Firefly – Eine Liebeserklärung

15. Juni 2017 at 12:44

 

 

© Fox Televison

 

 

 

„Take my love, take my land / Take me where I cannot stand / I don’t care, I’m still free / You can’t take the sky from me / Take me out to the black / Tell ‚em I ain’t comin‘ back / Burn the land and boil the sea / You can’t take the sky from me / There’s no place I can be / Since I found serenity / But you can’t take the sky from me.“

 

 

 

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich schon die vierzehn Episoden der Serie Firefly gesehen habe. Ein Dutzend Mal? Eher öfter. Vermutlich sogar deutlich öfter. Dabei stieß ich 2005 mehr über Umwege auf dieses funkelnde Juwel am Serienhimmel, als ich damals ohne großes Vorwissen den zugehörigen Film Serenity im Kino sah. Es war sofort um mich geschehen und ich hatte mich in dieser Welt verloren. Als ich danach erfuhr, dass Serenity eigentlich nur als Abschluss für die nach nur einer Staffel eingestellten Serie Firefly gedacht war, da war mir sofort klar, dass ich noch viel tiefer in dieses Universum eintauchen wollte. Ich liebe diese Mischung aus Science Fiction, Jahrhunderte fortgeschrittener Technik und Zivilisation und den archaischen, westerntypischen Elementen und Riten einer eigentlich längst vergessenen Welt. Vieles speist sich aus dem faszinierenden Gedanken, dass die Zukunft keineswegs auch Fortschritt bedeuten muss. Zumindest nicht für jeden, nicht für die Vergessenen. Sicher ist diese Form der Genre-Kombination nichts neues oder gar revolutionäres, aber die unfassbare Detailverliebtheit, die Joss Whedon, seines Zeichens der kreative Kopf hinter Firefly, für sein Herzensprojekt an den Tag legt, die findet so schnell sicher nicht ihres gleichen. Ein solch detailliertes, ausfüllendes und allumfassendes Worldbuilding voller überquellendem Ideenreichtum ist mir bisher nur sehr, sehr selten untergekommen. Whedon entwirft scheinbar mit Leichtigkeit in seinem 26. Jahrhundert eine lebendige Welt voller Kneipenschlägereien, Shootouts, Saloons, Bordellen, Warlords, Ganoven jeglicher Couleur, Duellen, Viehdieben, Pferde, Trinkgelage und Überfällen auf Züge gleichermaßen wie Raumschiffe, hochmoderne Städte, Raumanzüge, kannibalischen Weltraumnomaden, weitentfernten Planeten und Terraforming. Allein die Sprache weiß zu faszinieren, ein stimmiges wie zunächst fremdartiges Gebräu aus Englisch und Chinesisch, den beiden Amtssprachen dieses Universums, welches im alltäglichen Gebrauch gerne auch ein buntes Kauderwelsch ergibt, in das man sich als Zuschauer erst ein wenig einhören muss. Aber die Lebhaftigkeit dieser Welt wird dadurch nur um so mehr unterstrichen und greifbarer.

 

