Scott Pilgrim vs. the World

28. September 2017 at 23:43

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

„An epic of epic epicness.“

 

 

 

Scott Pilgrim ist ein mustergültiger Slacker. Anfang 20, ohne Job, gammelt er sich Tag für Tag durch sein Leben in Toronto, datet ein Schulmädchen und probt immerzu mit seiner Band Sex Bob-omb für den großen Durchbruch, als plötzlich die geheimnisvolle Schönheit Ramona Flowers in sein Leben platzt. Sie ist buchstäblich das Mädchen seiner Träume, doch bevor er mit ihr zusammen sein kann, muss er sich noch mit ihren sieben teuflischen Ex-Lovern rumschlagen.

 

Ich platze mit meiner Meinung gleich einfach mal so heraus: Edgar Wright ist ein meisterhafter Regisseur, Scott Pilgrim vs. the World ist der Beweis und dieser Text eine Liebeserklärung an sein zweifellos stärkstes Werk. Seine Verfilmung des sechsteiligen Comics von Bryan Lee O´Malley ist ein permanent Popkultur referenzierendes Monster, ein visuell einzigartiges Feuerwerk der Ideen, ein Wanderer zwischen den unterschiedlichsten medialen Kunstformen, dem es mühelos gelingt all seine Einflüsse zu bündeln und ein vollkommen für sich stehendes Gesamtkunstwerk zu erschaffen. Und wie Wright die Geschichte erzählt, wie er die Gedanken – und Gefühlswelt seines Protagonisten direkt und ungefiltert auf die Leinwand überträgt und den Zuschauer daran teilhaben lässt, das zeugt von unglaublich profunder Kenntnis der letzten vierzig Jahre Popkultur – von Pac Man über Mangas bis hin zu zeitgenössischem Indierock – sowie einer schier immensen Lust daran, mit dieser Kenntnis zu spielen und einem unglaublich guten Gespür für Tempo und Timing. Visuell ist das alles unfassbar eindrucksvoll und geradezu überbordend kreativ umgesetzt, wenn sich die verschiedensten Erzählformen munter vermischen, wenn 80er Jahre Videospiel-Ästhetik auf Comicwelten trifft, wenn sich der Film frech und schamlos Dinge erlaubt, vor denen auf Filmhochschulen stets gewarnt wird, dann bricht Scott Pilgrim vs. the World buchstäblich den filmischen Horizont auf. Was mich aber abseits all dieser audiovisuellen Pracht, all der wundervollen Ideen und Einfällen auf der erzählerischen Ebene und all dieser nerdigen Detailverliebtheit noch am allermeisten fasziniert und begeistert, das ist der so schlichte wie zu gleich schöne Kern der Geschichte. Wenn man nämlich all diesen Popkultur-Wahnsinn, die inszenatorischen Tricks und Kniffe und den visuellen Budenzauber einfach mal außen vor lässt und beiseite wischt, dann offenbart sich tief im Innern von Scott Pilgrim vs. the World ein roter Faden, welcher zu keiner Sekunde aus den Augen gelassen wird. Denn letztlich erzählt Edgar Wright mit seinem Film nicht mehr und nicht weniger als die vielleicht älteste Geschichte der Menschheit: Junge trifft Mädchen, Junge verliebt sich in Mädchen. So einfach, so universell. Und bei all dem kreativen Feuerwerk, welches er nahezu permanent entfacht, verliert er nie das Gespür für seine Figuren und drosselt gezielt das erzählerische Tempo um der Romanze zwischen Scott und Ramona genügend Freiraum und Luft zum atmen zu geben. Der Cast erledigt dann den Rest und füllt den Film mit Leben und lässt seine Liebesgeschichte erst richtig glaubwürdig erscheinen. Und auch bis in kleinere Nebenrollen ist der Film wahnsinnig gut besetzt und kann mit Namen wie Chris Evans, Anna Kendrick, Brie Larson, Jason Schwartman, Brandon Routh oder Kieran Culkin um sich werfen. Sogar Thomas Jane und Clifton Collins, jr. dürfen kurz für einen ausgesprochen witzigen Cameo-Auftritt vorbeischauen. Aber das Herz von Scott Pilgrim vs. the World sind Michael Cera und die wundervolle Mary Elizabeth Winstead. Und seien wir doch mal ehrlich: wie könnte man sich nicht in Ramona Flowers verlieben?

