Walker (1987)

16. Juni 2019 at 19:11

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

„It is the God-given right of the USA to dominate the western hemisphere. It is our duty to protect our neighbors from exploitation. It is the fate of the United States of America to go ahead.“

1855 wird der amerikanische Abenteurer William Walker von dem Großindustriellen Vanderbilt angeheuert, um mit einer Armee aus Söldnern in Nicaragua einzumarschieren und dort die Macht zu übernehmen. Ziel ist der weitere Ausbau von Vanderbilts Eisenbahnlinie und damit auch dessen wirtschaftlicher Vorherrschaft in Mittelamerika.Walker gelingt der Staatsstreich, doch mit zunehmender Dauer neigt er stark zur Tyrannei und bringt nach und nach erst die Bevölkerung und schließlich auch seine eigenen Männer gegen ihn auf.

Before Rambo… Before Oliver North… There was Walker. Das verkündet das Kinoplakat zum nach Repo Man, Sid & Nancy und Straight to Hell vierten Film von Regisseur Alex Cox und gibt im Grunde die Marschroute bereits vor. Rückblickend betrachtet konnte Walker seiner Zeit an den Kinokassen einfach nur scheitern. Und das nicht nur, weil es das amerikanische Publikum gern mit unverhohlener Ablehnung begegnet, wenn vermeintlich ureigene Mythen dekonstruiert werden, sondern auch, weil der Film ästhetisch wie inhaltlich sehr unzeitgemäß ausfällt und sich eher in der Hochphase des New Hollywood verortet fühlt als in den späten 80er Jahren.

Letztlich war Walker ein cineastischer wie politischer Angriff, eine wütende Anklage an die amerikanische Expansionskultur mit all ihrer Doppelzüngigkeit, ausgestattet mit einem Drehbuch von Rudy Wurlitzer voller entlarvender Dialoge. Cox braucht kein Gut/Böse-Schema, denn seine Figuren offenbaren ihre Gesinnung quasi im Alleingang und demaskieren ihre Scheinheiligkeit ganz von selbst. Dabei ist Walker erstaunlich wenig subtil geraten, gibt sich im Gegenteil offen plakativ und scheut auch den Holzhammer nicht in seiner Bildsprache, wenn immer wieder ganz bewusst Anachronismen wie ein Zippo, Cola-Flaschen, ein Mercedes und als finaler Leberhaken ein Helikopter eingestreut werden.

Das kann man mögen oder nicht und als plumpen Schlag mit dem Zaunpfahl sehen, die Botschaft dahinter ist jedoch scharf umrissen wie lautstark in Szene gesetzt. Geschichte hat auch immer was mit der Gegenwart zu tun. Auch der Abspann ist kaum mehr als ein billiger Trick, welcher seine Wirkung jedoch keineswegs verfehlt. Zudem konterkarieren sowohl der Off-Erzähler als auch der tolle, von Joe Strummer stammende Score immer wieder die tatsächlichen Ereignisse im Film selbst, was mitunter zu brutal komischen Szenen führt. Alex Cox rechnet in Walker mit der Außenpolitik der Reagen-Ära gnadenlos wie unverhohlen und wütend ab. So sehr, dass das seine Karriere mehr oder weniger auf Eis legte.

Handwerklich ist das alles wirklich gelungen, die Wahl der Waffen stimmig, nur die Aussage an sich fand seiner Zeit keinen Anklang und machte Cox zu Kassengift. Sehenswert ist Walker zweifellos, ein spannender wie gleichermaßen aus der Zeit gefallener Film, der nicht selten in seiner Inszenierung an absurdes Theater erinnert. Subtil ist hier nun wirklich gar nichts, die Stilmittel allesamt direkt und offen ersichtlich, aber genau das macht für mich diesen ganz besonderen Reiz aus. Ein unbekannter und doch wichtiger Film, auch heute noch, vielleicht sogar ganz besonders heute.

7,5 von 10 Mal ganze Städte niederbrennen

The Hitcher (1986)

9. Juni 2019 at 17:22

 

 

© TriStar Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

You wanna know what happens to an eyeball when it gets punctured? Do you got any idea how much blood jets out of a guy’s neck when his throat’s been slit?“

 

 

 

Der junge Jim Halsey soll ein Auto nach Kalifornien überführen, begeht jedoch einen folgenschweren Fehler, indem er in einer regnerischen Nacht mitten in der Wüste den Anhalter John Ryder mitnimmt. Dieser entpuppt sich nämlich recht schnell als psychopathischer Killer, der ihm nach dem Leben trachtet. Zwar gelingt Jim die Flucht, doch damit soll sein Albtraum überhaupt erst beginnen.

