John Wick: Chapter 3 – Parabellum (2019)

26. Mai 2019 at 18:00

 

 

© Lionsgate/Quelle: IMDb

 

 

 

A fourteen million dollar bounty on his head, and everyone in the city wants a piece of it… I’d say the odds are about even.“

 

 

 

Nach der Ermordung von Santino D´Antonio im Continental Hotel wird John Wick für seinen Regelbruch von der Hohen Kammer exkommuniziert und buchstäblich zum Abschuss freigegeben. Vollkommen auf sich allein gestellt, ohne jeglichen Anspruch auf Hilfe oder Unterstützung, muss er sich nun Heerscharen von Killern erwehren, die alle hinter dem 14 Millionen Dollar Kopfgeld her sind.

 

Si vis pacem, para bellum. John Wick ist zurück, grimmiger und wütender als jemals zuvor. Der dritte Teil der Saga rund um den legendären Profikiller knüpft nahtlos an seinen Vorgänger an, wenn der Titelheld nur Minuten vor seiner Exkommunikation steht und ein 14 Millionen Dollar Kopfgeld auf ihn ausgesetzt ist. Regisseur Chad Stahelski steigt sofort und ohne Umschweife temporeich in das Geschehen ein, wenn er immer nah an Wick dran bleibt, ihm auf Schritt und Tritt folgt und so einen geradezu atemlosen Einstieg erschafft. Tick Tock, Mr. Wick. Die Uhr läuft erbarmungslos. Schon der erste Kampf gibt den gnadenlosen und kompromisslosen Ton vor und der Härtegrad ist zweifellos höher denn je. Die Action ist erwartungsgemäß abermals eindrucksvoll choreografiert und gewohnt übersichtlich in Szene gesetzt, doch Stahelski und sein Team erweitern dieses Mal das Arsenal an Mordinstrumenten und Settings um einige neuerliche Facetten und so manche Actionsequenz ist dadurch ausgesprochen kreativ geraten. Manches habe ich so tatsächlich noch nie zuvor gesehen, manches ist einfach clever geklaut.

 

Leider schleichen sich aber gerade bei der Action auch phasenweise ein paar Längen ein, wenn hin und wieder Sequenzen zu lang und zu repetitiv geraten sind und Wiederholung und Variation Einzug halten, wo ein wenig Straffung manchmal vielleicht besser gewesen wäre. Ein gewisser Grad der Redundanz und Ermüdung lässt sich da leider kaum leugnen, doch insgesamt ist das alles auf ganz hohem Niveau umgesetzt. Dazu treibt John Wick: Chapter 3 – Parabellum seine umspannende Rahmenhandlung zielsicher voran, führt neue Motive und Figuren ein und baut die faszinierende Mythologie dieser Parallelwelt gekonnt weiter aus. Doch auch hier erlaubt sich das Drehbuch von Derek Kolstad hin und wieder Ausreißer nach unten und liefert so manche an Albernheit grenzende Idee im Storyverlauf: ein etwas übertrieben mystisches Treffen in der Wüste etwa oder Wicks Motivation weiterleben zu wollen, die etwas dünn wirkt. Doch das gelungene world building vermag das wieder auszugleichen, auch wenn weniger hinzugefügt wird als es noch der zweite Teil im Bezug zum ersten Teil vollbrachte.

 

Keanu Reeves ist wie gewohnt eine Bank und verkörpert den stoischen Killer perfekt in einer gelungenen Mischung aus eiskalter Präzision und Eleganz, wenn er sich durch gefühlt niemals endende Horden von Gegnern metzelt. Hilfreich zur Seite steht ihm dabei eine Zeit lang mit der von Halle Berry überraschend eindrucksvoll verkörperten Sofia eine schlagkräftige Weggefährtin aus alten Zeiten, deren zwei Hunde ein kleines Highlight darstellen. Dem gegenüber steht Mark Dacascos als Zero, der Wick im Auftrag der Hohen Kammer zur Strecke bringen soll, diesen jedoch zugleich auch respektiert und bewundert für seine Fertigkeiten. Die Figur macht ihm sichtlich Spaß und entsprechend enthusiastisch ist seine Spielfreude. Schön zu sehen, dass Dacascos nochmals zeigen darf, was für Fähigkeiten in ihm Stecken. Seine beiden Handlanger werden von Yayan Ruhian (The Raid 1&2)und Cecep Arif Rahman (The Raid 2) gespielt, die erfreulicherweise mehr von ihrem virtuosen Können zeigen dürfen als ursprünglich erwartet, stellen sie Wick doch vor eine gewaltige Herausforderung. Auch der tolle Ian McShane, Lance Reddick und Laurence Fishburne sind in ihren gewohnten Rollen dabei und werden noch ergänzt durch Anjelica Huston und eine eher blasse Asia Kate Dillon als Abgesandte der Hohen Kammer.