Der Mensch hat das All besiedelt und sich neue Lebensräume geschaffen, die alte Erde existiert längst nur noch in Erinnerungen, die wenigsten kennen sie wirklich. Aber diese Expansion hat ihren Preis und neue Planeten wollen unter großen Mühen an die menschlichen Bedürfnisse angepasst werden. Analog zur Besiedelung des Wilden Westens braucht es hierzu vor allem Mut, Muskelkraft und Menschen, beseelt vom Pioniergeist. Es herrschen raue Sitten und es gilt das Recht des Stärkeren. Es gibt zwar eine starke Staatsmacht – die Allianz der Vereinigten Planeten – aber die weiter entfernten Planeten, die Außenbereiche ihres Einflussgebietes, stehen nur bedingt unter ihrer Kontrolle und oft sind es Warlords oder größere Verbrecherkonglomerate, die stattdessen ganze Landstriche oder gar Monde beherrschen. Und in genau diesen Randzonen des besiedelten Universums versucht sich die Besatzung der Serenity – ein kleines, veraltetes Transportschiff der Firefly-Klasse – mit kleineren Diebstählen und Überfällen über Wasser zu halten und gleichzeitig möglichst unter dem Radar der Allianz zu bleiben. Captain Malcolm Reynolds nimmt so manch heiklen Auftrag an, um seine Crew durchzubringen. Ein bisschen Schmuggelware hier, ein Zugüberfall da, manchmal auch etwas Hehlerei oder ein Diebstahl, hin und wieder sogar der völlig legale Transport von Passagieren oder Vieh, kaum etwas lässt Mal unversucht. Zynisch mutet er an, etwas distanziert, altmodisch, mit seinem ganz eigenen Moralkodex ausgestattet und immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, aber am Ende des Tages liegt ihm seine Crew sehr am Herzen. Egal, ob seine rechte Hand Zoë Washburne, die bereits Jahre zuvor im Vereinigungskrieg auf der Seite der Browncoats Schulter an Schulter mit ihm im Gefecht stand, ob Hoban „Wash“ Washburne, seines Zeichens der Pilot der Serenity und Ehemann von Zoë, ob Kaywinnit Lee „Kaylee“ Frye, die Mechanikerin des Schiffes oder Jayne Cobb, der Mann fürs Grobe, ein Knochenbrecher, etwas stumpf, aber loyal, auch wenn es vielleicht nicht immer ganz den Anschein erweckt, für jeden von ihnen würde Mal durchs Feuer gehen und umgekehrt. Dazu gesellen sich recht früh in der mehr oder weniger Folgen übergreifenden Staffel die dauerhaften Passagiere Shepherd Derrial Book, ein christlicher Geistlicher auf Missionsreise, Dr. Simon Tam und dessen Schwester River sowie die Companion – eine gesellschaftlich voll akzeptierte und sozial sehr angesehene Art von Luxushure – Inara Serra, die zudem mehr mit Mal zu verbinden scheint, als zunächst angenommen. Letztlich sind es Simon und seine Schwester, die den Anstoß zur Rahmenhandlung geben, hat er doch River über Umwege aus den Fängen der Allianz befreit, die in einer geheimen Einrichtung mysteriöse Experimente mit ihr anstellte, und findet schließlich Zuflucht auf der Serenity, wo er fortan auch als Bordarzt vermehrt zum Einsatz kommt.

 

 

© Fox Televison

 

 

Firefly erschien zu einem Zeitpunkt auf der Bildfläche, als das Science Fiction-Genre im Serienformat und auch abseits davon ein wenig müde geworden war und zu sehr im eigenen Saft schmorte und verpasste dem angestaubten Genre einen gewaltigen Tritt in den Hintern, wirft Whedon doch kurzer Hand einfach den pseudo-mythischen bis staatstragenden Ballast der Konkurrenz zu Gunsten von Charme, Witz und reichlich Hemdsärmeligkeit ohne zu zögern über Bord und erschafft eine faszinierende Welt voller interessanter und spannender Charaktere. Und diese sind dann neben dem Setting für mich auch der entscheidende Schlüssel zu meinem Herzen: Alle tragenden Figuren, also überwiegend die Crew der Serenity, sind zwar ein zusammengewürfelter Haufen, aber sie sind wahnsinnig liebenswert geschrieben und herrlich authentisch gespielt. So unterschiedlich sie sind, so gleichberechtigt existieren sie nebeneinander, so einzigartig ist jeder für sich von ihnen. Einen Lieblingscharakter auswählen könnte ich nicht, höchstens nach Stimmungslage. Und Joss Whedon nimmt sie wichtig und gibt ihnen Raum sich zu entwickeln. Jeder hat seine Geschichte, sein Päckchen zu tragen, hat seine ganz eigenen Wünsche, Träume und Sehnsüchte, die sich die Serie auch keineswegs scheut zu thematisieren. Und schließlich wachsen sie einem ans Herz, was auch der Grund dafür ist, warum man so sehr während all ihrer Abenteuer mit ihnen mitfiebert. Das alles in Kombination mit ganz hervorragend geschriebenen Dialogen, welche die Bandbreite von subtiler Ironie, situationsbedingtem Wortwitz, dem nötigen Ernst und ausreichend Dramatik mühelos beherrschen, ergibt so unfassbar viel Potential für zukünftige Abenteuer, was die frühe und plötzliche Absetzung nur noch unverständlicher erscheinen lässt als sie ohnehin schon ist.

