Miracle Mile – Nacht der Entscheidung (1988)

28. April 2018 at 13:25

 

 

© Colombia Pictures/Hemdale Film Corporation

 

 

 

„I told you what would happen if it ever came down. Well, it is! We don’t know why! Why would we, huh? It’s for real! It’s no drill! We shoot our wad in fifty minutes. They’re ging to pick us up in five or ten. And you could get it back in an hour and ten. Maybe seventy-five minutes!“

 

 

 

Was für ein wundervoller lauwarmer Sommertag für Harry Washello, hat er doch so eben mit Julie Peters seine Traumfrau kennengelernt. Dumm nur, dass er wenig später das für 12 Uhr nachts geplante Date durch einen dummen Zufall verschläft. Dennoch macht er sich um 4 Uhr morgens auf den Weg zum Diner, wo die beiden sich treffen wollten, in der leisen Hoffnung, Julie könnte vielleicht noch dort sein. Als er zufällig einen gar nicht für ihn bestimmten Anruf in einer Telefonzelle annimmt, traut er seinen Ohren kaum, verkündet die Stimme im Hörer doch vom nahenden Atomkrieg. Nur: ist das alles wahr, oder vielleicht doch nur ein schlechter Scherz? Harry jedenfalls macht sich auf die Suche nach Julie um gemeinsam mit ihr aus der Stadt zu fliehen.

 

WAS würdest du tun? Was würdest DU tun? Was würdest du TUN… wenn du wüsstest, dass in etwa 70 Minuten die Welt untergehen wird? Vollkommen ausgelöscht werden wird? In einem Feuersturm unvergleichlichen Ausmaßes zu Asche verbrennen wird? 70 Minuten, mitten in der Nacht! Das ist so schon nicht gerade viel Zeit, aber mit dem Wissen um das Ende aller Dinge? Nicht mal ein Wimpernschlag!

 

Miracle Mile ist wahrlich eine kleine Perle des Kinos der später 80er Jahre und leider ziemlich in Vergessenheit geraten, vermag er doch aufrichtig zu berühren statt dem Zuschauer vorzuschreiben, was er empfinden soll und Gefühle bloß einfach nur zu simulieren. Regisseur Steve De Jarnatt meistert mit dem zweiten und letzten Film seiner Kino-Karriere einen ausgesprochen schwierigen Spagat, wenn er mit Miracle Mile gleich mehrere verschiedene Genres elegant unter einen Hut bringt. Leichte romantische 80er Komödie, Science Fiction, Drama, Katastrophenfilm und Liebesgeschichte: all diese verschiedenen Stile und Elemente vermischt er zu einem kleinen funkelnden Kunstwerk, welches mit wundervollem Detailreichtum aufwarten kann und trotz seiner tief ernsten Thematik auch immer mal wieder geradezu leicht tänzelnd und charmant daherkommt. Trotzdem: Miracle Mile hat zwar immer wieder seine humorvollen Momente, bleibt letztlich aber deutlich eher Drama und kann irgendwie auch als Sozialstudie über Extremsituationen betrachtet werden, wenn mit erbarmungslos voran schreitender Uhr auch die Schraube der Eskalation immer weiter anzieht. Weiß anfangs nur eine handvoll zufällig morgens um vier in einem Diner sitzender Menschen vom bevorstehenden Grauen, verbreitet sich die Hiobsbotschaft doch recht schnell einem Flächenbrand gleich, will doch jeder seine Liebsten beschützen und retten, wenigstens aber nochmal mit ihnen sprechen oder bei ihnen sein.

 

Was also würdest du tun angesichts der bevorstehenden Extinktion? Nächstenliebe oder Selbstrettung? Vielleicht eine der schwersten Fragen. Vermutlich nicht wenige würden es den Gästen des Diners gleich machen und ihr eigenes Heil suchen. Immerhin ist der Informationsvorsprung in dieser Situation Gold wert. Doch nicht Harry (angenehm zurückhaltend gespielt von einem noch jungen Anthony Edwards, welchen manch einer vielleicht noch als Goose in Top Gun oder als Dr. Mark Greene in der Serie Emergency Room kennt), ist dessen erster Gedanke weniger Selbsterhaltung und mehr Ausdruck des Verlangens danach mit Julie zusammen zu sein. Und sei es nur, um gemeinsam zu Asche zu verglühen. Wenig aussichtsreich vielleicht, dafür aber umso anrührender und aufrichtiger. Und so beginnt eine chaotische Odyssee in Echtzeit durch ein nächtliches Los Angeles, dessen leere Straßen morgens um vier seltsam ruhig und friedlich wirken, aber irgendwie auch beinahe schon seltsam post-apokalyptisch anmuten, als würden sie bereits von großem Unheil verkünden. Aber das große Chaos, das nackte Entsetzen und die pure Verzweiflung werden nicht mehr lange auf sich warten lassen und die Straßen der Stadt nicht mehr lange so leer bleiben. Besonders schön ist auch in meinen Augen, dass Miracle Mile den Zuschauer bis zum Schluss im Unklaren darüber lässt, ob die erwartete Katastrophe denn nun auch wirklich eintrifft und alles mit einem großen Knall zu Ende geht, oder es vielleicht doch nur ein grausamer Scherz war. So oder so, am Ende herrscht Klarheit, doch Steve De Jarnatt hat es nie auch nur ansatzweise nötig, tonal in unangenehmen Zynismus zu verfallen, denn stattdessen bleibt sein Film zu jedem Moment ausgesprochen warmherzig trotz oder vielleicht gerade wegen des drohenden Untergangs.

 

Es ist schade, dass Miracle Mile seiner Zeit so unterging und nahezu in Vergessenheit geriet, gestaltet Steve De Jarnatt seine ganz eigene Vision vom Ende der Welt elegant wie eindringlich und detailverliebt wie erstaunlich kreativ. Gleiches gilt übrigens auch für den ein Jahr zuvor von ihm gedrehten Film Cherry 2000, der fälschlicherweise immer nur zu gern und vorschnell in die Trash-Ecke gestellt wird, dieses Schicksal aber absolut nicht verdient hat. Wie gern hätte ich mehr Filme von Steve De Jarnatt gesehen!

 

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