Raging Fire (Nou fo, 2021)

31. Januar 2022 at 20:48

 

 

© Emperor Motion Pictures

 

 

Raging Fire ist das letzte filmische Vermächtnis eines der ganz großen Regisseure des Hong Kong-Actionkinos, denn Benny Chan erlag im Alter von nur 58 Jahren kurz nach dem Ende der Dreharbeiten seinem Krebsleiden. Nun ist Raging Fire sicher nicht gerade der ganz große Wurf, welcher das moderne Actionkino völlig neu denkt, doch er ist mindestens ein überaus solider, über weite Strecken sogar deutlich über den Durchschnitt herausragender Actionfilm. Inhaltlich einfach gehalten, trotz einiger Längen geradlinig erzählt und mit teils exzellenten Actionszenen ausgestattet. Zwar verhandelt Raging Fire auch Themen und Motive wie Freundschaft, Schuld und Sühne, bleibt hier jedoch allenfalls erwartbar oberflächlich, steht doch ganz eindeutig die Lust am Spektakel im Vordergrund.

 

Und hier kann der Film auf der ganzen Linie überzeugen. Donnie Yen als Darsteller weiß ganz genau, was er zu tun hat, als Action Director vielleicht sogar noch mehr, weshalb Raging Fire hier wirklich die Muskeln spielen lässt. Von so manchem schlechten CGI-Effekt mal abgesehen, sind die wohl dosiert eingesetzten und abwechslungsreich inszenierten Actionsequenzen nahezu makellos choreografiert. Egal, ob Shootout, Klopperei oder Verfolgungsjagd, das Timing ist präzise und die Action dynamisch wie gleichermaßen druckvoll und mit angemessener Härte versehen.

 

Und wenn Raging Fire im Schlussakt Heat referenziert ohne das es peinlich wird, und eine groß angelegte Schießerei in einem Stau derart ausufern lässt, dass sich Zivilisten alles andere als sicher fühlen können, bloß um in einer eindrucksvollen und packenden Kampfsequenz zwischen Donnie Yen und Nicholas Tse in einer alten Kirche zu münden, ja dann kommen Erinnerungen in mir hoch. An eine Zeit, in der man mit zitternden Händen einen Film von John Woo eingelegt hatte, den man noch nicht kannte. Danke dafür, Benny Chan, liefert er doch mit Raging Fire eine angemessene Hommage an das klassische Hong Kong-Actionkino der 80er und 90er, passt diese jedoch sanft an moderne Sehgewohnheiten an.

 

7,5/10

 

 

Nobody (2021)

29. Januar 2022 at 21:30

 

 

© Universal Pictures

 

They say God doesn´t close one door without opening another. Please God, open that door.

 

Mit nur wenigen schlagkräftigen Bildern gepresst in eine knackige Montage-Sequenz macht Regisseur Ilya Naishuller (Hardcore Henry, 2015) gleich zu Beginn deutlich, mit was für einem frustrierend unauffälligen und gewöhnlichen Durchschnittsleben wir es hier zu tun haben. Der von Bob Odenkirk verkörperte Hutch Mansell ist buchstäblich ein Nobody, selbst für die Müllabfuhr unsichtbar. Doch man spürt schnell, dass da etwas in ihm schlummert, wartet, lauert, etwas Unterdrücktes, etwas, das sich aufgestaut hat und ausbrechen will. Und es bricht aus.

 

Nicht ohne Grund fühlt sich Nobody verwandt zu John Wick an, denn Derek Kolstad ist hier für das Drehbuch verantwortlich. Doch Mansell wirkt psychologisch ausgefeilter und geerdeter als der von Kenau Reeves verkörperte Superkiller, auch wenn das alles kein Vergleich zu der präzisen Beobachtung von Gewalt und deren Folgen in David Cronenbergs A History of Violence (2005) ist. Aber immerhin, Naishuller nimmt sich die nötige Zeit für seine Figuren und lässt sich auf sie ein, statt wie in Hardcore Henry bloß die technischen Aspekte aggressiv in den Vordergrund zu rücken. Nobody darf zwischendurch auch mal atmen und das tut dem Film extrem gut.