 

Alles in allem ist John Wick: Chapter 3 – Parabellum abermals ein gelungener Beitrag zur Reihe um die Unterwelt-Legende, entpuppt sich für mich letztlich jedoch als vermeintlich schwächster Teil. Natürlich liefert Teil 3 alle gewohnten Zutaten und erweitert diese sogar um diverse Noten, doch eine gelegentliche Redundanz besonders in der Action schmälert ein wenig das runde Gesamtbild. Das ist aber auch Jammern auf höchstem Niveau, denn letztlich fetzt der Film ordentlich. I gotta say, I´m a pretty big fan. Ich auch.

 

7,5 von 10 brachialen Pferdeküssen

 

 

Mid90s (2019)

19. Mai 2019 at 17:29

 

 

© A24/Quelle: IMDb

 

 

 

That’s why we ride a piece of wood, like, what that does to somebody’s spirit.“

 

 

 

Der dreizehnjährige Stevie hat es nicht immer leicht. Die Mutter ist alleinerziehend, der ältere Bruder verprügelt ihn regelmäßig und Freunde hat er auch nicht so richtig. Auf der Suche nach Rückhalt lernt er eine kleine Gruppe älterer Skater kennen, die ihn schließlich in ihren Kreis aufnehmen. Zum ersten Mal erfährt Stevie richtigen Zusammenhalt, muss aber auch erkennen, dass es so mancher weit schwerer im Leben hat als er.

 

Fall. Get back up. Mid90s ist nicht nur das enorm selbstbewusste Regiedebüt von Jonah Hill, sondern vor allem auch ein ganz wundervolles Coming of Age-Drama und eine melancholische Liebeserklärung an eine seltsam orientierungslose Lebensphase. Dabei skizziert Hill mit viel Feingefühl und einem guten Auge fürs Detail ein ungemein authentisches Bild einer ganzen Szene und noch nie zuvor wurde dieses ganz bestimmte Lebensgefühl des Skatens so gut eingefangen. Die Entscheidung, auf 16mm Filmmaterial und im 4:3 Format zu drehen beschwört nur zusätzlich diesen ganz besonderen Zeitgeist. Man spürt deutlich, dass ihm Mid90s, wenn schon nicht autobiografisch geprägt, zumindest ein persönliches Anliegen ist und er eigene Erinnerungen mit einwebt. Zwar ist der Film weniger Plot getrieben und mehr eine Ansammlung von Momentaufnahmen, doch diese wissen aufrichtig zu bewegen ohne sich künstlich aufzubauschen.

 

Auch, weil der Cast rund um Sunny Suljic famos ausfällt und sich überwiegend aus Teenagern ohne große Schauspielerfahrung zusammensetzt, auf die Hill in Skateparks stieß. Unzählige Momente in diesem Film kenne ich selbst nur zu gut und kann sie zu 100 Prozent nachvollziehen: die Art der Ersatzfamilie, der Skateshop, die Videos, die Stürze, das wieder Aufstehen, das zusammen Abhängen, der erste gemeisterte Trick, das alles war auch Teil meiner Jugend. Es gibt eine geradezu magische Szene, in der Stevie sein erstes richtiges Board bekommt, und Hill zelebriert diesen Moment regelrecht, nimmt sich ganz bewusst die Zeit, das auszukosten. Wundervoll! Mid90s atmet und man spürt immerzu diese unbändige Liebe aller Beteiligten. Hill erschafft eine ungezwungene und authentische Atmosphäre voller Gefühl und Verstand ohne sich plakativ anbiedern zu müssen, weit weg von dieser oftmals erdrückenden Retromanie diverser Filme und Serien der letzten Jahre. Sein Film ist eben nicht museal angestaubt, sondern viel mehr frisch und aufrichtig in jeder einzelnen seiner rund 85 Minuten Laufzeit. Für mich ohne jeden Zweifel einer der schönsten Filme bisher in diesem Jahr.

