Paprika (2006)

31. Januar 2019 at 18:57

 

 

© Sony Pictures Entertainment Japan/Quelle: IMDb

 

 

 

Findest du nicht auch, dass Träume und das Internet sich in gewisser Weise gleichen? In beiden lebt sich das unterdrückte Unterbewusste aus.“

 

 

 

Als drei Prototypen des DC Mini – ein revolutionäres Gerät in der Psychotherapie, mit dem die Träume von Patienten nicht nur aufgezeichnet, sondern auch beeinflusst werden können – gestohlen werden, da muss die Projektleiterin Dr. Chiba Atsuko zusammen mit ihrem Chef und dem Polizisten Toshimi die Spur aufnehmen, denn mit dem DC Mini kann auch Manipulation betrieben und Gehirnstrukturen umprogrammiert werden. Als ihr Alter Ego Paprika begibt sich Atsuko also in die Traumwelten ihrer Patienten, um den Drahtzieher hinter all dem zu finden.

 

Provokant und vielleicht etwas überspitzt formuliert: Paprika ist Inception in gut. Inception mag zweifellos handwerklich großes Kino sein und doch ist an dieser These etwas dran, denn wo Christopher Nolan den Zuschauer immerzu an die Hand nimmt und jeden Schritt haarklein erklärt, damit bloß keine Orientierungslosigkeit aufkommen kann, da schmeißt einen Satoshi Kon ( Perfect Blue, Tokyo Godfathers) mit Paprika direkt und unvermittelt ins Geschehen, nimmt sein Publikum ernst und traut ihm auch zu, den Dingen ganz von allein auf den Grund gehen zu können. Und dieser wilde Ritt sucht wahrlich seines gleichen, denn Kon entfesselt einen geradezu unglaublich kreativen Bilderrausch voller übersprudelnd fantastischer Ideen. Visuell ist das bunte Treiben wundervoll anzusehen und erinnert manchmal an Cronenberg, manchmal an Dalí und manchmal einfach nur an bunte Comicwelten.

 

Statt die Grenze zwischen Realität und Traum nur zu verwischen, da sprengt Kon sie lieber gleich einfach weg. So baut Paprika auch auf keinen bestimmten Plot Twist hin, sondern zweifelt lieber von Beginn an konsequent an eben jener Grenze. Was ist wahr, was Traum, was manipuliert? Woran lassen sich die Unterschiede erkennen? Gibt es überhaupt noch welche? Traumwelt auf Traumwelt wird hier geschichtet bis sie sogar miteinander verschmelzen und der Zuschauer sich buchstäblich nie sicher sein kann auf welcher Ebene er sich gerade befindet. Die Wahrnehmung selbst wird manipuliert, verdreht, verknotet und dann gleich nochmal auf links gedreht. Paprika ist mehr als nur doppelbödig, verschachtelt und verwinkelt, rätselhaft und vor allem durchzogen von diversen Metaebenen und dennoch gelingt Kon das angesichts dieses schieren Wahnsinns geradezu unglaubliche Kunststück, dass sein Film nie zu überladen wirkt und trotz aller Ablenkung seine Story im Auge behält und sogar zu einem durchdachten Schlusspunkt bringt. Geschickt hinterfragt Kon nicht nur die Beschaffenheit von Wahrnehmung und somit Realität, sondern reflektiert darüber hinaus noch intelligent wie gleichermaßen unterhaltsam Gesellschaft, Medienwelt und den menschlichen Geist. So entpuppt sich Paprika sowohl inhaltlich wie audiovisuell wahrlich als kleines Meisterwerk, dessen tatsächliche Größe beim ersten Schauen kaum erfasst werden kann, denn Satoshi Kon bombardiert immerzu die Synapsen des Zuschauers mit den unterschiedlichsten Reizen, bis diese glühen, ohne es je zu übertreiben. Ganz großes Kino.

 

Sind wir aufgewacht? Ist das jetzt kein Traum mehr?“

 

9 von 10 bizarren Albtraumwelten

 

Polar (2019)

29. Januar 2019 at 19:37

 

 

© Netflix/Quelle: IMDb

 

 

 

Der in die Jahre gekommene und enorm renommierte Profi-Killer Duncan ´Black Kaiser´ Vizla arbeitet für eine mächtige Organisation, deren oberste Maxime es ist, ihre Mitarbeiter mit dem 50. Lebensjahr in den Ruhestand zu schicken. Seine Pension soll sich auf über 8 Millionen Dollar belaufen, doch sein Arbeitgeber ist nicht gewillt diese Summe auszuzahlen und setzt gleich ein ganzes Team von Killern auf Vizla an um diesen endgültig auszuschalten.

