Bright (2017)

31. Dezember 2017 at 19:52

 

 

© Netflix

 

 

 

Der menschliche Cop Daryl Ward schiebt zusammen mit dem Ork Nick Jacoby auf den Straßen von Los Angeles Streifendienst. Als sie eines Nachts bei einem scheinbaren Routineeinsatz auf eine mächtige magische Waffe stoßen, die ihre Welt für immer verändern könnte, finden sie sich schon bald gejagt von einigen Elfen, die nichts unversucht lassen um an eben jene Waffe zu gelangen. Den beiden ungleichen Polizisten steht eine lange und ereignisreiche Nacht bevor.

 

Gleich vorweg: ja, Bright ist in vielerlei Hinsicht wirklich nicht sonderlich gelungen und wahrlich kein guter Film, aber die nach den vielen wirklich schlechten Kritiken und Verrisse zu erwartende Katastrophe blieb in meinen Augen aus. Das also kommt dabei raus, wenn Netflix 90 Mio. Dollar in die Hand nimmt, dem Kino Konkurrenz machen möchte und Max Landis für das Drehbuch und David Ayer für die Regie verpflichtet: ein relativ generischer Misch Masch aus hartem Copthriller und Shadow Run-artiger Fantasy-Action mit einem Spritzer Spacecop L.A. Eine irgendwie recht unglücklich geratene Kombination zweier sehr unterschiedlicher Genre, welche der Film zu einem faden wie oberflächlichen Hybriden versucht zu verschmelzen und dabei überwiegend scheitert, wenn sich Bright weder auf der Ebene des Drehbuchs noch auf der Ebene der Regie für das Potential seiner Welt ernsthaft interessiert. Letztlich ist Bright bei näherer Betrachtung trotz einiger zumindest auf dem Papier durchaus interessanten Ideen kaum mehr als eine weitere Variation altbekannter Motive aus dem Schaffen von David Ayer: Training Day, SWAT, Harsh Times, Street Kings, End of Watch, Sabotage – inklusive einiger recht bedenklicher Ansichten seitens Ayer und nun verquirlt mit reichlich Fantasy-Elementen. Gesellschaftlich aktuell relevante Themen wie Rassismus, Segregation und korrupte Polizeigewalt werden zwar immer wieder aufgegriffen, verkommen allerdings nicht selten zum genauen Gegenteil dessen, was der Film reichlich plakativ versucht zu sagen, wenn Motive dermaßen plump dargestellt werden, dass sie doch wieder nur stigmatisieren.

 

Grundsätzlich birgt die Prämisse von Bright durchaus ein gewisses Potential und vielleicht würde sich die dort etablierte Fantasy-Welt voller Orks, Elfen, Feen, Drachen und Magie auch für eine Serie eignen. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass mir der Film diese Welt auch etwas näher bringt anstatt mich ins kalte Wasser zu werfen. Stattdessen schert sich Bright herzlich wenig um das Wie und das Warum seiner Welt, wird sie doch als dermaßen selbstverständlich aufgebaut ohne auch nur ansatzweise Erklärungen anzubieten, so dass mir oft der Zugang verwehrt bleibt. Bright hat sie ja durchaus, die guten Ideen und Ansätze, und hätte etwas Neues erschaffen können, scheitert aber letztlich an seiner Inszenierung. Nicht das Konzept von Max Landis ist das Problem, sondern dessen Ausarbeitung und die Regie von David Ayer. Letztlich geht die gewagte Kombination aus hartem Crime-Thriller im Stile von End of Watch oder Street Kings und Herr der Ringe-artiger und an Shadow Run erinnernder Fantasy nur bedingt auf und krankt vor allem daran, dass sich der Film irgendwie nicht so richtig für seine Welt interessiert und das zweifellos vorhandene Potential allenfalls oberflächlich ausschöpft. Kurz bevor Bright im Dezember bei Netflix an den Start ging wurde bereits bekannt gegeben, dass man eine Fortsetzung bestellt hat und ein Franchise rund um den Film aufbauen will. Interessiert bin ich daran schon, denn ich mag die Idee dahinter sehr, auch wenn ich dem vielleicht nicht entgegenfiebern werde.

