Arrival

28. März 2017 at 11:51

 

 

  © Paramount Pictures

 

 

 

„Language is the foundation of civilization. It is the glue that holds people together. It is the first weapon drawn in a conflict.“

 

 

 

Eines Tages landen urplötzlich zwölf riesige, außerirdische Raumschiffe an zwölf verschiedenen Orten überall auf der Erde, doch was sie wollen oder woher sie kommen, das ist vollkommen unklar. Nachdem erste Kontaktversuche scheitern, engagiert das US-Militär die renommierte Linguistin Dr. Louise Banks und den Physiker Dr. Ian Donnelly, um die Sprache der Außerirdischen zu entschlüsseln und somit auch ihre Absichten zu offenbaren. Da diese Wesen auf einer vollkommen anderen Grundlage kommunizieren als der Mensch, ist die sprachliche Annäherung ein ausgesprochen mühsames Unterfangen, welches nur sehr langsam vor sich geht. Doch da sich global die politische Lage mehr und mehr verschärft, läuft den beiden Wissenschaftlern zusehends die Zeit davon.

 

Ich werde nicht müde, immer und immer wieder zu betonen, was für ein talentierter wie spannender Regisseur Denis Villeneuve doch ist. Polytechnique, Incendies, Prisoners, Enemy und Sicario sprechen da in meinen Augen für sich und nun, nach Arrival, habe ich auch keine Angst mehr um seine Fortsetzung eines meiner absoluten Lieblingsfilme und sehe Blade Runner 2049 nun deutlich gelassener entgegen. Sein Arrival beruht auf der Kurzgeschichte Story of Your Life von Ted Chiang, welche sich der Frage widmet, was wirklich passieren würde, wenn plötzlich außerirdische Wesen unseren Planeten besuchen würden, und verknüpft diese Gedanken mit einem emotionalen Subplot. Arrival greift das auf und entwickelt diese Ideen weiter. Thematisch steht ganz eindeutig sogar in zweifacher Hinsicht Kommunikation im Vordergrund. Zunächst auf der eher kleineren Ebene um die Kontaktaufnahme selbst, das grundlegende Verstehen und das Verständnis zwischen zwei völlig verschiedenen Welten. Was ist Sprache? Welche Bedeutung hat sie? Wie wird kommuniziert? Wörtlich oder bildlich? Können elementare Konzepte des jeweils anderen überhaupt verstanden werden? Diesem weiten und auch spannendem Feld widmet sich die rund erste Hälfte von Arrival, ohne dabei zu trocken zu wirken, denn die Faszination der Fremdartigkeit überwiegt. Im weiteren Verlauf verlagert sich die Kommunikation dann auch auf eine weitere Ebene, wenn es um Diplomatie, um Vertrauen und Kompromisse sowie um Fähigkeit geht, die eigenen Bedürfnisse zu Gunsten übergeordneter Ziele zurückstellen zu können. Betrachtet man die Geschichte des Science-Fiction-Filmes im allgemeinen und die des Invasions-Filmes im besonderen, dann überrascht es schon ein wenig, dass sich Villeneuve gerade eben nicht gleich in kriegerische Auseinandersetzungen mit den Neuankömmlingen stürzt, sondern vor allem den Konflikt innerhalb der menschlichen Spezies befeuert, welche sich, unwissend ob Herkunft oder Intention der Außerirdischen, in Unruhen, Aufstände und Plünderungen immer weiter hinein steigert.

 

