Interstellar

17. April 2015 at 0:43

 

 

 

Interstellar (2014)
Interstellar poster Rating: 8.9/10 (334,365 votes)
Director: Christopher Nolan
Writer: Jonathan Nolan, Christopher Nolan
Stars: Ellen Burstyn, Matthew McConaughey, Mackenzie Foy, John Lithgow
Runtime: 169 min
Rated: PG-13
Genre: Adventure, Sci-Fi
Released: 07 Nov 2014
Plot: A team of explorers travel through a wormhole in an attempt to find a potentially habitable planet that will sustain humanity.

 

 

 

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

 

 

 

In einer nicht näher bezifferten, aber auch nicht allzu weit entfernten Zukunft hat der Mensch die Grenzen seiner Heimat vollends ausgeschöpft. Die Menschheit liegt im Sterben. Gigantische Missernten, Klimaveränderungen, Staubstürme und Hungersnöte bestimmen das Leben und die Erde scheint zu Grunde zugehen. Wissenschaft und Staat befinden sich auf dem Rückzug, die Welt braucht nichts mehr als Farmer, Ingenieure und Forscher sind nicht mehr gefragt. Eine kleine, im Untergrund agierende Gruppe von Wissenschaftlern und ehemaligen NASA-Mitarbeitern arbeitet jedoch an einem verzweifelten Plan, einer Expedition, die weit über die Grenzen unseres Sonnensystems hinaus führen soll, der vielleicht letzte Funken Hoffnung, die Menschheit noch zu retten.

 

Zunächst einmal: Interstellar ist keine Dokumentation und ganz sicher auch keine wissenschaftliche Abhandlung, es ist ein Film, der unterhalten und darüber hinaus vielleicht noch zum Nachdenken anregen will, also sollte man die wissenschaftliche Realismus-Keule besser gleich im Schrank lassen. Um den Aufschrei und größten Einwand der Kritikergemeinde im Keim zu ersticken: ja, die Macher von Interstellar haben sich den größtmöglichen wissenschaftlichen Realismus auf die Fahne geschrieben, und dieser Anspruch wird auch weitestgehend erfüllt, näher an unseren bisher formulierten Erkenntnissen und Theorien war noch kein Film, aber am Ende ist es eben nur ein Film, einer, der sich früher oder später unweigerlich von diesem Anspruch lösen muss, will er doch Dinge beschreiben und uns zeigen, über die wir nicht die geringsten Vorstellungen haben.

 

Interstellar ist von Anfang bis Ende, zu jeder einzelnen Sekunde, beseelt von eben diesem alten Pioniergeist, von der Idee, Grenzen zu durchstoßen und zu überwinden, um herauszufinden, was dahinter liegen mag, und fremde Welten zu erforschen. Ein uraltes Streben, das den Menschen seit jeher antreibt und ihn ungeahnte Dinge erreichen lässt. Und obwohl es um kaum weniger als die Rettung der Menschheit geht, legt Christopher Nolan den Fokus des Films zunächst auf die kleinen Dinge, auf das Zwischenmenschliche, und lässt Interstellar als geradezu intimes Familiendrama beginnen, nur um dann im späteren Verlauf doch noch alle Grenzen zu sprengen und in manchmal überwältigend schönen Bildern das Universum zu erkunden. Denn nur so kann auch das große Drama erst funktionieren, mit der Verknüpfung zum persönlichen Konflikt und der inneren Zerrissenheit der Figuren. Überhaupt ist Interstellar der Film mit der bisher größten Emotionalität in seinem Schaffen, diese Seite von Nolan ist man so auch nicht unbedingt gewohnt, wirken seine Werke sonst doch oft etwas unterkühlt und auf zwischenmenschlicher Ebene unnahbar und nur schwer zugänglich. In diesem Zusammenhang ist es auch kein Zufall, dass Interstellar in seiner Inszenierung ein wenig zurückhaltender wirkt als viele andere seiner Filme, die Erzählstruktur ist deutlich langsamer als sonst, der Look wesentlich weniger stilisiert und die sorgfältig komponierte Bilderflut mit ihren oft dezent und beinahe nie plakativ eingesetzten Spezialeffekten weist eine starke Natürlichkeit auf, gerade weil die Figuren im Mittelpunkt stehen und das Herzstück des Films eindeutig seine sehr emotionale Geschichte ist. Letztlich vollbringt Nolan mit Interstellar einen sehr eleganten Spagat zwischen Intellekt und Herz, zwischen dem Gefühlskino eines Spielberg und den kühnen Ideen und Bildern eines Kubrick.