 

6 von 10 Feen im Vogelhäuschen

 

 

Auf kurze Distanz (2016)

30. Dezember 2017 at 19:46

 

 

© WDR

 

 

Der junge Polizist Klaus Roth wird für einen Undercover-Einsatz rekrutiert und soll verdeckt in Berlin gegen eine serbische Großfamilie ermitteln, die das Wettgeschäft mit manipulierten Spielen jeglicher Art fest im Griff hat. Um nach und nach immer weiter vordringen zu können, sucht Roth die Freundschaft zu Luca Moravac, einem Neffen des Familienoberhauptes Aco Goric. Roth macht schnell Fortschritte, doch als türkische Konkurrenz das Geschäft bedroht, überschlagen sich die Ereignisse.

 

Immer wieder stolpere ich über den Satz „Deutschland kann eben kein Genrekino“. Und jedes Mal denke ich mir: aber das stimmt doch gar nicht. Beweise dafür, dass es nicht stimmt, die gibt es doch genügend: ob nun das Kino von Roland Klick in den 70ern und 80ern mit Filmen wie Deadlock (1970), Supermarkt (1974) oder Whitestar (1983). Oder die Filme von Dominik Graf, der mit Die Katze (1988) oder Die Sieger (1994) denkwürdige Momente des deutschen Genrekinos schuf und zu den wenigen Regisseuren gehört, denen Tatorte gelingen, die man auch wirklich schauen kann. Oder Filme wie Der Fan (1982) von Eckhart Schmidt und Blutiger Freitag (1972) von Rolf Olsen – allesamt absolut lohnenswerte Beiträge zum deutschen Genrekino. Und auch aktuell ist das Genre hierzulande vertreten: Der Nachtmahr (2015), Who Am I (2014), Victoria (2015), Wir sind die Flut (2016), Berlin Syndrome (2107) oder eben Auf kurze Distanz.

 

© WDR

 

Das Undercover-Drama von Phillip Kadelbach erzählt uns sicherlich keine neue Geschichte, wenn sich der junge Polizist Klaus Roth nach und nach in die serbische Wettmafia einschleicht. Aber der Film erzählt sie in einem angenehm kleinen Rahmen und bleibt dabei trotzdem packend und spannend. Ein überzeugend authentisches Setting ist das, in welchem sich Roth dort bewegt, und nie wird es reißerisch ausgeschlachtet, sondern vielmehr zurückhaltend in Szene gesetzt. Die Figuren im Film verhalten sich realistisch und glaubwürdig, auf Schwarz/Weiß-Malerei wird zu Gunsten moralischer Grauzonen verzichtet und auch die zwischenmenschlichen Töne kommen nicht kurz. Manchmal fühlte ich mich an Eastern Promises von David Cronenberg erinnert und gerade die Familienszenen – eine Taufe beispielsweise innerhalb dieser serbischen Großfamilie – wissen auch zu begeistern, wirken sie eben authentisch. Auch der moralische Konflikt, den Roth im Laufe seiner Undercover-Tätigkeit entwickelt, ist nachvollziehbar und überzeugend dargestellt. Überhaupt ist die schauspielerische Klasse in Auf kurze Distanz erstaunlich hoch und vor allem Tom Schilling und Edin Hasanovic stechen da heraus.

 

Somit ist Auf kurze Distanz von Phillip Kadelbach ein rundherum gelungener Beitrag zum deutschen Genrekino, welcher angenehm wohltuend aus dem sonst eher matschigen Krimi-Einerlei hierzulande hervorsticht und definitiv eine Empfehlung wert ist. Eine Fernsehproduktion, die große Teile der Konkurrenz mühelos hinter sich lässt, indem sie auf ein authentisches Setting, glaubhafte Figuren und eine zwar im kleinen Rahmen aufgezogene, deswegen aber kaum weniger spannende Story setzt, die gegen Ende noch den einen oder anderen hübschen kleinen Schlenker präsentieren kann.