Arrival kommt erzählerisch ungemein langsam daher, ist sehr reduziert, nicht so sehr thrillerartig spannungsgeladen wie Prisoners oder Sicario, aber dennoch auf seine ganz eigene Art und Weise spannend und für seine Thematik erstaunlich intim inszeniert. Deswegen aber ist Arrival keineswegs weniger dramatisch oder gar langweilig, wirft der Film doch geradezu essentielle Fragen über die menschliche Existenz auf, ohne dabei allzu oberlehrerhaft zu wirken, und verknüpft gekonnt das Schicksal der Menschheit mit dem persönlichen Schicksal seiner Protagonistin. Villeneuve aber lässt seine Erzählstruktur immer wieder brüchig werden und streut losgelöst vom Geschehen mehrfach hineinragende Sequenzen ein, welche aus dem Inneren von Louise zu kommen scheinen – Flashbacks, Visionen, Einbildung oder Erinnerungsfetzen, die sich immer wieder um ein zu Beginn des Filmes in bester Terrence Malick-Manier etabliertes Motiv drehen: den frühen Tod ihrer Tochter. So erzählt Arrival auch nur vordergründig eine Geschichte über den Besuch von Außerirdischen auf der Erde, wendet sich zusehends anderen, viel intimeren Themen zu, zeigt sich in seiner Gesamtheit deutlich vielschichtiger als ursprünglich gedacht und offenbart eine klug durchdachte und zunehmend packende Geschichte innerhalb seiner Geschichte, die am Ende jede Menge Diskussionspotential bieten wird und aktueller kaum sein könnte, soviel ist gewiss. Arrival ist zwar überwiegend in vielen eher dunklen Grau – und Blautönen gehalten, dennoch aber visuell absolut umwerfend. Allein das Design der außerirdischen Raumschiffe zeigt, dass Villeneuve sein Thema doch grundlegend anders angeht als dies bisher so oft der Fall war. Sind doch oft sowohl die Außerirdischen als auch deren Technik nur unschwer als denkbare Variante des uns bereits Bekannten zu identifizieren, erscheinen hingegen die Raumschiffe in Arrival wie die Manifestation eines fundamental Anderem fernab jeglichen bekannten Designs und erinnert am ehesten noch an den schwarzen Monolithen aus Stanley Kubricks Film 2001. Konsequenter Weise verweigern sich diese Flugkörper dann zunächst auch jeder rationalen Ergründung, wenn sogar die uns bekannten Gesetze der Physik in deren Innern keine Anwendung mehr finden. In diesem Kontext müssen auch unbedingt noch der Soundtrack und das Sounddesign erwähnt werden, die beide zusammen mit dem Look des Filmes Hand in Hand gehen und eine überwältigende Symbiose hervorbringen, die große Teile der fremdartigen Atmosphäre bestimmt. Die Filmmusik stammt erneut aus der Feder des isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson, der zuvor bereits Prisoners und Sicario mit seinen dröhnenden und wabernden Klängen zu veredeln wusste, und in Kombination mit dem Sounddesign von Sylvain Bellemare und seinem Team – insbesondere die Akustik der Außerirdischen ist beeindruckend –  ensteht eine unwirkliche, fremde und rätselhafte Stimmung, die nochmals sehr schön unterstreicht, wie sehr sich die Außerirdischen in allen Belangen von allem unterscheiden, was uns bekannt ist.

 

Insgesamt ist Denis Villeneuve mit Arrival erneut ein sehr guter Film gelungen und bietet dem geneigten wie aufgeschlossenem Zuschauer intelligentes wie gleichermaßen emotionales Science-Fiction-Kino der etwas besonderen Art. Nicht alles ist perfekt und gerade zum Ende hin tappt das Drehbuch in die eine oder andere Klischeefalle (Stichwort: ausgelutschte Feindbilder) und zieht vielleicht etwas zu sehr das Tempo in Richtung zugespitztem Konflikt an, aber das sind dann auch nur Abzüge in der B-Note, denn Arrival macht sehr viel anders als gewohnt und trotzdem richtig. Leider habe ich den Film (wie schon Sicario) nicht im Kino erleben können, doch da gehört er zweifellos hin, auf die große Leinwand, um seine Pracht vollends entfalten zu können. Arrival ist Kino für die Sinne, für den Kopf und für das Herz gleichermaßen, wirkt zwar bedrückend und düster, aber keineswegs hoffnungslos, und ist auch ein Plädoyer für Solidarität, Einigkeit und Zusammenhalt. Eine zwar sehr offensichtliche, in der heutigen Zeit aber kaum weniger wichtige Botschaft. Oder um Wittgenstein zu zitieren: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

 

9 von 10 Hektapoden

 

 

Kong: Skull Island

18. März 2017 at 12:27

 

 

  © Warner Bros.

