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Joker (2019)

26. Oktober 2019 at 16:45

 

 

© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

The worst part of having a mental illness is people expect you to behave as if you don’t.“

 

 

 

Put on a happy face. Joker erinnert nicht zufällig an die Hochzeiten des New Hollywood, wenn Regisseur Todd Phillips sich oftmals der bewusst ungeschönten Bildsprache von Werken wie Taxi Driver (1976) und The King of Comedy (1982) bedient und sich inhaltlich auch dem Genrekino der späten 70er und frühen 80er zuwendet. So gerät Joker nicht nur zu einem niederschmetterndem Psychogramm einer geschundenen Seele, sondern auch zu einer erdrückenden Bestandsaufnahme einer Gesellschaft am Rande des kollektiven Wahnsinns. Phillips konfrontiert den Zuschauer gänzlich ohne Ironie und unvorbereitet mit einer düsteren Wirklichkeit, welche so im modernen Eventkino kaum noch zu erwarten ist, und nimmt ihm das Kino als Ort des Eskapismus.

 

Im Grunde will Arthur kaum mehr als gesehen werden, endlich wahrgenommen werden, um seiner Selbst willen. Endlich die Anerkennung, welche ihm bisher immerzu verwehrt blieb. Er ringt um seine Identität, ist auf der Suche nach seinem Ich, doch wie soll man zu jemandem werden, wenn man nicht einmal weiß, wer man eigentlich ist? Sein Streben danach mündet letztlich in einer unfassbaren wie gleichermaßen glaubwürdig inszenierten Spirale der Eskalation an deren Endpunkt Arthur doch zu sich selbst findet, wenn er all sein Leid und all seinen Schmerz nicht ablegt, sondern annimmt, sogar regelrecht umarmt und sein Leben mehr als Komödie denn als Tragödie begreift. Zahnrad um Zahnrad greifen ineinander bis zur Geburtsstunde des Jokers, der Funke, der das Pulverfass Gotham schließlich in Brand setzt.

 

Rückblickend erweist sich Todd Phillips als Regisseur (Road Trip, Old School, Due Date, War Dogs und natürlich Hangover I-III) gar nicht mal so abwegig, beinhalten seine Filme doch oft destruktive Figuren nah am Abgrund. Handwerklich ist Joker bis auf einige wenige, kleinere Schönheitsfehler makellos geraten, wenn die Inszenierung selbstbewusst wie stilsicher nahezu perfekt auf den Punkt immerzu Arthur und seinem immer dichter werdenden Wahnsinn folgt und doch auch nie die Umgebung aus dem Fokus verliert. Die Kamera von Lawrence Sher (Garden State, Hangover I-III, Godzilla: King of the Monsters) fängt den Verfall von Gothams Straßen in teils wunderbaren Bildern ein und selten sahen Dreck, Schmutz und Unrat so gut aus. Über all dem schweben dann die schwermütigen Celloklänge der isländischen Komponistin Hildur Guðnadóttir und gehen eine unheilvolle Verbindung mit den düster grimmigen Bildern ein, mit denen Phillips seine ganz eigene Vision des Jokers auf die Leinwand bringt.

 

Und dann ist da natürlich noch Joaquin Phoenix, dessen ausnehmend brillante Verkörperung dieser unfassbaren seelischen Zerrissenheit des Arthur Fleck erneut eindrucksvoll beweist, dass er der beste Schauspieler seiner Generation ist. Wuchtig und zugleich zerbrechlich taumelt er zwischen manischer Urgewalt und vollkommener Hilflosigkeit, zwischen Selbstmitleid und Wahnsinn, immer auf dem irre schmalen Grat zwischen Empathie und Ablehnung tanzend. Ohne Phoenix wäre dieser Film in seiner Form schlicht nicht möglich gewesen. Er ist die Essenz all dessen, was Todd Phillips sagen wollte, und dem ist er sich nur zu sehr bewusst. Vielleicht ist Joker sogar stärker vom wohl nicht selten improvisierten Spiel seines Hauptdarstellers geprägt als von der Inszenierung seines Regisseurs. Phoenix reißt die Figur des Arthur Fleck an sich, macht sie sich vollkommen zu eigen, geht regelrecht in ihr auf, und doch erdrückt sein einnehmendes Spiel nie den Film.

 

Obwohl Joker an ein oder zwei Stellen für meinen Geschmack etwas konsequenter und mutiger hätte sein dürfen und einige wenige Szenen nicht so stark ausformuliert hätten sein müssen, so ist der Film von Todd Phillips dennoch ganz großes Kino und eine willkommene Abwechslung zwischen all den sonstigen Eventfilmen dieser Zeit und schon allein für die schier herausragende Performance von Joaquin Phoenix sein Geld wert. There is no punchline.

