Monsters (2010)

13. Februar 2019 at 18:08

 

 

© Vertigo Films/Quelle: IMDb

 

 

 

Sechs Jahre ist es her, seit eine NASA-Sonde voller Proben außerirdischen Lebens bei ihrem Wiedereintritt über Mexiko zerstört wurde und sich bald schon fremde Lebensformen ausbreiteten. Das US-Militär erklärt weite Teile des Landes zur infizierten Zone, riegelt diese mit einer gigantischen Mauer ab und versucht mit regelmäßigen Luftangriffen Herr der Lage zu werden. Mitten in diesem Chaos erhält der Fotoreporter Andrew Kaulder von seinem Boss den Auftrag, dessen Tochter Samantha sicher aus Mexiko zurück in die USA zu begleiten. Doch unglückliche Umstände zwingen die beiden dazu, die gefährliche Route mitten durch die infizierte Zone antreten zu müssen.

 

Welch Frechheit doch von Regisseur Gareth Edwards (Godzilla, Star Wars: Rogue One), für sein Debüt einen Monsterfilm annähernd ohne Monster zu drehen und diesen dann auch noch dreist Monsters zu nennen! Wie kann er nur?! Naja. Was sich bereits in seinem hervorragendem Kurzfilm Factory Farmed (2008) andeutete, das vermag sich nun erst so richtig zu entfalten: Edwards geradezu unglaubliches Gespür für ein stimmiges World Building mit manchmal kleinsten Mitteln und sein scheinbar grenzenloser Einfallsreichtum. Monsters ist low budget, soll lediglich 500.000 Dollar gekostet haben und wurde größtenteils direkt vor Ort guerilla-artig und immerzu zur Improvisation gezwungen bloß mit einem Miniteam aus Edwards hinter der Kamera, seinen beiden Darstellern und dem Tonmann realisiert. Idee, Regie, Kamera und Effekte: alles stammt aus Edwards Feder und dass, obwohl es kein richtiges Drehbuch oder Dialoge gab, nur Ideen und Skizzen, Stimmungen und Gefühle, welche sich erst während der Dreharbeiten verfestigen sollten. Wenig wird erklärt, Dialog mehr zur Charakterisierung denn zur Exposition genutzt und das Erzählen ist stark visuell geprägt. Selbstbestimmter und selbstsicherer kann ein Regiedebüt kaum ausfallen.

 

Ja, die titelgebenden Monster stehen nicht im Vordergrund und bleiben lange unsichtbar oder werden allenfalls angedeutet, denn der Film entzieht sich meist den üblichen Genrekonventionen, doch durch das gelungene World Building wird ihre Präsenz kaum geschmälert und die teils beklemmenden Bilder von Verwüstung und Zerstörung klingen lange nach. Und doch sind es oft eher die kleinen Szenen, die sich nachhaltig einbrennen und beschäftigen: ein Teddybär mit Gasmaske, ein Trickfilm im mexikanischen Fernsehen, ein Graffiti am Straßenrand, immer wieder Gasmasken, kleine Kinder neben Sturmgewehren und zerstörten Panzern. Trotz seiner vermeintlich ausufernden Prämisse ist Monsters ein intimer Film, zeigt den Alltag der Menschen hinter den Monsterattacken und stellt seine beiden Protagonisten und deren Geschichte, deren Entwicklung und vor allem deren Reise in den Mittelpunkt. So habe ich Monsters auch immer eher als Road Movie begriffen, als eine Art Odyssee zweier verlorener Menschen, an deren Ende diese Dinge über sich selbst lernen dürfen, von denen sie bisher keine Ahnung hatten.

 

Mit Monsters erschafft Gareth Edwards eine beklemmend einnehmende und stimmige Welt voller eben jener Kreaturen und beweist doch den Mut, seinen Fokus stark auf seine Protagonisten zu legen, erzählt lieber von Menschen statt von Monstern und zeigt zermürbenden Alltag statt Spektakel. Selbst wenn man die Bedingungen seiner Entstehung ausblendet, dann ist Monsters angesichts seines geringen Budgets und seines enormen Ideenreichtums zweifellos ein beeindruckendes Regiedebüt.

 

8 von 10 Teddybären mit Gasmasken auf

 

 

Death Wish (2018)

11. Februar 2019 at 19:02

 

 

© MGM/Annapurna Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

People rely on the police to keep them safe. That’s the problem. The police only arrive after the crime has taken place. That’s like. Trapping the fox as he’s comin‘ out of the hen house. If a man really wants to protect what’s his. He has to do it for himself.“

 

 

 

Als seine Frau von Einbrechern getötet und seine Tochter danach schwer verletzt im Koma liegt, da bricht für den Chirurgen Paul Kersey die Welt zusammen. Doch als bei ihm nach und nach der Eindruck entsteht, dass die Polizei mit ihren Ermittlungen nicht vorwärts kommen und die Justiz grundsätzlich überlastet scheint, da beschließt er sich eine Waffe zu besorgen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Allerdings mutiert der private Rachefeldzug dank Smartphone und YouTube schnell zum landesweiten Thema und spaltet die Bevölkerung.

