Late Phases (2014)

21. Mai 2018 at 19:45

 

 

© Dark Sky Films

 

 

 

„Do not look back. That was my mistake. You can not live in the past. You have got to put it away and move forward. Life is a gift. Do not waste it like I did.“

 

 

 

Der blinde Kriegsveteran Ambrose McKinley wird zusammen mit seinem Blindenhund Shadow von seinem Sohn Will in die Senioren-Wohnanlage Crescent Bay gebracht. Als dort in der nächsten Vollmondnacht eine Nachbarin von einem wilden Tier getötet wird, da vermutet Ambrose schnell einen Werwolf dahinter. Somit bleibt ihm noch ein ganzer Monat, um sich auf den nächsten Angriff vorzubereiten.

 

Zwar ist Late Phases durch und durch Genre-Film, aber der spanische Regisseur Adrián García Bogliano verliert seine Hauptfigur des Ambrose McKinley niemals aus dem Fokus und erzählt vielmehr sein persönliches Drama vor dem Hintergrund eines sein Unwesen treibenden Werwolfes. Schon in seinem Film Here Comes the Devil (2012) verstand Bogliano es hervorragend, Elemente aus Drama und Horror gekonnt miteinander zu verschmelzen. So steht das Geheimnis rund um die Kreatur und deren Herkunft eher an zweiter Stelle und wird auch nicht allzu lange aufrechterhalten, wenn die ausgesprochen sorgfältige wie feinfühlige Entwicklung der Hauptfigur tonal deutlich dominiert.

 

Trotz eines gewissen Humors nimmt Bogliano das Thema seines Filmes angenehm ernst. Ungeachtet der Kraft, mit der die Geschichte von Ambrose McKinley erzählt wird, drängt der Werwolf spätestens in der zweiten Filmhälfte in das Geschehen. Zu diesem Zeitpunkt interessiert zumindest den Zuschauer das Schicksal des Menschen McKinley wesentlich stärker als die Suche und Jagd nach der pelzigen Bestie. Bogliano erzählt mit Late Phases, was ihm wichtig ist zu erzählen, ohne dabei Rücksicht auf etwaige wie auch immer geartete Bedürfnisse des Publikums zu nehmen. So ist auch der Werwolf selbst ambivalent genug geschrieben, um nicht bloß zum reinen Vehikel für den Plot zu verkommen, sondern auch einen erzählerischen Mehrwert zu bieten hat. Letztlich begegnen sich hier zwei Männer am Ende ihres Lebensweges. Ein solches Selbstbewusstsein ist sehr erfrischend und würde ich mir gerade im Bereich des Genrekinos gern öfter wünschen.

 

Und dann ist da noch Nick Damici! Der Mann steht nicht oft vor der Kamera, hinterlässt aber nahezu immer bleibende Eindrücke. Vor allem die Vampirfilme Stake Land (2010) und The Stakelander (2016) sind mir da mehr als gut in Erinnerung geblieben, werden sie doch in ihrer eher spartanischen Inszenierung nahezu vollkommen von Damici getragen. Und wie er nun in Late Phases den blinden Kriegsveteranen spielt, mürrisch, grimmig, zynisch, etwas grob und wenig umgänglich, aber geradlinig und mit dem Herz auf der Zunge, das ist erneut sehr beeindruckend. Es braucht kaum mehr als wenige Minuten, dass Damici buchstäblich zu Ambrose McKinley wird, beinahe so, als sei er selbst blind. Seine wundervoll einnehmende Performance macht die Kreatur schnell vergessen, so dass man den Werwolf bald nicht mehr vermisst, obwohl sein erster Auftritt recht früh im Film erfolgt. Da ist man dann auch nur zu gern Zeuge seiner Vorbereitungen für den nächsten Vollmond, welche einen nicht unbeträchtlichen Teil der Laufzeit ausmachen.