 

8 von 10 Gläsern Bier voller Pisse

 

 

Mein Filmjahr 2017

28. Dezember 2017 at 20:53

 

 

Zeit für einen kleinen Rückblick auf mein Filmjahr 2017. Puh! Ich muss gestehen, das Jahr 2017 hat es mir sehr schwer gemacht und diese Liste habe ich wohl unzählige Male neu geschrieben, habe Plätze ausgetauscht und Positionen vertauscht, Filme gestrichen und wieder aufgenommen und wieder gestrichen. Ihr seht also: ich hatte ein durchaus gutes Filmjahr. Auch sonst kann ich nicht klagen, der Blog wächst und gedeiht und die Netzwerke und Verbindungen zu anderen Bloggern und Podcastern ebenfalls. Die Weichen sind also gestellt auf ein spannendes Jahr 2018. Jetzt müssen nur noch die Filme auch mitspielen.

 

 

 

10. Wir sind die Flut (Sebastian Hilger, 2016)

 

© Anna Wendt Filmproduktion GmbH

 

Das Regiedebüt von Sebastian Hilger ist nicht nur die erste gemeinsame Kooperation der beiden Filmhochschulen Potsdam und Ludwigsburg, es ist vor allem auf ganz eigenen Füßen stehendes deutsches Genrekino, welches internationale Vergleiche nicht zu scheuen braucht. Ein Film, welcher abseits seiner vordergründig Science Fiction-artigen Handlung und einer durchaus von Christopher Nolans Interstellar geprägten Ästhetik in seinem Kern immer wieder die Träume, Wünsche und Hoffnungen im Gegensatz zur harten Realität einer ganzen Generation abbildet. Wir sind die Flut ist ein stiller kleiner Film, welcher seine großen Themen bedächtig vorträgt und in klare wie zugleich regelrecht schwebend anmutende Bilder hüllt. Ein weiterer Beweis dafür, dass es das deutsche Genrekino sehr wohl gibt und dass es sich aktuell ausgesprochen lebhaft gibt.

 

 

 

9. Hounds of Love (Ben Young, 2017)

 

© Gunpowder & Sky

 

Hounds of Love ist das Spielfilmdebüt des australischen Regisseurs Ben Young und eine wahre Tour de Force. Ein in seiner Machart sehr simpler Film, aber unglaublich effektiv in seiner Wirkung. Erst die Auslassung des Expliziten ist es, die Hounds of Love so sehr unter die Haut gehen lässt. Nichts ist schlimmer als das Grauen in unserem Kopf, als die Bilder, welche wir selbst den angedeuteten Ereignissen hinzufügen. Young setzt einen eher ungewöhnlichen Schwerpunkt, wenn er mehr die gestörte Beziehung zwischen dem mordenden Paar John und Evelyn in den Fokus rückt als das Martyrium der von ihnen entführten Vicki – und viel lieber deren bizarres Abhängigkeitsgefüge beleuchtet. Sein Film ist quälend langsam erzählt und köchelt leise vor sich hin, ist wahnsinnig spannend ohne das sonderlich viel passiert und hinterlässt einen intensiven wie beklemmend verstörenden Nachgeschmack, wenn er tief in die schwer lädierten Seelen seiner Protagonisten blickt. Ein exzellent gespieltes, aber nur schwer zu ertragendes Drama.

 

 

 

8. Mudbound (Dee Rees, 2017)

 

© Netflix

 

Ein großartig besetztes und geradezu episches Südstaaten-Drama ist Dee Rees mit Mudbound gelungen. Kraftvoll und dennoch zurückhaltend erzählt der Film in seinen rund 134 Minuten voller Schlamm, Dreck, Schweiß und Blut die Geschichte zweier benachbarter Familien: die eine schwarz, die andere weiß, miteinander verflochten in Schmerz und  Sehnsucht. Das ist ganz klassisches Erzählkino, faszinierend wie soghaft, ein lebensnahes und zugleich überlebensgroßes Melodram ohne süßlichen Kitsch und triefenden Pathos, welches die rassistische Männlichkeit der ländlichen Südstaaten der 1940er Jahre ebenso anprangert wie gleichermaßen die Hoffnung auf individuelle Annäherung propagiert. Ein Film über anbrechende neue und von Schlamm und Blut verkrustete alte Zeiten. Nicht rührend, sondern berührend und ganz großes Kino.

