Capricorn One (1977)

30. Juni 2019 at 17:59

 

 

© Warner Bros. /Quelle: IMDb

 

 

 

You think it’s all a couple of looney scientists, it’s not! It’s bigger. There are people out there, forces out there, who have a lot to lose. They’re grown ups. It’s gotten too big, it’s in the hands of grown ups!“

 

 

 

Die erste bemannte Marsmission steht nur Sekunden vor dem Start, als der Astronaut Charles Brubaker und seine zwei Kollegen Peter Willis und John Walker aus der Kapsel der Capricorn One geholt und weg gebracht werden. Die Rakete startet planmäßig, aber ohne Besatzung, und den drei Männern wird von ihrem Vorgesetzten die Wahrheit offenbart: das Projekt ist schon vor Monaten gescheitert, doch weil es zu teuer war und der Öffentlichkeit das Versagen nicht eingestanden werden kann, soll die Landung auf dem Mars nun in einem Fernsehstudio inszeniert werden.

 

Ich würde mich durchaus als Fan von Regisseur Peter Hyams (Outland, Narrow Margin, Timecop, Sudden Death, The Relic) bezeichnen. Ich mag seine unaufgeregte Arbeitsweise, ein versierter und fähiger Handwerker, der sich immer voll und ganz dem jeweiligen Film verschreibt ohne sich selbst dabei allzu wichtig zu nehmen. Die Idee zu Capricorn One kam Hyams bereits kurz nach der ersten Mondlandung: Was wäre, wenn Neil Armstrong und Buzz Aldrin den fernen Himmelskörper gar nicht betreten hätten? Waren die Fernsehbilder wirklich echt oder doch aufwendig inszeniert? Erst die politisch angespannte und von kollektivem Misstrauen geprägte Lage in den USA der 70er Jahre jedoch gab ihm nun die Möglichkeit, seine Idee umzusetzen. So steht Capricorn One durchaus auch in eben jener Tradition des 70er Jahre-Verschwörungskinos, nimmt jedoch so manche Abzweigung und vereint schließlich diverse Genres unter sich, wenn er Science Fiction, Paranoia-Thriller Survival-Action streift.

 

Und so, wie sich der Film schillernd durch die Genres bewegt, so verlagert er auch den erzählerischen Bogen von den drei Astronauten und ihrer misslichen Lage hin zu dem lakonischen Reporter Caulfield, welcher der Verschwörung mit Hilfe klassischer Detektivarbeit und unter Einsatz seines Lebens immer weiter auf die Schliche kommt. Erst gegen Ende hin nähern sich diese beiden Handlungsstränge aneinander an und werden im Finale schließlich aufgelöst. Spätestens im letzten Akt häufen sich dann leider sowohl diverse Logikfehler als auch Zugeständnisse an das Mainstream-Kino, doch weil Hyams nicht Alan J. Pakula ist und weniger die bissige Kritik am System im Sinn hat, sondern viel lieber sein Publikum zwei Stunden lang unterhalten will, kann ich ihm den Mangel an Konsequenz, etwas Kitsch und eine recht schwache Zeichnung der Nebenfiguren durchaus verzeihen. Atmosphärisch dicht, zuweilen geradezu unwirklich und spannend ist Capricorn One in jedem Fall, und wenn ein Bekannter von Caulfield innerhalb weniger Sekunden aus einer belebten Bar verschwindet und dessen Leben buchstäblich vollkommen ausradiert wird, dann wird es regelrecht gespenstisch unheimlich. Vor allem deshalb, weil Hyams das alles mit einer solch unaufgeregten Beiläufigkeit inszeniert, dass es einem angesichts dieser unfassbaren Machtstrukturen ganz mulmig wird.

 

Die spannende Prämisse zusammen mit der handwerklich äußerst gelungenen wie gleichermaßen unaufgeregten Inszenierung von Hyams, der starke Cast rund um Elliot Gould und James Brolin und der Score aus der Feder von Jerry Goldsmith machen Capricorn One zu einem hervorragenden Verschwörungs-Thriller mit kleineren Schwächen, der vollkommen zu Unrecht ein wenig in Vergessenheit geraten ist.