 

 

 

„ We’ve always defined ourselves by the ability to overcome the impossible. And we count these moments. These moments when we dare to aim higher, to break barriers, to reach for the stars, to make the unknown known. We count these moments as our proudest achievements. But we lost all that. Or perhaps we’ve just forgotten that we are still pioneers. And we’ve barely begun. And that our greatest accomplishments cannot be behind us, because our destiny lies above us.”

 

 

 

Überhaupt, Stanley Kubrick. Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass Interstellar gespickt ist mit Verweisen und Referenzen, teils thematischer, teils visueller und oft auch inszenatorischer Natur, an Kubrick und vor allem an seinen Film 2001. An dieser Stelle könnte ich weit ausholen und darauf verweisen, was für ein Meisterwerk 2001, was für ein unglaublicher Visionär Kubrick, wie weit er seiner Zeit doch voraus war und wie sehr er missverstanden wurde. Ja, Stanley Kubrick war ein Visionär und seiner Zeit weit voraus und ja, er wurde damals oft missverstanden, aber ich würde lügen, wenn ich behaupte, ich finde 2001 herausragend und erkenne in ihm das Meisterwerk zu dem er gerne gemacht wird, ist er doch in Wahrheit zwar aus filmhistorischer Sicht zweifellos wichtig und prägend, aber insgesamt für mein Empfinden einfach zu ambitioniert. Wie gesagt, Parallelen zwischen beiden Filmen gibt es viele, aber in erster Linie bietet Interstellar Figuren mit Identifikationspotential, ausgestattet mit genug Emotionen, um mich als Zuschauer auch wirklich am Geschehen teilhaben zu lassen, wo 2001 sehr distanziert bleibt, kühl, geradezu steril in gewissen Momenten, so dass man sich vielmehr nur als bloßer Beobachter fühlt, am Schicksal der Figuren aber nicht antizipieren kann. Allerdings leiden beide Filme zum Schluß unter demselben Problem, nämlich der Unmöglichkeit das Nicht-Darstellbare filmisch abzubilden, so dass letztlich jegliche Plausibilität aufgegeben werden muss um den philosophischen und stark metaphysisch gefärbten Bogen der Erzählstruktur auch zum Ende zu bringen. Das sehe ich jetzt nicht unbedingt als Kritikpunkt, sondern einfach als eine Möglichkeit, die Geschichte zu Ende zu erzählen, wo es sicher auch noch andere Wege gegeben hätte. Allerdings ist das vielleicht der Punkt an dem der eine oder andere Zuschauer raus ist aus dem Film, weil er sich nicht mehr mitgenommen fühlt angesichts dieser Abzweigung, welche die Story dann nimmt, es erscheint so manchem einfach nicht mehr plausibel genug, zu abgehoben, um sich noch ganz darauf einlassen zu können.