 

Natürlich ist sich Edgar Wright vollkommen im klaren darüber, dass er allein aufgrund der Art und Weise, wie er seine Geschichte erzählt, große Teile des Publikums nicht erreichen wird. Dafür ist vieles an Scott Pilgrim vs. the World einfach zu weit weg vom Mainstream, vieles einfach zu sehr auf bestimmte Nischen der Popkultur fixiert. Das schöne aber ist: es ist ihm egal. Wright zelebriert das alles so voller Enthusiasmus, dass man das Gefühl bekommt, er hätte den Film auch nur für sich allein gemacht. Schon die Cornetto-Trilogie (Shaun of the Dead, Hot Fuzz, The World´s End) war sehr gut und zeugte vom scheinbar grenzenlosen Genre-Wissen ihres Regisseurs, aber Scott Pilgrim vs. the World treibt das alles frech wie versiert auf die Spitze und katapultiert den Film damit tief in mein Nerd-Herz. Baby Driver habe ich leider noch nicht sehen können, bin aber sehr, sehr gespannt darauf, was sich Mr. Wright hier wieder alles hat einfallen lassen. Seine Vision von Ant-Man hätte ich übrigens auch nur allzu gern gesehen.

 

9 von 10 Extraleben

 

 

Spartan

24. September 2017 at 11:54

 

 

© Warner Bros.

 

 

 

„You had your whole life to prepare for this moment. Why aren’t you ready?“

 

 

 

Robert Scott ist der Mann, den die amerikanische Regierung als Problemlöser hinzuzieht, wenn alle anderen Optionen scheitern. Er macht die Schmutzarbeit, auf sich gestellt und weit jenseits legaler Grenzen. Als die Tochter des Präsidenten verschwindet ist er es, der sie wiederfinden soll. Die Spur führt zu einem arabischen Ring von Mädchenhändlern, die scheinbar gar nicht wissen, wer genau ihnen da in Fänge geraten ist. Die Zeit Spiel gegen Scott, er muss schnell und kompromisslos handeln, doch bald wird ihm klar, dass irgendetwas nicht stimmen kann.

 

Über Spartan reden bedeutet auch unweigerlich über seinen Regisseur und Drehbuchautor David Mamet zu sprechen. Mamet ist ohne jeden Zweifel einer der genialsten Köpfe unter den gefühlt unendlich vielen Drehbuchautoren dort draußen und noch vielen mehr, die gern welche sein würden. Als Autor zahlreicher Theaterstücke (von denen American Buffalo und Glengarry Glen Ross später auch verfilmt wurden) und Drehbücher für Filme wie Wenn der Postmann zweimal klingelt, The Verdict, The Untouchables, Auf Messers Schneide, Ronin, Wag the Dog und eben auch Spartan ist er bekannt für einen ganz eigenen sprachlichen Stil voller schneller, kraftvoller Dialoge, die eher selten einfach nur Informationen geben, sondern vielmehr Figuren charakterisieren und Atmosphäre erschaffen. Ausufernde Beschreibungen und ausgedehnte Erklärungen sucht man bei ihm vergeblich, er schreibt wahnsinnig präzise und pointiert und wirft nur zu gern ins kalte Wasser ohne sich groß mit Expositionen aufzuhalten. So beginnt Spartan mehr oder weniger unvermittelt in der Handlung, wenn Robert Scott bereits als Problemlöser hinzugezogen wird, doch was genau zuvor geschah, das muss man sich anhand des weiteren Storyverlaufs schon selbst zusammen reimen. So verschwendet Mamet in seinem Drehbuch nicht eine Sekunde dafür zu erklären, wer genau die entführte Laura Newton eigentlich ist und lässt nie explizit darauf hinweisen, dass sie die Tochter des Präsidenten ist, aber allein die Art, wie andere Figuren agieren und über sie sprechen macht es nur überdeutlich. Das mag ein wenig eigenartig anmuten in Anbetracht des Genres, welchem sich Spartan widmet, spielt dort doch meist eher Bewegung die Hauptrolle und nicht das gesprochene Wort, doch dieser Ansatz funktioniert in seinem speziellen Kontext ganz hervorragend. Bei näherer Betrachtung kommt man dann auch zu dem Schluss, dass gerade Mamets eigenwilliger Stil dazu beiträgt, aus seinem Film einen der ungewöhnlichsten und interessantesten Genrebeiträge der letzten Jahre zu machen, der seinem Genre durchaus sogar neue Impulse verleihen und frische Ideen mit auf den Weg geben kann. Eine besonders große Leistung in seiner Inszenierung ist es, wie geschickt es Mamet versteht dem Zuschauer entscheidende Informationen vorzuenthalten und präzise dosiert im Unklaren zu lassen, ohne dass man sich betrogen fühlt. Im Gegenteil, Spartan ist seinem Zuschauer selbst dann noch immer einen Schritt voraus, wenn man schon längst glaubt, den Plot durchschaut zu haben. Zudem unterscheidet sich Mamets Film wohltuend von so vielen seiner Genre-Brüder, wenn zur Abwechslung mal nicht jedes noch so kleine Detail auserzählt werden muss, Dinge auch mal unausgesprochen in Grauzonen bleiben dürfen und moralische Schattierungen außerhalb der üblichen Klischees zugelassen werden, welche durchaus auch ein wenig Denkvermögen einfordern.

