J’ai perdu mon corps (I Lost My Body, 2019)

8. Dezember 2019 at 13:19

 

 

© Rezo Films/Quelle: IMDb

 

 

 

Eine abgetrennte Hand erwacht zu neuem Leben und macht sich fortan auf die Suche nach ihrem Körper. Während ihrer Odyssee durch Paris tauchen mehr und mehr Erinnerungsfetzen aus einem anderen Leben auf. Parallel dazu versucht der junge Naoufel irgendwie seinen Platz im Leben zu finden.

 

Ein Animationsfilm über eine abgetrennte Hand, die auf der Suche nach ihrem Körper diverse Abenteuer in Paris zu bestehen hat? Klingt skurril, ist es auch, aber vor allem erzählt J’ai perdu mon corps von Regisseur Jérémy Clapin (Skhizein, 2008) eine ganz wunderbare wie schöne Geschichte und strotzt nur so vor tollen visuellen Ideen. So reduziert und nüchtern der Stil auch wirken mag, so sehr ist er doch voller Details und überzeugt vor allem durch seine beinahe schon poetische Bildsprache. Einfühlsam und nachdenklich verhandelt J’ai perdu mon corps das Erwachsenwerden sowie Gefühle von Verlust und Angst, welche den Alltag von Naoufel immer wieder prägen. Er wirkt verloren, wie er so durch die Großstadt streift auf der Suche nach Stabilität und Zugehörigkeit.

 

Der Hand geht es da kaum anders bei ihrer abenteuerlichen Reise, muss sie sich doch ganz auf sich allein gestellt zahlreichen Bedrohungen und Hindernissen wie Ratten, Tauben oder Hunden erwehren. Und so laufen die beiden Handlungen parallel aufeinander zu, doch wie sich beide zueinander verhalten, das wird erst später aufgelöst, wenn sich nach und nach die Zusammenhänge wie ein Puzzle erschließen. J’ai perdu mon corps springt dabei munter zwischen Zeitebenen hin und her und ändert nicht selten seine tonale Gangart irgendwo zwischen Coming of Age-Drama, Abenteuer, Thriller, Lovestory und dem Reich der Fantasie. Trotzdem wirken diese rund 80 Minuten am Ende erstaunlich geschlossen und alles findet zueinander. Zwar richtet sich J’ai perdu mon corps vornehmlich an ein älteres Publikum, doch Jérémy Clapin erschafft hier einen wunderschönen, zärtlichen und faszinierend kreativen Animationsfilm voller Gefühl, spannenden Ideen und visuellen Glanzstücken.

 

8 von 10 verscheuchten Ratten in der U-Bahn

 

 

Spider-Man: Into the Spider-Verse (2018)

10. August 2019 at 17:26

 

 

© Sony Pictures Releasing/Quelle: IMDb

 

 

 

All right, let’s do this one last time. My name is Peter Parker. I was bitten by a radioactive spider, and for ten years I’ve been the one and only Spider-Man. I’m pretty sure you know the rest. I saved a bunch of people, fell in love, saved the city, and then I saved the city again… and again and again and again.“

 

 

 

Als der Teenager Miles Morales von einer radioaktiven Spinne gebissen wird, da ändert sich sein bisheriges Leben grundlegend. Nicht nur entdeckt er plötzlich allerhand merkwürdiger Veränderungen an seinem Körper, er wird auch unfreiwillig Zeuge des Todes von Spider-Man durch die Hand des Green Goblin. Als dann auch noch der Kingpin versucht Zugang zu anderen Parallel-Universen zu erlangen, tauchen plötzlich diverse alternative Inkarnationen von Spider-Man in der Welt von Morales auf. Gemeinsam versucht man den Kampf aufzunehmen und jeden wieder zurück in seine Welt zu bringen.