 

Wo Death Wish (1974) von Michael Winner zumindest dadurch punkten konnte, dass er dem Zuschauer eben keine vorgekaute Botschaft samt Moral vorsetzt und ihn mit seinem ungelösten Dilemma alleine zurück lässt, da serviert Eli Roth mit seinem unnötigen Remake kaum mehr als stumpfsinnige und vor allem langweilige Action. Zwar versucht der Film die zweifelhaften Taten seiner Hauptfigur und deren geradezu dankbare Akzeptanz in weiten Teilen der Bevölkerung zu hinterfragen, doch tatsächliche Konsequenzen haben seine Handlungen nicht und so verpufft all das im leeren Raum. Roth gelingt es nie in die Komfortzone des Zuschauers einzudringen, denn dafür ist sein Death Wish zu zahnlos und zaghaft geraten, vermag nie ernsthaft zu provozieren und herauszufordern und vertraut lieber auf Zurückhaltung statt volles Risiko zu gehen. Es fehlt am Mut zur Positionierung und so wird die Möglichkeit vertan, eine wirklich relevante Aussage zum Thema Selbstjustiz zu erschaffen. Gut, hatte Roth so vielleicht auch gar nicht im Sinn. Doch auch als reiner Genrefilm funktioniert Death Wish nicht sonderlich gut, denn dafür ist er viel zu belanglos runter gerissen und nach Schema F inszeniert, wirkt seltsam leidenschaftslos und kann bloß mit allenfalls mäßig umgesetzter und uninspirierter Action aufwarten. Winners Death Wish war seiner Zeit zweifellos nicht weniger fragwürdig, traf jedoch einen empfindlichen Nerv bei seinem Publikum. Roth hingegen schießt am aktuellen Zeitgeist vorbei und langweilt in seiner Belanglosigkeit mehr, als dass er eine Kontroverse erzeugen könnte.

 

4 von 10 Mal stupide die Waffe zerlegen und reinigen

 

 

Laissez bronzer les cadavres (Leichen unter brennender Sonne, 2017)

9. Februar 2019 at 18:30

 

 

© Anonymes Films/Tobina Film/Quelle: IMDb

 

 

 

In einer abseits gelegenen Burgruine auf Korsika treffen die Künstlerin Luce und ihr Liebhaber Bernier auf drei Gangster, die gerade einen Goldtransporter überfallen haben. Als auch noch zwei Motorradpolizisten dazu kommen, da entlädt sich dieses explosive Gemisch in einer die ganze Nacht andauernden Schießerei.

 

Auch die nach Amer (2009) und L’Étrange Couleur des larmes de ton corps (2013) nun mehr dritte Regiearbeit des belgisch-französischen Duos Hélène Cattet und Bruno Forzani versteht sich als Hommage an das europäische Genrekino der 60er und 70er Jahre, widmet sich nun allerdings weniger dem Giallo und wendet sich lieber dem Poliziottesco und dem Italowestern zu. Im direkten Vergleich zeigt sich Laissez bronzer les cadavres jedoch deutlich weniger düster und mysteriös, hat dafür aber im Gegenzug eine zumindest rudimentäre Story vorzuweisen. Die ohnehin schon knappe Handlung der Romanvorlage von Jean-Patrick Manchette und Jean-Pierre Bastid wird von Cattet und Forzani nur noch weiter auf ein absolutes Minimum herunter gebrochen, denn abermals liegt ihr Hauptaugenmerk deutlich stärker auf den audiovisuellen Aspekten als auf den inhaltlichen.

 

Und hier toben sich die beiden erneut hemmungslos aus, finden zu einer formvollendeten Bildsprache, zelebrieren meisterhaft den bildlichen Exzess und erschaffen eine geradezu rauschhafte Sinnlichkeit. Ausufernd spielen sie mit Farben, kunstvoller Ausleuchtung, Großaufnahmen von Gesichtern, Augen und Mündern, scharfen Zooms sowie cleveren Überblendungen, wechselnden Perspektiven und überbetonten Geräuschen, so dass sich eine beinahe schon erregende Atmosphäre aufbaut. Die inhaltlich sehr flache und formelhafte Story wird von Cattet und Forzani dennoch staubtrocken und pointiert in Szene gesetzt und das überaus filmisch denkende Regieduo entfaltet ein betörendes, eher assoziativ erzähltes und virtuos orchestriertes Konstrukt aus Blei, Blut und Sex, bei dem vor allem Zeit von großer Bedeutung und fester Bestandteil der narrativen Struktur ist.