 

 

 

„This planet doesn’t belong to us. Ancient species owned this earth long before mankind. I spent 30 years trying to prove the truth: monsters exist.“

 

 

 

Der Vietnamkrieg ist gerade vorbei, da wittert Bill Randa von der Regierungsorganisation Monarch seine Chance, die sagenumwobene Insel Skull Island einer näheren Untersuchung zu unterziehen und überzeugt einen US-Senator davon, ein Expeditionsteam zu genehmigen. So macht sich eine kleine Gruppe bestehend aus Wissenschaftlern, Militär und Zivilisten und angeführt vom Abenteurer James Conrad auf den Weg durch eine gigantische Sturmfront, die Skull Island permanent im Verborgenen hält. Kaum auf der Insel angekommen, werden sie bereits vom gigantischen Riesenaffen Kong attackiert, dezimiert und quer über die ganze Insel verteilt.

 

Wenn sich riesige Monster auf der großen Leinwand gegenseitig die Köpfe einschlagen, dann hat das Kind in mir seine helle Freude an dem dargebotenem Spektakel. Egal, ob Filme wie Godzilla, Pacific Rim oder eben jetzt die neueste Inkarnation des King Kong, da fühle ich mich beinahe immer bestens aufgehoben. Und auch Kong: Skull Island konnte mich in Aufregung versetzen, wurde mir doch so ziemlich alles geboten, was mein Herz begehrte. Ich habe fette und spektakuläre Monsteraction erwartet und fette und spektakuläre Monsteraction bekommen. Mehr braucht es in diesem Kontext für mich dann auch gar nicht mehr um mich zu unterhalten. Umso angenehmer empfand ich es, dass der mir bisher unbekannte Regisseur Jordan Vogt-Roberts gar nicht erst zu vertuschen versucht, welchen Geistes Kind sein Film ist, und von der ersten Minute an vollkommen dazu steht, nicht mehr zu sein als bloßes Effektspektakel. Das versprüht auf jeden Fall seinen ganz eigenen Charme, zeugt von der reinen Lust am Fabulieren und zelebriert einen scheinbar grenzenlosen Gigantismus, ganz unkompliziert und ohne unnötige Umwege über story telling. Die Geschichte selbst von Kong: Skull Island ist schlicht und leicht zu überschauen und auch die Charaktere sind nicht viel mehr als bloße Stereotypen und klischeehafte Abziehbilder, bei denen meist völlig egal ist, wer überlebt oder stirbt, doch das alles ist mehr oder weniger egal, wenn Kong seinen Pfad der Verwüstung schneisenartig über die Insel zieht. In dem Kontext mutet es ein wenig eigenartig an, einen solch starbesetzten Cast einfach so zu verschleudern, denn Tom Hiddleston, Brie Larson, Samuel L. Jackson, John Goodman und John C. Reilly werden zu Gunsten der Monsteraction mehr oder weniger verheizt, aber dafür gibt es viel Spektakel zu bestaunen. Das Drehbuch verzichtet sogar auf den sonst oftmals üblichen Vorlauf (welchen Peter Jackson einst ein wenig übertrieben hat in meinen Augen – ich mag seinen King Kong gern, aber die ersten anderthalb Stunden haben durchaus ihre Längen, wie ich finde) und präsentiert seinen haarigen Star dem Publikum sehr schnell und ohne größere Einführung.

 

