Johnny Mnemonic

29. April 2017 at 13:18

 

 

  © TriStar Pictures

 

 

 

„What causes it? This causes it! This causes it! This causes it! Information overload! All the electronics around you poisoning the airwaves. Technological fucking civilization. But we still have all this shit, because we can’t live without it.“

 

 

 

Johnny ist Schmuggler und seine Ware sind Daten. In seinem Kopf gespeicherte Daten, die er selbst nicht kennt und auf die nur der Empfänger mittels eines speziellen Codes zugreifen kann. Als bei seinem nächsten Job seine Auftraggeber noch während der Datenübertragung von Yakuza-Killern getötet werden und auch er nur knapp entkommen kann, befindet er sich fortan auf der Flucht und versucht verzweifelt, die Daten wieder aus seinem Kopf zu bekommen, denn eigentlich ist die Datenmenge viel zu groß für ihn und sein Speicher überlastet.

 

Eines kurz zum Vorverständnis: ich bin ein riesen großer Fan von William Gibson. Seit mir im zarten Alter von 15 oder 16 eher zufällig seine Neuromancer-Trilogie in die Hände fiel ist er sicher einer meiner Lieblingsschriftsteller und gesellt sich dort zu Namen wie Cormack Mccarthy oder Bret Easton Ellis. Kaum eine Romanreihe hat mich in meinem restlichen Leben mehr begleitet als diese, unzählige Male habe ich sie gelesen – zunächst mehrfach auf Deutsch und später auch im englischen Original – und das inzwischen ziemlich zerfledderte Exemplar steht auch heute noch hier im Regal und wird immer wieder gern hervor geholt. Schon nach den ersten paar Seiten war ich damals versunken in diese für mich so fremde wie faszinierende Welt, die Gibson dort erschafft, und geradezu verliebt in seine Sprache. Johnny Mnemonic von Regisseur und Konzeptkünstler Robert Longo ist meines Wissens nach die erste Verfilmung eines Stoffes von William Gibson, bei der er dann auch gleich das Drehbuch schrieb. Anders als bei dem drei Jahre später erschienenen New Rose Hotel, der zwar auch auf einer gleichnamigen Kurzgeschichte von Gibson beruht, aber das Drehbuch seinem Regisseur Abel Ferrara verdankt, ist der Schöpfer dieser Welt bei Johnny Mnemonic spürbar beteiligt. So erweitert er den Kosmos seiner Kurzgeschichte – die im gleichen Universum wie die Neuromancer-Trilogie spielt – teils um völlig neues, aber auch teils um Elemente aus anderen seiner Geschichten. So wird der Himmel der LoTeks  auch in der Vorlage erwähnt, aber für den Film versetzt Gibson ihn auf eine Brücke, die deutlich an die Oakland Bridge aus seiner Idoru-Trilogie erinnert. Auch die PharmaKom-KI in Johnny Mnemonic beinhaltet Elemente aus seinem Roman Neuromancer. Andererseits sind Figuren wie Spider oder der Prediger vollkommen neu und auch das Schwarze Zittern (NAS) findet sich in dieser Form nicht. Johnny, Jane (im Original eigentlich Molly, die auch in Neuromancer eine tragende Rolle hat), die Yakuza und ihr daumenloser Killer, der Delphin Jones und der Hehler Ralfi tauchen so auch mehr oder weniger in der Kurzgeschichte auf. So gelingt es Gibson also, den Inhalt seiner Story für das Drehbuch auszudehnen, ohne dass sich die neuen Elemente allzu fremd anfühlen, stammt all das doch aus dem gleichen Universum.

 

