1917 (2020)

28. Januar 2020 at 18:56

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

They’re walking into a trap. Your orders are to deliver a message calling off tomorrow morning’s attack. If you fail, it will be a massacre.“

 

 

 

Am 6. April 1917 erhalten zwei junge britische Soldaten den Spezialauftrag, eine über alle Maßen wichtige Nachricht quer durch Feindesland zu überbringen. Denn der vermeintliche Rückzug der deutschen Truppen ist nur eine Falle und der für den nächsten Morgen geplante Angriff der Briten muss abgesagt werden. Anderenfalls könnten 1600 Soldaten den Tod finden.

 

Die technischen Aspekte rund um die Inszenierung des neuesten Filmes von Regisseur Sam Mendes (American Beauty, Road to Perdition, Skyfall) wurden im Vorfeld vielerorts thematisiert. Und tatsächlich ist 1917 auf der formalen Ebene nahezu makellos geraten, wenn Mendes zusammen mit seinem Kameramann Roger Deakins (No Country for Old Men, Sicario, Blade Runner 2049) und dessen Team den Film als einzige große Plansequenz anlegen. Obwohl mehrfach bei Übergängen getrickst wurde, so kann eine solche sowohl logistische wie auch handwerkliche Meisterleistung kaum hoch genug geschätzt werden. Mit geradezu unmerklicher Eleganz gleitet die Kamera geschmeidig durch die Szenerien und doch sitzt jedes noch so kleine Detail in diesem komponierten Fluss der Bilder. Doch gerade diese Perfektion der Choreographie wurde für mich letztlich auch zum größten Problem von 1917, wenn schon bald das WIE zum Leidwesen des WAS in den Fokus rückte. Nicht selten interessierten mich die technischen Details der Inszenierung mehr als das eigentliche Geschehen auf der Leinwand.

 

Zumal bei einem solch ehrgeizigen Projekt ohnehin schon die Narrative stark der Inszenierung unterworfen ist und spürbar weniger Spielraum lässt. Dadurch fühlte ich mich als Betrachter immer wieder mitten im Geschehen und doch zugleich aus dem Geschehen gerissen. In puncto Immersion funktionierte Dunkirk seiner Zeit im Kino deutlich besser für mich. Durch seine technische Perfektion wirkte 1917 immer wieder seltsam kühl und distanziert auf mich, so dass ich meine Mühe hatte, mit den Protagonisten aufrichtig mitzufiebern. Letztlich erinnert mich der Film irgendwie an Gravity, den ich ähnlich empfand: technisch herausragend, inhaltlich doch eher flach. Dazu trügt der eigentlich großartige Cast rund um Darsteller wie Benedict Cumberbatch, Colin Firth, Andrew Scott und Mark Strong ein wenig, wenn diese im Grunde nur kurze Gastauftritte absolvieren. Und auch der Score aus der Feder von Thomas Newman (Passengers, WALL-E, Skyfall) konnte mich nur bedingt überzeugen, empfand ich ihn in seiner Epik oftmals unpassend zur eher ruhigen und selten actionreichen Narrative. Ohne jeden Zweifel verdienen Mendes und sein Team den allergrößten Respekt für den technischen wie handwerklichen Aufwand, doch letztlich vermochte mich 1917 inhaltlich nicht so recht zu fesseln oder emotional zu involvieren.

 

6,5 von 10 Leichen im Stacheldraht

 

 

Der goldene Handschuh (2019)

26. Januar 2020 at 18:45

 

 

© Warner Bros/Pathé/Quelle: IMDb

 

 

 

Ich liebe dich, jetzt will ich dich ficken.“

 

 

 

Hamburg in den frühen 70er Jahren. Der Hilfsarbeiter Fritz Honka verbringt die meiste Zeit in der Kiezkneipe Der goldene Handschuh. 24 Stunden, sieben Tage die Woche geöffnet, trifft sich hier der Bodensatz der Gesellschaft zum exzessivem Suff. Was jedoch keiner seiner Saufkumpanen ahnt ist, dass Honka immer wieder Frauen, meist Gelegenheitsprostituierte, ermordet und zum Teil deren Leichen in seiner Dachgeschosswohnung aufbewahrt.

