Captain Kronos – Vampire Hunter

6. Juli 2017 at 12:13

 

 

© Bruton Films/Paramount Picture

 

 

 

„What he doesn’t know about vampirism wouldn’t fill a flea’s codpiece.“

 

 

 

In einer kleinen englischen Stadt geschehen merkwürdige Dinge. Unschuldige junge Mädchen altern urplötzlich um Jahrzehnte und sterben dann an Altersschwäche. Der hiesige Arzt Dr. Marcus weiß sich nicht mehr anders zu helfen und schickt nach seinem alten Freund Captain Kronos, einem erfahrenen Vampirjäger. Kronos und sein treuer Begleiter Hyronismus Grost machen sich auf den Weg, um dem Rätsel auf den Grund zu gehen, ehe noch mehr junge Mädchen ihr Leben lassen müssen.

 

Die Hammer Studios – diese ganz wunderbare wie legendäre britische Filmschmiede, die von den 30ern bis in die 80er Jahre hinein Film um Film produzierte, ihren Schwerpunkt auf klassische Gruselfilme legte und sowohl Peter Cushing als auch Christopher Lee hervorbrachte – waren 1974, als Captain Kronos – Vampire Hunter erschien, eigentlich schon auf dem absteigendem Ast, und dennoch gelangen ihnen noch ein großer Wurf, nicht kommerziell, das sicher nicht, denn ihr Niedergang konnte nicht aufgehalten werden, künstlerisch aber sicherlich. Ein Film, der zumindest für mich zu ihren besten und stärksten Werken gehört, vielleicht zusammen mit Der Fluch von Siniestro (The Curse of the Werewolf), einem ganz wunderbaren Werwolf-Film aus dem Jahr 1961 mit Oliver Reed in der Hauptrolle und dem grandiosen Terence Fisher als Regisseur. Horst Janson ist Captain Kronos! Genau, jener Horst Janson, der nur wenige Jahre später die Sesamstraße unsicher machen sollte. Und auch die zauberhafte Caroline Munro ist mit an Bord, die später noch den hinreißend trashigen Italo-Streifen Starcrash zu veredeln wusste und Bond-Girl an der Seite von Roger Moore sein sollte. Captain Cronos ist unter der Regie von Brian Clemens und der Produktion von Albert Fennell dann auch zu einer für damalige Verhältnisse eher unorthodoxen Film geworden, voller abseitiger Ideen, wunderschöner Bilder und märchenhafter Züge, entliehen aus alter Folklore und Überlieferungen. Ein wilder und doch erstaunlich homogener Stilmix aus Elementen des Mantel und Degen-Films, des Italo-Western, comichaftem Pulp und dem japanischen Samurai-Kino, der zu Gunsten von schrulligen Dialogen, exzentrische Figuren und dem klassischen Hammer-Feeling auf nackte Brüste und übermäßiges Blutvergießen verzichtet. Bewaffnet mit einem Katana reitet Captain Kronos schweigsam, immer einen Zigarrenstummel im Mundwinkel, auf seinem Pferd durch die hügelige Landschaft Englands, dicht gefolgt von seinem buckligen Freund Grost, auf der Suche nach Vampiren, deren Dasein es zu beenden gilt. Sein eigenes Schicksal ist es, welches ihn immerzu antreibt. Tatsächlich sind gewisse dramaturgische Bezüge zu Blade nicht zu leugnen, erschien doch nur ein Jahr nach Captain Kronos der erste Comic von Marvel über den Daywalker. Captain Kronos liefert den perfekten fantastischen Stoff für eine eigenständige Filmreihe, vielleicht auch eine Fernsehserie, und Hammer hatte wohl auch derartige Pläne, aber der kommerzielle Misserfolg, auch einer schlechten Marketing-Kampagne gschuldet, erstickte sämtliche Ambitionen in diese Richtung gleich im Keim. Schade ist das, denn Captain Kronos und Grost hätten sicherlich noch viele tolle Abenteuer erleben können und wir mit ihnen.

 

Captain Kronos – Vampire Hunter hätte der Auftakt zu einer ganzen Reihe sein können, floppte aber in den europäischen und amerikanischen Kinos schwer. Das Potential dazu haben die Figuren zweifellos, aber letztlich fehlte es an Mut unter den Verantwortlichen in den Hammer Studios, das Projekt konsequent voran zutreiben. So bleibt nur dieser eine Film, der dafür aber umso mehr zu bieten hat und im sterbenden Output nochmals ein letztes Aufbäumen abgibt. Schade ist das dennoch, gibt Horst Janson doch einen ganz hervorragenden Titelhelden irgendwo zwischen Clint Eastwood in den Leone-Filmen und Toshiro Mifune unter der Regie von Akira Kurosawa.