 

The Hitcher trage ich schon sehr lange in meinem filmischen Gedächtnis mit mir herum, denn bestimmte Bilder haben sich seit meiner Kindheit bei mir eingebrannt, und doch bin ich alle paar Jahre immer wieder überrascht, wie ausnehmend gut das Regiedebüt von Robert Harmon geraten ist und besonders in Anbetracht seines weiteren Werdeganges vermag das ein wenig zu verwundern. Das Drehbuch von Eric Red macht sich das Auto als vermeintlichen Raum der Sicherheit und des Komforts sehr zu eigen, als persönlichen Rückzugsort vor der Welt da draußen, und lässt Angst, Schrecken und Hilflosigkeit genau dort Einzug halten, wo Flucht kleine Option mehr darstellt. Eine Mischung aus Horror und Roadmovie ist das, abgeschmeckt mit einer ordentlichen Portion grimmigem Realismus. Red, der auch das Drehbuch zu Near Dark von Kathryn Bigelow verfasste, scheint es sehr zu reizen, die besonders finsteren Abgründen dieses uramerikanischen Genre des Roadmovies bis auf den Grund auszuloten.

 

The Hitcher beginnt ganz unvermittelt und steigt ohne viele Worte mitten ins Geschehen ein, wenn sich der noch ahnungslose Jim gleich in der aller ersten Szene das fleischgewordene Grauen in der Gestalt des John Ryder ins Auto holt und sich dessen teuflischen Spielchen ausliefert. Rutger Hauer hat eine unfassbar starke Präsenz, wirkt beinahe schon dämonisch allgegenwärtig und geradezu mystisch überhöht, und bereits kleinste Gesten oder Gesichtsausdrücke lassen dem Zuschauer kalte Schauer über den Rücken jagen. Vor allem aber sind es die Ungewissheit der Motive und die vollkommene Willkür, die so furchterregend sind. Gerade weil Harmon und Red ihrem Killer keine nachvollziehbare Motivation mit auf dem Weg geben, wird der Schrecken nur noch weiter potenziert. Ob er einfach nur sein sadistisches Spiel liebt, in Jim vielleicht etwas erkennt und wecken möchte oder ob er wirklich von ihm aufgehalten werden will, wie er es selbst einmal sagt, das alles bleibt diffus im Unklaren, wenn The Hitcher so manche Deutungsebene offen lässt.

 

Auch formale Genrestrukturen interessieren Harmon herzlich wenig und so etwas wie Erlösung wird man hier vergeblich suchen. The Hitcher ist schmerzhaft und gönnt seinen Figuren keinen Moment der Ruhe oder gar Hoffnung, aber trotz ihrer eher dünnen Zeichnung ist der Film immer auch empathisch genug, so dass man mitleiden und bangen kann. Schmutz und Blessuren bleiben, werden nicht achtlos beiseite gewischt und hinterlassen dramatische Spuren bei allen Beteiligten, von den seelischen Wunden ganz zu schweigen. Jim jedenfalls ist am Ende ein gebrochener Mann und zieht zwischendurch zumindest in Betracht sich umzubringen. Und doch fällt The Hitcher weit weniger explizit aus als so mancher (inklusive mir) sich vielleicht zu erinnern glaubt, wenn Harmon auf perfide Art und Weise gar nicht mal so sehr exploitativ zeigefreudig ist und all die grausigen Details der Vorstellung des Zuschauers überlässt. Atmosphärisch wirkt all das seltsam entrückt und irgendwie unwirklich, zuweilen gar surreal, und gerade so mancher augenscheinlich unlogisch anmutender Moment verstärkt diese Wirkung nur noch weiter wie in einem fiebrigen Albtraum.