 

8,5 von 10 Mal auf die Nase fallen und genauso oft wieder aufstehen

 

 

 

 

Bumblebee (2018)

18. Mai 2019 at 14:37

 

 

© Paramount Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Der Krieg auf Cybertron scheint verloren und so schickt Optimus Prime seinen Soldaten B-127 auf die Erde, um dort eine Basis als Rückzugsort aufzubauen. Dort angekommen wird er allerdings nicht nur vom US-Militär empfangen, sondern auch vom Decepticon Blitzwing. Den folgenden Kampf überlebt B-127 nur knapp und so versteckt er sich als alter VW-Käfer getarnt auf einem Schrottplatz, wo ihn schon bald die junge Charlie findet und ahnungslos mit nach Hause nimmt.

 

Bereitete mir der Einstieg in den zweiten Film von Regisseur Travis Knight – seines Zeichens der kreative Kopf hinter dem fabelhaften Kubo and the Two Strings (2016) – zunächst noch Bauchschmerzen angesichts seines anfänglichen CGI-Gewitters, so nimmt sich Bumblebee dankenswerter Weise relativ schnell auf angenehme Art zurück und bleibt überraschend geerdet in seiner Inszenierung. Als Neustart gedacht strebt der Film zurück zu den Wurzeln in Form der Zeichentrickserie und vor allem weg vom leblosen Bombast aus dem Hause Bay. Herz, Seele und Charme lautet hier eher die Devise anstatt inszenatorischem Größenwahn. Sicherlich gibt es auch große Actionsequenzen, doch verlaufen diese in deutlich kleineren Rahmen als jemals zuvor in der Transformers-Reihe und Knight rückt viel lieber die aufkeimende Freundschaft zwischen Charlie und dem irgendwie knuffigen Transformer mit den traurigen Augen in den Vordergrund.

 

Und so entwickelt sich Bumblebee zu einem bodenständigen, warmherzigen und charmanten Coming of Age-Film irgendwo zwischen E.T. und The Iron Giant, der leider immer mal wieder zu einem sentimentalen Rührstück verkommt und dessen größte Schwäche für mich seine manische Retro-Gefallsucht ist. Etwas weniger dieser penetrant wie plakativ und manchmal regelrecht obsessiv eingesetzten 80er Jahre-Referenzen wären angenehm gewesen, denn Bumblebee wirft damit nur so um sich und zitiert gefühlt wahllos queerbeet von The Smiths und Joy Division über Elvis Costello, Alf und a-ha bis hin zu Bruce Lee und The Breakfast Club und gleich wieder zurück. Auch der für meinen Geschmack etwas zu sehr in Richtung Slapstick tendierende Humor konnte mich nicht immer so ganz abholen, aber dafür ist Hailee Steinfeld in der Rolle der hemdsärmeligen Charlie ziemlich toll und verleiht ihrer Figur Ecken und Kanten ohne in nerviges Teenager-Getue abzugleiten. Die verhandelten Konflikte mögen nicht groß sein, doch zumindest sind sie glaubwürdig. Auch John Cena scheint mächtig Spaß und Gefallen an seinem Agent Burns zu finden und überhaupt ist es sehr angenehm, dass der Film seine Figuren ernst nimmt und niemanden als Comic Relief auf dem Altar schlechter Witze opfert.

 

Ja, Bumblebee ist der bisher wohl erträglichste Film der Transformers-Reihe, aber der Maßstab ist ja auch denkbar niedrig anzusetzen. Immerhin: der nun eingeschlagene Pfad ist ein guter, weg vom unerträglichen Blockbuster-Spektakel aus dem Hause Bay und hin zu bodenständigem Charme und Witz. Nicht alles geht für mich hier auch immer ganz auf und manches nervt über die gesamte Laufzeit gesehen, aber insgesamt ist Travis Knight mit Bumblebee ein überraschend zurückhaltender Big Budget-Film der etwas anderen Art gelungen.