 

Über die Gründe für die frühzeitige Absetzung gibt es viele Theorien, die Wahrheit aber werden wir ohnehin nie erfahren. Tatsache ist, dass Fox Firefly von Anfang an sehr wie ein ungeliebtes Stiefkind behandelte. Die Folgen wurden nicht chronologisch ausgestrahlt, Sendezeiten immer wieder verschoben, es gab kaum bis keine Werbung und für Sportevents ließ man es gern gleich ganz ausfallen. Wenn dann zwangsläufig die Quoten entsprechend schlecht ausfallen, dann wird argumentiert: es gefällt den Zuschauern nicht, also weg damit. Und so wurde Firefly letztlich nie vollständig ausgestrahlt, an eine Fortsetzung war ohnehin nicht zu denken und es verschwand still und leise in der Versenkung. Nur in Vergessenheit geriet die Serie nicht, denn dafür war ihre Fanbase schon zu groß und Mundpropaganda sowie die Heimkinoauswertung besorgten das übrige. Immerhin gab es noch einen würdigen Abschluss in Form des Kinofilmes Serentiy. Es kursiert zwar immer mal wieder das Gerücht, dass sich jemand, möglicherweise Netflix, die Rechte sichern, sich der Serie erneut annehmen und sie zurück auf den Bildschirm bringen würde, aber wenn ich darüber nachdenke, dann bin ich mir gar nicht so sicher, ob ich das überhaupt noch wollen würde. Jetzt, nach all den Jahren, wo ich die Absetzung verarbeitet habe, da ist die Angst zu groß, der Mythos könnte beschädigt werden. Und auch so lebt er weiter, der Geist der Serenity, in all den Conventions, in Fanprojekten, in Kurzfilmen, in Inside Jokes oder meinetwegen auch durch das Brettspiel. Joss Whedon hat mit Firefly einen ganz eigenen, sehr besonderen Kosmos erschaffen, anders als alles andere, einen Ort, voller wundervoller und liebenswerte Figuren, an den ich immer wieder gern zurückkehre und das auch weiterhin immer wieder tun werde. Und eines ist vollkommen klar: Nathan Fillion ist die coolste Sau unter der Sonne!

 

10 von 10 … ach egal, ich liebe diese Serie einfach

 

 

Split

11. Juni 2017 at 16:49

 

 

   © Universal Pictures

 

 

 

„We are what we believe we are.“

 

 

 

Nach einer gemeinsamen Geburtstagsfeier werden die drei Teenager Casey, Claire und Martha von einem Unbekannten gewaltsam entführt und von ihm in einen Keller gesperrt. Schon bald soll sich zeigen, dass der Mann namens Kevin ernsthaft krank ist und scheinbar unter einer stark ausgeprägten dissoziativen Identitätsstörung leidet, die immer wieder die unterschiedlichsten Persönlichkeitsstrukturen offenbart. Während die drei Mädchen fieberhaft versuchen eine Fluchtmöglichkeit zu finden, erregt Kevin bei den regelmäßigen Besuchen seiner langjährigen Psychiaterin mit eigenartigen Verhaltensweisen und rätselhaften Emails den handfesten Verdacht, dass etwas nicht stimmt.

 

Ein Hinweis vorweg: entgegen meiner sonst üblichen Vorgehensweise wird diese Rezension an Ende ganz bewusst Spoiler enthalten, erscheint mir der thematische Überbau doch als zu interessant, um ihn einfach links liegen zu lassen. Aber keine Sorge, der Teil wird entsprechend gekennzeichnet sein, so dass jeder für sich entscheiden kann, ob er ihn denn nun lesen möchte oder doch lieber nicht.

 

