Texas Chainsaw Massacre (2022)

20. Februar 2022 at 15:33

 

 

© Legendary Pictures/Netflix

 

 

Da stellt sich mir doch die Frage, wie viel Mitspracherecht und Einfluss Fede Alvarez als Produzent auf die Dreharbeiten wohl gehabt haben mag. Der erst zweite Film von Regisseur David Blue Garcia erinnert in Inszenierung, Bildsprache und Härtegrad nämlich nicht selten an das Evil Dead-Remake von 2013. Inhaltlich knüpft das Drehbuch von Alvarez und Rodo Sayagues an den aller ersten Teil von Tobe Hooper an und ignoriert alle bisherigen Fortsetzungen und Neuinterpretationen. Zwar opfert man hier die schmierig räudige Atmosphäre zugunsten saftig harter Splatterszenen und vom Terrorkino vergangener Tage ist nichts mehr übrig, dafür ist Texas Chainsaw Massacre radikal kompromisslos und gnadenlos effektiv geraten. Hier wird auch eingelöst, was der Titel verspricht.

 

Was sich im Film von Tobe Hooper noch überwiegend im Kopf des Zuschauers abspielte, das breiten Garcia und Alvarez nun schonungslos und bis ins letzte blutige Detail aus. Und die Kettensäge ist hier bloß eines von diversen Mordwerkzeugen. Sicherlich ist das alles erzählerisch limitiert und weder Drehbuch, Dialoge, die profillose Figurenzeichnung oder das halbherzige Spiel mit Klischees können kaum überzeugen, aber in seiner Kernkompetenz vermag der Film bretthart zu liefern. Die Laufzeit ist so kurz wie der Gewaltgrad hoch und die Effekte sind sowohl handwerklich wie auch inszenatorisch überzeugend und kompetent in Szene gesetzt. Das Ergebnis ist eine Schlachtplatte sondergleichen, zerstörerisches Körperkino in seiner reinsten Form.

 

7/10

 

 

Last Night in Soho (2021)

18. Februar 2022 at 17:04

 

 

© Focus Features/Universal Pictures

 

 

 

This is London. Someone has died in every room in every building and on every street corner in the city.

 

 

Die Geister der Nostalgie. Früher war eben doch nicht alles besser. Edgar Wright, du Teufelskerl. Schon wieder hast du es getan. Erst Scott Pilgrim vs. the World, dann Baby Driver und nun also Last Night in Soho. Film um Film vermag der Popkultur versierte Brite mein kleines Filmherz nicht nur zu erobern, sondern gleich auch erglühen zu lassen. Was beinahe schon märchenhaft auf dem Land als Coming of Age-Story beginnt, das kippt schon bald in der großen Stadt in finstere Abgründe, wenn zunehmend Elemente aus Mystery, Thriller bis hin zum Horror mit einfließen. Ist der Schleier der verklärenden Nostalgie erst einmal gelüftet, dann wird die idyllische Traumwelt der Swinging Sixties schnell enttarnt und offenbart einen mörderischen Schlund.

 

Die Grenzen zwischen entzückendem Traum und erdrückend grauer Realität beginnen zu verwischen und lösen sich zunehmend auf. All das inszeniert Edgar Wright zusammen mit seinem Kameramann Chung-hoon Chung (Oldboy, Lady Vengeance, It) in eleganten wie gleichermaßen verführerischen Bildern, wundervollen visuellen Kompositionen und berauschend choreografierten Szenen. Dazu überrascht es nach seinen bisherigen Werken kaum, dass Wright dem ganzen darüber hinaus abermals einen bis ins allerletzte Detail perfekt zusammengestellten und fabelhaft wie sorgfältig kuratierten Soundtrack zur Seite stellt, immerzu eng verwoben spielend mit Schnitt und Sounddesign.

 

Besonders bestechend ist da eine wahnsinnig stark inszenierte Albtraumsequenz etwa zur Hälfte von Last Night in Soho, bei welcher Wright sein enorm ausgeprägtes visuelles Gespür beweisen kann, wenn Licht, Sound, Kamera, Schnitt und Schauspiel unfassbar pointiert sind und wie kleine Zahnräder allesamt präzise ineinander greifen. Auch die zahlreichen Spiegelchoreografien sind faszinierend anzuschauen und umwerfend inszeniert. Und trotz der Vielzahl all dieser mal kleinen, mal großen audiovisuellen Geniestreiche sind es doch oft eher die kleinen, subtil umgesetzten Szenen, die so richtig treffen. Etwa eine beunruhigend befremdliche Begegnung mit einem Taxifahrer, welche leider mehr auszusagen vermag als jede noch so beklemmende Horrorszene im Film.

 

8,5/10

 

 

Pig (2021)

6. Februar 2022 at 20:51

 

 

© Neon

 

 

We don´t get a lot of things to really care about.

 

Ich muss es zugeben: Pig hat mich brutal überrascht. Ich wusste zwar vorher, in welche Richtung es trotz der Prämisse nicht gehen würde, aber ich hatte keine Ahnung, wie sehr mich das Regiedebüt von Michael Sarnoski berühren würde. Und zwar tief und aufrichtig. Beginnend mit dem Potential zu einem handfesten Rachefeldzug im Stile eines John Wick und Konsorten, entwickelt sich Pig schnell wie unerwartet zu einem geradezu zärtlichen, von einer bedrückenden, bleiernen Poesie beseelten, existenziellen Drama. Verlust ist hier das zentrale Thema, und das auf gleich mehreren Ebenen, denn es gibt viele Möglichkeiten, etwas zu verlieren. Oder jemanden.

 

Ein gebrochener Mann kehrt zurück an die Orte, welche ihn einst gebrochen und in die Einsamkeit gezwungen haben. Doch Pig ist nicht nur die Spurensuche nach einem früheren, längst vergangenem Leben, der Film ist so viel mehr. In den leisen Zwischentönen. Ankerpunkte. Rückzugsorte. Brüchig und voller Entbehrungen, aber beständig und vor allem friedlich. Abgeschieden, tief im Wald, nur Rob, sein Trüffelschwein und Fetzen von Erinnerungen an ein anderes Leben. Die einfachen Freuden. Zugleich ist Pig eine Liebeserklärung an das Kochen und diese besondere Magie, welche dabei manchmal entstehen kann, wenn mit Leidenschaft etwas neues erschaffen wird. Oder, wie hier im Finale, durch ein perfekt komponiertes Gericht schmerzhafte Erinnerungen herauf beschworen werden und sich eine schwere Last offenbart.

 

Und trotz einer überschaubaren Laufzeit von rund 90 Minuten lässt sich Michael Sarnoski die nötige Zeit, um seine Geschichte darzubieten. Pig ist in entsättigten Bildern langsam erzählt, ruhig, aber dennoch fesselnd. Und so unaufdringlich die gesamte Inszenierung ist, so angenehm zurückgenommen und erstaunlich nuanciert fällt das Schauspiel von Nicolas Cage aus. Doch auch Alex Wolff (Hereditary) vermag zu glänzen, schafft er es seiner Rolle im weiteren Verlauf doch mehr Tiefe zu verleihen als man anfangs vielleicht vermuten würde. Ja, Pig hat mich wirklich beeindruckt. Eine kluge, eigenwillige und düstere Reise in die hässliche Welt der Sterneküchen.

 

8/10