I Don´t Feel at Home in This World Anymore. (2017)

14. Februar 2021 at 17:48

 

 

© Netflix

 

 

 

Kevin, stop it!“

 

 

 

Manchmal gibt es Filme, die verdienen deutlich mehr Aufmerksamkeit, als sie tatsächlich bekommen. I Don´t Feel at Home in This World Anymore ist ein perfektes Beispiel dafür, fristet er sein Dasein doch schrecklich unter dem Radar. Obwohl das Regiedebüt des Schauspielers und Drehbuchautors Macon Blair (Blue Ruin, Hold the Dark) aus einer Ecke des amerikanischen Genrekinos kommt, welche ich einigermaßen zu kennen glaubte, hatte ich bis vor kurzem keine Ahnung von dessen Existenz. Der Einfluss der Arbeiten von Jeremy Saulnier (Blue Ruin, Green Room, Hold the Dark) und die Verbundenheit zu ihm lässt sich zwar kaum leugnen, Blair jedoch findet durchaus seine eigene filmische Stimme. Und so entpuppt sich I Don´t Feel at Home in This World Anymore als schräg-charmanter Thriller mit dem Herz am rechten Fleck, gleichermaßen zynisch wie voller schwarzem Humor, der im letzten Drittel überraschend eskalierend aus dem Ruder läuft.

 

Das Drehbuch schlägt so manch hübschen Haken und vermag immer mal wieder mit skurrilen Momenten zu überraschen, doch vor allem glänzt es durch klug und feinfühlig geschriebene Figuren, welche durchaus mit Tiefe aufwarten können. Denn trotz all der Schrägheit und dem abseitigen Humor nimmt Blair seine Figuren und deren Probleme immerzu aufrichtig ernst und verleiht ihnen Glaubwürdigkeit ohne sich über sie zu erheben. Dazu ist die Chemie zwischen Melanie Lynskey und Elijah Wood unglaublich gut und es macht Spass, ihnen bei ihrer kleinen Odyssee zu zuschauen. Überhaupt macht I Don´t Feel at Home in This World Anymore einfach Spaß, ist kurzweilig und unterhaltsam, aber nicht ohne Tiefgang, steigt direkt ins Geschehen ein und kommt ohne Längen zügig zur Sache. Ein mitunter wilder Mix voller Liebe zum Detail, schrägen Figuren und kruden Ideen, welcher leider viel zu selten entsprechend gewürdigt wird.

 

8 von 10 Wurfsternen in der Wand

 

 

Shut Up and Play the Hits (2012)

13. Februar 2021 at 21:24

©Oscilloscope/Pulse Films

 

 

 

If it´s a funeral… let´s have the best funeral ever.“

 

 

 

2011 kommt James Murphy auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu der Entscheidung, aufzuhören. Schluss zu machen. Keine neuen Songs mehr, keine Konzerte, kein LCD Soundsystem. Bloß noch eine einzige rauschhafte Nacht im Madison Square Garden vor 20.000 Menschen, dreieinhalb Stunden lang, eine letzte große Verbeugung vor Fans wie Wegbegleitern und langjährigen Freunden gleichermaßen. Die Dokumentation von Will Lovelace und Dylan Southern (No Distance Left to Run, 2010) ist nicht nur während des Konzertes immer sehr nah an Murphy dran, sondern folgt ihm auch in den Tagen davor und danach und gewährt zum Teil erstaunlich intime Einblicke. Doch trotz solcher Momente sollte man sich nicht täuschen lassen, denn Murphy ist bekannt als Kontrollfreak und hat das ganze Unterfangen von der ersten Ankündigung an bis hin zur letzten gespielten Note minutiös verbereitet und geplant.

 

So konstruiert er seine ganz eigene stilisierte Fiktion eines wahren Ereignisses, bei der es vermutlich nie darum ging, objektiv von außen einen Blick auf das Konzert zu werfen. Und obwohl nicht wenige Szenen inszeniert wirken, so spürt man dennoch die immense Bedeutung dieses Abends für alle Beteiligten. Das Ende einer emotional prägenden Reise. Der Schlusspunkt einer bemerkenswerten Karriere. Dass das LCD Soundsystem inzwischen längst wiederbelebt wurde, das kratzt zwar rückblickend am vielfach bemühten Mythos dieses Abschiedes, lässt aber auch neue Perspektiven auf die Frage nach Murphys biggest failures zu. Und darüber hinaus versteht sich Shut Up and Play the Hits auch noch als eine Liebeserklärung an New York selbst. Oder um es mit den Worten von James Murphy selbst auszudrücken: New York, I love you, but you´re bringing me down.

 

8 von 10 weißen Armbändern