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Pig (2021)

6. Februar 2022 at 20:51

 

 

© Neon

 

 

We don´t get a lot of things to really care about.

 

Ich muss es zugeben: Pig hat mich brutal überrascht. Ich wusste zwar vorher, in welche Richtung es trotz der Prämisse nicht gehen würde, aber ich hatte keine Ahnung, wie sehr mich das Regiedebüt von Michael Sarnoski berühren würde. Und zwar tief und aufrichtig. Beginnend mit dem Potential zu einem handfesten Rachefeldzug im Stile eines John Wick und Konsorten, entwickelt sich Pig schnell wie unerwartet zu einem geradezu zärtlichen, von einer bedrückenden, bleiernen Poesie beseelten, existenziellen Drama. Verlust ist hier das zentrale Thema, und das auf gleich mehreren Ebenen, denn es gibt viele Möglichkeiten, etwas zu verlieren. Oder jemanden.

 

Ein gebrochener Mann kehrt zurück an die Orte, welche ihn einst gebrochen und in die Einsamkeit gezwungen haben. Doch Pig ist nicht nur die Spurensuche nach einem früheren, längst vergangenem Leben, der Film ist so viel mehr. In den leisen Zwischentönen. Ankerpunkte. Rückzugsorte. Brüchig und voller Entbehrungen, aber beständig und vor allem friedlich. Abgeschieden, tief im Wald, nur Rob, sein Trüffelschwein und Fetzen von Erinnerungen an ein anderes Leben. Die einfachen Freuden. Zugleich ist Pig eine Liebeserklärung an das Kochen und diese besondere Magie, welche dabei manchmal entstehen kann, wenn mit Leidenschaft etwas neues erschaffen wird. Oder, wie hier im Finale, durch ein perfekt komponiertes Gericht schmerzhafte Erinnerungen herauf beschworen werden und sich eine schwere Last offenbart.

 

Und trotz einer überschaubaren Laufzeit von rund 90 Minuten lässt sich Michael Sarnoski die nötige Zeit, um seine Geschichte darzubieten. Pig ist in entsättigten Bildern langsam erzählt, ruhig, aber dennoch fesselnd. Und so unaufdringlich die gesamte Inszenierung ist, so angenehm zurückgenommen und erstaunlich nuanciert fällt das Schauspiel von Nicolas Cage aus. Doch auch Alex Wolff (Hereditary) vermag zu glänzen, schafft er es seiner Rolle im weiteren Verlauf doch mehr Tiefe zu verleihen als man anfangs vielleicht vermuten würde. Ja, Pig hat mich wirklich beeindruckt. Eine kluge, eigenwillige und düstere Reise in die hässliche Welt der Sterneküchen.

 

8/10

 

 

Raging Fire (Nou fo, 2021)

31. Januar 2022 at 20:48

 

 

© Emperor Motion Pictures

 

 

Raging Fire ist das letzte filmische Vermächtnis eines der ganz großen Regisseure des Hong Kong-Actionkinos, denn Benny Chan erlag im Alter von nur 58 Jahren kurz nach dem Ende der Dreharbeiten seinem Krebsleiden. Nun ist Raging Fire sicher nicht gerade der ganz große Wurf, welcher das moderne Actionkino völlig neu denkt, doch er ist mindestens ein überaus solider, über weite Strecken sogar deutlich über den Durchschnitt herausragender Actionfilm. Inhaltlich einfach gehalten, trotz einiger Längen geradlinig erzählt und mit teils exzellenten Actionszenen ausgestattet. Zwar verhandelt Raging Fire auch Themen und Motive wie Freundschaft, Schuld und Sühne, bleibt hier jedoch allenfalls erwartbar oberflächlich, steht doch ganz eindeutig die Lust am Spektakel im Vordergrund.

 

Und hier kann der Film auf der ganzen Linie überzeugen. Donnie Yen als Darsteller weiß ganz genau, was er zu tun hat, als Action Director vielleicht sogar noch mehr, weshalb Raging Fire hier wirklich die Muskeln spielen lässt. Von so manchem schlechten CGI-Effekt mal abgesehen, sind die wohl dosiert eingesetzten und abwechslungsreich inszenierten Actionsequenzen nahezu makellos choreografiert. Egal, ob Shootout, Klopperei oder Verfolgungsjagd, das Timing ist präzise und die Action dynamisch wie gleichermaßen druckvoll und mit angemessener Härte versehen.

 

Und wenn Raging Fire im Schlussakt Heat referenziert ohne das es peinlich wird, und eine groß angelegte Schießerei in einem Stau derart ausufern lässt, dass sich Zivilisten alles andere als sicher fühlen können, bloß um in einer eindrucksvollen und packenden Kampfsequenz zwischen Donnie Yen und Nicholas Tse in einer alten Kirche zu münden, ja dann kommen Erinnerungen in mir hoch. An eine Zeit, in der man mit zitternden Händen einen Film von John Woo eingelegt hatte, den man noch nicht kannte. Danke dafür, Benny Chan, liefert er doch mit Raging Fire eine angemessene Hommage an das klassische Hong Kong-Actionkino der 80er und 90er, passt diese jedoch sanft an moderne Sehgewohnheiten an.

 

7,5/10

 

 

Nobody (2021)

29. Januar 2022 at 21:30

 

 

© Universal Pictures

 

They say God doesn´t close one door without opening another. Please God, open that door.

