Dunkirk

12. August 2017 at 12:18

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

 

„All we did is survive.“ – „That´s enough.“

 

 

 

Eben jener Dialog gegen Ende von Christopher Nolans zehntem Film fasst recht gut zusammen, was die Quintessenz von Dunkirk ausmacht. Das bloße Überleben bereits als Sieg, einem scheinbar übermächtigen Feind unter großen Verlusten abgerungen, ganz unvermittelt und direkt, überwiegend frei von Kitsch und Pathos. Nolan inszeniert die Evakuierung von rund 400.000 allierten Soldaten, welche 1940 in der nordfranzösischen Hafenstadt Dünkirchen in aussichtsloser Lage von den deutschen Streitkräften eingekesselt waren, keineswegs als herkömmlichen Kriegsfilm voller Action, Drama und Heldentum, ja, nicht mal als klassisches Erzählkino, sondern vielmehr als visuelles Erzählen, das in seiner Ausarbeitung extrem reduziert und beinahe schon abstrakt ist, so dass antrainierte Sehgewohnheiten hier gnadenlos unterlaufen werden. Viele herkömmliche Strukturen lässt Dunkirk einfach hinter sich: weder gibt es eine zusammenhängende Story im klassischen Sinne, noch viel Dialog oder ausgearbeitete Charaktere. Anstatt sich mit ausgewählten Figuren identifizieren und mitfiebern zu können, wird der Zuschauer so Teil dieser anonymen Masse an Soldaten, gestrandet in Dünkirchen, ausgelaugt und am Ende ihrer Kräfte, vor sich das Meer und beinahe greifbar die sichere Heimat, hinter sich den Feind und den unvermeidlichen Tod. Mitten im Geschehen statt einfach nur Betrachter von außerhalb. Auch die deutschen Soldaten bleiben kaum mehr als eine diffuse Bedrohung ohne Gesicht, sind zu jeder Zeit aber omnipräsent, was die Spannung nur noch weiter in die Höhe schraubt, wenn immerzu ein weiterer Angriff wie aus dem Nichts erfolgen kann. Christopher Nolan nimmt uns die Krücken, auf die wir uns für gewöhnlich stützen und dazu noch die Orientierung, wirft uns unmittelbar und ganz direkt mitten ins Geschehen, geht von Beginn an ein sehr hohes Tempo und gönnt keine Ruhephase, keine Pause, kein Durchatmen. Dazu inszeniert er Dunkirk räumlich wie zeitlich auf drei verschiedenen Ebenen und spielt mit deren Beschaffenheit, wenn einerseits Land, Wasser und Luft, andererseits drei verschiedene Zeitrahmen kollidieren, sich immer wieder begegnen, sich vermischen und sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. Dank dieser nichtlinearen Erzählweise verschwindet jegliches Zeitgefühl und die Orientierungslosigkeit wird nur noch weiter gesteigert. Alles ist im Fluss, driftet auseinander, nähert sich wieder an und verschwimmt letztlich zu einem Erlebnis wie aus einem Guss. Was kompliziert klingt, das entwickelt auf der Leinwand schnell seine ganz eigene Dynamik und eine geradezu unwiderstehliche Sogkraft.

 