 

8 von 10 toten Kröten verbuddelt unter der Erde

 

 

In a Valley of Violence

4. Juli 2017 at 12:26

 

 

© Focus World

 

 

 

„You talk too much.“

 

 

 

Paul ist auf dem Weg Richtung Süden, nach Mexiko, und auf der Flucht vor seiner Vergangenheit, als er in dem kleinen Kaff Denton einen kurzen Aufenthalt einlegen muss. Im hiesigen Saloon gerät er mit dem Heißsporn Gilly aneinander und schlägt ihn kurzerhand aus Notwehr bewusstlos. Was er nicht weiß ist, dass Gilly der Sohn des Marshalls ist. Dieser legt Paul nahe, den Ort zu verlassen und niemals wieder zu kommen, doch Gilly und seinen Männern reicht das nicht und so reiten sie ihm nach um sich zu rächen. Ein folgenschwerer Fehler für alle Beteiligten, wie sich herausstellen soll.

 

The House of the Devil, Cabin Fever 2, The Innkeepers, seine Beiträge zu den Anthologien V/H/S und The ABCs of Death sowie einige Folgen von Serien wie Outcast, Scream oder Wayward Pines mag ich durchaus gern und Ti West versteht sein Handwerk als Genre-Regisseur. Mehr noch als sein stark ausgeprägtes Bewusstsein für gängige Genre-Mechanismen jedoch hat er darüber hinaus auch die Fähigkeit bewiesen, eben jene Mechanismen zu transzendieren. Umso spannender ist nun In a Valley of Violence, begibt sich West doch hierfür erstmalig aus dem Horror-Genre heraus und sucht sich für seinen nächsten Film mit einem Western ausgerechnet ein Genre aus, welches von starren wie festen Konventionen kaum stärker beherrscht sein könnte. Ein Genre, welchem heutzutage ja immer nur zu gern nachgesagt wird, es wäre zumindest überholt, wenn nicht gar bereits tot. Dem kann ich mich nun wirklich nicht anschließen und Filme wie Bone Tomahawk, The Salvation oder Slow West beweisen in meinen Augen recht deutlich, dass das Genre in den letzten Jahren durchaus produktiv war und Gutes hervorgebracht hat. Und auch hier zeigt West überdeutlich, dass er das Genre an sich nicht nur liebt, sondern es auch verstanden hat, in dem er nicht einfach blindlings und willkürlich imitiert, sondern vielmehr etwas Eigenständiges erschafft. In a Valley of Violence ist auf den ersten Blick so sehr klassisch inszeniert, dass man ihn beinahe für kaum mehr als eine weitere, beliebige Aufwärmung altbekannter Klischees halten könnte, doch West geht über die Grenzen des traditionellen Genres hinaus und lässt in seinem Film viel lieber den urtypischen amerikanischen Western mit dem Schmutz und Dreck des Italo-Western kollidieren. Allein die Titelsequenz ist nicht nur den ikonischen einiger Italo-Western nachempfunden, auch der Score ist dem von Ennio Morricone nicht unähnlich, aber dennoch eigenständig genug. Ethan Hawkes Figur des Paul (immerhin hat der Protagonist einen Namen) ist seiner Figur in Die Glorreichen Sieben nicht sonderlich unähnlich. Er versteht das Handwerk des Tötens, hat aber genug davon unzählige Indianer abzuschlachten, ist desillusioniert, will nicht mehr als in Mexiko in Ruhe ein friedliches Leben führen und gerät doch wieder nur in einen Strudel aus Gewalt. Diese Prämisse ist ein geradezu klassischer Westernstoff, den Ti West sehr schön schnörkellos und geradlinig in Szene setzt und einen sehr angenehmen und im besten Sinne altmodischen Film erschafft. Die Handlung wird ohne große Umschweife voran getrieben, Nebenhandlungen etwa sucht man hier vergeblich, und die Figuren sind klar definiert. Überraschungen sollte man also nicht erwarten, aber West zeigt mit In a Valley of Violence, dass er auch außerhalb seines bisherigen angestammten Genre hervorragend funktioniert. Man darf gespannt sein, was der Mann in Zukunft noch so alles an Projekten in Angriff nehmen wird.

 

Mit In a Valley of Violence beweist Regisseur Ti West abermals, dass er es ausgesprochen gut versteht, einzelne Genre-Mechanismen zu erkennen, zu isolieren und neu zu ordnen. So entsteht ein allenfalls oberflächlich klischeehafter Beitrag zum nur zu gern totgesagten Western, der bei näherer Betrachtung genügend Eigenständigkeit aufzuweisen hat, um nicht als blinde Kopie bekannter Ikonographien durchzugehen. Ethan Hawke – im Übrigen ein Schauspieler, den ich immer sehr schätze, der selbst gern mal eher kleinere Genre-Filme wie Daybreakers, Predestination oder Brooklyn´s Finest bevölkert und der meiner Meinung nach immer sehr unterschätzt wird – steht die Rolle des (nicht ganz) namenlosen, wortkargen Drifters ganz hervorragend und die innere Zerrissenheit seiner Figur versteht er nachvollziehbar zu verkörpern. Ihm gegenüber steht John Travolta als in die Jahre gekommener Marshall, der auch ambivalenter angelegt ist, als man anfangs vermuten würde. Ihn hab ich seit Jahren nicht mehr so gut aufgelegt erlebt und auch er schafft es, die moralischen Implikationen seiner Figur gelungen abzubilden. Insgesamt ist In a Valley of Violence ein rundum gelungener Genrebeitrag, kein großer Wurf, das sicher nicht, aber einfach ein geradlinig inszenierter Western, der eigenständig genug bleibt, um nicht als Klischee durchzugehen. Ein einfach gehaltener Film, der angenehm altmodisch inszeniert ist, durchgängig spannend bleibt und letztlich doch ein wenig mehr ist als nur die Summe seiner Teile.

