Coen-Retrospektive #3: Miller´s Crossing (1990)

27. Februar 2018 at 16:37

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„Nothing is more foolish than a man chasin´ his hat.“

 

 

 

Eine namenlose wie gesichtslose amerikanische Stadt zu Zeiten der Prohibition: der irische Gangsterboss Leo herrscht dort und geht sowohl beim Bürgermeister als auch beim Polizeichef nach Belieben ein und aus und verfügt über eine stattliche Zahl ihm treu ergebener Männer. Der wichtigste für ihn aber ist seine rechte Hand Tom Reagan. Er weiß jedoch nicht, dass Tom eine Affäre mit seiner angehenden Frau Verna hat, und so gerät die Situation außer Kontrolle, als der italienische Gangster Johnny Casper den Kopf von Vernas hinterhältigem Bruder Bernie einfordert. Tom findet sich plötzlich zwischen allen Fronten wieder und versucht irgendwie die Situation zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

 

Miller´s Crossing ist die dritte Regiearbeit der Coen-Brüder und bildet ihren endgültigen Durchbruch in der Traumfabrik. Es ist auch ihr bisher komplexester Film und erfordert durchaus ein wenig Aufmerksamkeit. Es ist ein Film über Hüte. Oder vielmehr: ein Film über Männer mit Hüten. Es ist auch ein Film wie ein besonders rätselhafter Traum, welchen man zu deuten versucht, seltsam diffus und schwer zu greifen und dennoch ungemein handfest und zupackend. Lange lässt Miller´s Crossing den Zuschauer über die wahren Motive seiner Figuren im Unklaren und manche werden sogar gar nicht offenbart. Wer hier denn nun wirklich auf wessen Seite steht, das ist die große Fragen, die permanent mitschwingt. „Nobody knows anybody. Not that well.“ sagt Tom Reagan an einer Stelle und das trifft den Nagel auf den Kopf. In Blood Simple merkt der Privatdetektiv Loren Visser an, man könne nur sich selbst trauen, und das bestätigt sich so auch in Miller´s Crossing: selbst ein so gerissener und undurchschaubarer Fädenzieher wie Reagan stößt irgendwann an seine Grenzen und muss feststellen, dass sich Menschen nicht nach Belieben wie Schachfiguren bewegen lassen. Jeder kämpft hier ganz allein und nur für sich. Dinge wie Zusammenhalt, Familie, Loyalität oder gar einen Ehrenkodex, die sucht man in Miller´s Crossing vergeblich, auch wenn Johnny Caspar immerzu genau darauf pocht und es nie müde wird zu betonen: „I’m talkin‘ about friendship. I’m talkin‘ about character. I’m talkin‘ about ethics.“ Alles wohlklingende Plattitüden, gut gemeint, halbherzig befolgt. Letztlich ist sich hier jeder selbst der Nächste.

 

Auf der erzählerischen Ebene ist Miller´s Crossing eine kleine Besonderheit: der Plot ist labyrinthartig aufgebaut und bewegt sich schneller als die linear strukturierte Narrative. Was uns erzählt wird ist oft dem, was wir sehen voraus. Dazu passt, dass nicht wenige Figuren öfter in Dialogen erwähnt werden, als dass sie tatsächlich im Film auftauchen. Das gilt beispielsweise für den Buchhalter Mink oder Rug, ein Handlanger von Leo, der bereits tot ist, als wir ihm zum ersten Mal begegnen. Doch die Umstände dieses Todes sollen noch von tragender Bedeutung sein. Das Drehbuch der Coens ist nahezu perfekt ausgeklügelt und lässt den Zuschauer sehr lange im Dunkeln stehen ohne dabei zu frustrieren. Hier kommt nun erstmals alles zusammen, was Blood Simple und Raising Arizona bereits versprachen: die Traditionen des Film Noir treffen auf eigenwillige Situationskomik und rabenschwarzen Humor und halten sich gegenseitig in annähernd perfekter Balance. Und auch hier sind abermals die schauspielerischen Leistungen die Kirsche auf der Torte. Gabriel Byrne als Tom Reagan war wohl nie besser und präsentiert eine hervorragende Maske aus Zynismus, Coolness und unterdrückter Verletzlichkeit. Unvergesslich und absolut Gold wert ist der Ausdruck grimmiger Entschlossenheit im Gesicht von Albert Finney, wenn sein Leo eigenhändig zu den Klängen von Oh Danny Boy den Mordanschlag auf sein Leben vereitelt. John Polito reißt große Teile von Miller´s Crossing mit seiner Interpretation eines lauten und vulgären Mobsters an sich, der immer auch darum bemüht ist klüger und besonnener zu wirken als er letztlich ist. Seine impulsiven Ausbrüche jedenfalls stellen so manches Highlight.