Auch audiovisuell ist Dunkirk unglaublich stark und entfaltet auf der Leinwand eine Kraft, die ihres Gleichen sucht. Nolans Kameramann Hoyte van Hoytema findet immer wieder unfassbare Bilder und zum Teil wunderschöne Einstellungen für die grausamsten Dinge und der Score von Hans Zimmer ist seine beste Arbeit seit Langem und gibt mal ganz unverhohlen offensichtlich, mal so zart im Hintergrund, dass man es kaum noch bemerkt, immerzu den Takt für den erzählerischen Rhythmus vor. Dazu gesellt sich ein überhaupt grandioses Sounddesign, welches ich in solcher Form noch nie habe erleben dürfen: jeder Schuss, jede Bombe, jede Explosion, ja sogar die Geräuschkulisse in den Cockpits der Flugzeuge ist von solch einschneidender Klarheit und Präzision, dass es durch Mark und Bein geht. Das lässt sich kaum in Worte fassen, das muss man erfahren. Erleben. Spüren. Es ist ungemein faszinierend zu sehen, wie hier Bild, Ton und Schnitt zu einer kaum noch zu trennenden Einheit verschmelzen und ein Erlebnis erschaffen, das weit über gewöhnliches Kino hinausgeht. Nolans Ideen sind oft erzählerisch und inszenatorisch innovativ, dennoch ist er handwerklich eher Traditionalist mit Hang zum Detail. Sicher kommen hin und wieder auch digitale Effekte zum Einsatz, aber Boote, Schiffe, Flugzeuge, Statisten und Explosionen sind allesamt echt. Egal, ob im Wasser, an Land oder in der Luft, wo es nur möglich ist, wird auch mit praktischen Effekten gearbeitet. Allein die Luftkämpfe sind atemberaubend spektakulär wie spannend und dennoch irgendwie beiläufig in Szene gesetzt und die Maschinen sind keineswegs dem Computer entsprungen, sondern restaurierte Originale. Auch auf der darstellerischen Ebene beschreitet Dunkirk andere Wege als man anhand des Cast vielleicht vermuten würde, der zwar namhafte Schauspieler wie Tom Hardy, Cillian Murphy oder Mark Rylance sowie das Schwergewicht Kenneth Branagh beinhaltet, sich aber den Luxus erlaubt, diesen kaum mehr als Nebenrollen zu zugestehen und eher unbekannte Jungdarsteller wie Fionn Whitehead, Aneurin Barnard oder Barry Keoghan in den Vordergrund rückt.

 

Dunkirk ist mehr als nur Film, es ist ein Erlebnis, das ohne Umwege über den Kopf direkt in den Bauch zielt. Pures Überwältigungskino, so rauschhaft und bildgewaltig, eindringlich, intensiv und brachial wie ich es ehrlicher Weise noch nie erlebt habe. Nolans neuester Film ist unglaublich mitreißend und dicht inszeniert und verweigert sich dennoch oftmals tradierten Sehgewohnheiten. Klassische dramaturgische Elemente wie eine kohärente Story, ausgearbeitete Charaktere oder Dialog sucht man eher vergeblich und dennoch funktioniert das im Ergebnis ganz hervorragend. Von der ersten bis zur letzten Sekunde war ich permanent unter körperlicher Anspannung und niemals zuvor hatte ich so sehr das Gefühl, Teil der Ereignisse auf der Leinwand zu sein statt einfach nur teilnahmsloser Betrachter. In Bezug auf die Immersion ist Dunkirk das vielleicht intensivste, aber auch anstrengendste Erlebnis, das ich jemals im Kino hatte. Und genau dort gehört er auch hin, auf die große Leinwand, um erlebt, gespürt und gefühlt zu werden. Es ist zu befürchten, dass der Film wie auch zuletzt Interstellar im Heimkino ein wenig an Wirkung und Faszination einbüßen wird, aber das ist okay, denn das unvergessliche Kinoerlebnis bleibt ja.

 

10 von 10… weil ich einfach keinen relevanten Kritikpunkt finden kann. Das kann sich irgendwann ändern – bestimmt sogar – aber für den Moment des Erlebnisses kann ich zu keiner anderen Wertung kommen

 

 

Life

7. August 2017 at 16:16

 

 

© Columbia Pictures

 

 

 

„I know what I feel is not rational, not scientific. I feel hate. I feel pure fucking hate for that thing.“

 

 

 

Als die Besatzung der internationalen Raumstation ISS in einer Bodenprobe vom Mars eine fremde Lebensform auf Zellebene entdeckt, scheint ein bedeutender Durchbruch für die Menschheit erzielt worden zu sein. Schnell gelingt es, den auf den Namen Calvin getauften Organismus zu isolieren und sein Wachstum zu stimulieren. Doch die Freude über die Entdeckung verfliegt schnell, Calvin wächst zusehends und kann nach dem Angriff auf ein Besatzungsmitglied aus dem Labor entkommen und macht fortan Jagd auf die Crew.