Und ist Kong erst einmal auf der Bildfläche erschienen, dann geht es auch schon Schlag auf Schlag zur Sache, denn er ist bei weitem nicht das einzige Monster auf Skull Island. Visuell sieht das alles dann auch fantastisch aus und kann punktuell sogar durch die eine oder andere ausgesprochen kreative Kameraperspektive überzeugen. Der 70er Jahre Soundtrack weiß zu gefallen, auch wenn klar ist, dass es sich dabei schon auch um einen Griff in die Trickkiste handelt, doch er lädt zum dezenten Mitwippen ein und täuscht über die eine oder andere erzählerische Schwäche hinweg. Auch der Humor, überwiegend transportiert durch John C. Reilly als Hank Marlow, weiß meist zu überzeugen und bildet einen angenehmen Gegenpol zu der Ernsthaftigkeit eines Samuel L. Jackson, der in bester Apocalypse Now – Manier Colonel Kurtz nachahmt und langsam dem Wahnsinn anheim fällt, besessen von der Idee, Kong zu töten. Überhaupt taucht Apocalypse Now recht häufig als Referenz in Kong: Skull Island auf: Look und vor allem die Farbgebung erinnern an Francis Ford Coppolas Meisterwerk, das Setting ist durchaus ähnlich, es gibt eine Bootsfahrt auf einem Fluss sowie Helikopterangriffe und Napalm, und auch einige Namen der Figuren lassen sich als Anspielungen lesen. Als sonderlich tiefschürfend erweisen sich all diese Verweise nicht wirklich, aber Apocalypse Now scheint ganz offensichtlich die größte Inspirationsquelle gewesen zu sein. Sogar dem großen Klassiker des italienischen Mondo-Genre Cannibal Holocaust wird in einer kurzen Szene Tribut gezollt und wer beide Filme kennt, der weiß ganz genau, was ich meine. Übrigens lässt sich anhand von Kong: Skull Island und Peter Jacksons King Kong sehr gut begrifflich differenzieren, wo der Unterschied zwischen einem Remake und einem Reboot liegt, denn Jackson nimmt ein in sich geschlossenes Werk und passt es erzählerisch und visuell moderneren Zeiten an, Jordan Vogt-Roberts hingegen nimmt die Figur an sich samt ihrer Heimat aus ihrem ursprünglichen Kontext heraus und erzählt eine völlig neue Geschichte. Die zudem im gleichen filmischen Universum spielt wie Gareth Edwards Godzilla und in einem gemeinsamen Zusammentreffen gipfeln soll.

 

Letztlich gibt es gar nicht so wahnsinnig viel über Kong: Skull Island zu sagen: er hat meine Erwartungen an ihn erfüllt, mir jede Menge fette Monsteraction geboten und das Kind in mir glücklich gemacht. Dass Handlung und Figuren flach und austauschbar bleiben, habe ich so im Vorfeld erwartet und in meinen Augen kann und darf man das einem solchen Film auch nicht ankreiden. Kong kommt schnell zur Sache, das macht Spaß und sieht toll aus. Was will man denn mehr in einem solchen Film? Ich wurde zwei Stunden lang gut unterhalten, hatte keine Langeweile und wurde in eine fantastische Welt entführt. Dafür sind Abenteuerfilme doch eigentlich gemacht, oder nicht?

 

7 von 10 zweckentfremdeten Bäumen im Kampf gegen Hubschrauber

 

 

 

 

Logan

13. März 2017 at 12:33

 

 

  © 20th Century Fox

 

 

 

„There’s no living with a killing. There’s no going back from it. Right or wrong, it’s a brand, a brand that sticks. There’s no going back.“

 

 

 

2029. Mutanten gibt es nur noch sehr wenige und seit 25 Jahren wurde kein neuer mehr geboren. Die wenigen noch lebenden verstecken sich vor der Regierung und den Reaver genannten Spezialeinheiten, die unter der Führung von Donald Pearce gnadenlos Jagd auf sie machen. Auch Logan/Wolverine ist im mexikanischen Grenzland untergetaucht, schlägt sich als Limousinenfahrer durch, versorgt gleichzeitig den demenzkranken Prof. X und will sich nur noch den gemeinsamen Traum eines eigenen Bootes erfüllen, um auf dem Meer leben zu können. Als die junge Mutantin Laura eher unfreiwillig in seine Obhut gelangt, muss Logan widerwillig zu seinem abgelegten Alter Ego Wolverine zurück finden und den Kampf gegen Pearce und seine Reaver aufnehmen, die Laura unbedingt zurück haben wollen.

