Star Trek: Beyond

6. Dezember 2016 at 12:35

 

 

© Paramount Pictures

 

 

 

„Fear of death is illogical.“ – „Fear of death is what keeps us alive.“

 

 

 

Die Crew der Enterprise folgt während ihrer fünfjährigen Expedition durch den unentdeckten Weltraum einem Notrufsignal, welches sich schnell als Falle entpuppt. Konfrontiert mit einem unbekannten, aber starken Gegner, ausgestattet mit vielen hundert sehr kleinen und sehr wendigen Schiffen, dauert es nicht lange, bis die Enterprise nahezu vollkommen zerstört wird und auf dem fremden Planeten Altamid abstürzt. Die meisten Überlebenden werden gefangen genommen und interniert, doch Kirk, Spock, Pille und Scottie befinden sich noch in Freiheit und sind nicht gewillt, kampflos aufzugeben.

 

50 Jahre heißt es nun schon: Der Weltraum, unendliche Weiten. Und ich war mal mehr, mal weniger, auch ein Teil dieses Universums, aber auch nie so richtig wie vielleicht manch echter Hardcore-Fan. Also eines gleich vorweg: in die Grundsatzdiskussion, ob das Reboot unter J.J. Abrams, welches nun von Justin Lin fortgeführt wird, überhaupt noch den Geist von Star Trek atmet oder sich doch vollkommen von seiner Wurzel entfernt hat, kann und will ich gar nicht erst einsteigen. Das ist nun wirklich nicht meine Kernkompetenz, aber den Film als solchen möchte ich natürlich beurteilen, zumal ich seine beiden Vorgänger Star Trek und Star Trek: Into Darkness durchaus mochte und zweifellos meinen Spaß mit ihnen hatte. Unverhohlener Fakt ist jedoch, dass zumindest J.J. Abrams nie einen Hehl daraus gemacht hat kein Star Trek-Fan zu sein, weswegen nun unter der Regie von Lin der in diesem Universum erwiesenermaßen sehr bewanderte Simon Pegg maßgeblich am Drehbuch beteiligt war. Dieser erweitert seine darstellerischen Kompetenzen als Scottie nicht nur gleich mit, sondern findet auch einen Tonfall für die Wortgefechte und Kabbeleien jeglicher Art innerhalb der Crew, welcher sich in solch ausgeprägt traditioneller Form bisher noch nicht im Reboot finden ließ. Das macht oftmals sehr viel Spaß und weiß zu unterhalten, was man von der eigentlichen Story leider nicht behaupten kann, denn was den Plot angeht, da haben Pegg und sein Co-Autor Doug Jung erstaunlich bis erschreckend wenig zu bieten. Die Handlung rund um den Angriff auf die Enterprise durch eine fremde Rasse und deren Anführer Krall wirkt seltsam uninspiriert und irgendwie zu klein gehalten und mehr wie eine Serienfolge mit Überlänge, aber kaum wie ein abendfüllender Spielfilm mit gezielt gesetzten Höhepunkten. An denen mangelt es Star Trek: Beyond nämlich auch, ist der Film doch zwar kurzweilig und launig, plätschert er aber auch relativ ereignislos vor sich hin, bleibt meist belanglos und ist dann nach rund zwei Stunden zu Ende, ohne die ganz großen, zum Staunen verführenden Momente geboten zu haben. Visuell ist das alles großes Kino und fantastisch umgesetzt, nur den Zuschauer wirklich zu packen, das vermag der nunmehr dreizehnte Beitrag zum Star Trek-Universum beinahe kaum. Dazu ist dann auch der Antagonist in Gestalt von Krall viel zu blaß und eindimensional geraten und seine eigentliche Motivation nicht immer zwingend. Idris Elba ist in dieser Rolle leider vollkommen verschenkt. Immerhin stellt sich aufgeworfen durch Krall und seine Taten die Frage (ob nun gewollt oder ungewollt, das vermag ich nicht zu beurteilen, was genau das Drehbuch da nun tatsächlich im Sinn hatte), inwieweit die einst doch recht philosophischen Ansätze hinter Star Trek überhaupt noch relevant sind oder ob sich das utopische Wunschdenken einer geeinten Menschheit in Zeiten von zersplitternden Völkerbündnissen, wiedererstarkenden nationalistischen Strömungen, wachsender Diskriminierung und allgegenwärtigem Terror letztlich nicht doch als naiv entlarvt.

 

Vielmehr ist dann letzten Endes kaum noch zu sagen zu Star Trek: Beyond. Der Film von Justin Lin ist kurzweilig und durchaus unterhaltsam, aber auch nicht viel mehr, fehlen doch die ganz großen Momente. Den gelungen gezeichneten Charakteren seitens der Crew der Enterprise und den angenehm traditionell gehaltenen Dialogen und Wortgefechten stehen eine sehr dünne und belanglose Story sowie ein blaßer und flacher Antagonist gegenüber. Visuell versteht Star Trek: Beyond es, durchgängig zu überzeugen, aber das ist heutzutage ja kein Alleinstellungsmerkmal mehr und beinahe schon eine Art Mindestanforderung an einen Science Fiction-Film voller zahlreicher Actionszenen und einem Budget von 185.000.000 Dollar. So passt Star Trek: Beyond ganz hervorragend in diesen zurückliegenden Kinosommer voller künstlich erschaffener Nostalgie, in dem ein Remake das andere ablöste und Ghostbusters, Ben Hur oder Die Glorreichen Sieben dem Versuch erlagen, den Geist vergangener Zeiten zu beschwören statt neues zu wagen. Zuviel Traditionalismus ist eben auch nicht immer gut. Der Weltraum, unendliche Weiten. Ein Versprechen, welches Star Trek: Beyond nicht wirklich einlösen kann.