 

 

 

7. Hell or High Water (David Mackenzie, 2016)

 

© CBS Films

 

Hell or High Water von David Mackenzie verhandelt unter seiner Oberfläche irgendwo zwischen Neo-Western und Heist-Movie deutlich mehr als man auf den ersten Blick vielleicht vermuten würde und erzählt nicht nur von einem etwas ungleichen Brüderpaar auf der Flucht vor zwei nicht weniger ungleichen US-Marshalls, sondern unterschwellig eben auch vom Niedergang eines einst sehr produktiven Landstriches und vom Konflikt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Film ist wahnsinnig toll von Kameramann Giles Nuttgens bebildert, ist herausragend gespielt von Ben Foster, Chris Pine sowie Jeff „The Dude“ Bridges und hat dazu noch einen wundervollen Score aus der Feder von Nick Cave und Warren Ellis zu bieten. Das Gesamtpaket ist in sich absolut stimmig und Hell or High Water war für mich tatsächlich eine der ganz großen Überraschungen des Jahres.

 

 

 

6. Silence (Martin Scorsese, 2016)

 

© Paramount Pictures

 

Silence versteht sich nicht als provokanter Kommentar auf den religiösen Fanatismus unserer Zeit. Scorseses Ansatz ist deutlich universeller und persönlicher zugleich, sein Tonfall ist elegisch, die Bildsprache des oscarnominierten Kameramannes Rodrigo Prieto ist gravitätisch und erinnert mit den inneren Monologen in rauschender Naturkulisse oft an die späten Arbeiten von Terrence Malick. Meditativ, aber kraftvoll zugleich… Das ist irritierend, für manchen vielleicht sogar frustrierend. Man erwartet Wucht und bekommt stattdessen Andacht, Ruhe, Stille. Silence. Die erhabenen und ruhigen Bilder des Films leben nicht nur von ihrem expressionistischen Ausdruck, sondern ihnen scheint auch eine unglaubliche Intensität inne zu wohnen. Bemerkenswert, führt man sich doch vor Augen, dass Silence vor allem ein Film der inneren Konflikte ist. Ein Film, der zweifellos nicht jedem gefallen wird, aber auch einer, für den es sich lohnt sich auf ihn einzulassen und vor allem einer, bei dem ich tatsächlich noch ein paar Dinge über mich selbst lernen konnte.

 

 

 

5. Dunkirk (Christopher Nolan, 2017)

 

© Warner Bros. Pictures

 

Im Kino die stärkste Immersion, die ich bisher erleben durfte. Nie zuvor hatte ich so sehr das Gefühl, Teil des Geschehens zu sein wie im jüngsten Film von Christopher Nolan. Der Verzicht auf nahezu sämtliche klassischen Strukturen herkömmlicher Narrative mag viele Zuschauer stören, für mich ist es der Schlüssel zu diesem rauschhaften Erlebnis namens Dunkirk. Dazu gesellt sich ein schier unglaubliches Sounddesign wie ich es noch nie zuvor erfahren durfte: jeder Schuss, jede Bombe, jede Explosion, ja sogar die Geräuschkulisse in den Cockpits der Flugzeuge ist von solch einschneidender Klarheit und Präzision, dass es durch Mark und Bein geht. Das lässt sich kaum in Worte fassen, das muss man erfahren. Hören. Sehen. Erleben. Spüren. Es ist ungemein faszinierend zu sehen, wie hier Bild, Ton und Schnitt zu einer kaum noch zu trennenden Einheit verschmelzen und ein Erlebnis erschaffen, das weit über gewöhnliches Kino hinausgeht.