 

Auch lassen sich nicht immer alle Motivationen und Beweggründe der Figuren logisch nachvollziehen, aber das sehe ich nicht als Kritikpunkt, ganz im Gegenteil, für mich macht Nolan hier im Drehbuch alles richtig, denn wenn einige Charaktere irrational erscheinen, dann macht sie das im Grunde nur zutiefst menschlich. Egal, ob Wahnsinn, Liebe oder Angst die Triebfeder ist, auf der emotionalen Ebene bleibt es so gut wie immer nachvollziehbar, nicht jeder ist dazu in der Lage, sein persönliches Wohl dem der Mission, dem Fortbestand der menschlichen Rasse, unterzuordnen. Insofern ist einer der am häufigsten genannten Kritikpunkte in meinen Augen eine der größten Stärken von Interstellar. Die Figuren sind hervorragend ausgearbeitet, besser als zum Beispiel in Inception, wo die Charaktere, wie übrigens nicht selten in Filmen von Christopher Nolan, verhältnismäßig flach und eindimensional ausfallen, was aber gerade bei Inception natürlich auch seine Gründe hat.

 

 

 

„We used to look up at the sky and wonder at our place in the stars, now we just look down and worry about our place in the dirt.”

 

 

 

 

Auf der schauspielerischen Ebene fällt Interstellar unfassbar gut aus. Matthew McConaughey liefert hier vielleicht die beste Performance seiner bisherigen Karriere, er macht den Schmerz, die Verzweiflung und die Zerrissenheit seiner Figur nicht nur sichtbar, sondern sogar absolut nachvollziehbar, nachempfindbar, ohne dabei in Kitsch oder Beliebigkeit abzurutschen. So gebührt ihm auch der vielleicht emotionalste Moment des Films, in dem ein einfaches Closeup seines Gesichts so unglaublich unter die Haut geht und es schafft wirklich zu berühren. Ihm gelingt ebenso wie Nolan der Spagat zwischen Intellekt und Herz, wandelt sein Charakter Cooper doch genau zwischen diesen beiden so gegensätzlichen Polen, zwischen rationalem Ingenieur und liebendem Familienvater. McConaughey´s Entwicklung ist schon mehr als beeindruckend, vom gesichtslosen Schönling in zweitklassigen und belanglosen romantischen Komödien hin zu einem erstklassigen Charakterdarsteller, der inzwischen scheinbar nach Belieben seine Filme dominiert und eine grandiose Leistung nach der nächsten abliefert. Neben ihm ist es schwer zu bestehen, aber er weiß sich in den richtigen Momenten zurückzunehmen, und weil der Rest des Cast auch fantastisch ist, allen voran die junge Mackenzie Foy als Cooper´s Tochter, verkommt Interstellar zu keiner Sekunde zu einer reinen One Man Show. Michael Caine und John Lithgow sind ebenso wie Casey Affleck aufgrund ihrer etwas zu geringen Spielzeit vielleicht ein klein wenig verschenkt, machen aber genauso einen fantastischen Job wie Jessica Chastain. Einzig Anne Hathaway fällt in ihrer Leistung ein wenig ab im Vergleich zum Rest des Cast und wirkt gelegentlich etwas deplatziert, aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

 

Am Ende ist Interstellar nicht das große Meisterwerk geworden, dass manch einer vielleicht im Vorfeld erwartet hat, stolpert er doch beispielsweise immer mal wieder über kleinere Plotlöcher, es ist auch vielleicht nicht Nolans bester Film, wohl aber sein bedeutendster bisher. Ja, Inception ist handwerklich besser, ein unglaublich unterhaltsamer Action-Blockbuster mit intelligenter Story und philosophischem Tiefgang, der zum Diskutieren einlädt, und The Dark Knight verbindet ebenfalls Action und Anspruch mit dem tiefen Blick in eine zerrissene Seele, aber Interstellar empfinde ich als persönlicher. Wenn wir uns darauf einlassen und für uns annehmen, was der Film postuliert, dann kann er uns eine ganze Menge über uns sagen, über uns als menschliche Rasse, aber vor allem auch über uns selbst. Wird Interstellar im Moment noch etwas zwiespältig aufgenommen, so bin ich mir doch sicher, dass er in einigen Jahren oder vielleicht auch Jahrzehnten einen ganz anderen Stellenwert einnehmen wird.

 

9 von 10 Aufbrüchen zu unentdeckten Welten