 

OHA! Solche Filme werden heutzutage noch gemacht? Ein hochbudgetiertes wie Star gespicktes B-Movie, eine zumindest auf dem Papier DTV-Produktion im Gewand eines Blockbusters? Ich bin ganz entzückt darüber, wie geradezu subversiv der Schwede Daniel Espinosa seinen neuen Film dem durchschnittlichen Kinogänger einfach untergejubelt hat. Wunderbar. Solche Filme würde ich liebend gern öfter im Kino sehen. Life erinnert mich an ein Phänomen, welches seit Mitte der 90er immer seltener geworden ist, als Filme wie Octalus, Mimic, Anaconda, Deep Blue Sea oder Das Relikt noch groß im Kino liefen. Der Genrefilm auf der großen Leinwand, das gibt es heute kaum noch bis gar nicht mehr und umso größer ist nun meine Freude über Life, ein Film, der schlicht und ergreifend nicht mehr sein will als sein Plot hergibt und vollkommen zu seiner B-Movie-Existenz steht. Dreckiger Science Fiction-Horror, der seine Wurzeln nicht verleugnet und keinerlei Kompromisse oder gar Zugeständnisse an einen wie auch immer gearteten Intellekt macht, sondern einfach nur die helle Freude am puren Genre. Ohne allzu große Exposition bringt Daniel Espinosa nach wenigen Minuten eine gut geölte Genre-Maschine ans Laufen, die mit zunehmender Dauer immer mehr Fahrt aufnimmt und frei von größeren Umwegen sehr geradlinig und schnörkellos ihren Plot unaufhaltsam voran treibt wie Calvin zielstrebig die Crew der ISS dezimiert. Natürlich bedient sich Espinosa ganz offensichtlich am Genre-Primus Alien, aber er kupfert dabei keineswegs einfach nur ab. Ja, der Plot von Life ist vollkommen unverhohlen von Ridley Scotts Meilenstein inspiriert und variiert dessen Prämisse höchstens marginal. Na und? Immerhin bietet der Film immer noch genug eigene Ideen und Ansätze, um nicht als lustloses Plagiat durchzugehen und versteht es hervorragend, den Mangel an erzählerischer Innovation durch eine überraschend straffe Inszenierung und konstante Anspannung wieder wett zu machen. Nach dem ersten atmosphärisch sehr dicht inszenierten Auftritt von Calvin ist vollkommen klar, wohin die Reise geht und Espinosa entlässt sein Publikum fortan nicht mehr aus dem Würgegriff der Spannung, ganz so wie die außerirdische Lebensform die Crew. Überhaupt ist Calvin der heimliche Star des Filmes. Das Creature Design dieses fremden und zugleich doch irgendwie vertrauten Geschöpfes weiß zu begeistern, angesiedelt irgendwo zwischen Qualle und Oktopus, sich ständig seiner Umgebung anpassend, und doch völlig anders. Sein Einfallsreichtum und Überlebenswille werden nur noch von seiner Feindseligkeit übertroffen. Die Kreatur fasziniert gleichermaßen wie sie Abscheu hervor ruft und einige Szenen fallen ganz schön fies aus, tendieren in Richtung Body Horror, ohne jedoch allzu explizit sein zu müssen, und dennoch verfehlen sie nicht ihre Wirkung. Atmosphärisch ist Life sehr dicht und mitreißend geraten und gerade das räumlich streng begrenzte Setting an Bord der ISS trägt enorm zur Spannung bei. Schnell entwickelt man ein Gefühl für die Orientierungslosigkeit der Schwerelosigkeit wie auch für die labyrinthisch verwinkelte Konstruktion der Raumstation, in welcher sich Calvin buchstäblich überall verstecken könnte. Das Setting ist sehr reduziert, entkernt auf das aller Nötigste, aber auch enorm effektiv, und auch visuell ist Life eher minimalistisch gehalten, deswegen aber noch lange nicht weniger beeindruckend aussehend. Die Darstellerriege ist gespickt mit prominenten Namen wie Jake Gyllenhaal oder Ryan Reynolds, schauspielerische Höhenflüge sollte man aber nicht unbedingt erwarten, die Glaubwürdigkeit der Figuren jedoch bleibt gewahrt.

 

Ja, Filme wie Life vermisse ich heutzutage in der modernen Kinolandschaft mehr und mehr. Genre pur, ohne Kompromisse und aus reiner Lust am abseitigen Nischendasein, ausgestattet mit großem Budget. Filme, die wissen, dass viele sie vielleicht doof finden werden, unlogisch oder albern, denen das aber auch völlig egal ist. Die einfach zu ihren schlichten Wurzeln stehen und gar nicht mehr sein wollen. Life ist straff inszeniert, atmosphärisch dicht und steigert seine Spannungskurve stetig. Das ist geradlinige wie mitreißende Genre-Unterhaltung der besten Art, die darüber hinaus auch noch mit Calvin eine überaus faszinierende Kreatur zu bieten hat.

