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Blutiger Freitag (1972)

15. November 2018 at 12:40

 

 

© Gloria Film/Quelle: IMDb

 

 

 

Berufsverbrecher Heinz Klett ist eben erst aus der Untersuchungshaft entflohen, da plant er schon mit seinem Komplizen Luigi und dessen Freundin Heidi einen spektakulären Banküberfall. Als die Situation eskaliert, verschanzen sie sich mit Geiseln in der Bank, während draußen immer mehr Polizisten aufziehen. Die Lage scheint aussichtslos, doch Klett ist nicht Willens aufzugeben.

 

Heinz Klett, der zweifellos räudigste Bankräuber des deutschen 70er Jahre Kinos, Schrecken des Spießbürgertums, Feind des Establishments und nicht einmal im Ansatz Sympathieträger. Sein Motto: Hemmungen? Null. Rücksicht? Null. Eröffnet von einem fluffigen Stück Funk aus der Feder von Francesco De Masi lässt Regisseur Rolf Olsen hier eine buchstäblich entfesselte Gewalt auf den Zuschauer los, schonungslos, dreckig, schmutzig und in höchstem Maße politisch unkorrekt, aber eben auch mit ordentlich Haaren am Sack. Blutiger Freitag hebt sich in der deutschen Kinolandschaft der frühen 70er Jahre überdeutlich von den endlosen eher zahmen Produktionen jener Zeit ab und steht in prall gefüllten Lederhosen in seiner radikalen Andersartigkeit auf Augenhöhe mit den Filmen von Roland Klick. Ähnlich wie Klett selbst aus der tauben Masse der Gesellschaft ragt und sich von moralischen Fesseln befreit hat, so macht es auch Blutiger Freitag.

 

Olsen beweist eindrucksvoll, wozu das deutsche Genre-Kino schon damals fähig war und macht im Vorbeigehen einen zwar eher oberflächlichen, aber dennoch eindeutig vorhandenen gesellschaftspolitischen Diskurs aus dem eigentlich eher flachen Stoff und liefert zudem ein gelungenes filmisches Bild jener Zeit voller Lokalkolorit. Blutiger Freitag besticht durch eine enorm zynische, geradezu nihilistische wie konsequent garstige Atmosphäre und ein ausgesprochen düsteres Menschenbild. Klett, dieses fleischgewordene Fuck You, ist der zerstörerische Mittelpunkt eines der wohl tollsten und schönsten deutschen Actionfilme, voller unbändiger Energie und schmierigem Charme, ungehobelt, schmutzig, anstößig und voller Ecken und Kanten, wie man sie heute kaum noch finden kann. Krautploitation par excellence. Blutiger Freitag kommt aus dem Bauch, ignoriert den Kopf und zielt voll auf den Sack. Ziemlich toll, das alles.

 

8 von 10 Zigarillos im Mundwinkel

 

 

 

You Were Never Really Here (2018)

13. November 2018 at 15:14

 

 

© Amazon Studios/Quelle: IMDb

 

 

 

I want you to hurt them.“

 

 

 

Joe ist eine Art Problemlöser. Ihn engagiert man, wenn ein entführtes Kind befreit werden muss. Joe ist zielstrebig, effektiv und brutal in einem Vorgehen, lebt aber auch zurückgezogen zusammen mit seiner Mutter, die er liebevoll pflegt. Die Tochter eines Abgeordneten soll nun befreit werden. Kaum mehr als nur ein weiterer Auftrag für Joe, doch dann geht alles schrecklich schief.

 

Hammertime! Für ihre Verfilmung des gleichnamigen Buches von Jonathan Ames hat die schottische Regisseurin Lynne Ramsay die ohnehin schon recht überschaubare Handlung geradezu radikal auf das absolut Nötigste heruntergebrochen und lässt kaum mehr als ein skelettartiges Handlungsgerüst bestehen. Irgendwo zwischen hartem Thriller und düsterem Drama irrlichtert You Were Never Really Here immerzu hin und her, lediglich unterbrochen durch fragmentarisch aufblitzende Erinnerungsfetzen aus Joes kaputtem Geist und dessen ganz eigenem Wahnsinn. Auf der erzählerischen Ebene ist ihre vierte Regiearbeit stark elliptisch angelegt und arbeitet sehr viel mit Auslassungen, doch auf der visuellen Ebene entwickelt ihr Film eine schier unglaubliche, manchmal geradezu poetische Strahlkraft. Filme wie Drive oder Taxi Driver hallen durch die Bilder, manchmal auch die neon grelle Stilistik eines Michael Mann, doch Ramsay entwickelt mühelos ihre ganz eigene Bildsprache.