 

Wenn man sich mal diverse Reaktionen anschaut, dann scheint der Film von Regisseur Jonas Åkerlund (Spun, Horsemen, Small Apartments, Rammstein: Paris) im wahrsten Sinne des Wortes zu polarisieren. Die Verfilmung der Comicreihe von Victor Santos ist zugegebenermaßen ein durchaus zweischneidiges Schwert geworden – buchstäblich, ist sie tonal doch sehr zerrissen, irgendwie weder Fisch noch Fleisch und nicht selten Opfer ihrer oftmals gegensätzlichen Inszenierung. Einerseits zelebriert Polar laut und grell comichaft überzogene Gewaltauswüchse in bester Exploitation-Manier und gibt sich als überdrehtes Stück Genrekino, bevölkert von schrägen und kaputten Gestalten jenseits der Realität, andererseits versucht Åkerlund aber auch ein Drama voller verbissener Ernsthaftigkeit rund um einen seiner Arbeit überdrüssigen Profi-Killer kurz vorm wohlverdienten Ruhestand zu erzählen.

 

Hier funktioniert eindeutig die Balance nicht, wenn Polar zu sehr beides sein will, menschliches Drama und reißerische Genre-Replik jenseits des guten Geschmacks. So lässt es der Film vor allem an Stringenz und Homogenität vermissen, springt die Handlung doch immerzu zwischen diesen beiden Ebenen hin und her und verkommt zu kaum mehr als einer lauwarmen Variation altbekannter Motive und Genre-Muster im grell blendenden Gewand, bei der sogar der finale Twist ins Leere läuft. Auch ist es merkwürdig, dass der düstere wie schroffe, farblich entsättigte und reduzierte Stil der Comics von Victor Santos ignoriert wurde und zu Gunsten eines grell bunten Bonbon-Looks weichen musste. Mads Mikkelsen macht seine Sache zwar durchaus gut als Profi-Killer ohne Profession, der versucht im normalen Leben Fuß zu fassen und doch irgendwie immer daneben liegt, weil er einfach nicht weiß, was normale Menschen tun oder sagen, ist mit der Rolle des Duncan Vizla aber auch gnadenlos unterfordert. Selbst ein ausgestochenes Auge verkommt da zu kaum mehr als einer Aufhübschung vermeintlicher Coolness-Klischees. Zumindest unterhaltsam ist das Ganze unterm Strich dann aber schon und spätestens ab der Hälfte gewinnen auch die reißerischen Exploitation-Elemente deutlich die Überhand, aber gerade die tonale Zerrissenheit von Polar kann schon zum Dorn im Auge werden.

 

5 von 10 unfreiwillig erschossenen Hunden

 

 

The Meg (2018)

26. Januar 2019 at 0:33

 

 

© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

There’s a monster outside and it’s watching us.“

 

 

 

Als es in einer Forschungsstation zur Erkundung der Tiefsee vor der Küste von Shanghai zu einem Unfall mit einem Mini-U-Boot kommt, da muss der Bergungsexperte Jonas Taylor hinzugerufen werden um die Besatzung retten zu können. Doch sobald klar wird, was genau der Grund für diesen Unfall war, da bahnen sich noch ganz andere, viel größere Probleme an.

 

Zumindest auf dem Papier sollte mir altem Haifisch-Film-Liebhaber The Meg von Regisseur Jon Turtletaub gefallen. Und das erste Drittel wusste mich auch gleich zu packen, denn der Tiefseeausflug und die daran anschließende Rettungsaktion treffen genau meinen Sweet Spot. Doof nur, dass The Meg danach abfällt wie der Marianen-Graben, wenn das Urzeitvieh erst einmal sein Unwesen treibt, und sich zu kaum mehr entwickelt als einem Monsterhaifilm nach Zahlen, der sich allenfalls nur noch damit begnügt altbekannte Motive und Bilder aufzugreifen und minimal zu variieren. Zudem verlässt sich der Film viel zu sehr bloß auf die alles erdrückende Größe und wuchtige Wirkung seines Monsters, das von einst sieben Metern bei Spielberg nun auf satte 25 Meter aufgeblasen wird, und ruft diese zur alleinigen Hauptattraktion aus, landet dadurch aber recht schnell in einer erzählerischen Sackgasse und beraubt sich auf diese Art selbst allerlei Möglichkeiten der Inszenierung.