 

The Hitcher ist ein pulpiges B-Movie nahe an der Perfektion, an dem es wenig bis gar nichts zu bemängeln gibt. Regisseur Harmon und sein Drehbuchautor Red pendeln irgendwo zwischen grimmigen Realismus, überhöhtem Genre und einem beinahe schon nihilistischen Grundton, und erschaffen einen erzählerisch extrem dichten und packenden Film. Obwohl das Setting und das Ensemble der Figuren stark überschaubar bleibt, passiert in den rund 90 Minuten Laufzeit ungemein viel. Ein kleines Meisterwerk, böse wie eindrücklich, mit einem der faszinierendsten Killer der Filmgeschichte. Hört auf eure Mütter, manchmal haben sie nämlich recht.

 

9 von 10 blutigen Pommes

 

 

The Train (1964)

7. Juni 2019 at 17:03

 

 

© United Artists/Quelle: IMDb

 

 

 

You talk about the war. I talk about what it costs!“

 

 

 

Zweiter August, 1944. Der 1511. Tag der deutschen Besatzung in Frankreich, der Krieg ist so gut wie beendet und die Allierten stehen vor ihrem Sieg. Große wie klangvolle Namen, materiell wie ideell unersetzlich und von unschätzbarem Wert: Gauguin, Renoir, Manet, Picasso, Van Gogh, Degas, Miro, Cézanne, Matisse und viele andere, geraubt aus Museen und Sammlungen, angehäuft in den Jahren der Besatzung. Der deutsche Offizier Franz Von Waldheim will all diese Kunstwerke unbedingt noch so schnell wie möglich nach Berlin schaffen und lässt einen Güterzug mit ihnen beladen, doch der französische Untergrund rund um Paul Labiche setzt alles nur erdenkliche daran, genau das zu verhindern.

 

Die Geschichte, dass Burt Lancaster den ursprünglichen Regisseur Arthur Penn nach nur wenigen Drehtagen zu Gunsten eines mehr actionlastigen, auf ihn zugeschnittenen Filmes vertrieb und durch John Frankenheimer ersetzen ließ, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, doch dazu später mehr. Was Frankenheimer hier in der Frühphase seiner Karriere mit The Train abliefert, das darf durchaus als eine Art Blaupause für das moderne Actionkino gesehen werden, so kraftvoll, mitreißend und treibend ist sein Film. Ist die erste Hälfte eher noch ein ausgefeiltes Katz -und Mausspiel voller List und Tücke zwischen den Nazis und der Resistance, so zieht das Tempo in der zweiten Hälfte merklich an, steigert sich hin zu atemloser Action geprägt von einer enormen kinetischen Energie und mündet schließlich in einem herrlich ambivalenten Schluss und der Frage nach dem eigentlichen Wert von Kunst als Ausdruck nationaler Identität in Relation zu Menschenleben.

 

Der für seinen beinahe schon fanatischen Anspruch auf Authentizität berühmt-berüchtigte Frankenheimer frönt dem bereits bei The Train und setzt auf grimmigen Realismus. Überwiegend on location, mit echten Zügen und mit echten Flugzeugen statt Modellen gedreht, entstehen so rasante, packende und spektakuläre Actionszenen voller Wucht und Druck, die auch heute noch zu begeistern wissen. Die Kulissen sind aufwendig, die Stunts gefährlich und die Kameraperspektiven zum Teil erstaunlich kreativ, was zu einer gewissen Zeitlosigkeit führt. Die bewusste Entscheidung, The Train in teils wunderschönem Schwarz/Weiß zu drehen bricht ein wenig mit dem aufwendig inszenierten Spektakel und vermag so auch auf der handwerklichen Ebene Spannung zu erzeugen. Burt Lancaster in der Rolle des Labiche ist gewohnt viril und athletisch, mit breiten Schultern, hemdsärmelig, ein Macher, und doch eher Held wider Willen, der durch Umstände zum Handeln gezwungen wird.

 

The Train ist ein herausragend inszenierter Action-Thriller, der auch heute noch zu packen weiß und mühelos Spannung generiert. Dank Frankenheimer auf dem Regiestuhl stark von Authentizität geprägt, sind die Action-Sequenzen voller Wucht, Präzision und Detailreichtum, und tragen zu einem intensiven Erlebnis bei, welches letztlich auch eine etwas ambivalente Betrachtungsweise zulässt. Doch die Ironie am Ende ist: nach The Train geriet die Karriere von Lancaster ein wenig ins Trudeln, wohingegen die von Arthur Penn gerade erst beginnen sollte.

