A Girl Walks Home Alone at Night

10. November 2015 at 14:30

 

 

 

A Girl Walks Home Alone at Night (2014)
A Girl Walks Home Alone at Night poster Rating: 7.1/10 (11,550 votes)
Director: Ana Lily Amirpour
Writer: Ana Lily Amirpour
Stars: Sheila Vand, Arash Marandi, Marshall Manesh, Mozhan Marnò
Runtime: 101 min
Rated: UNRATED
Genre: Horror
Released: 20 Apr 2015
Plot: In the Iranian ghost-town Bad City, a place that reeks of death and loneliness, the townspeople are unaware they are being stalked by a lonesome vampire.

 

 

 

„Sad songs hit the spot, don´t they?“

 

 

 

Ein junges Mädchen streift nachts durch die Straßen der fiktiven iranischen Stadt Bad City. Was niemand ahnt: sie ist ein Vampir und auf der Suche nach Opfern und erleichtert die Stadt um allerhand Gesindel. Als der junge und rebellische Arash ihren Weg kreuzt, wird eine Reihe von Ereignissen los getreten, die ihrer beider Leben verändern wird…

 

Viel mehr lässt sich über den Inhalt des ersten Spielfilms von Ana Lily Amirpour auch kaum sagen, denn A Girl Walks Home Alone at Night definiert sich über viele Dinge, aber am allerwenigsten über seine Handlung oder Erzählstruktur. Zu episodenhaft und nur lose zusammenhängend sind die Ereignisse rund um Arash, seinen drogensüchtigen Vater, dessen Dealer, dem Vampirmädchen und noch einigen anderen Figuren, die sich in Bad City herumtreiben. Das ist aber kein Nachteil, denn das Erzählen von Geschichten im klassischen Sinne spielt hier nur eine sehr untergeordnete Rolle, deutlich wichtiger sind Atmosphäre und Stimmung, wirklich von Bedeutung sind nur all die wunderschönen Bilder und die stilvolle Schwarz/Weiß-Ästhetik, die sich zusammen mit der Musik in einen geradezu hypnotischen Rausch steigern und den Zuschauer unweigerlich vereinnahmen, ihn mit sich reißen und in ihren Bann ziehen. Folglich wird auch dem gesprochenem Wort eher wenig Raum gegeben, aber durch Bilder, Gesten und Blicke wird alles erzählt, was man wissen muss. Schwelgerische Bilder, lange Kameraeinstellungen und sich langsam entfaltende Stimmungen überlagern immer wieder die Handlung und erschaffen eine düstere, melancholische Atmosphäre, der man sich nur schwer entziehen kann. In ihrer Bildsprache bedient sich Amirpour dann auch im großen Fundus der letzten 100 Jahre Film, angefangen beim klassischen Horror über Western hin zum Film Noir, sogar ein Hauch von James Dean und Elemente des deutschen Stummfilms lassen sich da ebenso entdecken wie zahlreiche andere Verweise und Bezüge zu allerlei Formen der Popkultur. Allein das Zimmer des namenlosen Vampirmädchens quillt regelrecht über vor Reminiszenzen an die Popkultur: ein Raum voller Poster, von der Decke hängt eine kleine Discokugel, an der Wand steht ein Plattenspieler und so wie der ist auch sie ein wenig aus der Zeit gefallen, das namenlose Mädchen, das in Jeans und Ringel-Shirt durchs Zimmer tanzt. Namen wie Quentin Tarantino, Jim Jarmusch oder David Lynch kommen einem da in den Sinn, auch die Ästhetik von Coppolas Rumble Fish, aber Amirpour bleibt zu jeder Sekunde selbstständig und kopiert nicht einfach nur blind, A Girl Walks Home Alone at Night trägt ganz deutlich ihre eigene Handschrift. Ein wilder Stilmix quer durch die Geschichte des Films, der aber niemals überladen wirkt, sondern vielmehr seltsam sparsam und karg. So zelebriert sie die beinahe schon morbide, manchmal geradezu endzeitlich wirkende Atmosphäre, Bad City ist mehr Geisterstadt als Ort des Lebens, ihre Bewohner scheinen alle verkommen und kaputt zu sein, niemand scheint etwas Gutes im Sinn zu haben, und das namenlose Vampirmädchen streift nachts durch die finsteren Straßen, im wehenden Tschador, auf einem Skateboard, das nicht ihr gehört. Begegnet sie erst Arash, dann entspinnt sich eine ganz feine und zarte, sacht erzählte Romanze zwischen den beiden, die zwar zusammen sein wollen, es aber nicht können, die sehr wohl wissen und spüren, dass es unmöglich eine gemeinsame Zukunft für sie geben kann, ihnen bleibt nur der Moment. Ultimativ gewiss wird dieses Dilemma in einer wunderschönen, sehr langen, zeitlupenartigen Szene, wenn die beiden bei ihr zu Hause sind, sie den Song Death der Band White Lies auflegt und sie sich ganz, ganz langsam näher kommen. Dieser Moment ist unfassbar schön, intensiv und berührend, spannend und vor allem sehr knisternd, ein Moment, in dem sich Sehnsucht und Verlangen nach einem anderen Menschen spürbar verdichten und die Welt still zu stehen scheint. Worte braucht es hier für keine, Blicke, Gesten und die Musik reichen völlig aus.

 

A Girl Walks Home Alone at Night ist ein geradezu betörend schönes Stück Film geworden, eher lose und fragmentarisch erzählt, beinahe schon episodenhaft, aber weder das geschriebene, noch das gesprochene Wort stehen hier ebenso wenig im Vordergrund wie die Handlung. Es sind vielmehr all die schwelgerischen Bilder, die langen Einstellungen, Blicke, Gesten und immer auch der fantastische Soundtrack, die Ana Lily Amirpours Spielfilmdebüt ausmachen, wie sich all das in seinem ganz eigenen Reigen aus rauschartigen Bildern und hypnotischer Musik in einen traumartigen Sog steigert. Der Film zitiert sich munter durch die Geschichte von Film und Popkultur im allgemeinen, bleibt aber jederzeit vollkommen selbstständig und auf seine Art einzigartig. In jedem Fall ein sehr lohnenswertes, wunderschönes und zuweilen magisches Erlebnis, aber zweifellos auch ein Film, mit dem nicht jeder etwas wird anfangen können.

 

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