 

Mit nur wenigen schlagkräftigen Bildern gepresst in eine knackige Montage-Sequenz macht Regisseur Ilya Naishuller (Hardcore Henry, 2015) gleich zu Beginn deutlich, mit was für einem frustrierend unauffälligen und gewöhnlichen Durchschnittsleben wir es hier zu tun haben. Der von Bob Odenkirk verkörperte Hutch Mansell ist buchstäblich ein Nobody, selbst für die Müllabfuhr unsichtbar. Doch man spürt schnell, dass da etwas in ihm schlummert, wartet, lauert, etwas Unterdrücktes, etwas, das sich aufgestaut hat und ausbrechen will. Und es bricht aus.

 

Nicht ohne Grund fühlt sich Nobody verwandt zu John Wick an, denn Derek Kolstad ist hier für das Drehbuch verantwortlich. Doch Mansell wirkt psychologisch ausgefeilter und geerdeter als der von Kenau Reeves verkörperte Superkiller, auch wenn das alles kein Vergleich zu der präzisen Beobachtung von Gewalt und deren Folgen in David Cronenbergs A History of Violence (2005) ist. Aber immerhin, Naishuller nimmt sich die nötige Zeit für seine Figuren und lässt sich auf sie ein, statt wie in Hardcore Henry bloß die technischen Aspekte aggressiv in den Vordergrund zu rücken. Nobody darf zwischendurch auch mal atmen und das tut dem Film extrem gut.

 

Das Highlight des Filmes ist zweifellos die minutenlange Kampfsequenz in einem Bus, in welcher Mansell ausgesprochen unangenehm aufräumt. Hier zeigt sich auch ganz besonders Naishullers ausgeprägtes Gespür für Action, welche er zusammen mit seinem Kameramann Pawel Pogorzelski (Hereditary, Midsommar) dynamisch filmt und gleichzeitig genug Fingerspitzengefühl aufbringt, um die temporeiche Choreografie für sich selbst sprechen zu lassen. Das Timing der Inszenierung ist hier wahnsinnig präzise und pointiert, die Action selbst druckvoll und schmerzhaft, zugleich jedoch erstaunlich bodenständig und wenig elegant.

 

Leider peitscht Nobody den Wahnsinn im letzten Akt ein wenig zu sehr auf die Spitze, so dass das übertriebene Finale nicht so recht zu dem zuvor etablierten Ton passen will, diesen sogar geradezu unterläuft. Schade, da scheint dann doch wieder der überbordende Stil von Hardcore Henry bei Naishuller durch zu kommen. Bis auf diesen Wermutstropfen ist Nobody robust inszeniertes und vor allem knackig erzähltes Genrekino, welches ohne große Umschweife schnell zur Sache kommt. Kurzweilig und voller überraschender Härte, mit einem starken Bob Odenkirk in der Hauptrolle und einem erschreckend unberechenbaren Aleksey Serebryakov als Antagonist. Hardcore Henry hat mich schnell gelangweilt, Nobody hingegen mein Interesse geweckt. Ich bin gespannt, was Naishuller als nächstes ausheckt.

 

7/10

 

 

Malignant (2021)

21. Januar 2022 at 22:18

 

 

© New Line Cinema/Warner Bros. Pictures

 

 

It´s time to cut out the cancer.

 

Ich muss zugeben, dass ich nicht sonderlich vertraut bin mit dem Schaffen von James Wan, denn weder die Saw-Reihe noch The Conjuring oder Insidious und deren zahlreiche Epigonen haben mich je ernsthaft gereizt. Aber mir gefällt auf jeden Fall der Gedanke, den Erfolg für Aquaman zu nehmen und in seinen neuen Film zu investieren. Warner muss viel von Wan halten, wenn sie ihn mit einem solchen Budget ausstatten und ihm Malignant so einfach durchgehen lassen. Eine solche Narrenfreiheit muss man sich auch erst einmal erarbeiten.

 

Denn was Wan uns da so auftischt, das alles ist wahrlich haarsträubender Quatsch, so richtig bescheuert und abgedroschen, aber ich muss bewundern, mit welcher geradezu heiligen Ernsthaftigkeit Wan hier zur Sache geht und gnadenlos sein Ding durchzieht. Ohne Rücksicht auf Verluste, eisern konsequent und jedem wie auch immer gearteten Kompromiss höhnisch ins Gesicht lachend.

 

Nach seinem Abstecher in Superhelden-Gefilde nun also eine Rückkehr zu seinen Horror-Wurzeln und dem Genrekino. Und eines muss man Wan in jedem Fall lassen: er weiß ganz genau, was er da tut, und vor allem aber auch, was er will. Und er will viel. Die Mechanismen des Genres beherrscht er gekonnt. Malignant entpuppt sich schnell als absurd wilder Ritt durch die Jahrzehnte des Horrorfilmes.

 

Wan referenziert beispielsweise schon in seiner Grundidee Basket Case von Frank Henenlotter, streift Haunted House ebenso wie Giallo-Gefilde, verbeugt sich vor Robert Wise gleichermaßen wie vor Mario Bava, bloß um im wüsten letzten Drittel komplett zu eskalieren und freizudrehen. So funktioniert sein Film zwar eher als bloße Geisterbahn voller einzelner, bekannter Versatzstücke, macht dafür aber auch ganz schön viel Spaß.

 

7/10