 

Nach dem beeindruckenden Debüt Blood Simple ist den Coens nach Raising Arizona mit ihrem dritten Film Miller´s Crossing der erste richtig große Wurf geglückt. Eine bitterböse und tief schwarze Reflexion über den vermeintlichen Wert von Loyalität und Freundschaft in einer Welt voller Falschspieler, Opportunisten und Lügner. Handwerklich ist das alles großartig: Inszenierung, Ausstattung, Kamera und Schauspiel wissen zu beeindrucken und das Drehbuch mit seinen messerscharfen Dialogen erledigt den Rest. Auch der wundervolle Score abermals aus der Feder von Carter Burwell ist erhaben wie unaufdringlich zugleich. Tatsächlich kann ich Miller´s Crossing nur sehr wenig bis gar nichts ankreiden und das, obwohl es ein Film über Männer mit Hüten ist.

 

9 von 10 Hüten vom Winde verweht

 

 

Coen-Retrospektive #2: Raising Arizona (1987)

25. Februar 2018 at 19:24

 

 

© Circle Films

 

 

 

„We figured there was too much happiness here for just the two of us, so we figured the next logical step was to have us a critter.“

 

 

 

H.I. McDunnough ist Gewohnheitsverbrecher und Stammgast auf dem Polizeirevier, wo er sich in die hübsche junge Polizistin Edwina verliebt. Er ist sich sicher: die oder keine. Zwischen unzähligen Gefängnisaufenthalten bahnt sich eine Romanze zwischen den beiden an und schließlich wird geheiratet. H.I. will nun sein Leben ändern, sauber bleiben, eine kleine Familie mit Edwina gründen. Doch es stellt sich heraus, dass sie unfruchtbar ist und sein Vorstrafenregister verhindert eine Adoption. Mitten hinein ins Unglück platzt jedoch die Meldung der Geburt von Fünflingen im Haus des reichen Möbel-Tycoons Nathan Arizona. Warum also nicht eines der Babys entführen und als eigenes aufziehen?

 

Blood Simple und dessen ausgeprägter Hang zu den Traditionen des Film Noir ist eine feste Konstante im filmischen Koordinatensystem der Coens, eine weitere dagegen ist abgedrehter Humor mit Tendenz zum cartoonesken Slapstick. Diesem spüren sie nun mit ihrem zweiten Film Raising Arizona nach, ringen jedoch noch arg um die ausgewogene Balance, welche spätere Filme von ihnen noch auszeichnen wird. So betrachtet haben wir es hier mit den beiden tragenden Elementen des gesamten Schaffens der beiden Brüder zu tun, aus deren Verschmelzung ihre Werke oftmals entstehen. Die Vorliebe für grelle Tex Avery-Cartoons und wilden Slapstick teilen die Coens mit ihrem Freund Sam Raimi, für dessen Film Crimewave (1985) sie Teile des Drehbuches beisteuerten. Und so generiert sich Raising Arizona wie eine Art Real-Looney-Tunes-Cartoon: das Tempo ist ungemein hoch, ständig passiert irgendetwas und alles ist immerzu in Bewegung. Auch die Dialoge werden dem Zuschauer von reichlich seltsam schrägen Figuren einem verbalen Dauerfeuer gleich um die Ohren gehauen und reichlich absurde Szenen geben sich die Klinke in die Hand. Und manchmal wird das eben auch etwas zu viel und schrammt hart an der Grenze zum Overkill vorbei, wodurch nicht jede Szene auch unbedingt immer so ganz funktioniert, wie sie es eigentlich sollte.