Als Johnny Mnemonic 1995 in die Kinos kam, da waren die Erwartungen an den Film recht hoch. Entsprechend tief war die Fallhöhe, entsprechend groß war die Enttäuschung darüber, lediglich einen doch sehr geradlinigen Actionplot mit eher typischer B-Movie-Dramaturgie serviert zu bekommen. So setzt auch Regisseur Longo lieber auf grelle Effekte und holzschnittartige wie schrille Figuren statt auf angedeutete Charakterentwicklung wie Gibson noch in seiner Kurzgeschichte, wo er mit wenigen Zeilen auf wenigen Seiten viel zu erzählen hat, wenn man denn aufmerksam hinsieht. Aber wie so oft liegt die Schönheit im Detail. Dass Robert Longo aus der New Yorker Kunstszene kommt, spürt man deutlich an den wundervoll detailfreudig und sehr originell ausgestatteten Setdesigns und Kulissen. Allein die Kommandozentrale der LoTeks rund um den drogensüchtigen Ex-Militär Delphin Jones weiß in all ihrem Detailreichtum zu begeistern. Zudem verzichtet Longo bei seinen Setdesigns durchgängig auf digitale Effekte, denn diese beschränken sich vielmehr allein auf die Visualisierung des Cyberspace. Somit entsteht ein ganz anderes Gefühl für die räumlichen Umgebungen und die Beschaffenheit der unterschiedlichen Kulissen. Die CGI-Effekte hingegen sind nicht sonderlich gut gealtert, glänzen aber auch durch eine sehr kreative Art der Inszenierung. Wie man hier versucht hat, den Cyperspace – William Gibsons Konsens-Halluzination – visuell darzustellen, das gefällt auch durch einen leicht naiven Charme. Und auch auf der darstellerischen Ebene hat Johnny Mnemonic einiges zu bieten, vereint der Cast doch eine illustre Runde an mehr oder weniger schillernden Persönlichkeiten. Keanu Reeves als Datenkurier Johnny bietet hier sein gewohnt stoisches Mienenspiel auf, was aber ganz wunderbar in den stilistischen Kontext des Filmes passt. Schauspielerisch spannender ist da schon zum Beispiel Udo Kier in seiner Rolle als Hehler Ralfi, denn es ist immer eine Freude für mich, das exaltierte Spiel dieses Mannes zu bestaunen. Oder die beiden zu der Zeit vollkommen abseitig besetzten Henry Rollins und Ice-T – der eine zeitweise  Sänger der New York Hardcore-Punk-Bands Black Flag und Rollins Band, der andere Rapper voller street credibility gemischt mit politischen Ambitionen und schauspielerischem Enthusiasmus – beide wissen auf ihre Art durchaus zu überzeugen. Abgerundet wird das Ensemble durch Namen wie Takeshi Kitano, Dolph Lundgren, Dina Meyer (die in Johnny Mnemonic ihre erste Filmrolle nach der Serie Beverly Hills, 90210 hatte und Dragonheart sowie Starship Troopers sollten folgen) oder die deutsche Schauspielerin Barbara Sukowa – alles in allem ein durchaus spannend zusammengestellter Cast.

 

Ja, Johnny Mnemonic hat zweifellos ganz offensichtliche Schwächen, aber dennoch mag ich ihn nach wie vor sehr. Das Drehbuch zum Beispiel hat so manche Probleme und William Gibson ist zwar ein fantastischer Schriftsteller, aber seine Stärken liegen dann doch an anderer Stelle und meines Wissens nach war das auch sein erster und letzter Ausflug in diese Gefilde. Nicht jede darstellerische Leistung kann überzeugen und so manche besticht vielleicht eher durch unfreiwillige Komik und trotz toller Setdesigns voller liebevoller Details sind die digitalen Effekte – allen voran die Animation des Cyberspace und das Finale – nicht allzu gut gealtert. Zudem ist aus filmhistorischer Sicht durchaus interessant, dass Johnny Mnemonic auch schon bestimmte Elemente des vier Jahre später erscheinenden Matrix vorweg nimmt. Letztlich ist Robert Longos Verfilmung der Kurzgeschichte von William Gibson tatsächlich kaum mehr als ein geradlinig erzählter B-Movie-Plot, macht das aber so charmant und detailverliebt, dass ich dem Film seine Schwächen nicht übel nehmen kann und ihn verteidige, wo ich nur kann.

 

7 von 10 drogensüchtigen Delphinen mit direktem Zugang zum Cyberspace

 

 

 

Zitat des Tages

21. April 2017 at 18:16

 

 

 

„The light that burns twice as bright burns half as long – and you have burned so very, very brightly.“

 

 

 

 

Shortcut Vol. III: Die Braut des Prinzen

19. April 2017 at 20:59

 

 

  © 20th Century Fox

 

 

 

„Hello. My name is Inigo Montoya. You killed my father. Prepare to die.“

 

 

 