Es ist zwar nun schon rund 18 Jahre her, aber Regisseur M. Night Shyamalan stand mal in Hollywood hoch im Kurs, wurde 1999 nach seinem Überraschungserfolg The 6th Sense als neues Wunderkind gefeiert und man hat ihm eine große Karriere prophezeit. Dass dem nicht so kam, wissen wir heute, denn nach dem umjubelten Frühwerk folgte zwar noch der starke Unbreakable, danach aber begann eine künstlerische Talfahrt, die mit After Earth zweifellos ihren Tiefpunkt erreichte. Signs, The Village, Lady in the Water, The Happening, The Last Airbender, ein Flop größer als der andere, ein finanzieller wie kreativer Tiefschlag nach dem nächsten. Erst 2015 mit The Visit gelang es Shyamalan, diese Abwärtsspirale zu durchbrechen, und das erstaunlicher Weise mit einem vergleichsweise schmal budgetierten Film. Nun meldet sich der indischstämmige Regisseur erneut zurück und hat für seinen neuesten Film Split mit James McAvoy sogar einen der talentiertesten Schauspieler seiner Generation mit an Bord. Wie so oft bei Shyamalan muss man die grundlegende Prämisse mehr oder weniger ohne Hinterfragen schlucken und bereit sein, diese bis zum Schluss – inklusive aller daraus resultierender Logiklöcher – mitzugehen, ansonsten wirft es einen aus dem Seherlebnis. Gelingt dies jedoch, dann wird der geneigte Zuschauer mit einem spannenden wie interessanten Szenario konfrontiert, auch wenn die Idee der dissoziativen Identitätsstörung in Filmen nicht neu ist. Man denke da nur an Identity von James Mangold oder gar an Psycho vom großen Alfred Hitchcock, die Beispiele sind zahlreich. Aber Split geht soweit, all die im Film ausgelebten Persönlichkeiten von Kevin eben auch nur durch James McAvoy darzustellen, und dessen Performance muss an dieser Stelle einfach mal ausgesprochen hervorgehoben werden. Was der Mann hier abliefert, ist eine schauspielerische Tour de Force, sprengt beinahe jeden Rahmen und es ist ungemein faszinierend mit anzusehen in all seinem Facettenreichtum, wie er ganz selbstverständlich jeder einzelnen Ausprägung dieser Persönlichkeiten ihren ganz eigenen Ausdruck verleiht, wie er ihnen akribisch eine eigene Sprache gibt, Mimik, Gestik, Körperhaltung. Zwar unterscheiden sie sich anhand ihrer Kleidung relativ offensichtlich, aber eine solche Abgrenzung hätte es für mich nicht unbedingt gebraucht, macht doch allein McAvoys Schauspiel das differenzieren problemlos möglich. Er packt diese Herausforderung ganz offensichtlich voller Freude angesichts der sich ihm bietenden Möglichkeiten mit beiden Händen beim Schopf und deckt eine wahre Bandbreite an Eigenschaften ab, die den Zuschauer bis zum Finale im Unklaren darüber lassen, wie ernst gemeint die furchteinflößenden Prophezeiungen des Entführers denn nun sein mögen.

 

Dazu kommt eine enorm gelungene Inszenierung voller bedeutsamer Details. Allein die ganz am Anfang des Filmes stehende Entführungsszene ist fantastisch ausgearbeitet, kann punktgenau ihre Wirkung entfalten und verrät uns schon sehr früh jede Menge über die Figuren. Derlei Momente gibt es dann noch öfter in Split, der im späteren Verlauf sein minimales Setting gut zu nutzen weiß, simpel gehalten ist, aber dabei ungemein effektiv bleibt und eine subtilere Bildsprache an den Tag legt als man wohl möglich anfänglich vermuten würde. Natürlich ist der grundlegende Gedanke hinter der Story gerade auch aus wissenschaftlicher Sicht hanebüchener Unsinn, aber darum geht es Shyamalan überhaupt nicht, denn nichts läge ihm ferner als ein irgendwie gearteter Bezug zur Realität. Viel lieber lässt er seinen Film gegen Ende ins Fantastische kippen und versucht gar nicht erst, seine mitunter abgedrehten Ideen krampfhaft in der Wirklichkeit zu verankern, vielmehr erschafft er hier Stück für Stück sein ganz eigenes filmisches Universum,welches zudem noch in sich schlüssig formuliert ist, aber dazu gleich mehr. Dazu bekommt die Figur der Casey eine Backgroundstory spendiert, die es wahrlich in sich hat und die im weiteren Verlauf der Handlung noch eine nicht unwichtige, geradezu doppelbödige Bedeutung hat. So treffen in Split letztlich zwei geschundene Seelen aufeinander, die sich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, wie man zunächst annehmen würde. Zwei traumatisierte und gebrochene Personen, die legiglich anders mit ihren Erlebnissen umgehen, sich letztlich aber gegenseitig spiegeln.