 

Das Highlight des Filmes ist zweifellos die minutenlange Kampfsequenz in einem Bus, in welcher Mansell ausgesprochen unangenehm aufräumt. Hier zeigt sich auch ganz besonders Naishullers ausgeprägtes Gespür für Action, welche er zusammen mit seinem Kameramann Pawel Pogorzelski (Hereditary, Midsommar) dynamisch filmt und gleichzeitig genug Fingerspitzengefühl aufbringt, um die temporeiche Choreografie für sich selbst sprechen zu lassen. Das Timing der Inszenierung ist hier wahnsinnig präzise und pointiert, die Action selbst druckvoll und schmerzhaft, zugleich jedoch erstaunlich bodenständig und wenig elegant.

 

Leider peitscht Nobody den Wahnsinn im letzten Akt ein wenig zu sehr auf die Spitze, so dass das übertriebene Finale nicht so recht zu dem zuvor etablierten Ton passen will, diesen sogar geradezu unterläuft. Schade, da scheint dann doch wieder der überbordende Stil von Hardcore Henry bei Naishuller durch zu kommen. Bis auf diesen Wermutstropfen ist Nobody robust inszeniertes und vor allem knackig erzähltes Genrekino, welches ohne große Umschweife schnell zur Sache kommt. Kurzweilig und voller überraschender Härte, mit einem starken Bob Odenkirk in der Hauptrolle und einem erschreckend unberechenbaren Aleksey Serebryakov als Antagonist. Hardcore Henry hat mich schnell gelangweilt, Nobody hingegen mein Interesse geweckt. Ich bin gespannt, was Naishuller als nächstes ausheckt.

 

7/10

 

 

Malignant (2021)

21. Januar 2022 at 22:18

 

 

© New Line Cinema/Warner Bros. Pictures

 

 

It´s time to cut out the cancer.

 

Ich muss zugeben, dass ich nicht sonderlich vertraut bin mit dem Schaffen von James Wan, denn weder die Saw-Reihe noch The Conjuring oder Insidious und deren zahlreiche Epigonen haben mich je ernsthaft gereizt. Aber mir gefällt auf jeden Fall der Gedanke, den Erfolg für Aquaman zu nehmen und in seinen neuen Film zu investieren. Warner muss viel von Wan halten, wenn sie ihn mit einem solchen Budget ausstatten und ihm Malignant so einfach durchgehen lassen. Eine solche Narrenfreiheit muss man sich auch erst einmal erarbeiten.

 

Denn was Wan uns da so auftischt, das alles ist wahrlich haarsträubender Quatsch, so richtig bescheuert und abgedroschen, aber ich muss bewundern, mit welcher geradezu heiligen Ernsthaftigkeit Wan hier zur Sache geht und gnadenlos sein Ding durchzieht. Ohne Rücksicht auf Verluste, eisern konsequent und jedem wie auch immer gearteten Kompromiss höhnisch ins Gesicht lachend.

 

Nach seinem Abstecher in Superhelden-Gefilde nun also eine Rückkehr zu seinen Horror-Wurzeln und dem Genrekino. Und eines muss man Wan in jedem Fall lassen: er weiß ganz genau, was er da tut, und vor allem aber auch, was er will. Und er will viel. Die Mechanismen des Genres beherrscht er gekonnt. Malignant entpuppt sich schnell als absurd wilder Ritt durch die Jahrzehnte des Horrorfilmes.

 

Wan referenziert beispielsweise schon in seiner Grundidee Basket Case von Frank Henenlotter, streift Haunted House ebenso wie Giallo-Gefilde, verbeugt sich vor Robert Wise gleichermaßen wie vor Mario Bava, bloß um im wüsten letzten Drittel komplett zu eskalieren und freizudrehen. So funktioniert sein Film zwar eher als bloße Geisterbahn voller einzelner, bekannter Versatzstücke, macht dafür aber auch ganz schön viel Spaß.

