Enemy

21. November 2014 at 1:52
Enemy (2013)
Enemy poster Rating: 6.8/10 (43,384 votes)
Director: Denis Villeneuve
Writer: José Saramago (novel), Javier Gullón
Stars: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Sarah Gadon, Isabella Rossellini
Runtime: 90 min
Rated: R
Genre: Mystery, Thriller
Released: 06 Feb 2014
Plot: A man seeks out his exact look-alike after spotting him in a movie.

 

 

„Control. It´s all about control.“

 

 

Stellt euch vor, ein Bekannter, ein Freund oder ein Arbeitskollege empfiehlt euch einen Film. Ihr leiht euch diesen Film aus und seht ihn euch an. Etwas kommt euch merkwürdig vor, aber ihr könnt nicht genau benennen, was es ist, also seht ihr euch den Film ein zweites Mal an. Und dann erkennt ihr es: einer der Schauspieler in diesem Film sieht haargenau so aus wie ihr selbst! Aus Verwirrung wird Neugierde, aus Neugierde wird Faszination, aus Faszination wird Obsession… und dann läuft einfach alles aus dem Ruder und steht Kopf. Willkommen in der Welt des Geschichtsprofessors Adam Bell…

 

Regisseur Denis Villeneuve erschafft hier noch vor seinem Durchbruch mit dem zwar grandiosen, aber im Vergleich zu Enemy doch eher konventionell strukturierten Thriller Prisoners einen Film, der ganz, ganz tief in die Abgründe des menschlichen Unterbewusstseins blickt und uns schonungslos daran teilhaben lässt, was er dort findet. Er thematisiert Kontrollverlust, Obsession, unterdrückte Sexualität und die niederen Regionen unbewusster Begierde, und das auf eine Art und Weise, so subtil und unterschwellig, dass einem zunächst gar nicht wirklich klar ist, was passiert. Die Geschichte ist so bedrückend, dass sie beinahe schon klaustrophobische Ängste auslöst. Die Atmosphäre ist sehr surreal, düster, irgendwie immer unheilvoll und stellenweise geradezu bedrohlich, obwohl kaum etwas passiert, das diese Empfindungen auslösen könnte. Sowohl die Art der Inszenierung, die Bilder und oft recht ungewöhnlichen Kameraeinstellungen, die präzise ausgearbeitete Farbgebung, die dem Film einen sehr stilisierten Anstrich verleiht, als auch der hervorragende Soundtrack verstärken dieses Gefühl der Bedrohlichkeit nur noch immer weiter und ziehen die Spannungsschraube gnadenlos an. Ich fühlte mich oft an die Werke David Lynch, Alfred Hitchcock, Nicolas Winding Refn oder auch David Cronenberg erinnert. Sehr viel geschieht unterschwellig, kaum wahrnehmbar, nicht immer wird alles auch angesprochen, meist nur angedeutet, wie eine Art Subtext, der den Film permanent begleitet. Es ist nicht immer deutlich erkennbar, aber es ist die ganze Zeit über da, und die Zwischenräume, die leeren Stellen in den Szenen und Dialogen sind von großer Bedeutung, wollen sie doch gefüllt werden. Tatsächlich hält der Film sogar alle Hinweise und Fingerzeige für die Auflösung der Story parat, nur muss man diese auch finden und für sich interpretieren, denn eines ist klar: obwohl Villeneuve deutlich Stellung bezieht zur Interpretation, so ist es doch dem Zuschauer selbst überlassen, den Film zu deuten, und Enemy lässt viele dieser Deutungen zu.

 

 

„Chaos is order yet undeciphered.”

 

 

Jake Gyllenhaal zeigt hier ohne Zweifel die beste Leistung seiner Karriere, übertrifft seine Rolle in Prisoners nochmal und lässt sehr hoffen auf seinen neuen Film Nightcrawler. Wie er beide Figuren verkörpert, das ist atemberaubend. Es gelingt ihm, beide gleich zu spielen, aber doch unterschiedlich, durch winzige, ganz feine Abweichungen in der Körpersprache, durch den Gang, durch Gesten oder durch seine Sprache. Die erste richtige Begegnung der beiden Figuren in einem Motelzimmer macht nur durch ihre Inszenierung und Gyllenhaals Schauspiel sprachlos, ist wahnsinnig spannend und packend, obwohl im Grunde überhaupt nichts passiert. Unterschwellig aber offenbaren sich in diesem einen Moment ganze Welten. Abgerundet wird der Cast durch Mélanie Laurent, Sarah Gadon und Isabella Rossellini, die alle drei auch hervorragende Leistungen zeigen und ihre Figuren trotz der teils beträchtlichen Unterschiede spürbar mit Leben füllen und auf ihre eigene Art sehr starke Frauentypen verkörpern.

 

Enemy ist ein ziemlicher Brocken von Film, der es einem nicht immer unbedingt leicht macht, kaum Antworten liefert und den Zuschauer lieber zum Interpretieren anregt, statt alles auf dem Silbertablett zu servieren, aber es lohnt sich, am Ball zu bleiben, sich auf den Film einzulassen und sich mit ihm auseinanderzusetzen. Wer weiß, was man am Ende noch findet, was man über sich selbst erfährt? Enemy ist sicher kein Mainstream, vielmehr sehr nischenhaft, aber auch nicht zwingend Arthouse, und vermutlich auch nicht für jeden unbedingt geeignet, man sollte schon denken wollen. Beim zweiten Anschauen fand ich den Film sogar noch besser, weil sich auf einmal Verbindungen und Verknüpfungen finden ließen und viele Kleinigkeiten plötzlich an die Oberfläche traten, Symbole und Metaphern, die vorher kaum ins Auge fielen, dann aber letztlich die Interpretation abrunden. Wer also Filme wie Der Maschinist von Brad Anderson oder Memento von Christopher Nolan mag, der könnte hier glücklich werden.