 

SPOILER-ALARM! Von nun an erfolgt das Weiterlesen auf eigene Gefahr!

 

Nun, zunächst rückt Shyamalan Split mit der allerletzten Szene ganz bewusst und ausdrücklich in die Nähe seines 2000 erschienen Unbreakable, spielen doch offenbar beide im gleichen filmischen Universum und sollen irgendwann 2019 mit einem dritten Film zusammen eine in sich runde und abgeschlossene Trilogie bilden. Nun scheint es so, dass Unbreakable und Split zwei Seiten einer Münze abbilden und zueinander gehören wie Licht und Schatten, Tag und Nacht oder Ying und Yang. Unbreakable zeigt die Geburt eines Helden, Split die eines Schurken. Wie das genau zusammenhängen könnte, dazu habe ich mir so meine Gedanken gemacht, aber alles, was jetzt folgt, ist reine Spekulation meinerseits. Wir erfahren wenig über Kevin, über sein Schicksal, seine Vergangenheit, sein Trauma, aber doch genug, um Verbindungen zu knüpfen. Sein Vater scheint in früher Kindheit verschwunden zu sein und der Junge wird mit seiner gestörten Mutter allein gelassen und ihren Misshandlungen ausgesetzt. Mit einem Zug sei er weggefahren, wird im Film gesagt, was letztlich in den Traumata mündet, die zu seiner dissoziativen Identitätsstörung führten. Ein Zug ist es auch, vor dem Dennis (ein weiteres Alter Ego von Kevin, die ihn für zu schwach halten und beschützen wollen) nicht unähnlich einer Grabstätte Blumen ablegt, bevor die Bestie erscheint. Meine bescheidene Theorie also wäre die, dass möglicherweise Kevins Vater bei eben jenem Zugunglück ums Leben kam, das David Dunn in Unbreakable als einziger überlebte und welches von Elijah Price mutwillig herbeigeführt wurde. Vermutlich nicht umsonst wird der abschließende dritte Film aller Voraussicht nach Glass heißen und wohl möglich, wer weiß, alle drei Parteien miteinander konfrontieren, Dunn als Held, die Bestie als Schurke, beide auf der Suche nach Mr. Glass. Auf dem Papier eine Superhelden-Trilogie wie aus dem Buche.

 

Zweifellos ist Split ein Film, auf den man sich einlassen muss, dessen grundlegende Prämisse man mitgehen wollen muss, aber allein das eindrucksvolle und enorm vielfältige Schauspiel von James McAvoy erleichtert einem diesen Prozess ungemein. Belohnt wird man dafür mit einem konsequent umgesetzten, in sich schlüssigen und toll aufgebauten Thriller, der zu fesseln weiß und darüber noch Denkanstöße mit auf den Weg gibt. Kombiniert mit Shyamalans (von mir inzwischen verloren geglaubten) Gespür für eine dichte Atmosphäre und der ständigen Anwesenheit einer irgendwie übernatürlichen Präsenz erschafft er mit Split einen wirklich gelungenen, spannenden Film, der zum Glück gar nicht erst versucht, sich in der Realität zu verankern, sondern viel lieber die Freude am Fantastischen zelebriert. Tatsächlich könnte ich noch sehr viel mehr erzählen, will das aber an dieser Stelle lieber erst einmal dabei belassen.

 

8 von 10 Zahnbürsten aufgereiht im Badezimmer

 

 

 

 

Nocturnal Animals

5. Juni 2017 at 16:22

                   © Universal Pictures

 

 

 

„When you love someone you have to be careful with it, you might never get it again.“

 

 

 

Susan Morrow ist zwar eine erfolgreiche Galeristin, hadert jedoch trotzdem mit ihrem Leben, ist unglücklich in ihrer Ehe und kann nicht richtig schlafen. Eines Tages wird ihr das Manuskript eines Romanes zugesandt, dessen Autor sich als ihr Ex-Mann Edward entpuppt, zu dem sie seit rund 20 Jahren keinen Kontakt mehr hat. Widerwillig beginnt sie das Manuskript zu lesen, wird aber nach und nach immer mehr in dessen Bann gezogen und im weiteren Verlauf mit dunklen Erinnerungen aus einem anderen Leben konfrontiert.