 

 

 

4. Baby Driver (Edgar Wright, 2017)

 

© TriStar Pictures/Sony Pictures Releasing

 

Schon Scott Pilgrim Vs. The World von Edgar Wright fand ohne nennenswerte Umwege den Weg direkt in mein Herz und auch Baby Driver steht dem in nichts nach. Absolut nichts. Wie Wright hier die Musik zum Protagonisten macht, wie er jedes noch so kleine Detail vom Tempo, über die Inszenierung selbst hin zu Action und Schnitt und sogar das Schauspiel nahezu immer dem Rhythmus seiner Songs unterwirft, das ist schon etwas ganz besonderes. Der Soundtrack untermalt die Filmszenen nicht, er choreografiert sie, bestimmt sie, ist ihr pulsierendes Herz. Wrights gesamte Inszenierung sprüht geradezu vor Verve und Esprit und bietet dem geneigten Zuschauer einen ganzen Bund voller unglaublich kreativer wie abgedrehter Ideen. Und die ersten rund fünf Minuten von Baby Driver sind so ziemlich das Beste, was das Kinojahr 2017 in puncto Action so zu bieten hatte.

 

 

 

3. Get Out (Jordan Peele, 2017)

 

© Universal Pictures

 

Get Out ist genau die Art Film, die ich im Genre Horror so sehr schätze. Ein intelligent geschriebener Horrorfilm, welcher psychologisch hervorragend ausgearbeitet ist und aktuelle sozial-politische Tendenzen aufgreift und verhandelt. Regisseur Jordan Peele muss kaum mehr tun als bestimmte Schrauben in unserem sozialen Miteinander minimal zu verstellen und löst dadurch maximale Befremdlichkeit beim Betrachter aus, wenn viele enorm pointiert eingesetzte und hochgradig ambivalente Momente geschickt vor den Kopf stoßen. Das ist verdammt kluges Genrekino voller gesellschaftlicher Relevanz und dazu noch ausgesprochen unterhaltsam.

 

 

 

2. Logan (James Mangold, 2017)

 

© 20th Century Fox

 

Logan ist so völlig anders als die herkömmlichen, oftmals grellbunten und meist verhältnismäßig harmlosen Comicwelten aus dem Hause Marvel. Der Film von James Mangold ist minimalistisch gehalten, staubig, düster, dreckig, brutal und tonal sehr viel mehr Roadmovie mit Western-Einschlag als Comic-Blockbuster. Ein eher intimes Drama rund um Verantwortung, das Älterwerden und die eigene Vergänglichkeit. Da ist es auch mutig wie gleichsam schön und erfrischend, mit welch grimmiger und brutaler Konsequenz sich Logan seinen Figuren annimmt und wie ernsthaft mit ihnen umgegangen wird. Das hat mich letztlich getroffen, berührt und mitgenommen und hat mich nach dem Film noch eine ganze Weile in meinen Gedanken begleitet. Logan ist nicht weniger als der würdevolle Schlußstrich unter 17 Jahren mit einer der am besten verkörperten Comicfiguren der Filmgeschichte.

 

 

 

1. Blade Runner 2049 (Denis Villeneuve, 2017)

 

© Warner Bros. Pictures

 

Ich werde einfach nicht müde zu betonen, welch fantastischer Regisseur Denis Villeneuve doch ist. Auch mit der im Vorfeld schwer angezweifelten und oftmals als unnötig erachtete Fortsetzung zu Ridley Scotts Meisterwerk Blade Runner beweist der Franko-Kanadier abermals sein gefühlt unerschöpfliches Talent, vollbringt er doch den kunstvollen Spagat zwischen der Huldigung der Vergangenheit und einer sorgfältigen wie sinnvollen Erweiterung dieser einst etablierten Welt. Unnötig zu erwähnen, dass das alles visuell enorm beeindruckend ausfällt und nicht wenige der schönsten Bilder dieses Jahres auf die Kinoleinwand bringt. Auch Blade Runner 2049 stellt Fragen ohne die passenden Antworten gleich mitzuliefern. Das mag manchen Zuschauer vielleicht vor den Kopf stoßen oder gar überfordern, mir hingegen gefällt es immer sehr, wenn ein Film sich auch mal traut, Lücken zu lassen, nicht alles en Detail auszuformulieren und mich gedanklich herauszufordern. Die thematischen Implikationen der Story sind Villeneuve wichtiger als actiongetriebene Schauwerte, als großer Krawall und Explosionen im Minutentakt und das ist im modernen Blockbuster-Kino zur Seltenheit verkommen.