 

Manchmal gibt es Filme, die machen es einem wirklich nicht leicht. Der goldene Handschuh von Fatih Akin ist so einer. Irgendwo zwischen Milieustudie, Heimatfilm, Horror und grotesker Komödie, irgendwo zwischen Suff, Absturz, Kontrollverlust und schmalzigem Schlager, irgendwo hinter all diesem Elend, der Verzweiflung, den überfüllten Aschenbechern und leeren Kornpullen, dem Gestank von kaltem Rauch, Pisse und Kotze, da steckt eine lohnenswerte Grenzerfahrung. Akin zeigt dem geneigten Betrachter eine Welt, welche man so meist nur vom schnellen Vorbeigehen und verschämten Blicken kennt, in den seltensten Fällen wohl aus der eigenen Erfahrungswelt. Der goldene Handschuh ist bewusst nicht als Charakterstudie angelegt, versteht sich nicht als Kommentar und versucht gar nicht erst zu erklären oder gar zu psychologisieren, wenn Akin lediglich distanzlos abbildet.

 

Sein Blick auf diese schäbige Welt voller Alkoholiker, exzessivem Suff und gescheiterten Existenzen schickt den Betrachter durch ein Wechselbad der Gefühle. Vermögen die Ausflüge in die titelgebende Kneipe – ein Hort der Einsamen, Verlorenen, Desillusionierten, Vergessenen, eine Insel der Gestrandeten mitten auf dem Hamburger Kiez – mitunter so manchen verschämten Lacher auszulösen, der einem dann doch nur wieder im Halse stecken bleibt, so sind es vor allem die Mordszenen, die den Zuschauer in eine unbeteiligte Beobachterrolle zwingen. Dabei ist Akin nie übermäßig explizit und lässt viel abseits des Szenenbildes passieren, doch gerade die Selbstverständlichkeit, mit welcher Honka die Frauen attackiert und ermordet, ist mitunter schwer zu ertragen. Zwar geizt Der goldenene Handschuh nicht mit garstigen Bildern und vermag auch zu schockieren, die Gewalt selbst hingegen überlässt Akin lieber der Vorstellungskraft der Zuschauer. Und Jonas Dassler verkörpert Fritz Honka enorm einnehmend auf gleichermaßen faszinierende wie abstoßende Art und Weise.

 

Der goldene Handschuh ist wirklich nur schwer zu schlucken, wenn Akin nüchtern abbildet und zugleich Grauenhaftes zeigt, ohne allzu ausgetretene Genre-Pfade zu beschreiten. Milieu, Drama, Heimat, schonungslos und voller Details in Szene gesetzt. Extrem forderndes, rohes, authentisches deutsches Kino, nachdem man duschen möchte, und dennoch ein Film, den man unbedingt mal gesehen haben sollte.

 

8 von 10 Mal Fa-Ko am Tresen bestellen

 

 

Assault on Precinct 13 (1976)

12. Januar 2020 at 18:44

 

 

© Turtle Releasing Organization/Quelle: IMDb

 

 

 

Das Polizeirevier 13 in Los Angeles soll am nächsten Tag geschlossen und verlegt werden, also gibt es bloß noch eine notdürftige Besatzung. Als dort ein Gefangenentransporter außer Plan halten muss und kurz danach ein vollkommen verstörter Mann auftaucht, ahnt keiner der Anwesenden, was ihnen bevor steht. Eine zahlenmäßig total überlegene Straßenbande will gewaltsam Zutritt zum Polizeirevier und so entbrennt ein Kampf um Leben und Tod.

 

John Carpenter hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er ein glühender Verehrer der Filme von Howard Hawks ist. So ist es letztlich auch nicht verwunderlich, dass er mit Assault on Precinct 13 eine Hommage an den großen Klassiker Rio Bravo (1959) erschafft und Elemente und Motive des Western in ein urbanes Großstadt-Setting überführt. Das enorm niedrige Budget von 100.000 Dollar erweist sich rückblickend mehr als Segen denn als Fluch. Sicher, Assault ist sehr auf Kante genäht und massiven Restriktionen ausgesetzt, doch wie Carpenter diese nutzt, darauf kommt es an. Sein Film ist Autorenkino par excellence, wenn Regie, Drehbuch, Schnitt und Score von Carpenter selbst stammen. So schlicht, schnörkellos und geradezu karg seine Inszenierung auch auszufallen vermag, so ungemein dicht ist die packende Atmosphäre. Assault verzichtet auf visuelle Spielereien, setzt ganz bewusst auf Minimalismus und Kompromisslosigkeit und verstärkt dadurch nur noch seine soghafte Wirkung.

 

Das Ergebnis ist ein meisterhaftes Beispiel dafür, wie man mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Spannung erzeugen kann: inszenatorische und dramaturgische Perfektion. Es ist ungemein faszinierend, wie klar und präzise Carpenter den Zuschauer mit dem Setting vertraut macht, die Strukturen der Topographie etabliert und somit auch die Spielregeln festlegt. Jederzeit findet man sich dort zurecht und jederzeit bleibt die räumliche Orientierung gewahrt, obwohl er besonders bei den Innenräumen stark auf klaustrophobische Verengung und verbaute Blicke setzt, wenn gesichtslose Horden Welle um Welle unermüdlich angreifen.