 

Stilistisch ist Spider-Man: Into the Spider-Verse zweifellos sehr erfrischend geraten, bricht der Film doch deutlich aus den mittlerweile arg festgefahren Strukturen und Mechanismen der Comic-Blockbuster aus. Unter der Regie von Bob Persichetti, Peter Ramsey (Rise of the Guardians) und Rodney Rothman kommt das Drehbuch aus der Feder von Phil Lord (21/22 Jump Street, The Lego Movie) den Ursprüngen derartiger Verfilmungen deutlich näher als die meisten anderen Vertreter dieses Genre. Verstanden haben die Macher also das Medium Comic durchaus und den Mut zu neuen, anderen Wegen der Inszenierung haben sie auch, und dennoch wollte der Funke bei mir nicht so recht überspringen. Diesen turbulenten, rasanten, zuweilen rauschhaften bis gar psychedelisch anmutenden Stil der Inszenierung empfand ich mit zunehmender Laufzeit immer mehr als anstrengend bis hin zur hyperaktiven Reizüberflutung im finalen Akt. Wenn dann dazu die inhaltliche Ebene derart dünn und wenig originell ausfällt wie hier, dann kann das alles mitunter zur Zerreißprobe werden. Auch ist es schade, dass durch das wirklich enorm hohe Tempo so manch interessante wie kluge Idee im Stakkato der Bilder untergeht, weil einfach keine Zeit zum Verweilen und Wirken bleibt. Vielleicht – bestimmt sogar – bin ich auch gar nicht Teil der Zielgruppe, aber das ist vollkommen okay. Der Mut jedoch, überhaupt mal andere Wege auszuprobieren und das Genre neu beleben zu wollen, der gehört zumindest gewürdigt.

 

6 von 10 parallele Comicwelten

 

 

Kubo and the Two Strings (2016)

25. August 2018 at 0:25

 

 

© Focus Features/Quelle: IMDb

 

 

 

If you must blink, do it now.“

 

 

 

Der kleine Kubo lebt mit seiner apathischen Mutter in einer Höhle unweit eines kleinen Dorfes und kümmert sich aufopferungsvoll um sie. Doch sie hat auch ihre lichten Momente, in denen sie ihm immerzu einbläut, bloß nicht nach Einbruch der Dunkelheit im Freien zu sein, denn sein rachsüchtiger Großvater und dessen Töchter haben es auf ihn abgesehen. Als Kubo tatsächlich eines Tages die Zeit vergisst und die Dunkelheit hereinbricht, da ist das der Auftakt zu einem großen Abenteuer.

 

Wer im Animationsbereich gern mal etwas ernstere und vielleicht auch düstere Geschichten erzählt bekommen möchte, der sollte es mal mit den Stopmotion-Filmen aus dem Hause Laika versuchen, denn im Gegensatz zu vielen anderen Produktionen dieser Art versuchen diese nicht ihre Inhalte auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu reduzieren, sondern schlagen gern visuell wie erzählerisch andere Wege ein, als man es von Pixar und Konsorten vielleicht gewohnt ist. Besonders Coraline (2009) würde ich da hervorheben wollen, aber auch ihr neuestes Werk Kubo and the Two Strings ist mehr als nur eine Empfehlung wert. Das Regiedebüt vom bisherigen Laika-CEO Travis Knight ist nämlich ein wunderschön wie aufwendig animiertes und fantasievolles Abenteuer voller fernöstlich angehauchten Mythen und Mysterien und glänzt mit einer gelungenen Mischung aus Spannung, Drama, Action, Gefühl, Humor und Wortwitz. Erzählerisch ist das alles zwar nicht immer ganz rund und so manche Wendung lässt sich früh erahnen, dafür ist die Inszenierung selbst ungemein temporeich und dynamisch geraten und die Bilder, welche Kubo immer wieder auf die Leinwand zaubert, sind voller liebevoller Details und toller Ideen, sorgfältig komponiert und einfach wundervoll anzusehen. Manchmal sogar etwas zu wundervoll, wenn die Trennlinie zwischen Stopmotion und CGI kaum noch wahrzunehmen ist, aber selbst das greift der Film thematisch auf. Auch die Figuren selbst haben ausreichend Eigenheiten und Tiefe, um nicht allzu schablonenhaft auszufallen und können die eigentliche Story rund um Liebe, Familie, persönliche Verluste und Identitätsfindung mühelos tragen. Wer also ein erfrischendes wie mutig melancholisches Gegenstück zu sonstigen mal mehr, mal weniger gelungenen Animationsfilmen sucht, der sollte Kubo and the Two Strings unbedingt mal eine Chance geben.