 

Der herrlich elektronisch schwebende, immer wieder in sich kollabierende Score aus der Feder des Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood vermag die Bilderflut brillant zu unterstreichen und geht Hand in Hand mit einem schneidenden, sägenden Sounddesign, während das alles von einem rhythmisch herausragenden Schnitt und einer pointierten Kamera zusammen gehalten wird. Die rohe Gewalt, meist ausgehend von Joe und seinem Hammer, wird jedoch nie explizit ausgestellt und ergeht sich oft nur in Andeutungen, geschieht am Bildrand oder zeigt lieber gleich vollendete Tatsachen. Reißerisch oder gar voyeuristisch wird You Were Never Really Here nie, zu sehr achtet Ramsay darauf, nicht in exploitative Genre-Gefilde abzudriften und die Gewalt zu exponieren.

 

Und dann ist da noch das Glanz- und Herzstück des Filmes: ein überragender Joaquin Phoenix, dessen Performance einer gequälten wie stoischen Naturgewalt gleicht, unerbittlich wie ein Pitbull und doch mehr geschundene Seele denn strahlende Heldenfigur. Sein Joe eine starke und zugleich gebrochene Figur mit einem seltsam kindlichen Kern, traumatisiert und müde. So müde wie eigentlich der Film selbst, würde er sich doch nur zu gern hinlegen, aber dann gleich wieder weiter müssen, nur um sich schrecklich verbraucht und träge dahin schleppen zu müssen. Selbst als Joe irgendwann gegen Ende die Tür zum vermeintlichen Showdown öffnet, da ist schon längst alles gelaufen. Alles ist bereits vorbei, bevor es überhaupt richtig beginnen konnte. Nur der Wahnsinn und der Schmerz, die bleiben. Erlösung gibt es keine und die Zukunft ist düster, aber da glimmt dennoch ein Fünkchen Hoffnung.

 

9 von 10 Schlägen auf den Hinterkopf

 

 

Overlord (2018)

12. November 2018 at 16:05

 

 

© Paramount Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

A thousand year Reich needs thousand year soldiers.“

 

 

 

Eine kleine Gruppe Soldaten soll im 2. Weltkrieg in einem von Deutschen besetzten Dorf in Frankreich einen Funkturm ausschalten, damit die Landung in der Normandie beginnen kann. Das Unternehmen droht bereits zu Beginn zu scheitern, als das Flugzeug der Fallschirmspringer über dem Zielort abgeschossen wird und nur noch eine handvoll Soldaten überleben. Und schlimmer noch: in dem Dorf angekommen müssen sie schon bald erkennen, was dort grausiges wirklich vor sich geht.

 

Mit einer eindringlichen Eröffnungssequenz wirft sich Julius Avery mit seiner zweiten Regiearbeit Overlord direkt und ohne Umschweife ins (Schlacht)Getümmel, ohne jedoch gleich zu Beginn all sein Pulver zu verschießen. Was nämlich noch als geradliniger Kriegsfilm zu beginnen scheint, dass soll schon bald andere Genrepfade betreten. Sadistische SS-Offiziere, größenwahnsinnige Nazi-Wissenschaftler, grausame Experimente und unmenschliche Kreaturen: Overlord bietet so ziemlich alles, was ein guter Exploitation-Reißer brauchen könnte und Avery erschafft daraus einen herrlich reinrassigen, kantigen und schmuddeligen Genre-Film mit äußerst ansehnlichem Budget, verzichtet im Gegenzug jedoch dankenswerter Weise auf ätzend ausgestellte, augenzwinkernde Ironie. Stattdessen nimmt sich Overlord angenehm ernst, tappt eben gerade nicht in die Funsplatter-Falle und kommt wie eine vom Spaß befreite Verfilmung der Videospiel-Reihe Wolfenstein daher.

 

Sicherlich vermag Avery mit seinem Film auf der inhaltlichen Ebene nichts grundlegend Neues zu erfinden oder könnte gar intellektuell fordern, doch das will er auch gar nicht, wenn er sich viel lieber seiner straighten B-Movie Herkunft vollkommen bewusst ist und sich gerade daran ergötzt. Overlord ist geradlinig wie kompromisslos und effektiv inszeniertes Genre-Kino, das eine dichte Atmosphäre zu erschaffen vermag und es ausgesprochen gut versteht, mit seinen Effekten zu haushalten, statt den Protagonisten Monsterwelle um Monsterwelle entgegen zu schleudern. Hier gilt Qualität statt Quantität, wodurch sich Overlord auch nie der Lächerlichkeit preisgibt. Einen solch pulpigen Film dieser Tage mal wieder auf der großen Kinoleinwand erleben zu können, mit toller Ausstattung und einem wahrlich famosen Sounddesign, welches den Saal geradezu beben lässt, und der sich dazu noch so erfrischend ernst nimmt und auf Ironie verzichtet, das hat mein Genre-Herz über alle Maßen erfreut. Am liebsten wäre ich beim Abspann aufgesprungen und hätte applaudiert.