 

Das Drehbuch versucht sich zwar an einer Balance aus halbwegs ernstem Monsterabenteuer und augenzwinkerndem Humor, findet allerdings nie so recht einen gesunden Mittelweg, und doch muss ich einräumen, dass The Meg unterm Strich weniger albern daherkommt als ich anhand der Trailer vermutet hätte. Die Charaktere sind zwar nicht mehr als blasse wie eindimensionale Abziehbildchen, erfüllen aber immerhin ihren Zweck und sind meist zumindest halbwegs solide gespielt. Die auffällige Blutarmut für einen solchen Monsterfilm und die Anbiederung an den chinesischen Markt sind offenkundig wirtschaftlichen Überlegungen geschuldet und haben mich eher weniger gestört. Für einen Monsterhai-Film fand ich The Meg okay, da habe ich sowohl bessere als auch schlechtere Streifen sehen dürfen oder müssen. Letztlich bleibt für mich nur eine abschließende Frage: wo war das Anti-Hai-Mittel aus Mechanic: Resurrection? Das hätte Statham hier wirklich gut gebrauchen können.

 

5 von 10 Badestränden als Fressmeile für den MEG

 

 

The Predator (2018)

23. Januar 2019 at 0:09

 

 

 

© 20th Century Fox/Quelle: IMDb

 

 

 

Nach seiner unfreiwilligen Begegnung mit einem Yautja in Mexiko soll der Elitesoldat Quinn McKenna als einziger Überlebender seiner Einheit in eine Einrichtung für verhaltensauffällige Veteranen gebracht werden. Der Vorfall soll vertuscht werden, denn die Regierung weiß schon längst von der Existenz der kriegerischen Alienrasse und ist sogar in Besitz eines lebenden Exemplares, doch als dem gefangenen Außerirdischen die Flucht gelingt, da befindet sich McKenna mit einigen anderen Veteranen plötzlich in der Schusslinie.

 

Braucht man den neuen Film von Regisseur Shane Black? Vermutlich eher nicht. Erweitert The Predator sinnvoll sein filmisches Universum? Definitiv nicht. Habe ich das erwartet? Auf keinen Fall. Erwartungen sind Belastungen. Und so hatte ich auf eine sehr spezielle Art und Weise durchaus meinen Spaß mit diesem kruden und aus der Zeit gefallenen Machwerk irgendwo zwischen markiger 80er Reminiszenz und modernem Blockbuster. Dabei ist The Predator nicht einmal ein sonderlich guter Film, zu sehr ist seine Erzählstruktur zerrissen und holprig, zu sehr schwankt der Plot immer wieder zwischen unterschiedlichsten Motiven, so dass sich das Endprodukt seltsam unfertig und zerfasert anfühlt. Chaotisch wirkt das bunte Treiben, unausgegoren und sprunghaft, wurde The Predator doch mehrfach umgeschnitten und immer wieder in andere Richtungen gestoßen. Das spürt man deutlich und wird dem Skript wohl auch zum größten Verhängnis, welches sich wie für den Regisseur und dessen Co-Writer Fred Dekker (Night of the Creeps, Monster Squad) nicht unüblich gleichsam aus explosiver Action und selbst für Blacks Maßstäbe schamloser Ketten aus Gags und Sprüchen jenseits der Gürtellinie und des guten Geschmacks zusammensetzt.

 

Als ernsthaftes Stück Genrekino ganz in der Tradition der ersten beiden Filme von McTiernan und Hopkins darf das alles natürlich nicht verstanden werden, sondern viel eher als herzhaft deftiger wie kurzweiliger und vor allem grobschlächtiger Spaß, der seine R-Rating-Effekte im späteren Verlauf genüsslich zelebrieren will, und dem ich aufgrund seiner breitbeinig ausgestellten Infantilität kaum wirklich böse sein könnte. Ja, The Predator ist kein guter Film, hat zahllose Schwächen und Probleme auf beinahe allen Ebenen und doch wirkt er dadurch – selbstverständlich unfreiwillig und vollkommen ohne Absicht – weit weniger formelhaft als so manch anderer Actionfilm unserer Zeit. Irgendwie liegt in all dem heillosen Chaos und Durcheinander ein ganz merkwürdiger und überaus eigenwilliger Charme, dem ich erlegen bin.

 

6 von 10 vom Fleisch befreite Wirbelsäulen