 

7,5 von 10 magischen Rüstungen im Mondlicht

 

 

 

 

Anomalisa

19. Juni 2016 at 16:22

 

 

© Paramount Pictures

 

 

 

„Look for what is special about each individual, focus on that.“

 

 

 

Michael Stone ist ein erfolgreicher Ratgeberautor und nun auf Lesereise in Cincinnati, wo er einen Vortrag halten soll. Genauso langweilig wie seine Arbeit ist auch Michael selbst. Er ist depressiv, Kettenraucher, mittleren Alters und hat sich von seiner Familie und seinen Freunden entfremdet, fühlt sich allein und isoliert. Als er jedoch der schüchternen Lisa begegnet, die ganz anders zu sein scheint als alles andere in seinem Leben, ist er schnell Feuer und Flamme für sie. Die beiden verbringen eine Nacht miteinander, die Michael die Hoffnung gibt, dass da draussen vielleicht doch noch mehr auf ihn warten könnte als sein eintöniges und tristes Leben.

 

Ein zentrales Element in der auf Hochtouren laufenden Werbekampagne um Anomalisa, dem neuesten Film von Drehbuchautor und Regisseur Charlie Kaufman, ist das folgende Zitat von US-Filmkritiker Matt Patches (Esquire): „The most human film of the year. And it doesn’t feature a single human.“ Und tatsächlich könnte nichts zutreffender sein als diese zwei Sätze. Patches trifft den Nagel auf den Kopf, denn Kaufman und dessen Co-Regisseur Duke Johnson bedienen sich der Stop-Motion-Animationstechnik und zahlloser zum Leben erweckter und manchmal täuschend echt wirkender Puppen, um ihre Geschichte zu erzählen. Dabei ist der technische Aspekt wirklich beeindruckend, denn es gibt einige spektakuläre Tricks wie komplizierte Spiegelungen und ausgeklügelte Kamerafahrten zu bestaunen. Stop-Motion hat noch nie so toll ausgesehen und vermutlich wird Anomalisa die Messlatte der kommenden Jahre darstellen. Die Arbeit des kleinen Studios Starburns Industries ist wunderbar unkonventionell. Man sieht die sonst sorgfältig verborgene Machart der Puppen, die Fingerabdrücke auf der Haut, die Knitter im Kostüm, alles fühlt sich unpoliert und persönlich an, man spürt geradezu die Leidenschaft des kleinen Filmteams in jedem sorgfältig animierten und komponierten Bild. Alles ist so voller winziger, liebevoller Details, die uns allen nur zu gut bekannt vorkommen, in Filmen aber oft nicht erwähnt werden, etwa der banale wie anstrengende Smalltalk mit dem Taxifahrer auf dem Weg zum Hotel oder das Einchecken dort. Toilettengänge oder unbeholfener Geschlechtsverkehr. Gespräche und Begegnungen. In diesen Momenten wirkt Anomalisa realistischer und lebensnaher als die meisten anderen Filme, manchmal sogar so sehr, dass man beinahe schon vergessen könnte, dass es sich um künstliche Figuren handelt. Das kann zuweilen ein etwas befremdliches Gefühl beim Betrachter auslösen. Die Figuren mögen sich bedingt durch die Stop-Motion-Technik etwas mechanisch bewegen, die Eigenheiten, die ihnen der Regisseur und Drehbuchautor Charlie Kaufman jedoch durch ihre Dialoge, Ticks und Macken mitgibt, lässt sie alltäglicher, ungekünstelter, ja, menschlicher wirken als so manchen realen Darsteller. Inhaltlich behandelt Anomalisa viele der von Kaufman gewohnten Themen – die Verlorenheit des Individuums, die Anonymität des modernen Lebens, die Unzuverlässigkeit der menschlichen Wahrnehmung, die Unmöglichkeit von dauerhafter Liebe. Diesmal jedoch verpackt Kaufman sie nicht einfach nur in ein faszinierendes tricktechnisches Gewand, sondern auch in eine vergleichsweise einfach gehaltene und simpel erzählte Geschichte und verzichtet beinahe völlig auf die für ihn sonst so üblichen Haken und Wendungen im Drehbuch wie beispielsweise noch bei Being John Malkovich, Adaption oder Eternal Sunshine of the Spotless Mind.