 

7,5 von 10 Mal rohe Klapperschlange essen

 

 

Humanoids from the Deep (1980)

27. Juni 2019 at 0:13

 

 

© New World Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

We think we know where these things come from, but we have no idea how many there are.“

 

 

 

Merkwürdige Dinge gehen vor sich in dem kleinen, beschaulichen Fischerdorf Noyo: erst sterben alle Hunde im Ort, dann ein Kind. Als schließlich furchterregende Unterwassermonster über die Bewohner herfallen, da nimmt der Fischer Jim Hill gemeinsam mit der Biologin Dr. Susan Drake den Kampf gegen die schrecklichen Kreaturen auf.

 

Seien wir ehrlich: letztlich ist Humanoids from the Deep nur wenig mehr als Blut und Brüste. Unter Wasser lebende Monster stapfen an Land und fallen über die Menschen her, töten Hunde, Männer und Kinder, schänden und verschleppen die Frauen – das alles klingt nicht nur herrlich sleazy, das ist es auch, und unter der wachsamen Aufsicht von Produzent Roger Corman bekommt der geneigte Zuschauer reichlich nackte Haut, ordentlich Gekröse, viel Glibber und einige saftige Splattereinlagen serviert. Humanoids from the Deep ist ganz klar ein Kind seiner Zeit und versprüht diesen herrlichen spät 70er/früh 80er-Charme, vermischt das aber mit dem Monsterhorror der 50er Jahre. Vor allem Creature from the Black Lagoon (1954) von Jack Arnold ist da ein überdeutlicher Bezugspunkt, doch auch Jaws (1975) und der Slasherfilm halten stilistisch Einzug und eine Prise Lovecraft rundet das Ganze ab. Im Grunde aber denkt Humanoids from the Deep mit seinen triebhaften Kreaturen, dem Schmodder und dem Blut einfach nur Creature from the Black Lagoon grotesk übersteigert weiter und übersexualisiert die Opfer dieser Amphibien-Monster.

 

Knackig kurzweilig ist der Film von Regisseurin Barbara Peeters ohne jede Frage, denn dank der überschaubaren Laufzeit von lediglich 80 Minuten kommt keine Langeweile auf und Leerlauf sucht man vergeblich. Humanoids from the Deep kommt ohne Umschweife zur Sache und gestaltet sich zügig erstaunlich explizit und zeigefreudig, ist aber auch atmosphärisch ungemein dicht dank dem hübschen Fischerdorf/Kleinstadt-Ambiente und dem Score aus der Feder eines noch jungen James Horner. Dass Barbara Peeters ein anderer Film vorschwebte ist ebenso bekannt wie der Umstand, dass dem B-Movie-Papst Roger Corman ihre Version nicht dreckig und schmuddelig genug war, er mit Jimmy T. Murakami (Battle Beyond the Stars, When the Wind Blows) einen zweiten Regisseur für Sex und Gewalt installierte und der fertige Film am Schneidetisch von Editor Mark Goldblatt entstand. Corman weiß nun mal sehr genau was er will und was funktioniert. Zum Glück, denn so ist Humanoids from the Deep letztlich krude, räudig und ruppig wie gleichermaßen wunderbar und für Freunde des Creature Features zweifellos eine Empfehlung wert. Und die Effektarbeit des hier noch sehr jungen Rob Bottin (The Thing, 1982) ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben.

 

7 von 10 jährlichen Lachsfestivals

 

 

Too Old to Die Young (2019)

20. Juni 2019 at 12:49

 

 

© Amazon Studios/Quelle: IMDb

 

 

Der junge Cop Martin gerät in einen Strudel aus Gewalt, Sex und Verbrechen, wenn er sich mit jamaikanischen Gangstern einlässt und ein mexikanisches Kartell gegen sich aufbringt.

 

Vielmehr lässt sich zur Handlung auch kaum sagen. Nicolas Winding Refn spaltet ja ohnehin schon die Gemüter und seine Serie Too Old to Die Young wird daran wohl kaum etwas ändern, sondern den Istzustand allenfalls weiter zementieren. NWR hat eine bestimmte künstlerische Vision und der wird alles andere gnadenlos untergeordnet. Handlungsorientiertes Erzählen interessiert ihn eher wenig bis gar nicht, und so könnte man den Plot von Too Old to Die Young wirklich mühelos in sechs bis acht Episoden mit herkömmlicher Laufzeit abhandeln. Sein Fokus liegt überwiegend auf der unglaublich sorgfältig und enorm präzise komponierten Bildgestaltung, bei der wirklich gar nichts dem Zufall überlassen ist. Nicht selten scheint die statische Kamera geradezu still zu stehen, Bilder beinahe einzufrieren, wenn die Zeit gedehnt wird und das erzählerische Tempo oft fast zum Erliegen kommt. Das alles ist von solch unglaublich visuell ästhetischer Brillanz, dass ich mir nahezu jedes Bild, jede Einstellung liebend gern an die Wand hängen würde. Dazu ergänzt und verstärkt der treibende und pulsierende, flächig sphärische Electro-Score aus der Feder von Cliff Martinez (natürlich – wer auch sonst!) in Kombination mit einem grandiosen Sounddesign die soghaft hypnotische Wirkung der Bilder nur noch weiter, in denen man sich regelrecht verlieren kann.