 

Wenn ich mir einen Lieblings-Marvelhelden aussuchen müsste, dann wäre es wohl zweifellos Wolverine. Und das nicht nur wegen seiner Kräfte, sondern vielmehr wegen der faszinierenden Geschichte, die hinter dieser Figur steht. Der neueste filmische Beitrag dazu stammt von Regisseur James Mangold, der bis auf den durchaus verzichtbaren Knight & Day unter anderem die guten bis sehr guten Filme Cop Land, Identität, Walk the Line und Todeszug nach Yuma für sich zu verzeichnen hat, bis er 2013  die Regie für Wolverine: Weg des Kriegers antrat. Mit immer noch mäßigem Ergebnis aufgrund eines recht schwachen Drehbuches, wie sich herausstellen sollte, obwohl sein Film immer noch besser ist als der vollkommen vergessenswerte Vorgänger X-Men Origins: Wolverine. Umso erfreulicher also ist es nun, dass Mangold mit Logan in die Welt des Wolverine zurückkehrt und dieses Mal sowohl die Regie führte als auch das Drehbuch schrieb und sich vollkommen selbst verwirklichen konnte. Man spürt sofort seine Liebe zu der Figur des Wolverine. Eine Liebe, die Hugh Jackman als Darsteller ebenso teilt wie Ryan Reynolds zu Deadpool. Im Übrigen ist es nicht nur eine auf das Crossover-Marketing beschränkte Verbindung beider Projekte, eröffnete der Erfolg von Deadpool trotz seines R-Ratings doch überhaupt erst die Möglichkeit, Logan so zu realisieren, wie James Mangold es bedingungslos wollte. Dabei steht das R-Rating (welches sich Logan zweifellos redlich verdient hat) gar nicht mal so sehr im Vordergrund als vielmehr die Möglichkeit, kreative Entscheidungen treffen zu können, die dann vom Studio auch genauso abgesegnet werden.

 

Und wie Regisseur James Mangold letztlich dann seinen Film inszeniert, das sucht innerhalb des Genre zweifellos seines Gleichen und hebt sich geradezu überdeutlich von den oftmals grellbunten und verhältnismäßig harmlosen Comicwelten aus dem Hause Marvel ab. Logan ist minimalistisch gehalten, staubig, dreckig, brutal und ausgesprochen grimmig in seinem Tenor und mehr Drama und Road Movie mit Western-Einschlag als Comic-Blockbuster. Erzählt wird eine eher kleine, geradezu intime Geschichte, die viel von der irgendwie postapokalyptischen Welt um sie herum einfach ausblendet und sich vielmehr sehr auf ihre Figuren und deren Konflikte konzentriert. Zudem haben Handlungen nun endlich auch direkte und sehr spürbare Konsequenzen und bereits die aller erste Szene macht sofort klar, wohin hier die Reise geht. Logan ist erstaunlich brutal geraten (die deutsche FSK 16 Freigabe darf an dieser Stelle ruhig mal hinterfragt werden, fliegen doch buchstäblich abgetrennte Köpfe und Gliedmaßen in rauen Mengen durch die Gegend), jedoch verkommt die Gewalt hier nie zum reinen Selbstzweck, ist nie bloßer Schauwert, sondern vielmehr immer handlungsgetrieben und ein wichtiges, erzählerisches Stilmittel, um sowohl diese dreckige wie raue Welt als auch Logan selbst zu charakterisieren. Er ist spürbar innerlich zerrissen zwischen seiner menschlichen und animalischen Seite. „Nature made me a freak, man made me a weapon and God made it last too long“ wird er an einer Stelle im Film sagen und das trifft den Kern sehr gut. Er trinkt zuviel und trägt Selbstmordgedanken in sich, sein Körper ist geschunden von unzähligen Kämpfen und Wunden, und seine Kräfte lassen spürbar nach. Darüber hinaus kümmert er sich zusammen mit dem Mutanten Caliban um den inzwischen über 90jährigen und an Demenz leidenden Prof. X, dessen sporadische Anfälle eine Gefahr für die Menschheit sind. Für jemanden, dem wie mir die filmischen Verkörperungen von Logan und Prof. X in den vergangenen siebzehn Jahren ans Herz gewachsen sind, ist es hart mit anzusehen, wie brutal und gnadenlos der Film mit seinen Figuren umgeht, doch gleichzeitig ist diese logische Konsequenz auch überaus faszinierend. Insgesamt verhandelt der Film viele Facetten der Themen Vergänglichkeit und Sterblichkeit, auch wird Logan in gleich zweifacher Hinsicht mit seiner eigenen Jugend konfrontiert und muss sich seine Schwächen eingestehen und sich ihnen stellen.

