Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und an die jungen, wilden Filmemacher da draußen, die Genrefilm machen wollen und können und geradezu darauf warten, gefördert zu werden. Natürlich können wir mit Hollywood und seinen riesigen Budgets nicht mithalten, aber das können die Briten, die Franzosen, die Spanier oder die Skandinavier auch nicht, was sie trotzdem nicht davon abhält, spannendes und unterhaltsames Genrekino abzuliefern und voranzutreiben.

 

Aber nach und nach entsteht eine Szene, die mehr und mehr zusammen wächst, die Netzwerke und Plattformen bildet und Programme zur Förderung junger deutscher Regisseure auf die Beine stellt. Und ein ganz wunderbares Ergebnis eben solcher Netzwerke ist die Genrenale, ein kleines Festival rund um den deutschen Genrefilm, welches dieser Tage nun schon sein fünftes Jahr hinter sich haben wird und immer weiter wächst und größer wird. Jedes Jahr parallel zur Berlinale von Paul Andexel und Krystof Zlatnik veranstaltet, versteht sich die Genrenale keineswegs als Gegenbewegung zu Deutschlands größtem und etabliertestem Filmfestival. Im Gegenteil, den Machern geht es vielmehr um Diversität, um Vielfalt und stilistische Ausweitung statt um Abgrenzung und vor allem um die Erweiterung des filmischen Horizonts. Die Genrenale versteht sich als aktiver Teil einer langsam aufkeimenden Bewegung, die Filme marktorientierter, publikumsorientierter und mit möglichst großer kreativer und inszenatorischer Freiheit möglich machen will. Die die Wahrnehmung beim Publikum für solche Filme aus Deutschland steigern will, denn der deutsche Film hat den Kampf um das Publikum bereits vor Jahrzehnten aufgegeben. Das Ziel ist, dem Publikum den Unterhaltungsfilm wieder nahe und auf die große Leinwand zu bringen und in kreativen Austausch zu treten. Filme, für die man ins Kino gehen will, und eben nicht Filme für Kulturhistoriker und Analysten. Es wird vermutlich keinen sofortigen Effekt haben, aber Nährboden ist da, wird mehr und mehr beackert und die Saat beginnt, langsam aufzugehen. Und wer weiß, vielleicht wird sich die deutsche Filmlandschaft in den kommenden Jahrzehnten nach und nach verändern. Zu wünschen wäre es ihr wie uns.

 

 

Imperium

4. Februar 2017 at 13:02

 

 

  © Lionsgate Premiere

 

 

 

„We all create a narrative based on what we think is important.We see what we want to see. But just because you’re not looking at something… doesn’t mean it’s not there.“

 

 

 

Nate Forster ist ein eher unscheinbarer und introvertierter Analyst beim FBI. Seine Vorgesetzte jedoch erkennt in ihm das Potential zum Undercover-Agenten und wählt ihn für einen Einsatz aus. Das Ziel ist es, ein rechtsextremes Netzwerk zu infiltrieren, dessen Mitglieder einen Anschlag mit einer schmutzigen Bombe zu planen scheinen. Anfangs fällt es Nate noch schwer zu erkennen, wer innerhalb der Szene nur lautstarkes Großmaul ist und wer wirklich Pläne schmiedet, doch mit zunehmender Zeit undercover dringt er immer tiefer in diese Welt voller Rassenkriegsideen und zionistischen Verschwörungstheorien vor und sieht sich zunehmend mit Problemen konfrontiert.

 

Schon mit der allerersten Einblendung zu Beginn von Imperium etabliert Regisseur Daniel Ragussis das zentrale Motiv seines Filmes, wenn er ein nachträglich Hitler zugeordnetes Zitat einblendet und so die manipulative Macht des gesprochenen Wortes in den Mittelpunkt rückt. Words build bridges into unexplored regions. Das ist ein interessanter Ansatz, der immer wieder im Film auftaucht und auch die Neonazi-Szene als Objekt der Infiltration gibt einiges her. Darüber hinaus ist zwar Imperium handwerklich gelungen, stilistisch aber eher Mittelmaß und arbeitet sich Punkt für Punkt durch die Checkliste für den Undercover-Thriller. Neues kann Ragussis dem Genre nicht hinzufügen und abgesehen von seinem Milieu kann sich sein Film kaum bis gar nicht von anderen Vertretern dieser Disziplin abheben. Imperium ist sehr langsam und zurückhaltend inszeniert, verlässt sich überwiegend auf seine Atmosphäre und rückt lieber seine Hauptfigur und deren schwierigen Spagat zwischen zweier grundlegend verschiedener Welten in den Vordergrund, statt auf Action oder Gewalt zu setzen. Besonders hervorzuheben ist in meinen Augen neben der sehr guten darstellerischen Leistung von Daniel Radcliffe, der sich mehr und mehr von seiner Rolle des Harry Potter frei zu spielen scheint, vor allem die sehr differenzierte Betrachtung und Ausleuchtung der Neonazi-Szene. Weder wird hier Schwarz/Weiß-Malerei betrieben noch einfach nur blindlings dämonisiert, sondern vielmehr auf Zwischentöne gesetzt, um ein recht differenziertes Bild zu zeichnen. Nate trifft auf seinem Weg immer tiefer in diese ausgesprochen misstrauische Szene bei weitem nicht nur auf debile wie stumpfe Schlägertypen, die einem gemischtrassigen Paar am liebsten gleich an Ort und Stelle die Zähne ausschlagen würden statt auch nur eine Sekunde lang nachzudenken. Natürlich ist die Idee nicht neu, dass die eigentliche Gefahr viel mehr aus der bürgerlichen Mitte kommt, dass der integrierte wie anerkannte Anzugträger als geistiger Brandstifter und charismatischer Rattenfänger gefährlicher ist als der hohle und orientierungslose Springerstiefelträger, aber Imperium macht das gelungen nochmals deutlich. Beim vegetarischen Barbecue wird da inmitten biederster und spießigster Vorstadtkulisse fleißig networking betrieben und Cupcakes mit Hakenkreuzen gibt es auch. Da werden schon die Kinder auf den bevorstehenden Rassenkrieg vorbereitet, aus ethnischer Diversität wird im Handumdrehen der Genozid an der „weißen Rasse“ und zionistische Verschwörungen werden an jeder Ecke vermutet und gehören bekämpft.

 

Letztlich ist Imperium ein solider Beitrag zu den bereits unzähligen Undercover-Thrillern dieser Welt, welcher seinem Genre zwar nichts neues hinzufügen kann oder gar herausragt, seine Materie aber sehr wohl verstanden hat. Das Setting selbst ist angenehm unverbraucht und bietet genug Tiefe, um spannend zu bleiben, wird ungewöhnlich differenziert betrachtet und Daniel Radcliffe verkörpert seine Figur des Undercover-Agenten einnehmend und überzeugend. Nennenswerte Höhen und Tiefen gibt es hier ebenso wenig wie Anlässe zu Jubelarien oder Verrisse. Ist doch zu Abwechslung auch mal ganz schön.

 

6,5 von 10 mit Hakenkreuzen verzierte Cupcakes