 

Auch liefert Too Old to Die Young so manche grotesk bizarre Szene, eine krude Theater-Performance etwa, oder die coolste uncoole Autoverfolgungsjagd, die ich mir nur vorstellen kann, die mich manchmal in ihrer Absurdität an Twin Peaks denken ließen, wo einige Momente eine ähnliche Wirkung auf mich erzeugen konnten. Viele werden das alles wohl langweilig oder gar selbstverliebt nennen, ich nenne es selbstbewusst: NWR weiß ganz genau, was er will, und setzt das ohne Rücksicht auf wie auch immer geartete Befindlichkeiten von außen zielstrebig durch. Wer seine bisherigen Arbeiten mag und seinem extravaganten Stil etwas abgewinnen kann, der bekommt mit Too Old to Die Young sein ganzes Fetischkino geboten, quasi NWR in XXL, rund 900 Minuten in zehn Episoden, mit all seinen Stilmitteln und Motiven von Augen oder deren Fehlen über Mummy/Daddy-Issues und ödipalen Komplexen, ambivalenter Sexualität, explosiver Gewalt bis hin zu seinem merkwürdigen Hang zum übernatürlich spirituell Mythischen und den tiefen Abgründen hinter der verlogenen Fassade, eingefasst in kaltem Neonlicht und sphärischen Klängen. Wer das alles nicht mag, für den könnte Too Old to Die Young zur absoluten Geduldsprobe werden. Ich jedenfalls liebe es.

 

10 von 10 Massenhinrichtungen in der Wüste

 

 

Flesh + Blood (1985)

17. Juni 2019 at 19:45

 

 

© Orion Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Let’s see if this angel bleeds!“

 

 

 

Westeuropa, 1501: Der Söldner Martin und seine Kameraden sollen für den Adeligen Arnolfini dessen Stadt zurückerobern, werden jedoch von ihm verraten und betrogen. Fortan ziehen sie auf eigene Faust mordend und raubend durchs Land, doch als ihnen eher zufällig Arnolfinis angehende Schwiegertochter Agnes in die Hände fällt, da spitzen sich die Ereignisse drastisch zu.

 

Inwieweit Paul Verhoevens erster internationaler Film der vieler Orts beschworenen historischen Authentizität wirklich auch gerecht wird, das vermag ich nicht zu beurteilen, doch immerhin verzichtet Flesh + Blood auf die romantisierende Darstellung des Spätmittelalters früherer Ritter- und Abenteuerfilme und zeigt stattdessen eine düstere, dreckige und vom nackten Kampf ums Überleben geprägte Welt. Identifikationspotential sucht man hier vergeblich, denn man bekommt ausnahmslos hochgradig ambivalente Figuren, die sich ihr Überleben in einer rauen und harten Welt sichern müssen. In der Gruppe ist man zwar stärker, doch letzten Endes ist sich jeder immer noch selbst der Nächste.

 

Flesh + Blood versteht sich mehr als Zeitbild und weniger als handlungsorientierter Film, doch trotz der episodenhaften Erzählstruktur, die nur von einem eher losen roten Faden zusammengehalten wird, vermag das alles zu fesseln. Obwohl Verhoevens Stil – auch aufgrund zu vieler Köche, die den Brei verderben – hier noch nicht ganz so stark ausgeprägt ist wie in seinen späteren Filmen, so schimmern das Genie und die inszenatorische Finesse des meisterhaften Provokateurs dennoch immer mal wieder durch, wenn sich nicht selten das Verstörende mit dem Erhabenen kreuzt. Flesh + Blood mag sich vielleicht nicht neben Großtaten wie Robocop (1987) oder Starship Troopers (1997) einreihen, doch Verhoeven lässt nun erstmals auch außerhalb von Europa aufhorchen und kann sein Talent unter Beweis stellen.

 

7 von 10 Mal an der Pest erkranken