 

Eine besonders große Stärke von Logan ist der Umstand, dass es sich dabei um einen stark Charakter getriebenen Film handelt und eben nicht um einen Action getriebenen Film, wie es sonst bei Comicverfilmungen der Fall ist. Phasenweise vergaß ich im Kino sogar, es eigentlich mit Superhelden zu tun zu haben. Es ist vielmehr ein Film über Charaktere mit einem Hauch von Superkräften und eben kein Film über Superkräfte mit einem Hauch von Charakter. In diesen Kontext passen dann auch die wirklich starken schauspielerischen Leistungen von Hugh Jackman, Patrick Stewart und vor allem auch von der elf jährige Dafne Keen als Laura. Jackman spielt seinen Logan unfassbar glaubwürdig als schwer gebrochenen Mann, verbittert und zerfressen von Schuldgefühlen, angeschlagen, traumatisiert von all seinen Erlebnissen und an den Grenzen seiner Kräfte angelangt. Ebenso ist Patrick Stewart großartig, ständig pendelnd zwischen völlig klaren Momenten und totaler Senilität, geplagt von seinen Anfällen, die ihn so unglaublich gefährlich machen für alle anderen Lebewesen, und der auch eine unglaublich erdrückende Schuld auf seinen gebrechlichen Schultern tragen muss. Die große Entdeckung aber ist zweifellos Dafne Keen, denn wie sie gerade zu Beginn des Filmes ihre rohe, geradezu animalische, gar nicht bis kaum sozialisierte Seite zum Ausdruck bringt, ist schlicht beeindruckend. Über weite Strecken im Film sagt sie nicht ein Wort, aber Körpersprache und Mimik reichen völlig aus und sprechen für sich, wenn sie sich mit geradezu unbegreiflicher Selbstverständlichkeit innerhalb dieses teils sehr brutalen Settings bewegt. Auf keinen Fall vergessen sollte man dabei, dass dieses kleine, elfjährige Mädchen annähernd keine Erfahrung vor der Kamera und schon gar keine in einer solch großen Produktion hat, aber eine verdammt gute Performance abliefert.

 

Zudem besticht Logan durch eine Intertextualität, die weit über das sonst für das Genre der Superheldenfilme so übliche, selbstreferenzielle Gebaren hinaus geht. Mangold geht mit seinem Film über den eigenen Kosmos hinaus und bezieht auch zahlreiche Verweise außerhalb der Comicwelt stark mit ein, wenn beispielsweise der Western Shane (1953) von George Stevens eine nicht gerade unbedeutende Rolle spielt, indem nicht nur zentrale Themen und Motive übernommen werden, sondern sich auch dramaturgische Elemente in Logan wiederfinden und spiegeln. Im gleichen Kontext stehen die sehr geschickt platzierten X-Men-Comics im Film, wodurch plötzlich eine Metaebene aufgemacht wird, die sogar Deadpool in den Schatten stellt, denn anhand dieser Comics verhandelt der Film die Frage, wie Superhelden grundsätzlich dargestellt werden. An diesem Punkt zieht Logan ganz klar eine Trennung zwischen der bunten Welt dieser Comics und der düsteren Realität und hinterfragt die Glorifizierung von Heldentum. Menschen sterben und das ist endgültig. Töten ist und bleibt Töten, Mord ist und bleibt Mord, auch wenn die Opfer vermeintlich böse Menschen sind. Eine bittere Erkenntnis, welche ich mir so immer wieder mal innerhalb des Genre gewünscht, aber nie bekommen habe. Zudem erinnert nicht nur Logans Look oftmals stark an das Videospiel Last of Us, auch das postapokalyptische Setting – wenn auch bei weitem nicht so ausgeprägt – wie vor allem die Vater-Tochter-Dynamik und das treibende Handlungselement der langen Reise unter widrigen Umständen mit konkretem Endpunkt lassen sich wiederfinden. Und das ist nur ein Teil all der Verweise und Bezüge, die auch einen Reiz des Filmes ausüben, und es lässt sich noch viel mehr entdecken.