 

8 von 10 erschütternden Lachkrämpfen

 

 

Léon (1994)

19. Oktober 2019 at 14:43

 

 

© Gaumont Buena Vista International/Quelle: IMDb

 

 

 

 

I finished growing up, Léon. I just get older.“ – „For me it’s the opposite. I’m old enough. I need time to grow up.“

 

 

 

Als die gesamte Familie der zwölfjährigen Mathilda von korrupten Cops ausgelöscht wird, weiß sie sich in ihrer Not nicht anders zu helfen und flüchtet zu ihrem Nachbarn Léon. Der lässt sie in seine Wohnung und rettet so ihr Leben. Als Mathilda erfährt, dass er Profikiller ist, der gegen Geld Leute umbringt, will sie ihn beauftragen um ihre Familie zu rächen.

 

Was soll man zu diesem Film noch groß sagen? Luc Besson sollte nie wieder eine solche filmische Qualität und Strahlkraft entwickeln können wie mit Léon. Unglaublich einfühlsam und von großer zärtlicher Melancholie beseelt erzählt sein nächster Film nach La Femme Nikita von zwei Außenseitern, die unterschiedlicher kaum sein könnten, und sich doch gegenseitig ergänzen. Da ist der Profikiller Léon auf der einen Seite, ein beinahe schon kindlicher Charakter ohne Wurzeln und zugleich Meister seines Fachs. Und da ist die zwölfjährige Mathilda auf der anderen Seite, im Grunde schon viel zu erwachsen für ihr Alter und ihrer Wurzeln beraubt.

 

Besson unterläuft seiner Zeit die bisherigen Eckpfeiler des Genre, wenn sich Léon zwar Anonymität und Einsamkeit bewahren muss und auf ritualisierte Tagesabläufe angewiesen ist um seinen Job ausführen zu können, aber dennoch Mathilda schließlich nicht nur in seine Wohnung, sondern auch in sein Leben lässt. Eine emotionale Öffnung bedeutet in seiner Welt Verwundbarkeit und doch lässt er sie zögerlich an sich ran. Fortan lernen beide voneinander und geben sich, was dem jeweils anderen fehlt. Léon gewöhnt Mathilda das Rauchen und Fluchen ab, verordnet ihr Milch und gibt ihr Schießunterricht; Mathilda bringt Léon das Lesen und das Schreiben und das Leben bei.

 

Handwerklich über jeden Zweifel erhaben stimmt bei Léon einfach alles: Besson inszeniert enorm präzise und mit dem richtigen Auge für Details, das erzählerische Tempo ist zwischen stillen Momenten und krachender Action exzellent ausbalanciert, Bessons Stamm-Kameramann Thierry Arbogast fängt teils wunderschöne Bilder ein und über all dem schwebt ein Jahrhundert-Score aus der Feder von Èric Serra. Das Herzstück jedoch bildet das magische Dreiergespann aus Jean Reno, Natalie Portman und Gary Oldman. Doch so wunderbar Reno den empfindsamen Killer auch gibt und Oldman sein Spiel als skrupelloser Cop gnadenlos beinahe bis zur Karikatur überzieht, so sehr stellt Portman beide mühelos in den Schatten mit ihrer nuancierten Darstellung zwischen Trauer, Wut und aufkeimender Hoffnung, zwischen geraubter Kindheit und dem brennendem Wunsch nach Rache. Eine Elfjährige in ihrer aller ersten Filmproduktion überstrahlt hier zwei mehr als nur gestandene Schauspieler, das muss man sich mal vorstellen.

 

All das funktioniert für mich auch nach über 20 Jahren immer noch hervorragend. Ich betone immer gern, nicht den einen Lieblingsfilm zu haben, dafür aber viele Filme, die ich liebe. Léon gehört ganz sicher dazu. Manchmal frage ich mich am Ende des Filmes im Stillen, was wohl aus Mathilda geworden sein mag. Es wäre schön, wenn sie ihren Frieden doch noch hätte finden können, eine Chance auf ein neues, ein anderes Leben.

 

10 von 10 zärtlich gepflegten Topfpflanzen

 

 

The Aftermath (1982)

16. Oktober 2019 at 23:06

 

 

© VCI Entertainment/Quelle: IMDb

 

 

 

Nach zwei Jahren im Weltall kehrt Astronaut Newman wieder zurück auf die Erde. Nach seiner Landung muss er jedoch feststellen, dass ein Atomkrieg die Welt vollkommen zerstört hat. Die wenigen letzten Überlebenden werden von Mutanten bedroht und von einem Mann namens Cutter gnadenlos unterdrückt. Newman beschließt, dem Treiben ein Ende zu setzen und sagt Cutter den Kampf an.