 

Auch die Figuren sind weniger menschlich begreifbare Wesen als vielmehr lose Rückverweise auf bestimmte filmische Archetypen und so gerät Laissez bronzer les cadavres zu einem sehr speziellen Erlebnis, welches sicherlich nicht Jedermanns Geschmack treffen wird, mich aber vorzüglich unterhalten konnte. Explosives, rauschhaftes, hemmungsloses, wildes, fiebriges und surreal überhöhtes Genrekino, welches wenig über Worte, dafür aber viel über seine Bildsprache erzählt. Style over substance im tobenden Kugelhagel.

 

7 von 10 aufgesetzten Kopfschüssen

 

 

The Favourite (2019)

5. Februar 2019 at 13:58

 

 

© Fox Searchlight Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

There are limits to what one can give.“

 

 

 

Der britische Königshof unter der Regentschaft von Queen Anne: England ist im Krieg mit Frankreich und die Regierung uneins angesichts der Frage ob, Frieden aushandeln oder weiter kämpfen sinnvoller erscheint angesichts leerer Staatskassen. Die Königin selbst ist durch ihre Krankheit gezeichnet und vertraut vollkommen auf ihre engste Beraterin Sarah Churchill. Als jedoch deren Cousine Abigail um Anstellung bittet, da ändert sich die Atmosphäre am Hof, denn zwischen Sarah und Abigail entbrennt ein erbitterter wie hinterhältiger Kampf um die Gunst der wankelmütigen wie launischen Königin.

 

Man muss es sagen: mit The Favourite hat der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos nach sperrigen und unangenehmen Werken wie Dogtooth (2009), The Lobster (2015) und The Killing of a Sacred Deer (2017) seinen bislang zugänglichsten Film gedreht. Wo er sonst einen eher verkopften, unterkühlt distanzierten und sehr nüchternen Stil der Inszenierung pflegte, da wirft The Favourite nun einen deutlich wärmeren, geradezu empathischen Blick auf seine Figuren, entdeckt die Tragik, welche ihnen auch innewohnt, und wirkt insgesamt leichter verträglich und weniger speziell. Das mag vielleicht auch zum Teil mit daran liegen, dass Lanthimos nun erstmals in seiner Karriere nicht auch am Drehbuch beteiligt war und stattdessen Deborah Davis und Tony McNamara ein Feuerwerk an hervorragend pointierten, klugen wie giftigen, oft ungezähmten und doch geschliffenen Dialogen entfachen ließ. So entwickelt sich mit der Ankunft von Abigail am Hof von Queen Anne ein herrlich intrigantes Ränkespiel um die Gunst der Königin, in dem die Frauen zur Abwechslung mal die Männer nach Belieben manipulieren und für ihre ganz eigenen Ziele benutzen.

 

Auch offenbart The Favourite einen garstigen, ätzenden und bitter bösen Blick auf die britische Aristokratie, wenn pompöse Bälle, Entenrennen und hemmungsloses Kuchenessen inklusive Erbrechen im Kontrast stehen zu einem Land, welches sich im Krieg mit Frankreich befindet und dessen Bevölkerung zunehmend aufbegehrt gegen seine Obrigkeit. Getragen wird all das von einem wirklich fantastischen Ensemble rund um Olivia Colman, Rachel Weisz und Emma Stone, eine besser als die andere, und mit unglaublich starken Leistungen. Besonders Olivia Colman gelingt es herausragend gut das Launenhafte ihrer Figur voller Hingabe und mit genau dem richtigen Gespür für Nuancen herauszuarbeiten, wenn sie Queen Anne als impulsives Kind interpretiert, einsam, ängstlich, verloren. Ein Balanceakt, denn das hätte leicht zur Karikatur verkommen und ins Lächerliche abkippen können, doch Colman entwirft eine sehr ambivalente Figur, die zu gleichen Teilen Opfer wie Bestandteil der Strukturen ist, die jede dieser drei Frauen in ihren Rollen gefangen halten. Visuell ist The Favourite über jeden Zweifel erhaben, ist fantastisch wie opulent ausgestattet, egal, ob Setting oder Kostüme, und wird darüber hinaus von Kameramann Robbie Ryan (Slow West, I Am Not a Serial Killer, I, Daniel Blake) wunderbar in Szene gesetzt.

 

The Favourite ist sowohl schön und witzig wie zugleich auch böse und traurig geraten, ist manchmal schräg und ausufernd, manchmal irre komisch, hat aber immer auch den zutiefst tragischen Kern im Blick. Erstmals begegnet Yorgos Lanthimos seinen Figuren mit Empathie, erweitert seinen sonst eher kühlen Stil um Wärme und gestaltet seinen Film so deutlich zugänglicher. Doch Gewinner kennt Lanthimos auch dieses Mal keine. Some wounds do not close.

 

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