 

Lange Rede, kurzer Sinn, denn ich könnte noch ewig so weitermachen: Logan ist ein grandioses Stück Film geworden, das nicht nur meine ohnehin schon hohen Erwartungen zu übertreffen vermochte, sondern darüber hinaus sein enges Genrekorsett gekonnt aufbricht und uns die wohl erste, wirklich erwachsene Comicverfilmung beschert. Die teils brutale Konsequenz des Filmes hat mich tatsächlich getroffen, berührt und mitgenommen. Vermutlich wird mich Logan in meinem Kopf noch eine ganze Weile begleiten. Ein wahrlich gelungener und würdevoller Schlussstrich unter siebzehn gemeinsame Jahre. Danke dafür.

 

10 von 10 Kugeln aus Adamantium

 

 

Ghostbusters (2016)

5. März 2017 at 17:14

 

 

  © Columbia Pictures

 

 

 

„Who you gonna call?“

 

 

 

Erin Gilbert steht kurz vor ihrer Promotion an der Columbia University und einer Festanstellung im Bereich der Teilchenphysik. Doch es taucht unliebsamer Ballast aus ihrer Vergangenheit in Form eines Buches über Geisterphänomene auf, einst gemeinsam mit ihrer Jugendfreundin Abby Yates geschrieben. Die steckt derweil zusammen mit der Ingenieurin Jillian Holtzman nach wie vor mitten in ihrer Erforschung des Übernatürlichem. Doch plötzlich wird die zunächst noch eher unfreiwillige Gruppe, später dann noch ergänzt durch die Mitarbeiterin der New Yorker U-Bahn Patty Tolan, mit einem tatsächlichen Geist konfrontiert. Als sich ähnliche Ereignisse immer öfter wiederholen, beginnen die vier ihren Kampf gegen allerhand Ausgeburten der Geisterwelt.

 

Ich beschäftige mich nun schon seit vielen Jahren recht intensiv mit dem Medium Film, aber einen solchen Hass wie bei Ghostbusters habe wohl noch nie erlebt. Was die Internet-Fangemeinde da schon sehr früh absonderte, war überwiegend kaum zu ertragen. Da hat der gemeine Nerd seine hässlichste Seite gezeigt, wenn schon von einer „Vergewaltigung“ des Originals fabuliert wurde, ohne dass es auch nur ein einziges Fitzelchen Film zu sehen gab, bloß weil die vier männlichen Protagonisten nun von Frauen verkörpert werden sollten. Unvoreingenommen scheint kaum jemand an das Reboot herangehen zu können. Ich muss gestehen, dass Ghostbusters nicht unbedingt zu meinen Lieblingsfilmen gehört, wodurch ich nicht zum harten Kern der zahlreichen Fanboys gehöre. Ich mag den ersten Teil immer noch sehr und schaue ihn auch immer mal wieder gerne, aber da gibt es andere Filme dieser Zeit, welche mir dann doch mehr am Herzen liegen und prägender für meine filmische Sozialisation waren. Und schon den zweiten Teil fand ich in vielerlei Hinsicht schwächer und letzten Endes sogar verzichtbar, denn sein Vorgänger hätte mühelos für sich allein stehen können. Allein der Erfolg von Ghostbusters legitimierte die Fortsetzung und ich finde auch, dass man das dem zweiten Teil anmerkt. Nun kommt also nach erheblichen, sich über Jahre hinweg ziehenden, Schwierigkeiten seitens der Produktion unterschiedlichster Art und einem Sturm massenhafter Fanproteste, doch noch ein Reboot. Immerhin ließ man schnell von der Idee einer Fortsetzung in Originalbesetzung ab (nach dem Tod von Harold Ramis wäre das ohnehin nicht mehr möglich gewesen), die in meinen Augen nicht funktioniert hätte. Ist also die teils harsche Kritik an Ghostbusters vollkommen überzogen oder vielleicht doch gerechtfertigt?