 

Für die Besetzung der Rollen in Raising Arizona beweisen die Coens erneut wie schon bei Blood Simple ein ausgesprochen glückliches Händchen und ein sehr gutes Gespür – ein weiterer Punkt, der sich beinahe durch ihr gesamtes Schaffen zieht. Nicolas Cage darf herrlich aufgehen in seinem übertriebenem Schauspiel als liebenswerter Berufsverbrecher H.I. McDunnough und ihm gegenüber steht Holly Hunter als die in ihrem neuen Mutter-Dasein aufblühende Edwina, welch auch gleich ihre autoritären Qualitäten an sich entdecken darf. Dazu gesellen sich recht bald John Goodman und William Forsythe als die aus dem Gefängnis ausgebrochenen Gale und Evelle, deren Wunsch, sich bei H.I. verstecken zu dürfen, schnell im direkten Konflikt zu Edwina steht, welche sich das Familienleben ruhiger und beschaulicher vorgestellt hat. Auch Frances McDormand ist hier erneut mit an Bord und hat zusammen mit Sam McMurray einen herrlich abgedrehten Gastauftritt als billiges Mittelklasse-Ehepaar: er reißt ständig schlechte Polenwitze und sie verfällt beim Anblick des Babys sofort in typisches Baby-Gebrabbel. Und dann ist da noch Randall „Tex“ Cobb als schmieriger Kopfgeldjäger Leonard Smalls, der beinahe schon als apokalyptische Vorahnung daherkommt, als Symbol des drohenden Unheils, als Verkörperung des Endes aller schönen Träume.

 

Zwar gehen die Coens mit ihrem zweiten Werk gänzlich andere Wege als noch mit Blood Simple, bauen ihren ganz eigenen Stil aber souverän weiter aus. Letztlich sehe ich all die Qualitäten, welche Raising Arizona mit sich bringt, vermisse aber die Balance aus all ihren Einflüssen. An so mancher Stelle ist mir der Film tatsächlich etwas zu überdreht, als dass ich ihn vollends in mein Herz schließen könnte. Beileibe kein schlechter Film, aber einer, der nicht immer ganz meinen Nerv trifft. Großes jedoch kündigt sich bereits hier an.

 

7 von 10 Woody Woodpecker-Tattoos

 

 

Mute (2018)

24. Februar 2018 at 14:48

 

 

© Netflix

 

 

 

Im Berlin des Jahres 2052 macht sich der seit seiner Kindheit stumme Barkeeper Leo auf die Suche nach seiner großen Liebe Naadirah, die plötzlich verschwunden ist. Auf seiner Reise durch das nächtliche Treiben trifft er auf allerhand skurriler Figuren, darunter auch die beiden amerikanischen Militär-Chirurgen Cactus Bill und Duck, die vielleicht etwas mit dem verschwinden von Naadirah zu tun haben könnten.

 

Ich war wirklich gespannt auf diesen Film: Duncan Jones als Regisseur eines Cyber Punk-Thrillers im Berlin der Zukunft, der sich mit diesem Stoff eine lang gehegte Herzensangelegenheit erfüllen durfte. Herzblut allerdings kann ich hier keines entdecken. Zu unausgegoren ist die Dramaturgie, zu orientierungslos holpert der Plot durch ein Berlin der Zukunft, dem Duncan Jones leider nichts Eigenständiges mitzugeben vermag. Dafür verlässt er sich nämlich blindlings viel zu sehr auf eine seit Blade Runner bewährte retro-futuristische Bildsprache, die er allenfalls eher schlecht einfach nur kopiert und auch technisch nur sehr mäßig umzusetzen weiß. Wo Blade Runner jedoch in manchen Szenen vor Leben gerade so vibriert, da wirkt dieses vermeintlich zukünftige Berlin in Mute seltsam leblos und dumpf. Wenn dann zu Leo noch ein zweiter Handlungsstrang rund um die beiden amerikanischen Militär-Chirurgen Cactus Bill und Duck Teddington hinzukommt, dann fasert die ohnehin schon brüchige Narrative vollends aus, verliert den Fokus und damit auch Leo aus den Augen. Plötzlich wird der vermeintliche rote Faden – Leo auf der Suche nach seiner großen Liebe – beinahe schon zu einer Nebenfigur in einem Dickicht aus im Grunde völlig egalen Nebensträngen degradiert. Das ist schade, weil in der Figur des stummen Barkeepers in seinem anachronistischen Ansatz durchaus Potential liegt, welches Mute jedoch nie wirklich zu gebrauchen weiß. Und wie der Film auf ausgesprochen seltsame Art und Weise ein Thema wie Pädophilie abhandelt, das ist schon ein wenig beschämend und ärgerlich.