Die Braut des Prinzen von Regisseur Rob Reiner hätte mir theoretisch seit meiner Kindheit bekannt sein müssen/sollen/können, fällt er doch in vielerlei Hinsicht in meine filmische Sozialisation. Aber es sollte nie dazu kommen und als ich nun eher zufällig auf den Film stieß und Menschen, deren Meinungen ich schätze, sich mehr als nur positiv äußerten, dachte ich mir: Zeit, das mal nachzuholen. Also wurde der Film gekauft, wanderte eines Tages bei einem Filmabend in den Player und wurde nach zehn Minuten wieder ausgemacht. Nicht der richtige Zeitpunkt, falscher Abend, falsche Stimmung. Dann folgte der zweite Versuch, allein, daheim, früher Nachmittag an einem Sonntag. Und was soll ich sagen? So ganz warm geworden bin ich mit Die Braut des Prinzen nicht, auch wenn viele seiner Zutaten mir auf dem Papier durchaus zusagen. Zunächst muss ich erwähnen, dass ich es sehr mag, wenn sich ein Film auch inhaltlich mit dem eigentlichen Kern eines jeden Filmes auseinander setzt: dem Erzählen einer Geschichte. Big Fish von Tim Burton oder The Fall von Tarsem Singh machen das zum Beispiel ganz wunderbar und auch Rob Reiner wählt hier einen ganz ähnlichen Ansatz für seine Verfilmung des Romanes von William Goldman. Die Braut des Prinzen funktioniert im Prinzip als parodistische Hommage an Märchen, gespickt mit Elementen alter Mantel-und-Degen-Filme und allerhand fantastischen Einlagen unterschiedlichster Couleur. Grundsätzlich eine verlockende Mischung, doch irgendwie fand ich nicht so wirklich einen Zugang in diese sehr eigene Welt voller maskierter Piraten, fechtender Räuber, finsteren Prinzen und hinterhältigen Intrigen. Phasenweise wurde ich angesichts nicht zu leugnender Wellen aus Kitsch, Pathos und doch zu albernen Humor immer wieder aus dem Film geworfen, auch wenn mir vieles gefiel. Allein die von Mandy Patinkin verkörperte Figur des meisterhaften und auf Rache sinnenden Fechters Inigo Montoya macht einfach Freude und seine eigenartige Freundschaft zu dem freundlichen wie höflichen Schläger Fezzik, den der Wrestler André the Giant geradezu sanftmütig spielt, machen schon Spaß. Auch Cary Elwes – der sechs Jahre später als Robin Hood in Mel Brooks famoser Komödie Man in Tights erneut seine Fechtkünste beweisen durfte – als Hauptfigur Westley macht eine gute Figur zwischen Slapstick und Anmut. Aber ebenso viele Figuren funktionieren nur bedingt bis gar nicht, viele Witze sind dann doch zu albern und oftmals ist Die Braut des Prinzen geradezu unerträglich kitschig. Letztlich aber liegt mein Problem mit dem Film vermutlich an anderer Stelle, denn es mangelt mir wohl einfach an der romantischen Verklärung vergangener Tage. Der Film ist eben kein Relikt meiner Kindheit, ich habe ihn eben nicht in jungen Jahren gesehen und schätzen gelernt. Würde ich heute im Alter von 36 zum ersten Mal die Goonies sehen…. möglicherweise könnte ich nicht allzu viel damit anfangen. Und da würden mir sicherlich noch andere Beispiele einfallen, bei denen der Kontext in Bezug auf mein Alter eine wichtige Rolle spielt. Vielleicht sogar Star Wars oder Indiana Jones. Vielleicht Stand By Me. Alles Filme, welche ich auf ihre Art liebe und in meiner Kindheit habe lieben lernen. Die Braut des Prinzen hat also durchaus seine Momente, aber unterm Strich stört mich dann aber doch zuviel, um in die Lobgesänge so vieler Altersgenossen einzuschwenken. Kurzweilig und zuweilen unterhaltsam allemal, aber zumindest mir fehlt die persönliche, romantisch verklärte Verbindung aus meiner Kindheit und ich habe den Film einfach viel zu spät gesehen, um ihn so richtig mögen zu können. Aber allein diese Erkenntnis ist auch schon viel wert in meinen Augen.

 

6 von 10 RVAGs (Ratten von außergewöhnlicher Größe)

 

 

War on Everyone (Dirty Cops)

9. April 2017 at 14:50

 

 

 

  © Saban Films

 

 

 

I always wondered: If you hit a mime, does he make a sound?