 

6 von 10 ausgeworfenen Kassetten

 

 

Soldier (1998)

17. Mai 2019 at 16:16

 

 

© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

A soldier does not speak unless spoken to by a superior officer. A soldier shows no mercy. Mercy is weakness. Weakness is death. The forces are his family. He is most happy, when following orders. A soldier loves to kill. A soldier needs no friend or family. War is his friend. The Forces are his family.“

 

 

 

2036. Der von Kindesbeinen an zum Elitesoldaten gedrillte Todd 3465 hat sein mörderisches Handwerk in zahlreichen Schlachten unter Beweis gestellt und doch sollen er und seine Kameraden nun schon zum alten Eisen gehören und ausrangiert werden. Eine neue, genetisch verbesserte Generation von Soldaten soll sie ersetzen, und als Todd in einem Kampf zu Demonstrationszwecken scheinbar ums Leben kommt, da wird sein Körper einfach auf dem Müllplaneten Arcadia 234 entsorgt. Doch Todd lebt und kommt schnell in Kontakt mit einer Gruppe von Siedlern, deren Leben sich kaum stärker von seinem eigenen unterscheiden könnte.

 

Genau drei Mal in seiner Karriere gelang es Regisseur Paul W.S. Anderson, all seine Stärken zu bündeln und in rund 100 Minuten Film zu gießen: bei Event Horizon (1997), bei Death Race (2008) und vor allem bei Soldier (1998). Zwischen all den aufgeblasenen Spektakel-Filmen ohne Ecken und Kanten wie Armageddon, Deep Impact oder Godzilla konnte Soldier seiner Zeit im Grunde nur untergehen. Augenzwinkernde Ironie als Absicherung gegenüber jeglicher Kritik sucht man hier vergeblich und so wird Soldier natürlich angreifbar, macht aber gleichzeitig auch nie einen Hehl aus seiner geradezu banalen Einfachheit und setzt so ziemlich alles, was er aufzubieten hat in die Verpackung seiner gerade noch hauchdünnen Story. Der Konflikt ist denkbar simpel und vollkommen klar umrissen, aber gerade diese ausgeprägte Simplizität in der Erzählstruktur ist wunderbar.

 

Obwohl 1998 in die Kinos gekommen, ist Andersons Film tief im Geiste des 80er-Actionfilms verortet und bedient sich zugleich der Erzählstruktur eines Western, wenn er Themen aufgreift, welche bereits George Stevens großer Klassiker Shane (1953) verhandelte. Der mysteriöse Held, der hilflosen Siedlern im Kampf gegen erbarmungslose Angreifer beisteht und dabei das Menschsein lernt und eine Andeutung von Liebe und Hoffnung erfährt. Dazu siedelt Drehbuchautor David Webb Peoples (12 Monkeys, The Unforgiven) Soldier durch kleine Bezüge im selben Universum an wie Blade Runner (1982), an dessen Script er ebenfalls beteiligt war. Dazu passt auch, dass die Idee bereits kurz nach Blade Runner entstanden ist, allerdings erst Ende der 90er in Produktion ging und sich folglich als eine Art geistiger Bruder versteht, wenn Soldier uns einen Blick in die Off-World-Kolonien gewährt, welche Blade Runner seiner Zeit nur andeutete. Thematisch übergreifende Ideen dahinter lassen sich kaum leugnen, auch wenn natürlich vollkommen klar ist, dass Andersons vierter Film zu keiner Sekunde die narrativen wie psychologischen Tiefen eines Blade Runner zu erreichen vermag. Aber das will er auch gar nicht, liegt sein Fokus doch viel eher auf den pulpigen Nebenschauplätzen abseits moralischer Grundsatzdiskussionen.

 

Rückblickend lässt sich Soldier mit seinem eindeutigen Gut/Böse-Schema und seiner sicherlich fragwürdigen Moral als Hommage an das klar und einfach strukturierte Actionkino der 80er Jahre verstehen. Vielleicht besinnt sich Paul W.S. Anderson ja irgendwann wieder auf seine Stärken und haut nochmal einen solch herrlich aus der Zeit gefallenen Streifen raus. Zu wünschen wäre es.

 

7 von 10 zarte Pflänzchen der Hoffnung