 

9 von 10 spektakulären Zugunfällen

 

 

 

Godzilla: King of the Monsters (2019)

3. Juni 2019 at 19:41

 

 

© Warner Bros. Pictures/Toho/Quelle: IMDb

 

 

 

Fünf Jahre, nachdem Godzilla im Kampf gegen die beiden MUTOs ganze Städte in Schutt und Asche legte, da entdeckt die mysteriöse Organisation Monarch auf der ganzen Welt nach und nach immer mehr solcher sogenannten Titanen und widmet sich deren Erforschung. Als es jedoch einer Gruppe von Öko-Terroristen rund um ihren Anführer Jonah Alan gelingt, einige dieser gigantischen Kreaturen zu befreien, da kann im Grunde nur noch Godzilla selbst die Auslöschung der Menschheit verhindern.

 

The king is dead. Long live the King. Wo Gareth Edwards (Monsters, Star Wars: Rogue One) 2014 den König der Monster nur sparsam inszenierte, aber im ursprünglich metaphorischen Sinne des Ur-Godzillas von Ishiro Honda sanft an die Neuzeit anpasste, da setzt Michael Dougherty (Trick´r Treat, Krampus) überwiegend auf gigantische Eskalation im besten Sinne. Clash of the Titans, buchstäblich. Sein Film ist der wohl bisher japanischste US-Godzilla-Streifen, wenn die bekannteste Riesenechse der Filmgeschichte mit Rodan, Mothra und sogar seinem Erzfeind King Ghidorah konfrontiert wird. Dougherty greift da mit seinem Drehbuch tief in den Mythenschatz des doch speziellen Kaiju-Genre, bedient sich hier und da in dessen filmischer Historie und vermag so manch hübsche Anspielungen und Verweise einzubauen ohne das es aufgesetzt wirken würde.

 

Und prallen diese Naturgewalten erst aufeinander, dann geschieht das mit einem ausgeprägten Gespür für Größe, Wucht und Masse, wenn Dougherty die Titanen teils in Einstellungen inszeniert, in denen sie nicht mal im Ansatz in den Bildrahmen passen und diesen sprengen, teils aber auch in mächtigen Totalen, welche die gigantischen Dimensionen dieser Kreaturen mit unverstelltem Blick in ihrer wahrhaft furchteinflößenden Pracht einfangen. Visuell ist das alles zweifellos herausragend umgesetzt und eingefangen, auch wenn so manche Szene durchaus etwas weniger dunkel oder verregnet hätte ausfallen dürfen. Dennoch entfesselt Dougherty wirklich beeindruckende Bilder und das brachiale Sounddesign gerade auch in Kombination mit dem tollen Score von Bear McCreary fügt sich da nahtlos ein und potenziert deren Wirkung nur noch weiter.

 

Ins Schlingern gerät das Drehbuch allerdings nahezu immer dann, wenn die menschlichen Protagonisten in den Vordergrund gerückt werden. Egal, ob Story, Figurenzeichnung, Motivationen oder Dialoge: hier ist beinahe alles vergessenswert, stellenweise sogar ziemlich dumm und trübt das Gesamtbild. Somit ist Godzilla: King of the Monsters zweifellos zu lang geraten, wenn das Spektakel nur zu gern noch in einen moralischen Überbau gezwängt werden soll, man sich jedoch spürbar daran verhebt und sich in permanenter Exposition verliert. Das ist schade, konnte man aber vielleicht auch erwarten, und die eigentlichen Stars des Filmes kommen mehr als genug zur Geltung. Bei Godzilla: King of the Monsters ist der Titel Programm und die Macher bieten mir mehr als genug Monster-Kloppe in epischen Szenen, um meine kindliche Begeisterung wieder entfachen zu können. Mehr als nur einmal huschte ein zufriedenes Grinsen über mein Gesicht und auch eine handfeste Gänsehaut durfte sich zweimal einstellen. Enttäuscht wurde ich keineswegs, eher im Gegenteil. Und spätestens, wenn das klassische Godzilla-Theme ertönt, dann ist es ohnehin um mich geschehen und mein Herz beginnt zu wummern. Trotz aller offensichtlichen und nicht zu leugnenden Schwächen überwogen die Stärken für mich so deutlich, dass ich am Ende glücklich aus dem Kino wankte. Goodbye, old friend. Wir werden uns bald wiedersehen.

 

8 von 10 nuklearen Explosionen als Defibrillator