 

8 von 10 Flammenwerfern

 

 

The Wicker Man (1973)

8. November 2018 at 12:40

 

 

© British Lion Films/Quelle: IMDb

 

 

 

I think I could turn and live with animals. They are so placid and self-contained. They do not lie awake in the dark and weep for their sins. They do not make me sick discussing their duty to God. Not one of them kneels to another or to his own kind that lived thousands of years ago. Not one of them is respectable or unhappy, all over the earth.“

 

 

 

Auf der Suche nach einem verschwundenen Mädchen begibt sich der Polizist Neil Howie auf die abgelegene schottische Insel Summerisle. Die Inselbewohner jedoch wollen noch nie von dem Kind gehört haben und leugnen hartnäckig dessen Existenz. Schon bald muss Howie feststellen, dass die Gemeinde angeführt von dem seltsamen Lord Summerisle einem alten, heidnischen Glauben folgt, welcher seine eigenen Wertevorstellungen vollkommen auf den Kopf stellt.

 

The Wicker Man war schon zum Zeitpunkt seiner Entstehung Anfang der 1970er Jahre kein typischer Gruselfilm (das Wörtchen Horror vermeide ich hier ganz bewusst), sah sich eher als Abgrenzung und Gegenentwurf zu den Produktionen des berühmten Studios Hammer Films und ist zweifellos in seiner ganzen unnachahmlichen Machart einer der originellsten Vertreter seiner Zunft. Der Film von Regisseur Robin Hardy – der erste und lediglich einer von insgesamt dreien in rund 40 Jahren – lässt sich in seiner schillernden Andersartigkeit kaum etikettieren, so sehr streift er durch diverse Genres vom Krimi über Mystery bis hin zum okkulten Thriller und noch vielem anderen in einem pittoresken wie ruralen Setting. Umschmeichelt wird das Ganze von leichten, melodiösen und flockigen Folksongs und folkloristischen Tanzeinlagen in sonniger Umgebung und den unverstellten Bewohnern von Summerisle.

 

The Wicker Man glänzt durch eine seltsam entrückte, geradezu verwunschene und über alle Maßen eigenwillige Atmosphäre, ist zuweilen gar bizarr, aber niemals ernsthaft schockierend und vor allem stark geprägt von Sergeant Howies puritanisch verzerrter Perspektive. Den Kern des Filmes bildet ein uraltes wie handfestes Problem, wenn Regisseur Hardy sich dem Konflikt zwischen Prüderie und Offenheit, zwischen alten Strukturen und neuen Ideen, zwischen Tradition und Moderne annimmt. Grundsätzlich behandelt er das Unvermögen, Andersartigkeit verstehen zu können oder gar verstehen zu wollen, stehen sich hier doch zwei vollkommen unterschiedliche Glaubenskonzepte gegenüber, unfähig, sich zu erklären oder zu begreifen. Howie steht sinnbildlich für das geradezu arrogant selbstbewusste, christlich geprägte Festland mit all seinen unumstößlichen Glaubens-Dogmen, die Bewohner von Summerisle und ihr Lord hingegen für eine alternative, naturverbundene und sexuell befreite Lebensweise.

 

In diesem Zuge ist es spannend zu beobachten, wie sich im Laufe der Story langsam, aber sicher die Sympathien des Zuschauers vom aufrechten wie strebsamen Polizisten hin zu den anders denkenden und glaubenden Inselbewohnern verschieben, wenn Sergeant Howie zunehmend seinen aus seiner Sicht heraus geradezu absoluten Autoritätsanspruch versucht zu untermauern. Natürlich ist The Wicker Man auch ganz deutlich ein Kind seiner Zeit, das heute kaum noch Seltsamkeiten bereitzuhalten vermag und in unserer Moderne vielleicht ein wenig an Wirkung eingebüßt haben könnte. Was ihn allerdings zu einem kaum weniger faszinierenden wie einnehmenden Film macht, dessen formvollendete Bildsprache Hand in Hand geht mit dem entspannt folkigen Score von Paul Giovanni und abgerundet wird durch einen enorm charismatischen Christopher Lee, bei dem man zu jeder Sekunde seine unbändige Spielfreude spürt und der vermutlich nicht ganz ohne Grund Zeit seines Lebens immer wieder betont hat, wie sehr The Wicker Man doch seine liebste Arbeit gewesen sei.

 

8,5 von 10 Märzhasen