 

Keine Frage, allzu leicht macht es David Mamet mit Spartan seinen Zuschauern nicht. Auch die Action selbst im Film ist zwar zweifellos ungemein effizient, zugleich aber auch angenehm zurückhaltend und hübsch geerdet im Vergleich zu manch anderem Actionthriller, kompetent inszeniert, spürbar druckvoll und trotzdem bodenständig. Robert Scott ist durch und durch Profi auf seinem Gebiet, aber er ist kein großer Denker und Entscheider, der strategische Pläne entwirft, er ist vielmehr ein Macher, der dorthin geht, wohin man ihn schickt, kaum mehr als eine weitere Schachfigur im Spiel viel mächtigerer Männer im Hintergrund. Sich selbst bezeichnet er mehrfach im Film als working bee, er sieht sich als Drohne, die präzise ihre Aufträge erfüllt. Ein Job, auf den er nicht stolz ist, aber einer, der erledigt werden muss und in dem er verdammt gut ist. Scott ist kein Held und erst recht kein Sympathieträger: er tut was nötig ist, wendet Gewalt an um Geständnisse aus Kollegen zu pressen, einem Verdächtigen bricht er ohne mit der Wimper zu zucken erstmal den Arm und befragt ihn erst dann, einen Mord nimmt er eiskalt in Kauf, um sich das Vertrauen eines weiteren Verdächtigen zu erschleichen. Was er tut zu hinterfragen, das beginnt er erst, als er sich plötzlich inmitten eines Netzes aus Lügen und Intrigen wiederfindet und auf der falschen Seite steht. Spartan wirft einen durchaus unangenehmen Blick auf die Arbeit diverser Geheimdienste und deren Akteure, denn glorifiziert wird hier gar nichts und es wird auch mehr als nur deutlich, welchen Wert selbst die besten unter ihnen noch haben, wenn sie den Strippenziehern im Weg stehen.

 

Viel zu oft kommt Spartan einfach völlig zu Unrecht sehr schlecht weg, egal, ob auf Seiten der Kritiker oder des Publikums. Es ist wahnsinnig schade, dass David Mamets Film so sträflich unterbewertet wird, hat er doch so manches zu bieten, was ihn erfrischend abhebt vom sonst so oft üblichen Genre-Einerlei. Das Drehbuch ist intelligenter geschrieben, als man auf den ersten Blick vermuten würde und serviert dem Zuschauer nicht jedes kleine Fitzelchen mundgerecht auf dem Silbertablett, behält aber gleichzeitig wichtige Informationen so geschickt für sich, dass man sich nicht beleidigt fühlt, und platziert seine Wendungen im Storyverlauf sehr punktgenau. Spartan ist einer der vielleicht maßlos unterschätztesten und verkanntesten Filme überhaupt und das ist verdammt schade. Wenn man einen geradlinigen wie schnörkellosen Actionkracher sucht, dann ist man mit Spartan sicherlich falsch beraten, denn dem üblichen Genre-Größenwahn verweigert sich der Film und punktet lieber an anderen Stellen. Und Robert Scott würde mit Jack Reacher und Konsorten den Boden wischen.

 

8 von 10 bewusst in Kauf genommenen Kollateralschäden

 

 

 

 

Fast & Furious 8 oder das Po-Loch des Teufels

19. September 2017 at 17:04

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

Als das Team rund um Dominic Toretto einen weiteren Auftrag für Mr. Nobody annimmt und eine leistungsstarke EMP-Waffe in Berlin sicherstellen soll, wendet sich Dom plötzlich gegen die Familie, stiehlt die Waffe und verschwindet von der Bildfläche. Niemand außer ihm weiß, was wirklich los ist, wird er doch von der Hackerin Cipher erpresst und dazu gezwungen, doch von nun an macht der Rest des Teams unerbittlich Jagd auf Dom.

