Cargo (2017)

20. Mai 2018 at 14:49

 

 

© Netflix

 

 

 

Australien nach dem Ausbruch einer rätselhaften Epidemie: Familienvater Andy versucht verzweifelt seine Frau Kay und seine einjährige Tochter Rosie in Sicherheit zu bringen, doch die widrigen Umstände machen das schier unmöglich. Als Andy sich infiziert, bleiben ihm noch 48 Stunden bis zum Ausbruch der Krankheit und um Rosie zu beschützen.

 

Der Schrecken in Cargo spielt sich ausschließlich im kleinen Rahmen ab, im Stillen, im Persönlichen. Das große Endzeit-Szenario, das findet an anderer Stelle statt, aber nicht hier, im endlosen australischen Outback unter sengender Sonne, inmitten staubtrockener Hitze und verrottenden Körpern. Lediglich 48 Stunden bleiben Andy noch, um seine kleine Tochter Rosie in Sicherheit zu bringen. 48 Stunden, mehr nicht, um einen letzten Rest Menschlichkeit angesichts seines Schicksals zu bewahren, immer in der verzweifelten Hoffnung, seiner Tochter würde es dann vielleicht besser ergehen als ihm.

 

Ben Howling und Yolanda Ramke setzen den Zuschauer mir ihrem Erstlingswerk Cargo von Beginn an vor vollendete Tatsachen und werfen ihn mitten ins Geschehen, wenn bereits die erste Einstellung Andy und seine Frau Kay zusammen mit Töchterchen Rosie auf einem Hausboot irgendwo mitten im tiefsten Outback zeigt. Die eigentliche Katastrophe passiert vermutlich gerade eben oder ist gerade eben passiert, aber das wissen wir nicht. Wir wissen nichts, was Andy und Kay nicht auch wissen, sehen nichts, was sie nicht auch sehen. Was genau passiert ist, was mit dem Rest der Welt ist oder nur der nächsten Stadt – wir wissen es nicht. Auch der Ursprung dieser Katastrophe wird zu keinem Zeitpunkt auch nur angeschnitten, geschweige denn geklärt. Alles, was wir kriegen, sind winzig kleine Hinweise, Schlagworten gleich immer mal eingeworfen: eine Infektion, übertragen durch Bisse, an Zombies erinnernde Kreaturen, ein Erste Hilfe-Selbstmord-Kit, eine Uhr mit 48 Stunden Laufzeit.

 

Das mag der eine oder andere jetzt vielleicht als Kritikpunkt sehen, mir aber gefällt das immer sehr, wenn es einem Film gelingt, die große Katastrophe in den Hintergrund zu verbannen und sich stattdessen seinen Figuren auf kleinem Raum anzunehmen. Denn für die Geschichte, welche Cargo erzählen will, dafür sind die Hintergründe vollkommen egal. Ähnlich wie die beiden ebenfalls australischen Endzeitfilme The Road und The Rover erzählt Cargo lieber von Liebe, Schmerz und Verlust, statt große Schauwerte abzufeiern. Dafür interessiert sich der Film nicht, wohl aber für eine oftmals etwas unterrepräsentierte Minderheit, wenn Howling und Ramke auch immer wieder die Aborigines in den Fokus rücken. Spannend ist in diesem Kontext die Figur des Vic, ein grober Rassist, der die Ureinwohner Australiens ebenso sehr verachtet wie die Kreaturen, welcher als Sinnbild für die Jahrhunderte andauernde Unterdrückung und Ausbeutung der Aborigines durch die europäischen Einwanderer gesehen werden kann.

 

Nun jedoch, wo sich die Vorzeichen geändert haben, da ist es Vic, da ist es seine Kultur, die von der Auslöschung bedroht ist und ihrem Untergang entgegen geht, während sich die australischen Ureinwohner der Hoffnung auf einen Neuanfang hingeben können, im Einklang mit ihrer Kultur, ihrer Religion, ihrem Mystizismus und vor allem auch mit der Natur. Cargo erfindet das Rad nicht neu und läuft inszenatorisch vielleicht nicht immer ganz rund, kann aber ebenso mit einigen richtig guten Ideen glänzen und findet einen emotionalen Ton, der mir ausgesprochen zusagt. Ein kleiner Film mit schöner Prämisse und dem richtigen Blickwinkel auf seine Welt, der sich mehr seinen Figuren verschreibt als der rahmengebenden Katastrophe und der angenehm unaufgeregt ist in seiner Erzählstruktur, ruhig, zurückhaltend und auf seine Art sehr intim.

 

7 von 10 gnadenlos tickenden Uhren