 

Vielmehr ist dann letztlich auch nicht mehr zu sagen zu Mute: bezeichnend, dass selbst Duncan Jones Ausflug ins Blockbusterkino mit Warcraft eine größere Strahlkraft aufweisen kann. Was mit Moon und Source Code noch vielversprechend begann, das droht nun zum Erliegen zu kommen. Eine herbe Enttäuschung.

 

3 von 10 Gläsern Wasser auf ex

 

 

Coen-Retrospektive #1: Blood Simple (1984)

18. Februar 2018 at 23:22

 

 

© Circle Films

 

 

 

„Never point a gun at anyone, unless you mean to shoot him and if you shoot him, you better make sure he’s dead. Because if he ain’t dead, he’s gonna get up and try to kill you.“

 

 

 

Ray arbeitet in der Bar des schmierigen Marty. Dieser ist zwar mit Abby verheiratet, doch Ray liebt sie und sie ihn auch. Die beiden beginnen eine Affäre, nachdem Abby beschlossen hat, Marty endgültig zu verlassen, doch Marty ahnt etwas und beauftragt den zwielichtigen Privatdetektiv Loren Visser damit, Abby zu beschatten und falls möglich Beweisfotos zu machen. Schnell wachsen Wut und Hass in Marty und bringen ihn zu einem für alle Beteiligten gefährlichen Entschluss.

 

Blut ist hier das Leitmotiv. All dieses Blut. Auf dem Boden einer versifften Bar. Auf der Rückbank eines Autos, in einem Badezimmer. Es lässt sich nicht sehr gut entfernen, kommt immer wieder durch die Handtücher durch, will einfach nicht versickern oder sich abwaschen lassen. Ein Mahnmal. Schuldig ist hier irgendwie jeder, frei von Sünde wohl niemand. Blood Simple ist der Auftakt zur heute noch andauernden Karriere eines der wohl bekanntesten Brüderpaare des amerikanischen Kinos, wenn die Coen-Brüder klassische Motive und Erzählstrukturen des Film Noir auf ihren Kern verdichten und auf ein sehr begrenztes Setting sowie eine überschaubare Anzahl an Figuren reduzieren. Mit sehr limitierten Mitteln begeben sie sich mit Blood Simple knietief in die Traditionen des Film Noir und erzählen von einer Liebesgeschichte, welche schrecklich schief geht, sobald der schnöde Mammon ins Spiel kommt. Untreue, Betrug, Verrat, Missverständnisse, Mord – das volle Programm. Jede Handlung zieht ungeahnte und stellenweise schier unglaubliche Konsequenzen nach sich.

 

Selten trifft man auf ein derart ausgereiftes wie abgeklärtes und gleichermaßen stilsicheres wie souveränes Regiedebüt. Pechschwarz, kompromisslos und stellenweise derart spannend inszeniert, dass es einem die Kehle zuschnürt, wird das tragische Geschehen von Kameramann Barry Sonnenfeld  in kargen wie gleichsam faszinierenden Bildern voller Hitze, Blut, Liebe und Verrat eingefangen und ganz ruhig und langsam, ja geradezu quälend bedächtig erzählt. Die Besetzung rund um Stan Getz, Dan Hedaya, Frances McDormand und M.Emmet Walsh erweist sich als nahezu perfekt und der Score von Carter Burwell ist traumhaft schön in seinem finsteren Minimalismus. Dazu gesellt sich ein Talent der beiden Brüder, welches sie im Laufe ihrer Karriere noch weiter perfektionieren sollten, denn sie entpuppen sich bereits in ihrem Debüt als ausgesprochen präzise Beobachter menschlicher Unzulänglichkeiten und verstehen es wie kaum jemand sonst, das ganze  Drama all dieser Existenzen durch den Genre-Blick festzuhalten und die alltägliche Jämmerlichkeit auf die große Leinwand zu bringen. Komisch wie tragisch, vor allem aber auch hässlich wie schön. Jeder neue Morgen bringt nur wieder die bittere Erkenntnis, dass eh nur wieder alles so beschissen bleibt wie zuvor.

 

8 von 10 Blutflecken auf der Rückbank