 

7,5 von 10 kraftvollen Umarmungen von Calvin

 

 

Waxwork

5. August 2017 at 14:59

 

 

© Vestron Pictures

 

 

 

„Would you like a closer look?“

 

 

 

Als in ihrer Nachbarschaft urplötzlich und wie aus dem Nichts ein unheimliches Wachsfigurenkabinett seine Pforten öffnet, weckt das die Neugier der Teenager Mark, Tony, Sarah, China, Gemma und James. Nachdem sie vom unheimlichen Besitzer zu einer mitternächtlichen Privatführung eingeladen werden, wird die Gruppe getrennt. Da Tony und China auch in den nächsten Tagen nicht wieder auftauchen, macht sich Mark daran, ihr mysteriöses Verschwinden aufzuklären.

 

Mit Waxwork von Regisseur Anthony Hickox begebe ich mich erneut auf eine Reise in meine Kindheit, in eine Zeit Ende der 80er bis Anfang/Mitte der 90er, in der ich unendlich viele Filme beinahe jeglicher Art aus der Videothek oder dem TV aufgenommen und angesehen habe. Um so erstaunter war ich, als mir neulich Waxwork in die Hände fiel und ich feststellen musste, den Film nicht zu kennen, obwohl so ziemlich alles an ihm genau in mein Beuteschema fällt. Nun gut, die Chronistenehre will besänftigt werden, also musste der Film zügig nachgeholt werden. Und ich habe das zu keiner Sekunde bereut und wurde rund 95 Minuten lang wunderbar unterhalten. Tatsächlich war ich sehr überrascht, wie gut Waxwork heute für mich gerade auch ohne verklärte Kindheitserinnerung funktioniert. Anthony Hickox – der Sohn von Douglas Hickox, dem britischen Regisseur von Filmen wie Sitting Target mit Oliver Reed und Ian McShane, Theater of Blood mit Vincent Price und Diana Rigg oder Brannigan mit John Wayne und Richard Attenborough – inszeniert Waxwork beinahe schon episodisch, wenn zahlreiche klassische Horrorfiguren ihre Auftritte spendiert bekommen. So geben sich eine Mumie, ein Werwolf, Vampire, Zombies, der Marquis De Sade und noch viele schräge Gestalten mehr die Klinke in die Hand und es entfaltet sich nach und nach eine phantastische Reise durch allerlei Subgenre des Horrorkinos. Hickox garniert dann sein höchst unterhaltsames Gemisch mit einem angenehm komödiantischem Einschlag, der aber niemals übertrieben daherkommt oder gar albern wirkt, und punktuell eingestreuten, überraschend blutigen Einlagen, die auch heute noch überzeugen können und besser gealtert sind als bei so manch anderem Genrevertreter dieser Zeit. Gerade der Storyabschnitt rund um die Vampire kann mit einigen wirklich hübschen Blutfontänen aufwarten. Dazu gesellt sich ein feiner Cast rund um Genregrößen wie Zach Galligan (richtig – Billy Peltzer aus den Gremlins-Filmen), Dana Ashbrook (Sundown, Return of the Living Dead II, Twin Peaks), David Warner (Das Omen, Tron, Freibeuter des Todes, Time Bandits und noch vieles mehr), John Rhys-Davies (der muss wohl kaum noch kommentiert werden) und dem großartigen Patrick Macnee (The Howling und vor allem natürlich bekannt als John Steed in Mit Schirm, Charme und Melone), die allesamt sichtlich Spaß bei den Dreharbeiten hatten.

 

Letztlich ist Waxwork wirklich ein kleiner Geheimtipp, welchen ich hiermit jedem Genrefan unbedingt und ganz ausdrücklich ans Herz legen möchte. Ein phantastischer wie unterhaltsamer Trip durch jede Menge Subgenre des Horrorkinos mit einer herrlich absurden Prämisse, welcher dazu noch überraschend gut gealtert ist. Waxwork will inhaltlich ganz bewusst nicht allzu ernst genommen werden, geht in seiner Inszenierung der Spezialeffekte aber überwiegend ernsthaft ans Werk. Um das ganze abzukürzen: anschauen!

 

7,5 von 10 Schüsseln rohes Fleisch zum Abendessen