 

Das Creature Design ist zwar überwiegend handgemacht und besteht aus praktischen Effekten, Masken und Kunstblut, sieht aber leider auch nicht besonders gut aus und wirkt zuweilen gar lächerlich und haarsträubend. Aber auch das kann mir kaum den Spaß und die Freude an Late Phases nehmen, denn dafür hat der Film einfach zu viel zu bieten: die dichte, treibende Atmosphäre, das gelungene erzählerische Tempo, die feine Figurenzeichnung, das starke Schauspiel und der wunderbare Score des Polen Wojciech Golczewski, auf den ich noch gar nicht eingegangen bin – das alles ist mehr als nur gut geraten und für einen Genre-Film mit entsprechendem Budget höchstes Niveau. Zurückhaltend erzählt ist das alles, im kleinen Rahmen gehalten, immer ganz nah an Ambrose McKinley dran und Charakter getrieben. Ein starker Film, der eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass auch kleine Genre-Filme große Geschichten erzählen können.

 

8 von 10 Spaten, umfunktioniert zum Blindenstock

 

 

Cargo (2017)

20. Mai 2018 at 14:49

 

 

© Netflix

 

 

 

Australien nach dem Ausbruch einer rätselhaften Epidemie: Familienvater Andy versucht verzweifelt seine Frau Kay und seine einjährige Tochter Rosie in Sicherheit zu bringen, doch die widrigen Umstände machen das schier unmöglich. Als Andy sich infiziert, bleiben ihm noch 48 Stunden bis zum Ausbruch der Krankheit und um Rosie zu beschützen.

 

Der Schrecken in Cargo spielt sich ausschließlich im kleinen Rahmen ab, im Stillen, im Persönlichen. Das große Endzeit-Szenario, das findet an anderer Stelle statt, aber nicht hier, im endlosen australischen Outback unter sengender Sonne, inmitten staubtrockener Hitze und verrottenden Körpern. Lediglich 48 Stunden bleiben Andy noch, um seine kleine Tochter Rosie in Sicherheit zu bringen. 48 Stunden, mehr nicht, um einen letzten Rest Menschlichkeit angesichts seines Schicksals zu bewahren, immer in der verzweifelten Hoffnung, seiner Tochter würde es dann vielleicht besser ergehen als ihm.

 

Ben Howling und Yolanda Ramke setzen den Zuschauer mir ihrem Erstlingswerk Cargo von Beginn an vor vollendete Tatsachen und werfen ihn mitten ins Geschehen, wenn bereits die erste Einstellung Andy und seine Frau Kay zusammen mit Töchterchen Rosie auf einem Hausboot irgendwo mitten im tiefsten Outback zeigt. Die eigentliche Katastrophe passiert vermutlich gerade eben oder ist gerade eben passiert, aber das wissen wir nicht. Wir wissen nichts, was Andy und Kay nicht auch wissen, sehen nichts, was sie nicht auch sehen. Was genau passiert ist, was mit dem Rest der Welt ist oder nur der nächsten Stadt – wir wissen es nicht. Auch der Ursprung dieser Katastrophe wird zu keinem Zeitpunkt auch nur angeschnitten, geschweige denn geklärt. Alles, was wir kriegen, sind winzig kleine Hinweise, Schlagworten gleich immer mal eingeworfen: eine Infektion, übertragen durch Bisse, an Zombies erinnernde Kreaturen, ein Erste Hilfe-Selbstmord-Kit, eine Uhr mit 48 Stunden Laufzeit.

 

Das mag der eine oder andere jetzt vielleicht als Kritikpunkt sehen, mir aber gefällt das immer sehr, wenn es einem Film gelingt, die große Katastrophe in den Hintergrund zu verbannen und sich stattdessen seinen Figuren auf kleinem Raum anzunehmen. Denn für die Geschichte, welche Cargo erzählen will, dafür sind die Hintergründe vollkommen egal. Ähnlich wie die beiden ebenfalls australischen Endzeitfilme The Road und The Rover erzählt Cargo lieber von Liebe, Schmerz und Verlust, statt große Schauwerte abzufeiern. Dafür interessiert sich der Film nicht, wohl aber für eine oftmals etwas unterrepräsentierte Minderheit, wenn Howling und Ramke auch immer wieder die Aborigines in den Fokus rücken. Spannend ist in diesem Kontext die Figur des Vic, ein grober Rassist, der die Ureinwohner Australiens ebenso sehr verachtet wie die Kreaturen, welcher als Sinnbild für die Jahrhunderte andauernde Unterdrückung und Ausbeutung der Aborigines durch die europäischen Einwanderer gesehen werden kann.