 

Die Fast & Furious-Reihe ist das momentan wohl erfolgreichste Action-Franchise überhaupt, welches von Kostverächtern auch heute noch nur zu gern gemieden wird, obwohl sich der inszenatorische Irrsinn seit Teil 5 jedes Mal aufs neue übertrifft und sich die Filme weg von ausuferndem Auto-Fetisch und langweiligen Straßenrennen hin zu überdreht comicartiger Action entwickelt haben. Auch ich selbst muss zugeben, erst seit besagtem fünften Teil aktiv Interesse an den Abenteuern rund um Dominic Toretto und seiner Familie zu haben, seit die Macher dahinter nahezu unermüdlich Film um Film den bekloppten Wahnsinn in immer größere Höhen schrauben. Immerzu denkt man, wie das alles denn noch getoppt werden soll und dann kommt der nächste Teil nur um doch wieder einen drauf zu setzen. Und auch der achte Streich – dieses Mal unter der Regie von F. Gary Gray – strebt mit jeder Pore nach infantilem Gigantismus und was hier an haarsträubender Action geradezu zelebriert wird, das muss man sehen, um es zu glauben: da regnen Autos dutzendfach von Dächern, da schlittern italienische Sportwagen über das sibirische Eis, da rast eine Abrissbirne über deutsche Straßen und kegelt den Weg frei, da liefert sich die Familie rund um Dom ein Wettrennen mit einem russischen Atom-U-Boot. Dass das alles einfach nur der total grenzdebile Schwachfug sein könnte, die Frage stellt sich dem offenen Betrachter allerdings gar nicht erst, denn Fast & Furious 8 verpackt all das mit einer solch großen Lust an eben jenem infantilen Gigantismus, dass man eigentlich nur noch Kopf schüttelnd da sitzen und die vollkommen abstrusen Einfälle bewundern kann. Auch der Cast scheint parallel zur Action immer gigantischere Ausmaße anzunehmen und erweitert den Kern der Familie Stück für Stück sogar um alte Feinde, wenn neue es erforderlich machen. Fast & Furious 8 ist nicht nur auf dem Papier ein vollkommen durchgeknalltes Stück filmischer Wahnsinn geworden und dreht buchstäblich schwer am Rad, er zelebriert diesen Zustand totalen Irrsinns regelrecht und definiert sich beinahe ausschließlich genau darüber. Bessere Action findet man zur Zeit sicherlich, größenwahnsinnigere wohl kaum. Das darf dann auch mal einfach nur Spaß machen. Letztlich bleiben bei mir zwei Fragen: wird der nächste Teil noch größere Dimensionen beackern und zitiert Regisseur F. Gary Gray in diesem Spektakel tatsächlich in einer Szene kurz Hard Boiled von John Woo oder ist das bloß Zufall?

 

7 von 10 feurigen Straßenrennen in Havanna

 

 

Shin Godzilla

15. September 2017 at 13:47

 

 

© Toho

 

 

 

Die Geschichte selbst ist altbekannt und schnell erzählt: rätselhafte Naturphänomene in der Bucht von Tokio gipfeln schließlich im Erscheinen einer unbekannten wie monströsen Kreatur, die sich anschickt die Stadt zu verwüsten. Wissenschaftler, Militär und Politiker versuchen verzweifelt der Lage Herr zu werden, während das Godzilla genannte Monster weiter wächst und immer mehr von Tokio vollständig verwüstet. Besonders knapp wird die Zeit, als die amerikanische Regierung einen Atomschlag mitten auf Tokyo als letzte Lösung in Betracht zieht.

 