 

 

 

„Our time is limited, we forget that.“

 

 

 

Der Erfolg seines veröffentlichten Ratgebers hat Michael keineswegs glücklich gemacht. Seine Ehe scheint festgefahren, seine Welt trist und eintönig, er ist einsam. Und noch dazu sehen seltsamerweise alle Menschen um ihn herum immer irgendwie gleich aus. Sie sprechen sogar mit fast der gleichen Stimme. Diese Eintönigkeit wird erst durchbrochen, als er zufällig auf Lisa trifft. Sie hat eine eigene Stimme und ein eigenes Gesicht, sie hat unmittelbaren Wiedererkennungswert für Michael. Durch das Puppenspiel sehen wir in eine verzerrte Welt, die um den Protagonisten herum entsteht. In Cincinnati hat er im fiktiven Fregoli-Hotel eingecheckt, welches seinen Namen vom sogenannten Fregoli-Syndrom her ableitet. Eine seltene psychische Störung, bei der Betroffene dem Wahn verfallen sind, alle anderen Menschen seien im Grunde nur eine einzige Person, die lediglich ihr Aussehen verändert. Zwar leidet Michael nicht am Fregoli-Syndrom, aber dennoch dienen dessen Symptome ganz wunderbar als geradezu perfekte Allegorie für die Einsamkeit und Entfremdung, welche er permanent verspürt. Für jemanden, der sich in seinem Kopf gefangen fühlt, ermöglicht das animierte Szenario ein umso effektiveres Spiel mit Paranoia und Klaustrophobie. Passend dazu spricht im Original Tom Noonan alle anderen Figuren (egal, ob männlich oder weiblich) außer Michael und Lisa, die von David Thewlis und Jennifer Jason Leigh gesprochen werden, wodurch alle anderen durch ihr sehr ähnliches Puppendesign und die gleiche Stimme zu einer anonymen Masse von geistlosen Hüllen verschwimmen, die kaum befremdlicher wirken könnten. In seinem Verlauf stellt Anomalisa grundlegende Fragen über das Leben und die Liebe: was erkennen wir eigentlich in einem Menschen, in den wir uns verlieben? Oder vielmehr: was glauben wir, in ihm zu erkennen? Was spricht uns an bei anderen Menschen? Was genau suchen wir? Die Antworten, die der Film einem zwar nicht unbedingt gibt, aber zumindest nahelegt, sind ganz ähnlich seiner Inszenierung und seinem Setting weit entfernt von der verschachtelten Romantik eines Eternal Sunshine of the Spotless Mind. Wo zuvor Kate Winslett mit buntgefärbtem Haar wirbelte und Jim Carrey schweren Herzens durch den Schnee stapfte, stehen sich nun ein festgefahrener und von Depressionen geplagter Autor von Service-Ratgebern mittleren Alters mit Bauchansatz und eine schüchterne Verkaufsleiterin mit Komplexen und kaum vorhandenem sozialen Leben gegenüber.

 

Es musste erst ein animierter Stop-Motion-Film daherkommen, um uns im Kino wieder etwas menschlichen Alltag zu zeigen. Einen so verblüffend ehrlichen wie schmerzhaft entlarvenden Film über das Leben und die Liebe gibt es leider viel zu selten zu bestaunen. Mit seinen ausgesprochen präzisen Alltagsbeobachtungen ist Charlie Kaufman hier wahrlich ein meisterhaftes Werk gelungen, das uns viel über uns zu erzählen hat, auch wenn wir vieles davon nicht hören oder gar wahrhaben wollen. Es stimmt: obwohl Anomalisa von Puppen bevölkert wird, ist der Film einer der aufrichtigsten, menschlichsten und wahrhaftigsten seit Jahren. Dass der tricktechnische Aspekt die Grenzen des Machbaren im Bereich Stop-Motion für die nächsten Jahre definieren wird, das ist letztlich nur eine wirklich hübsche Zugabe.

 

9 von 10 einsamen Nächten in anonymen Hotelzimmern