 

Acht Jahre ist es her, dass der Modedesigner Tom Ford mit A Single Man sein überraschendes Regiedebüt gab. Ein ungemein stilvoller und visuell sehr ansprechender Film über einen Mann, der sich nach dem Tod sehnt und dennoch das Leben feiert. Nun folgt nach langer Pause mit Nocturnal Animals sein zweiter Film und Ford bleibt seiner scharf umrissenen Stilistik ungemein treu, treibt sie stellenweise sogar in noch größere Höhen und schrieb auch das Drehbuch selbst. Der Style-over-substance-Vorwurf ist bei Filmemachern, welche die visuellen Aspekte ihrer Filme stark in den Vordergrund rücken, nie weit entfernt und immer schnell bei der Hand. Kommt ein Regisseur dann noch wie nun Tom Ford ursprünglich aus der Welt der Mode, dann ist es leicht, diese Form der Kritik heranzuziehen, doch beschäftigt man sich ein wenig eingehender mit seinen Filmen, dann erkennt man schnell, dass derartige Vorwürfe nicht haltbar sind, denn unter ihrer stilisierten Oberfläche verhandeln sie dann doch mehr. Dabei ist der eigenwillige wie groteske Auftakt der perfekte Einstieg in eine Welt voller klarer Bilder, harscher Kontraste und schwer lädierter Seelen. Dieses Mal vermischt Ford drei verschiedene Erzählebenen auf ausgesprochen elegante Art und Weise zu einem funkelnden Kleinod, bei dem die Abgrenzungen zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Fiktion in der Fiktion vollkommen fließend sind. Nocturnal Animals ist ein komplexer Film – nicht auf der inhaltlichen Ebene, sehr wohl aber in seiner Struktur, in seiner verschachtelten Erzählweise, bei der die verschiedenen Stränge scheinbar wahllos durcheinander mäandern, mit fortschreitender Handlung jedoch durchaus ein Muster erkennen lassen. Drei erzählerische Ebenen entfaltet der Film nach und nach vor seinem Betrachter, jede in sich geschlossen und doch mit tiefer Verbindung untereinander. Dabei ist es ungemein faszinierend, wie sehr das moderne Drama der Rahmenhandlung und der beinahe schon klassische Racheplot der Romanhandlung miteinander harmonieren, ohne zunächst offensichtliche Bezugspunkte erkennen zu lassen und so sammeln sich zwischen der stark von Fords Stilistik geprägten Gegenwart mit Noir-artigen Zügen, den fragmentarischen Rückblenden aus einem beinahe schon anderen Leben, und dem irgendwie westernartigen Wüstensetting des Romanes mit der Zeit immer mehr Bruchstücke und Trümmer einer schrecklich gescheiterten Liebe an.

 

Bedenkt man die Herkunft von Tom Ford, dann sollte es kaum verwundern, dass wirklich jede einzelne Szene bis ins allerletzte und noch so winzige Detail geplant ist und vollkommen seinen Vorstellungen entspricht. Seine Bildsprache fällt mal mehr, mal weniger subtil aus, ist aber immer seinem sehr ästhetischem Anspruchsdenken unterworfen und stark geprägt von klaren Formen und Strukturen. Er bestimmt vollkommen was wir sehen und arbeitet hochgradig manipulativ, wenn er den Zuschauer allein durch seine Bilder geschickt in bestimmte Richtungen lenkt, aber er spielt auch immer mit offenen Karten und steht zu seiner Funktion als Manipulator. So zeichnet Ford die Welt rund um Susan als kaltes Gefängnis ihrer selbst. In dieser restlos stilisierten Welt der Reichen und Schönen bleibt kein Platz mehr für Gefühle, so dass die männliche Hauptfigur im Roman als emotionales Gegenstück funktioniert, wenn hier die tragische Figur des Familienvaters im Vordergrund steht, der über eine Emotionalität definiert wird, welche in Susans Welt als Schwäche gelten würde. An dieser Stelle muss man sich jedoch auch fragen, warum Ford Jake Gyllenhaal mit einer Doppelrolle als Susans Ex-Mann Edward Sheffield und der Romanfigur Tony Hastings besetzt und damit die Analogie des Gezeigten von Anfang an offenlegen muss. Traut er wohlmöglich seinem eigenen Publikum nicht zu, von sich aus eine Verbindung zwischen den verschiedenen Erzählebenen herzustellen? Letztlich beraubt er sich und seinem Publikum dadurch um einen nachhaltigen Moment der Erkenntnis, der Nocturnal Animals noch mehr Gewicht hätte verleihen können. Gyllenhaal macht auch hier abermals einen fantastischen Job in seiner Doppelrolle und gerade als Tony Hastings kann er die ganze Bandbreite seines Könnens abrufen, auch wenn er in der Vergangenheit bereits noch eindrücklichere Leistungen gezeigt hat. Amy Adams spielt ihre Susan auch gut und deutlich über dem Durchschnitt, aber auch sie ist zu mehr fähig. Dagegen ist Aaron-Taylor Johnson als Psychopath Ray Marcus erschreckend gut und verkörpert seine Figur eindringlich und beängstigend zwischen beklemmender Ruhe und brodelnden Ausbrüchen. Das wahre Glanzstück aber ist in diesem Cast Michael Shannon als krebskranker Cop Bobby Andes, der innerhalb der Romanhandlung die Ermittlungen leitet. Seine Performance ist herausragend als bereits dem Tode geweihter Erfüllungsgehilfe für Tonys Rache und treibende Kraft einer destruktiven Abwärtsspirale.