 

Nun jedoch, wo sich die Vorzeichen geändert haben, da ist es Vic, da ist es seine Kultur, die von der Auslöschung bedroht ist und ihrem Untergang entgegen geht, während sich die australischen Ureinwohner der Hoffnung auf einen Neuanfang hingeben können, im Einklang mit ihrer Kultur, ihrer Religion, ihrem Mystizismus und vor allem auch mit der Natur. Cargo erfindet das Rad nicht neu und läuft inszenatorisch vielleicht nicht immer ganz rund, kann aber ebenso mit einigen richtig guten Ideen glänzen und findet einen emotionalen Ton, der mir ausgesprochen zusagt. Ein kleiner Film mit schöner Prämisse und dem richtigen Blickwinkel auf seine Welt, der sich mehr seinen Figuren verschreibt als der rahmengebenden Katastrophe und der angenehm unaufgeregt ist in seiner Erzählstruktur, ruhig, zurückhaltend und auf seine Art sehr intim.

 

7 von 10 gnadenlos tickenden Uhren

 

 

What Happened to Monday? (2017)

18. Mai 2018 at 11:51

 

 

© SND Films/Netflix US

 

 

 

„What happens to one of you, happens to all of you.“

 

 

 

In nicht allzu ferner Zukunft wird Europa von einer strengen Ein-Kind-Politik beherrscht, in der jedes nicht registrierte Geschwisterkind vom Staat in Kryo-Schlaf versetzt wird. In dieser Welt haben die Settman-Siebenlinge dank ihres Großvaters 30 Jahre lang unentdeckt leben können, indem jeder von ihnen nur an einem Wochentag das Haus verlassen darf und alle zusammen einheitlich Karen Settman verkörpern. Als Monday eines Tages nicht mehr nach Hause kommt, droht alles aufzufliegen.

 

Nach blutrünstigen Nazi-Zombies und dem Hexen jagenden Geschwisterpaar Hänsel und Gretel präsentiert uns nun Norwegens heißester Genre-Import Tommy Wirkola mit What Happened to Monday? eine zumindest auf dem Papier sehr interessante Dystopie. Eine rigide Ein-Kind-Politik ist da der Dreh und Angelpunkt in einem Europa nicht allzu ferner Zukunft und der verzweifelte Versuch, den Bevölkerungsdruck zu mindern, und kombiniert mit dem Schicksal der Settman-Siebenlinge birgt das viel Potential. Das fragmentierte Ich. Individualität des Einzelnen versus Anpassung an gesellschaftliche Konventionen. Das Auflehnen gegen diese mehr oder weniger selbst auferlegte, innere Diktatur als fragiler Schutz vor der umfassenden äußeren Diktatur. Jede der sieben Schwestern will nicht immer nur Teil einer Fassade, ein Puzzlestück im Konglomerat der Karen Settman sein, sondern sich auch ausleben dürfen, ihre eigenen Erfahrungen machen und ihren eigenen Weg finden, weiß aber zugleich, dass darauf keine Hoffnung besteht.

 

Leider reißt der Film diesen durchaus spannenden Konflikt lediglich oberflächlich an, statt sich tiefer gehend mit dessen Implikationen zu befassen, und stellt relativ zügig lieber diverse altbekannte Genre-Mechanismen in den erzählerischen Vordergrund. Die interessante Prämisse dieser Dystopie dahinter dient Wirkola bloß als Vehikel, um kaum mehr als einen handelsüblichen Actionthriller zu inszenieren. Technisch ist das alles dann nicht nur einwandfrei umgesetzt, sondern gewinnt dazu einen ganz besonderen Reiz nicht nur durch den visuellen Aspekt, wenn Noomi Rapace das auf der darstellerischen Ebene wirklich richtig gut macht und es schafft, jeder der sieben Settman-Schwestern punktuell und durchaus nuanciert in ihrem Spiel eigene Seiten zu zugestehen. Naturgemäß fallen diese Charakterisierungen eher flach aus, dennoch ist das beeindruckend zu sehen. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich mich schnell mehr damit beschäftigt habe, wie Szene XY inszeniert worden sein könnte, als dass mich die eigentliche Story interessiert hätte.