 

 

 

Terry Monroe und Bob Bolaño sind korrupte Cops, die sich quer durch Albuquerque, New Mexico, saufen und koksen. Sie ziehen Kleinkriminelle ab, rauben, betrügen, bedrohen, erpressen und verprügeln Verdächtige wann immer es ihnen hilft und sie davon profitieren können. Kompliziert wird es erst, als sich an einem für sie etwas zu großen Coup versuchen und damit die Aufmerksamkeit des britischen Gangsters Lord James Mangan auf sich ziehen, welcher fortan gnadenlos gegen die beiden vorgeht.

 

Die beiden Brüder Martin und John Michael McDonagh sind so etwas wie die Speerspitze des schwarzen Humors unter irischen Regisseuren. Während Martin mit Brügge sehen… und sterben? sein Debüt gab und dann mit 7 Psychos nach legte, da konnte auch sein Bruder John Michael mit The Guard und Calvary zwei Schwergewichte in puncto typisch britischem, tief schwarzem Humor für sich verzeichnen und liefert nun mit War on Everyone seinen dritten Film ohne dabei auch nur die geringsten Anzeichen erkennen zu lassen, mit seiner bisherigen Tradition zu brechen. So ist sein neuester Film dann auch vollkommen überdreht und geprägt von einem sehr gewöhnungsbedürftigen und eigenwilligen Humor, welcher sich überwiegend daraus speist, dass War on Everyone hemmungslos politisch unkorrekt daher kommt und nahezu alles und jeden zur Zielscheibe macht. Das ist grenzwertig, das kann man mögen, aber auch ablehnen. Wirklich zynisch ist der Film dann letztlich aber nicht, nimmt er sich doch über seine gesamte Laufzeit nicht wirklich ernst und auf einen sinnstiftenden Handlungsbogen, einen einheitlichen roten Faden, verzichtet McDonagh dann auch gleich völlig und legt die Erzählweise vielmehr episodenhaft an, beginnt irgendwo mittendrin im Geschehen und legt auffallend wenig Wert auf Struktur. Visuell ist War on Everyone durchaus hübsch anzusehen mit seinem sanften 70er Look. Dadurch, dass der Film zwar in der Gegenwart spielt, sämtliche Figuren aber gekleidet sind als wären sie direkt aus den 70ern entsprungen, und auch entsprechende Autos fahren, wirkt all das angenehm zeitlos und leicht entrückt. Überhaupt erinnert vieles oft an das Video zu dem Song Sabotage von den Beastie Boys, eine herrlich spaßige und wunderbar überspitzte Parodie der 70er/80er Copthriller. Was aber dort im kleinen Rahmen hervorragend funktioniert, nutzt sich hier schnell ab und langweilt irgendwann. Dann fällt auch schnell auf, dass die Figuren durch die Bank weg eindimensional sowie schrecklich klischeehaft gezeichnet sind, keinerlei Entwicklung durchmachen und gerade Monroe und Bolaño absolute Unsympathen sind. Natürlich soll das so sein, aber ohne einen entsprechenden Gegenpart oder zumindest eine wie auch immer geartete Form der erkennbaren Weiterentwicklung wird auch das schnell langweilig.

 

War on Everyone ist letztlich einfach vollkommen überdreht, hetzt ohne ersichtlichen roten Faden in der Story von Szene zu Szene und ballert dem Zuschauer seine popkulturellen Anspielungen und Referenzen im Minutentakt um die Ohren. Der Humor ist grenzwertig und politisch unkorrekt wo es nur passt. Einige Gags zünden und sind ziemlich gut (zum Beispiel die Diskussion über Rassismus innerhalb der Polizei zwischen den Protagonisten und ihrem Vorgesetzten), aber mindestens genauso viele enden als Rohrkrepierer oder sind hoffnungslos übertrieben. Dennoch hat War on Everyone durchaus seine Momente, einige Szenen, Sätze oder Dialoge sitzen wie die Faust aufs Auge und gerade Michael Peña und Alexander Skarsgård haben sichtlich Spaß daran, einfach mal so richtig die Sau rauszulassen. Alles in allem sicherlich kein Vergleich zu den bisherigen Filmen von John Michael McDonagh und vielleicht auch so etwas wie ein bisheriger Tiefpunkt in seinem Schaffen, aber zumindest kurzweilig genug, um War on Everyone mal zu schauen. Auch, wenn der Film danach schnell wieder vergessen sein dürfte.

 

6 von 10 Bieren zum Frühstück