 

Manchmal muss man einfach eine Linie ziehen… Apokalyptische Settings erfreuten sich im Genrekino der 80er Jahre großer Beliebtheit, weil sie einen gewissen Zeitgeist aufgriffen, vor allem aber, weil sie sich preiswert produzieren ließen. Ein Steinbruch und ein bisschen Fantasie konnten da in den Niederungen bereits ausreichen. The Aftermath von Regisseur Steve Barkett ist geradezu ein Paradebeispiel für den schnell wie billig herunter gekurbelten, drittklassigen Endzeit-Actioner. Bloß, dass Barkett nicht nur Regie führte, sondern gleich auch noch das Drehbuch lieferte, den Film produzierte, den Schnitt übernahm und die Hauptrolle spielte. Trash als Autorenkino, wenn man so will. Inhaltlich irgendwo zwischen Mad Max (1979) und Planet der Affen (1968) angesiedelt, versagt The Aftermath im Grunde auf der ganzen Linie.

 

Hier passt wirklich nichts so richtig zusammen: weder vermag es Barkett den von ihm der Hauptfigur zugedachten Attributen gerecht zu werden, noch funktioniert die Lovestory, geschweige denn die Vater-Sohn-Beziehung oder gar die schwerfällig inszenierte Action. Dazu kommt ein bescheuerter Off-Kommentar, furchtbar einfältige Dialoge, eine platte Symbolik und wirklich merkwürdige Musikeinsätze. Die Krönung ist dann das Finale, wenn sich Barkett sagenhaft schamlos als gnadenlos effektive Ein-Mann-Armee inszeniert, die im Alleingang das komplette Lager des Bösewichtes Cutter (immerhin zumindest akzeptabel gespielt von Sid Haig) zerlegt. Dumm nur, dass am Ende ganz offensichtlich das Geld für sogar halbwegs ordentliche Effekte fehlte und direkte Treffer aus nächster Nähe von einer Schrotflinte aussehen wie Nadelstiche.

 

The Aftermath ist ein Kuriosum, eine Art Unfall geboren aus einem Egotrip heraus, die fehlgeleitete Vision eines zumindest im Ansatz ambitionierten Filmemachers und doch seltsam faszinierend. The Aftermath ist der Auftakt einer enorm kurzen Karriere, der nur noch ein weiterer Film folgte: Empire of the Dark (1990). Plot: A private detective searching for a killer comes across a satanic cult from another dimension, monsters called up from hell and murderous ninja assassins. Muss man sich mal vorstellen. Das will ich sehen. Ich mag sowas.

 

5 von 10 atomaren Stürmen

 

 

Vice (2018)

15. Oktober 2019 at 11:33

 

 

© Annapurna Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

It has been my honor to be your servant. You chose me. And I did what you asked.“

 

 

 

Vice beleuchtet Dick Cheneys Aufstieg zum zeitweise wohl mächtigsten und einflussreichsten Vizepräsidenten der amerikanischen Geschichte. Die Verbildlichung komplexer politischer Zusammenhänge ist ein zweifellos lohnenswertes Ansinnen, aber Vice macht sich das alles ein klein wenig zu einfach und zeichnet von Minute eins an ein ganz bestimmtes Bild und ist folgend nicht gewillt davon abzurücken. Der neue Film von Regisseur Adam McKay fällt erstaunlich wenig differenziert aus und zeigt sich inhaltlich als eher einseitige, zum Teil recht plakative und dazu noch unangenehm belehrende Abrechnung. McKay bleibt seinem Stil aus The Big Short treu und inszeniert Vice nicht als klassisches Biopic, sondern setzt lieber auf eine unkonventionelle Mischung aus Komik, Satire, Drama und wütender Anklage, vermag jedoch diesen schwierigen Tanz nicht immer zu meistern. Stattdessen wirkt Cheney nicht selten wie das ultimative Böse, eine Macht-Krake sondergleichen, ein dämonischer Puppenspieler im Hintergrund, der die Fäden zieht.

 

Zwar fühlte ich mich von The Big Short seiner Zeit besser unterhalten, doch auf der handwerklichen Ebene ist Vice zweifellos dennoch großes Kino, ist gefällig und schwungvoll inszeniert, vermag mit so manchem herrlich kreativen Moment zu glänzen und sogar der Schnitt von Hank Corwin ist exzellent geraten. Auch auf der darstellerischen Ebene vermag der Film einzuschlagen, wenn Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell und Sam Rockwell auf hohem Niveau abliefern. Auf der inhaltlichen Ebene jedoch ließ mich McKay irgendwie ratlos zurück, wenn Vice komplexe Zusammenhänge extrem versucht zu vereinfachen und zugleich das Publikum für zu limitiert hält um selbige zu begreifen.

 

6 von 10 Herzinfarkten als Running Gag