 

Insofern ist die Prämisse von What Happened to Monday? sehr interessant und voller erzählerischem Potential, welches der Film letztlich leider kaum zu nutzen weiß, wenn er stattdessen lieber schnell in altbekannte Plotmuster abgleitet und sich Genre-Strukturen hingibt. Ein wenig schade ist das schon, weil immer mal wieder aufblitzt, was für ein großartiger Film sich hier zwischen handelsüblichen Actionsequenzen versteckt. Und so bleibt am Ende für mich nur noch eine Frage: What happened to Glenn Close?

 

6 von 10 gemeinschaftlich abgetrennten Fingern

 

 

Death Ship (1980)

15. Mai 2018 at 11:57

 

 

© Avco Embassy Pictures

 

 

Ein mysteriöser alter Frachter rammt des Nachts ein Kreuzfahrtschiff und bringt es zum Untergang. Als am nächsten Morgen eine handvoll Überlebender in einem Rettungsboot auf dem Meer treibt, taucht der Frachter wieder auf. Nachdem die Überlebenden es an Bord geschafft haben, müssen sie feststellen, dass das Schiff scheinbar verlassen ist, doch schon bald ereignen sich immer mehr merkwürdige Dinge.

 

Schon diese lange Eröffnungssequenz konnte mich gleich packen. Dieses alte, rostige, schmutzige Schiff, der mächtige Bug, das seltsame Eigenleben allerlei Gerätschaften auf der Brücke, der unheimliche Maschinenraum, dazu dieser treibende, zerrende Score von Ivor Slaney. Überhaupt das gesamte Sounddesign ist im Film ziemlich toll. Mit der Exposition hält sich Regisseur Alvin Rakoff nicht lange auf und das die Handlung einleitende Katastrophenszenario erinnert mit Abstrichen an den drei Jahre älteren The Poseidon Adventure, ohne dessen Wirkung zu erzielen, spielt sich in Death Ship alles doch in einem deutlich kleineren Rahmen ab. 

 

Und ist das Kreuzfahrtschiff erst einmal untergegangen, dann taucht auch schon schnell das alte rostige Nazi-Schiff wieder am Horizont auf. Auch das Innenleben kann sich sehen lassen. Offensichtlich war das Budget seiner Zeit reichlich begrenzt, aber Rakoff und sein Team verstehen es recht geschickt, dieses dennoch effektiv zu nutzen. All die leeren, scheinbar endlos langen, niemals endende Gänge und Flure, eng und dreckig, rostig und alt, die sich wie stählerne Gedärme durch das Schiff ziehen: das ist simpel gehalten und kostengünstig in Szene gesetzt, aber eben auch effektiv. Rakoff versteht es gut, das Schiff auf schlichte Art unheimlich einzufangen und in das richtige Licht zu rücken. 

 

Im Prinzip verlegt Death Ship das Motiv des Haunted House nur auf das offene Meer und behält dessen Strukturen und Mechanismen einfach bei. Insofern passiert auf der erzählerischen Ebene herzlich wenig Neues oder gar Modernes, aber was der Film erzählt, das macht er auf seine Art und Weise gut und spannend. So gibt es etwa zur Filmhälfte eine ziemlich tolle Montage-Sequenz, in der eine Dusche und literweise Kunstblut eine Rolle spielen. Die Atmosphäre ist dicht, zuweilen unheimlich, und Kameramann René Verzier gelingt es immer wieder, das alte Geisterschiff gelungen in einprägsamen Bildern einzufangen. Auch der Cast kann sich sehen lassen und ist mit Richard Crenna, George Kennedy und Nick Mancuso für seine Verhältnisse anständig besetzt. Letztlich holt Death Ship das Maximum aus seinem schmalen Budget heraus. Es ist kein großer Film, sicher auch kein unentdeckter Klassiker, kein vergessenes Glanzstück oder gar eine Perle, die unbedingt gesehen werden muss, aber es ist ein schöner, kleiner, altmodischer Gruselfilm. Und besser als das alberne Quasi-Remake Ghost Ship von 2002 ist er allemal.

 

6,5 von 10 Duschen voller Blut