 

 

Abseits dieser zehn Filme möchte ich jedoch die eine oder andere tolle Entdeckung meinerseits keineswegs verschweigen. So habe ich für mich unter anderem das frühe australische Kino von Peter Weir (und darüber hinaus ohnehin das australische Kino der 60er und 70er im Allgemeinen) erforschen und viele Filme aus dem New Hollywood entdecken dürfen. Darunter waren herausragende Perlen wie The Long Goodbye (1973) von Robert Altman, The Last Picture Show (1971) von Peter Bogdanovich, Dog Day Afternoon von Sidney Lumet (1975) oder Butch Cassidy and the Sundance Kid (1969) von George Roy Hill, welche allesamt mein filmisches Herz im Sturm erobern konnten. Auch das frühe deutsche Genre-Kino in Gestalt des Regisseurs Roland Klick und seinen Filmen konnte mich fesseln und begeistern und wird sicherlich auch im kommenden Jahr noch eine nicht unwesentliche Rolle spielen bei mir. Abschließend taste ich mich nun auch langsam an die Filme von Jean-Pierre Melville heran und besonders Vier im roten Kreis (Le cercle rouge, 1970) hatte eine umwerfende Wirkung auf mich. Da scheint noch sehr viel auf mich zu warten und möchte entdeckt werden, also gehe ich äußerst zuversichtlich ins Filmjahr 2018. In diesem Sinne: kommt alle gut ins neue Jahr, gehabt euch wohl und schaut viele Filme!

 

 

 

Star Wars: Episode VIII – The Last Jedi

17. Dezember 2017 at 15:31

 

 

© Walt Disney Studios Motion Pictures

 

 

 

„Let the past die. Kill it, if you have to. That’s the only way to become what you are meant to be.“

 

 

 

Eine Inhaltsangabe entfällt an dieser Stelle und mein Text bleibt selbstverständlich vollkommen frei von Spoilern und ist inhaltlich eher vage gehalten, will ich doch niemanden sein Kinoerlebnis schmälern. Ihr könnt also ganz beruhigt meine Gedanken zum neuesten Beitrag im Star Wars-Universum lesen ohne Angst haben zu müssen, etwaige Plotpoints zu erfahren.

 

Bereits nach Episode VII mit all ihrem Fanservice wuchs in mir die Erkenntnis, dass es Episode VIII sein würde, die nun wirklich liefern, die Komfortzone aus Zitaten, Anspielungen und Querverweisen verlassen und neue Wege beschreiten müsse. Und zumindest in Teilen tut Regisseur Rian Johnson das tatsächlich. Sein Film ist nämlich keineswegs eine handlungsorientierte Kopie von Episode V geworden wie man es vielleicht hätte befürchten können, sondern steht erzählerisch durchaus auch auf eigenen Beinen. Referenzen und Rückbezüge gibt es zwar immer noch reichlich, allerdings fallen diese nun meist eher visuell aus, wenn einzelne Szenen und Bilder an The Empire Strikes Back erinnern, und finden sich eben nicht mehr auf der rein erzählerischen Ebene wieder. Es wird zwar weiterhin auch fleißig in die Referenzkiste gegriffen, aber sich längst nicht mehr so blind und hörig der Nostalgie ergeben wie zuvor. Johnson bedient sich zahlreicher bekannter Bilder und Motive, formt diese jedoch um, variiert sie und verschiebt sie innerhalb der Chronologie. Das ist tatsächlich ein guter Schritt in die richtige Richtung hin zu etwas mehr Eigenständigkeit im Franchise, wenn Johnson nun neue Pfade der Handlung betritt und auch mal Risiken eingeht, ein Aufbruch zu neuen Ufern allerdings ist es keineswegs. Es ist auch ein Wagnis, wenn Entscheidungen sowohl innerhalb der Handlung als auch innerhalb so mancher Figurenentwicklung getroffen werden, die nicht nur zu überraschen wissen, sondern vermutlich auch nicht jedem gefallen werden und vielleicht einigen Fans vor den Kopf stoßen könnten. Das ist mutig und erfrischend und wird hoffentlich dafür sorgen, dass nun in Episode IX alte Karten neu gemischt und verteilt werden können. Und dass das alles visuell ganz hervorragend in Szene gesetzt ist, das versteht sich ja mehr oder weniger von selbst und kann und darf bei einem solchen Film wie Episode VIII und seinem Budget erwartet werden. Tatsächlich bietet The Last Jedi ein paar der bisher schönsten Bilder innerhalb des Star Wars-Universums und so manche Szene ist einfach wunderschön anzusehen.

