Darling (2015)

6. November 2021 at 17:17

 

 

© Screen Media Films

 

 

Abyssus abyssum invocat. Manchmal gibt es sie noch: diese kleinen Filme, die einen hinterrücks so richtig überrumpeln. Darling von Regisseur und Drehbuchautor Mickey Keating ist ein solcher. Offensichtlich stark von Roman Polanskis Werken Ekel (1965) und Der Mieter (1976) inspiriert, vermochte mich sein vierter Film wirklich zu überraschen. Erstaunlich stilsicher komponiert er zusammen mit der Kamera von Mac Fisken betörend schöne Bilder in kunstvollem Schwarzweiß. Gleichzeitig aber arbeitet Keating mit inszenatorischen Techniken wie schnellen Schnitten, pointierter Lichtsetzung, Stroboskopeffekten und Störgeräuschen auf der Tonspur gegen etablierte Sehgewohnheiten an. Der so entstehende tonale Bruch verleiht Darling eine gewisse dunkle, pulsierende Lebendigkeit.

 

Gesprochen wir nicht viel und Dialogszenen sind eher spärlich gesät, setzt Keating doch viel lieber auf die suggestive Kraft seiner Bildsprache. Diese dann in Kombination mit einem messerscharfen Sounddesign und dem kontrastreichen Score erschaffen eine unglaublich hypnotische Wirkung, soghaft, einnehmend und unterschwellig beunruhigend. Die Handlung unterteilt sich in sechs Kapitel und Darling ist mit einer Laufzeit von rund 78 Minuten überschaubar geraten, hätte aber auch kaum länger ausfallen dürfen. Über all dem schwebt die unheilvolle Performance der fantastischen Lauren Ashley Carter als titelgebende Darling, die ihren Abstieg in den Wahnsinn als kraftvolle Tour de Force ausspielt. Diese Augen. Ihre großen dunklen Augen fesseln, zunächst noch niedlich schüchtern, später dann weit aufgerissen und erfüllt vom Irrsinn wie eine psychopathische Version von Audrey Hepburn.

 

Darling hat mich überrascht. Darling hat mich fasziniert, mich angezogen, mich verstört. Darling ist ein filmisches Experiment, mutig und gewagt, so sehr entgegen üblichen Sehgewohnheiten inszeniert. Nicht perfekt, nicht makellos, aber wuchtig, kantig, sperrig, unangenehm.

 

7,5/10

 

 

In the Mouth of Madness (1994)

2. November 2021 at 20:55

 

 

© New Line Cinema

 

 

Reality is just what we tell each other it is. Sane and insane could easily switch places, if the insane were to become the majority.

 

In the Mouth of Madness ist nach Memoirs of an Invisible Man (1992) eher eine Art Rückbesinnung auf alte Stärken von John Carpenter. So entsteht einer seiner letzten wirklich guten Filme und zugleich eine der besten Annäherungen an die Werke von H.P. Lovecraft. Carpenter vermag es über weite Strecken ausgesprochen gekonnt, dieses unaussprechliche, unbeschreibliche und namenlose Grauen, eben jene Suggestivkräfte aus der Feder von Lovecraft, in seine Bildsprache zu überführen. Ins Schlingern kommt In the Mouth of Madness leider immer dann, wenn er visuell konkret werden muss, denn so mancher obwohl gelungener Make Up-Effekt kann aus der einnehmenden Atmosphäre reißen.

 

Das Drehbuch von Michael De Luca (Freddy´s Dead: The Final Nightmare, Judge Dredd) vermengt zahlreiche erzählerische Motive aus den Werken Lovecrafts und destilliert diese zu einer Art selbstreflexivem Spiel. Was als harmloser Fall für den Versicherungsdetektiv John Trent beginnt, das lässt schon bald die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zunehmend aufweichen. Nach und nach bricht sich der Wahnsinn immer mehr Bahn und sickert zusehends in die Wirklichkeit, bis schlussendlich eben jene Grenze vollkommen aufgelöst wird. So ist die Ankunft in Hobb´s End auch buchstäblich der Übergang in eine andere Welt jenseits der unseren.

 

In the Mouth of Madness ist vor allem auch deswegen so effektiv, weil Carpenter gerade keine engmaschige Erzählstruktur entspinnt, sondern viel lieber narrative Lücken lässt und eher bloß skizziert anstatt auszuformulieren. Ganz im Geiste von Lovecraft. Nicht ohne Grund zeichnen sich Carpenters stärksten Filme mehr durch eine schwer zu greifende Stimmung aus, mehr durch die vage Vorahnung einer nahenden Katastrophe als durch die Katastrophe selbst. Wenn dazu dann im letzten Akt alle Rädchen ineinander greifen und all die Metaebenen schließlich aufeinander treffen, sich das wahre Grauen offenbart, dann ist John Trent längst dem Wahnsinn anheim gefallen.

 

Zweifellos ist In the Mouth of Madness in einer ganzen Reihe grandioser Werke nicht Carpenters bester Film, ganz sicher aber einer, welcher leicht übersehen werden kann und mehr Würdigung verdient hat. Einer meiner liebsten aus seinem Schaffen ist er auf jeden Fall.

 

8/10