 

Gleich vorweg: die eventuell zu erwartende Vollkatastrophe blieb letztlich in meinen Augen aus. Ja, der Film ist nicht besonders gut, aber einen solchen Shitstorm ist er keineswegs wert. Eher ist Ghostbusters erschreckend belang -wie harmlos und würde ohne die geradezu hysterischen Proteste im Vorfeld vermutlich schnell in Vergessenheit geraten. Risiken jedenfalls geht hier niemand ein und ein Fanal für den Feminismus sollte man auch nicht erwarten. Insofern kann ich all das Gezeter nun nach dem Ansehen des Filmes von Paul Feig nur noch weniger nachvollziehen, geschweige denn verstehen, so egal wirkt er auf mich. Das große, beinahe alle Aspekte des Filmes überschattende Hauptproblem von Ghostbusters ist dann auch keineswegs die im Vorfeld so hart verurteilte Besetzung, sondern vielmehr das in nahezu allen Punkten unglaublich schwache Drehbuch. Das Tempo stimmt selten, das Timing von Action und Gags funktioniert oft nicht, die Balance zwischen erzählerischen und visuellen Momenten findet keinen guten Mittelweg und vor allem fällt der Humor insgesamt erschreckend flach und banal aus. Kaum ein Witz zündet wirklich, kaum eine Pointe geht auf. Zudem übertreibt es Regisseur Paul Feig mit all den Querverweisen und Zitaten in Bezug auf Ivan Reitmans Film von 1984 so sehr, dass sich die neue Truppe kaum wirklich entfalten kann und unter dieser Masse an augenzwinkernden Anspielungen einfach untergeht. In diesen Kontext passen dann auch all die sehr merkwürdigen, teils lustlos und sehr gezwungen anmutenden Gastauftritte alter Bekannter. Egal ob Bill Murray (der scheinbar sowas von keine Lust hatte), Dan Aykroyd, Sigourney Weaver, Ernie Hudson oder Annie Potts, nie fühlt sich der jeweilige Auftritt passend an oder würde sich homogen in den Film einfügen. Aber nicht alles war auch nur schlecht in Ghostbusters. Melissa McCarthy beispielsweise spielt für ihre Verhältnisse geradezu angenehm zurückgenommen und zeigt sich deutlich weniger laut und schrill als gewohnt. Ein kleines Highlight war für mich auch die wunderbar grimassierende Kate McKinnon, deren exaltiertes Schauspiel mir durchaus Spaß machte. Und Chris Hemsworth als tumber Sekretär Kevin kann in einer Szene meinen einzigen wirklichen Lacher für sich verbuchen, wenn er auf seine Brille angesprochen wird. Auch visuell ist Ghostbusters sehr gelungen und hübsch anzusehen, auch wenn das Finale es in gewohnter Blockbuster-Manier vollkommen übertreibt und zu Gunsten einer gigantischen CGI-Orgie die ohnehin schon wenigen erzählerischen Elemente vollends aufgibt.

 

Wie gesagt: das Reboot von Ghostbusters ist beileibe kein guter Film geworden, hat seine Probleme aber gewiss an ganz anderen Stellen, als zuvor erwartet. Und diese offenbaren dann auch gleich entlarvend die Probleme der Fankultur, welche immer wieder den kreativen Stillstand in Hollywood bemängelt, sich gleichzeitig aber furchtbar aufregt und zum Gralshüter aufschwingt, wenn dann doch mal Leute Dinge anders machen möchten. Folglich werden dann natürlich überwiegend Stoffe produziert, die mehr auf Nummer sicher gehen und dem geneigten Fanboy geben, was ihm am besten schmeckt. Eine reichlich fragwürdige Spirale der Entwicklung, die nun mit dem Reboot von Ghostbusters vorerst einen sehr unrühmlichen Höhepunkt findet und mich durchaus nachdenklich stimmt.

 

4 von 10 Pfützen aus glibbrigem Ektoplasma