 

7/10

 

 

Possessor (2020)

16. Januar 2022 at 18:52

 

 

 

© Elevation Pictures/Signature Entertainment/Telefilm Canada

 

 

Wie der Vater, so der Sohn? Nun, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Mit seinem nunmehr zweiten Langfilm nach Antiviral (2012) tritt Brandon Cronenberg zwar scheinbar in die Fußstapfen seines Vaters, stellt aber mindestens ebenso sehr seine ganz eigene filmische Handschrift unter Beweis. Allein schon auf der formalästhetischen Ebene ist Possessor ausnehmend gut gelungen. Die Bildsprache ist kühl, präzise, manchmal geradezu schneidend und voller motivischer Dopplungen.

 

Die Kamera von Karim Hussain (Hobo with a Shotgun, Antiviral) arbeitet viel mit Farben und Licht und vermag immer wieder Bilder und Einstellungen zu finden, welche ganz hervorragend die inhaltliche Ebene aufgreifen und mit ihr spielen. Besonders die Transformations-Szenen bestechen durch enorme Kreativität. Das alles in Kombination mit den düsteren, sphärischen Klängen von Jim Williams (Kill List, Raw, Titane) und einem ausgefeilten Sounddesign lassen eine einnehmende, geradezu soghafte Atmosphäre entstehen.

 

Allein die Auftaktsequenz: ein Close-Up, eine Penetration, kurz und schnell, etwas Spitzes dringt in weiches Fleisch ein. Warmes Blut sprudelt hervor, Menschen schreien in Panik. Noch mehr Stiche, schließlich Schüsse. Trotz dieses Einstieges in den Film findet grafische Gewalt in Possessor nur punktuell und sehr pointiert statt, doch wenn, dann überaus drastisch und schmerzhaft. Nur schwer zu ertragen, aber nie zum reinen Selbstzweck inszeniert oder gar voyeuristisch angelegt, sondern immer auch glaubhaft in den Kontext der Handlung eingebunden. Es ist schon faszinierend zu sehen, dass im Genrekino durch das Zerstören und Aufbrechen eines menschlichen Körpers mehr über gesellschaftspolitische Schieflagen erzählt werden kann als durch so manche wohl formulierte Wortkaskade.

 

Überhaupt lässt Possessor diverse Deutungsebenen zu und jongliert zugleich mit verschiedensten Ideen, Motiven und Themen. Manipulation und Paranoia. Befreiung und Unterwerfung. Kontrolle, deren Verlust und der Kampf darum. Die Beschaffenheit von Identität. Die Grenzen des menschlichen Bewusstseins und deren Auflösung, des Körpers sowieso. Der moderne Kapitalismus und dessen übergriffige Ausdehnungen in jeden noch so kleinen Lebensbereich. Folgen fortschreitender Digitalisierung. Selbst das wirtschaftliche Konzept einer feindlichen Übernahme wird ihm Rahmen des Drehbuches in eine ganz neue Richtung gedacht.

 

Und über all dem schwebt die geradezu geisterhafte Erscheinung von Andrea Riseborough (Mandy, Nocturnal Animals, Oblivion), die in ihrer Rolle der Tasya Vos eine unglaublich starke Performance abliefert. Buchstäblich immer mehr zerrissen zwischen Arbeit und Familie verschwimmen die Grenzen ihrer Persönlichkeit zunehmend. Sich immer mehr in einen Strudel aus Exzess und Gewalt verlierend, kulminiert Possessor in einem brillant eingefädelten Schlusspunkt, welcher niederschmetternder kaum sein könnte.

 

Brandon Cronenberg macht es dem geneigten Zuschauer nun wahrlich nicht einfach. Possessor ist sperriges, forderndes und zuweilen verstörendes wie gleichermaßen kluges und wunderschönes Genrekino. Manchmal pulsierend warm, dann wieder eisig beklemmend. Mehr intensive Erfahrung als Vergnügen. Blut und Schmetterlinge, miteinander verschmolzene Psychen und aufgebrochene Körper.

 

9/10