 

Also alles gut? Nicht ganz, denn The Last Jedi bringt durchaus auch Probleme mit sich, über die man stolpern kann. Zunächst hat der Film trotz denkbar simpler Story keine allzu gute Erzählstruktur, wenn die holprige Narrative ständig zwischen drei verschiedenen Handlungssträngen hin und her springt. Tempo und Timing stimmen hier eher selten und nahezu immer, wenn eine Plotline beginnt in Schwung zu kommen, dann wechselt der Film zur nächsten. Das soll Spannung generieren, wirkt aber oftmals eher frustrierend und führt zu einem merkwürdig hektischen wie wirren Seherlebnis, zerrissen zwischen seinen Handlungssträngen. Wenn dann auch noch einer dieser Stränge für die eigentliche Geschichte in Episode VIII nahezu vollkommen irrelevant ist, keinerlei Auswirkung auf die Haupthandlung hat und genau so wie er ist komplett entfernt werden und ohne erzählerischen Verlust gestrichen werden könnte, dann ist der Film mit seinen 152 Minuten Laufzeit eindeutig zu lang geraten und kann zuweilen etwas ermüdend wirken. Ein weiteres Problem war für mich der seltsam deplatzierte Humor: scheinbar hat die Marvel-Keule Einzug gehalten ins Star Wars-Universum. Viele Witze wollten für mich so gar nicht zünden und die Grenzen hin zum Slapstick werden noch deutlicher überschritten als noch in Episode VII. Allein BB-8 setzt nochmals gehörig einen drauf. Ich muss es tatsächlich sagen: The Last Jedi hatte durchaus auch Momente, in denen ich mich fremd geschämt habe. Das bricht gehörig mit der sonst eher episch angelegten Atmosphäre und erschwert mir immer mal wieder das Eintauchen in das von mir so geliebte Universum. Schlimmer noch: nahezu immer, wenn etwas ernsthaftes oder dramatisches im Film passiert, dann wird meist ein Witz hinterher geschoben und die Schwere des Moments gleich wieder torpediert. Da überkommt mich das ungute Gefühl, dass das alles nicht mehr sonderlich ernst genommen wird.

 

Als letzte Nacht der Abspann über die Kinoleinwand lief, da war ich schon irgendwie ein klein wenig enttäuscht. Selten hat mich ein Film aus dem Star Wars-Universum so zwiegespalten und auch ratlos zurück gelassen. Keine Frage, Rian Johnson findet durchaus wirklich herausragende Bilder, Szenen und Ideen, vieles ist in seiner Inszenierung  mutig und toll, anderes aber eben leider auch sehr schwach bis irritierend und ausgesprochen merkwürdig. Die Erzählstruktur ist reichlich sprunghaft und mitunter etwas wirr und hektisch geraten und den Humor empfinde ich überwiegend leider als deplatziert und unpassend. Sicherlich ist Episode VIII kein schlechter Film, aber er hat durchaus Probleme, welche zumindest mein Sehvergnügen auch schmälern. Trotz mutiger Entscheidungen seitens der Handlung und zum Teil der Figurenentwicklung finde ich Episode VII rückblickend minimal besser, wird sich dort zwar erzählerisch viel auf Episode IV rückbezogen, die Erzählstruktur an sich aber ist weniger holperig und einfach etwas runder in Rhythmus, Tempo und Timing. Zweifellos ein Schritt in die richtige Richtung, aber noch nicht die dringend erforderliche Erneuerung.

 

7 von 10 der letzten Jedi