Gareth Edwards amerikanische Sichtweise auf Godzilla (2014) zeigte den Japanern, dass ein weiteres Update der geliebten Riesenechse durchaus profitabel sein kann. Prompt kündigte Toho an, selbst einen nun mehr 29. Beitrag zur Reihe auf die Beine stellen zu wollen und vermutlich nicht ohne Grund ist dieser Godzilla auch der bisher größte in der Geschichte der Filme. Es bedurfte zwar einiger Mühen, aber letztlich konnte man den Neon Genesis Evangelion-Schöpfer Hideaki Anno davon überzeugen, bei Shin Godzilla die Regie zu übernehmen. Ein komplettes Reboot sollte es werden, alles nochmal neu, alles auf Null, angesiedelt im hier und heute als Antwort auf alte wie neue Traumata. Shin Godzilla ist ein japanischer Film für ein japanisches Publikum, das sollte man sich vor Augen führen und im Hinterkopf behalten, denn für unsere westlich geprägten Maßstäbe und Sehgewohnheiten kann der Film durchaus eine Herausforderung sein. Die klassische Kaiju-Ästhetik trifft hier auf gnadenlose Polit-Satire und bürokratischen Irrsinn, wenn sich die etablierte Riege japanischer Politiker geradezu gelähmt im Angesicht der Katastrophe ihre vollkommene Hilflosigkeit eingestehen muss und dennoch Querdenker und neue Denkweisen oder Lösungsansätze immer gleich von den Konservativen beiseite gewischt werden. In scheinbar endlosen und immerzu gleich aussehenden Konferenzräumen und Büros wird unentwegt analysiert, diskutiert, erörtert und beratschlagt, wenn Wissenschaft, Militär und Politik versuchen eine Lösung zu erarbeiten. Hideaki Anno besinnt sich mit Shin Godzilla wieder ganz ursprünglich auf die Anfänge von 1954: hier gibt es keine Kämpfe mit anderen Monstern und Godzilla ist keineswegs der Retter der Welt, er ist die Bedrohung. Es gibt keine Baby-Godzillas, es gibt keine störende Lovestory, keine einsamen Helden im Kampf gegen das Monster, die sich zum Wohl der Menschheit selbstlos opfern, sondern nur die machtlose Regierung, verdammt zum bloßen Zusehen und zum totalen Kontrollverlust, während Godzilla alles in Schutt und Asche legt.

 

© Toho

 

Die Erscheinung und Inszenierung der Riesenechse selbst mag auf den ersten Blick sehr plump erscheinen und wirkt zweifellos gewöhnungsbedürftig, ist Godzilla zwar komplett animiert, aber dennoch dem klassisch traditionellem Design der Reihe unterworfen. Zudem verändert das Monster im Verlauf des Filmes immer wieder Form und Aussehen, indem es mehrere Metamorphosen durchläuft, bis schlussendlich die so sehr in der Popkultur verankerte Erscheinung erreicht wird, welche sich tief ins filmhistorische Bewusstsein gebrannt hat. Und legt diese neue/alte Inkarnation des Godzilla in Tokyo erst einmal los mit ihrer Orgie der Zerstörung, dann sieht das alles sehr gut aus und beschwört Bilder, die oft nur zu sehr an das Tōhuku-Beben, den darauf folgenden Tsunami und die Katastrophe von Fukushima erinnern. Auf dem Höhepunkt des Filmes verbrennt Godzilla mit seinem Feueratem halb Tokyo, den Rest zerlegt er mit seinen radioaktiven Strahlen. Visuell ist das alles sehr ansprechend umgesetzt und Shin Godzilla generiert trotz seines verhältnismäßig niedrigen Budgets von rund 15 Millionen Dollar phasenweise wirklich schöne Szenen der Zerstörung. Wenn ganz Tokyo ohne Strom im Dunkeln liegt und Godzilla von amerikanischen Kampfflugzeugen bombardiert wird, wenn sein glühender Körper die nächtliche Stadt beleuchtet, dann ist das vielleicht einer der beeindruckendsten und schönsten Momente im ganzen Film. Sicherlich kann sich Shin Godzilla auf der Ebene der Effekte kaum mit den gigantisch aufgeblasenen Produktionen der Marke Hollywood messen, dafür aber wohnt Annos Ansatz auch viel naiver Charme inne, den ich persönlich nicht missen möchte, und die Bilder der Zerstörung – gerade auch eben dann, wenn Godzilla schon wieder weiter gezogen ist – zeugen von großer Wucht gekoppelt an reale Ereignisse. Wie bereits 1954 fungiert Godzilla auch heute erneut als fleischgewordenes Mahnmal und materialisierte Angst, damals getrieben von Hiroshima und Nagasaki, heute von Fukushima.

 

Ja, Shin Godzilla ist in vielerlei Hinsicht durchaus gewöhnungsbedürftig. Sein Erzählrhythmus mutet merkwürdig an, werden schnellere Actionsequenzen doch immer wieder gegen geschnitten zu scheinbar endlos langen und wenig ertragreichen Konferenzszenen, und auch die Animation des Monsters selbst wirkt zuweilen eigenartig misslungen. Dafür können sich die Zerstörungssequenzen in Tokyo allesamt durchaus sehen lassen und machen Spaß. Darüber hinaus liefert Hideaki Anno einen herrlich satirischen Seitenhieb auf die konservativ verkrusteten Strukturen der japanischen Politik. Wer jedoch Shin Godzilla allein wegen der Monsteraction in Betracht zieht, der sollte sich vielleicht einen anderen Film suchen. Letztlich bleibt vor allem ein Film über die brutale Machtlosigkeit des Menschen gegenüber der Natur.

 

7 von 10 fleischgewordenen Naturkatastrophen