 

Gewohnt über alle Maßen stilsicher und sehr selbstbewusst hält Tom Ford alle Fäden seiner zweiten Regiearbeit Nocturnal Animals in den Händen und führt sein thrillerartiges Drama zielsicher auf ein Finale zu, dessen Abschluss in meinen Augen mehr beinhaltet als das aus meiner Sicht etwas zu kurz gegriffene Motiv der Rache. Eine zwar nicht immer allzu subtile, dafür aber in jeder Hinsicht formvollendete Bildsprache harmoniert ganz hervorragend mit den inhaltlichen Strukturen und den verschiedenen Erzählebenen, reflektiert über Farben und Formen immer wieder inhaltliche Motive und all das zusammen formt ein sehr langsam erzähltes und toll aufgebautes Drama, in dessen Inneren leise ein Thriller-Herz schlägt.

 

8 von 10 befremdlichen Kunstinstallationen

 

 

Mechanic: Resurrection

3. Juni 2017 at 11:38

                  © Universum Film

 

 

 

„Tell your principal it never pays to fuck with the dead.“

 

 

 

Eigentlich hatte sich der Auftragskiller Arthur Bishop längst mit einer falschen Identität in Brasilien zur Ruhe gesetzt, als ihn plötzlich ein alter Widersacher in Gestalt von Riah Crain ausfindig macht und mächtig unter Druck setzt: Bishop soll für ihn drei äußerst knifflige Morde begehen, die zudem noch unbedingt wie ein Unfall aussehen müssen oder anderenfalls muss seine neue Flamme Gina mit ihrem Leben bezahlen. So sehr in die Ecke gedrängt, sieht Bishop keine andere Wahl, als sich äußerst widerwillig an die Arbeit zu machen.

 