 

Dazu strahlen die Außenaufnahmen eine beinahe schon endzeitliche Stimmung aus, wenn die jeweilige Settings geradezu menschenleer in Szene gesetzt werden. Auch auf der darstellerischen Ebene herrscht das Prinzip des Minimalismus vor: keines der Gesichter hat einen nennenswerten Bekanntheitsgrad und doch herrscht eine tolle Chemie zwischen den einzelnen Schauspielern. Vor allem Darwin Josten in der Rolle des zum Tode verurteilten Napoleon Wilson hinterlässt bleibenden Eindruck und ist eine Art Vorgriff auf spätere Figuren im Schaffen von Carpenter wie Snake Plissken (Escape from New York, 1981) oder MacReady (The Thing, 1982).

 

Assault on Precinct 13 ist in seiner ganzen Struktur von erstaunlicher Klarheit und Präzision, ein Musterbeispiel der erzählerischen Ökonomie und hochspannendes wie intensives, ungemein beeindruckendes Genrekino, roh und kraftvoll statt glatt und steril. Budgetär stark limitiert gelingt es Carpenter, all diese Hindernisse geschickt zu seinem Vorteil zu nutzen und ein kleines Meisterwerk zu inszenieren.

 

9 von 10 letzten Kugeln im Lauf

 

 

Night Moves (1975)

10. Januar 2020 at 1:40

 

 

© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Who’s winning? – Nobody. One side is just losing slower than the other.“

 

 

 

Als Privatdetektiv befasst sich Harry Moseby überwiegend mit untreuen Ehepartnern. Da kommt ihm der Fall einer jugendlichen Ausreißerin ganz gelegen. Doch je weiter seine Ermittlungen voran schreiten, umso komplizierter und undurchsichtiger scheint der Fall zu werden.

 

Point of view. Alles ist eine Frage der Perspektive, der Wahrnehmung, aber auch der Verzerrung. Auf den ersten Blick könnte man Arthur Penns Night Moves für einen typischen Neo-Noir seiner Zeit halten. Doch hinter der vermeintlichen Detektiv-Story verbirgt sich die filigrane Charakterstudie eines Mannes auf der Flucht vor sich selbst. Einen klassischen Krimi sollte man hier nicht erwarten, denn der Plot ist allenfalls Nebensache, und erst im letzten Drittel und besonders im knackigen Finale zieht das sonst eher moderate Tempo merklich an. Penn konzentriert sich viel mehr auf die inneren Untiefen seiner Hauptfigur. Harry Moseby ist alles andere als der coole und abgeklärte Ermittler mit genialen Eingebungen und lässigem Look. Er hadert mit seinem Leben, mit vertanen Chancen, mit verpassten Gelegenheiten, und so dekonstruiert Night Moves gnadenlos den Mythos des hard boiled private eye.

 

Harry ringt so sehr um Kontrolle, Souveränität und den Überblick, dass er das Wesentliche übersieht und Zusammenhänge nicht zu erkennen oder entsprechend zu interpretieren vermag. So passt es auch ganz hervorragend, dass der Zuschauer zu jeder Zeit ganz nah dran ist an Harry und immerzu dessen point of view erlebt. An keiner Einstellung ist er nicht aktiv beteiligt und einen Wissensvorsprung gibt es nicht, wenn wir den gesamten Film allein durch seinen getrübten Blick erleben und ihm auf Schritt und Tritt folgen. Selbst die Lösung des für ihn eigentlich unlösbaren Falles geht nicht aktiv auf sein Konto und kommt eher von außen. Night Moves ist ruhig, aber auch lässig und lakonisch erzählt, und glänzt nicht nur durch seine klug angelegten Figuren, sondern auch durch geschliffene, pointierte Dialoge. So ruhig jedoch Night Moves erzählt ist, so sexuell aufgeladen und ambivalent ist die Atmosphäre, wenn Penn besonders die blutjunge Melanie Griffith provokant-irritierend in aufreizender Art und Weise in Szene setzt. Zeigefreudig, aber niemals plump als bloßer Selbstzweck.

 

All das kulminiert letztlich in einem starken Schlussbild, welches Night Moves ausgezeichnet zusammenfasst. Einer der vielleicht weniger bekannten, aber dennoch spannenden Filme des bereits langsam ausklingenden New Hollywood und durchaus ein Bruder im Geiste von Robert Altmans The Long Goodbye (1973) oder Charley Varrick (1973) von Don Siegel.

 

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