 

7 von 10 Blechnäpfe voller Wasser

 

 

Okja

2. Juli 2017 at 17:12

 

 

© Netflix

 

 

 

Die kleine Mija lebt mit ihrem Großvater und dem Riesenschwein Okja abgeschieden auf einem kleinen Bauernhof in Korea. Mija und Okja sind unzertrennlich und verbringen den ganzen Tag zusammen. Doch Okja ist Teil eines Zuchtprogrammes der multinationalen Mirando Corporation und soll nun nach zehn Jahren zurück nach New York gebracht werden, um dort die Bestrebungen der Konzernchefin Lucy Mirando auf das nächste Level zu heben. Nun versucht Mija mit allen Mitteln ihren treuen Kameraden Okja aus den Fängen der Mirando Corporation zurück zu gewinnen und ihr Weg führt sie schließlich über Seoul bis nach New York. Unterstützung erhält sie dabei durch eine militante Tierschutzgruppe, welche ihre ganz eigenen Ziele verfolgt.

 

Das jüngste Werk des südkoreansichen Regisseurs Bong Joon-ho, dessen letzte internationale Arbeit Snowpiercer war, sorgte bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes dieses Jahr durchaus für einen Eklat, als bereits noch im Vorspann der Netflix-Schriftzug auf der Leinwand große Teile des Publikums in Buhrufe ausbrechen ließ. Über Netflix und ähnliche Streaming-Dienste und ob sie eher Fluch oder Segen für die moderne Medienlandschaft sind, darüber habe ich mich an anderer Stelle bereits ausführlich ausgelassen, werde also hier nicht näher darauf eingehen. Unumstößliche Tatsache ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass es einen Film wie nun Okja ohne Netflix überhaupt nicht geben würde, denn eines ist er sicher nicht: nämlich ein waschechter Familienfilm der Marke Hollywood inklusive Wohlfühl-Zone für Jung und Alt. Bong Joon-ho bedient sich zwar auf den ersten Blick den ganz ähnlichen Mechanismen des fantastischen Kinderfilms, sprengt aber schon sehr bald den gewohnten Rahmen, schlägt lieber andere Wege ein und so manchen jungen Geist könnte Okja überfordern, wenn nicht vielleicht sogar verstören. Allein schon die Verfolgungsjagd in Seoul ist nur halb so witzig, wie man das anfangs vielleicht glauben möchte, von der vielmehr regelrecht bizarren Parade für das Superschwein in New York ganz zu schweigen. Wie schon Snowpiercer ist auch Okja eine stark überspitzte und grellbunte Dystopie, deren Wurzeln in den Krankheiten der modernen Gesellschaft liegen und Bong Joon-ho verknüpft diese mit spektakulär spaßigen Settings, die aber immer noch mit einem kleinen Widerhaken daherkommen, durch welche einem gerne Mal das Lachen im Halse stecken bleibt.

 

Überhaupt nimmt Okja immer wieder unerwartete Schlenker in seiner Inszenierung, beschreitet gern relativ unorthodoxe Wege und erfindet sich immer wieder in seiner grundsätzlichen Ausrichtung neu, wird vom leicht infantilen und albernen Anfang zum dystopischen Film mit Actionelementen wie Verfolgungsjagden und Schießereien, kippt dann in eine überdrehte Mediensatire, nur um letztlich in ein düsteres Melodram abzugleiten. So ist das Finale dann auch eine recht gnadenlose Abrechnung mit der Fleischindustrie. Das darf man gerne für blauäugig und naiv halten, ist mir dann aber doch zu kurz gegriffen und verkennt die eigentlichen Qualitäten des Filmes, zumal Okja deutlich darüber hinaus geht und sich im gleichen Atemzug eingesteht, wie aussichtslos ein solcher Kampf doch ist und das bereits kleine Siege teuer erkauft werden müssen. So wartet Bong Joon-ho dann auch mit einem vermeintlichen Happy End auf, welches sich wie nur ganz wenige für mich überhaupt nicht nach einem solchen anfühlt. Ein toller Cast bestehend aus Tilda Swinton, Jake Gyllenhaal, Paul Dano, Steven Yeun und der absolut herausragend aufspielenden Ahn Seo-hyeon, die mit ihren zwölf Jahren verblüffend gut auch mit dem digitalen Superschwein agiert, runden einen gleichermaßen unterhaltsamen und witzigen wie traurigen und dramatischen  Film ab, den Hollywood in dieser Form und Konsequenz niemals würde hervorbringen können. Letztlich bleibt festzuhalten: in den zwei Stunden Laufzeit habe ich viel gelächelt, ein wenig gelacht und ein wenig geweint. Was will man noch mehr von einem Film?

 

8 von 10 Superschweinen in der U-Bahn