Die inhaltliche Kohärenz bei Actionfilmen ist nun nicht unbedingt ein Thema, dem ich größeren Raum geben wollte und könnte, aber man muss sich bei Mechanic: Resurrection schon auch die Frage stellen, warum der Film überhaupt als Fortsetzung seines Vorgängers angepriesen und verkauft wird, ist er doch so sehr losgelöst von Mechanic, dass man ihn vollkommen mühelos als ganz eigenständiges Jason Statham-Vehikel vermarkten könnte. Im Grunde bleibt vom ersten Teil nicht viel mehr übrig als der Name Arthur Bishop und dessen Profession, ansonsten gibt es keinerlei Verbindung zwischen beiden Filmen und Stathams Figur hätte auch irgendeine andere sein können, für den Film selbst hätte das keinen Unterschied gemacht. Der deutsche Regisseur Dennis Gansel darf nach Filmen wie Napola, Die Welle oder Wir sind die Nacht nun seinen Film in Hollywood drehen und kann gleich mit einem der wenigen noch ikonischen Actionstars in Gestalt von Jason Statham arbeiten und was macht er daraus? Zugegeben nicht sonderlich viel. Statt seine Geschichte wie noch der gute und über weite Strecken durchaus gelungene Vorgänger von Simon West im eher kleinen, überschaulichen Rahmen zu erzählen, bläht sich Mechanic: Resurrection wo er nur kann unnötig auf und setzt auf Hochglanz, bleibt aber letztlich nur ein schlichtes B-Movie, welches seine Herkunft nur allzu gern verschleiern würde, sich aber letztlich doch immer wieder selbst entlarvt. Die ständig wechselnden Schauplätze wirken zwar exotisch, aber der Kamera gelingt es selten, deren Flair so einzufangen, dass sich dieses Gefühl gleichsam auch auf den Zuschauer überträgt und all die Bilder und set pieces sind ohnehin kaum mehr als der Versuch, über die mangelnde Handlung und die schwache Figurenzeichnung hinwegzutäuschen – Mechanic: Resurrection wähnt sich in diesem Punkt zwar in der Tradition solcher Filmreihen wie Bond, Bourne oder gar Mission Impossible und würde sich nur zu gern irgendwo dazwischen platzieren, schafft das aber zu keiner Sekunde. Und ja, es ist natürlich ein wenig hoch gegriffen, vielleicht sogar heuchlerisch, einem solchen Actionfilm seine schwachen Figuren anzukreiden, doch besonders die Liebesgeschichte zwischen Bishop und Gina macht gut deutlich, wo die Probleme von Mechanic: Resurrection liegen. Denn von der vermeintlich großen Liebe ist wirklich nichts, aber auch rein gar nichts im Film zu spüren. Es wird zwar behauptet, sie sei vorhanden, ist sie aber letzten Endes nicht, was auch überhaupt kein Problem wäre, würde der Film nicht im weiteren Verlauf an eben genau dieses Motiv zuviel hängen. Zudem mangelt es Gansel an einem guten Gespür für Bewegung, Timing, Räume und Dynamik, sind seine Actionszenen meist doch viel zu hektisch und unübersichtlich umgesetzt. Dazu gesellt sich das alte Problem der stark verwackelten Kamera gerade in den Kampfszenen und die eigenartige Angewohnheit, dass immer kurz vor einem Körpertreffer weggeschnitten wird, wodurch gerade Faustkämpfe und ähnliches seltsam drucklos bleiben und die Action einfach im leeren Raum verpufft. Das erinnerte mich oftmals stark an Quantum of Solace – eben jenes Bond-Abenteuer, welches unter ganz ähnlichen Problemen zu leiden hatte und mit Marc Forster von einem ebenfalls deutschen Regisseur gedreht wurde, der zweifellos gute Filme in seinem Repertoire hat, im Actiongenre aber eher weniger gut aufgehoben zu sein scheint.

 

Mit seinem Einstand in Hollywood in Gestalt von Mechanic: Resurrection wird sich der deutsche Dennis Gansel vermutlich keinen Stand als Actionfilm-Regisseur erarbeiten können, zeugt sein Film doch sehr von einem offenkundigen Mangel an Gespür für Timing, Raum und Übersicht. Zudem fehlt es an Druck und Dynamik in der Action und eine ruhigere Kameraführung wäre auch förderlich gewesen. Die Figuren und ihre Motivationen bleiben zu schwach ausformuliert, werden aber dennoch vom Film zu ernst genommen. Dieses Ungleichgewicht stört durchaus ganz ordentlich, verlangt Mechanic: Resurrection zwar nach Identifikation mit seinen Figuren, kann jedoch im Gegenzug nichts dafür tun, diese auch zu fördern. Jason Statham zieht gewohnt sein Ding durch, kriegt aber eher wenig Chance zu glänzen und springt auffällig oft aus großen Höhen kopfüber ins Wasser. Im freien Oberkörper natürlich. Und Jessica Alba… naja, sie ist nett anzusehen… und Tommy Lee Jones, der gibt sich als Karikatur eines Bösewichts vollkommen unnötig der Lächerlichkeit preis. Unterm Strich gerade auch im Vergleich zum ersten Teil – ein völlig unnötiger Bezugspunkt – einfach zu wenig, um sich gegen die Unmenge an modernen Actionfilmen abheben zu können. Es gibt DTV-Actioner, die besser inszeniert sind und sich nicht so aufblasen.

 

4 von 10 Tuben mit Anti-Hai-Mittel