 

6,5 von 10 Motorrädern auf fremden Planeten

 

 

 

Green Room

9. Oktober 2016 at 20:55

 

 

© A42

 

 

 

„Now. Whatever you saw or did. Is no longer my concern. But let’s be clear. It won’t end well.“

 

 

 

Die junge Punkband The Ain´t Rights tourt durch das amerikanische Hinterland und hangelt sich mehr schlecht als recht von Auftritt zu Auftritt. Als ihnen endgültig das Geld ausgeht, kommt ihnen ein Angebot für einen Auftritt wohl oder übel gelegen, denn er findet in einer ranzigen Spelunke voller Skinheads und Nazis statt. Das Konzert dann auch mit einem Cover des Songs Nazi Punks Fuck Off von den Dead Kennedys zu beginnen, ist wohl nicht die aller beste Idee, dennoch können The Ain´t Rights das Konzert zu Ende bringen und ihre Gage einstreichen. Ein vergessenes Handy jedoch wird schnell zum Problem, als die Band es aus dem Backstageraum holen will und unfreiwillig Zeuge eines Mordes wird.

 

Jeremy Saulnier ist zweifellos einer der aktuell größten Hoffnungsträger des amerikanischen Genre-Kinos und hat schon 2013 mit seinem hervorragenden  Blue Ruin einen enorm spannenden und unkonventionellen Thriller rund um Rache und Vergebung gedreht, der nicht nur mich zu begeistern wusste. Und auch mit Green Room liefert er einen mehr als nur gelungenen Beitrag zum Genre der Belagerungsfilme, der schnörkellos und ausgesprochen effektiv daher kommt und einen glänzenden Spannungsbogen vorzuweisen hat. In seiner ganzen Ästhetik und Inszenierung atmet der Film den Geist der ganz klassischen Exploitationfilme und erinnert an John Carpenters Meilenstein Assault on Precinct 13 ohne diesen jedoch zu kopieren. Schon sehr früh im Film entsteht ein enormes Gefühl des Unwohlseins beim Zuschauer, doch Regisseur Saulnier kostet diese angespannte Atmosphäre lange genüsslich aus und lässt die Situation erst auf ihrem Höhepunkt dann völlig eskalieren. Gewalt in Kinofilmen verkommt immer öfter zu einem bloß noch auf seinen Selbstzweck ausgerichteten Mechanismus, zu mit schwarzem Humor und Augenzwinkern aufgebauschte Übertriebenheit, leicht konsumierbar aufbereitet für das Publikum. Es gibt nur sehr wenige Regisseure, die so mit Gewalt in ihren Filmen umgehen wie Jeremy Saulnier, eben nicht selbstzweckhaft und im Vordergrund inszeniert, sondern sehr dosiert, gleichzeitig aber auch roh und brachial, erschreckend realistisch und immer verbunden mit deutlich spürbaren Konsequenzen für seine Charaktere wie auch für den Zuschauer. Seine Inszenierung der Gewalt bahnt sich nicht an und wird nicht künstlich hochgespielt, sondern bricht vielmehr explosiv und schlagartig über Figuren wie Zuschauer herein, unvorbereitet und mit voller Wucht trifft sie dort, wo es weh tut, und ist dann auch genauso schnell wieder vorbei. Bei Saulnier wird Gewalt nicht einfach nur stumpf ausgestellt, sie ist dreckig und unangenehm, bringt spürbare Folgen für alle Beteiligten mit sich und entwirft eine Art Negativbild zu dem für Hollywood so typischen Heroismus. In Green Room wie auch in Blue Ruin ist niemand sicher und eine Überlebensgarantie gibt es nicht, was ich als enorm erfrischend empfinde im Vergleich zu vielen ähnlich gelagerten Vertretern der Genres Horror und Thriller. Saulnier benötigt kein Gemetzel, keine hunderte Liter Kunstblut, keine riesigen Leichenberge, denn er arbeitet viel effektiver mit begrenzten Mitteln und erzielt eine viel stärkere Wirkung als jede Splatter-Sause es jemals könnte. Insgesamt ist Green Room auf der inszenatorischen Ebene sehr stark, kann aber auf der Ebene der Figuren nicht immer ganz so punkten. Das Drehbuch ist in seiner dramaturgischen Konzeption stärker als in seiner Figurenzeichnung und in den Dialogen und der brachiale wie grausame Kampf ums nackte Überleben begeistert mehr mit seinen handwerklich formidablen Aspekten als mit seinen emotionalen Aspekten, weil die Ain´t Rights unterm Strich zu blass und eindimensional ausfallen. Das ist vor allem schade, weil Green Room genaus das nämlich auf der Gegenseite richtig gut macht und seinen Skinheads und Nazis mehr Profil gibt. So verachtenswert sie handeln und ihre Gesinnung auch sein mag, das Drehbuch erliegt hier nicht dem Fehler stumpfer schwarz/weiß-Malerei und zeichnet sie keineswegs als hirnlose Horde zurückgebliebener Hinterwäldler voller Muskeln und Waffen. Ganz im Gegenteil, tritt erst einmal der von Patrick Stewart hervorragend eindringlich verkörperte Darcy auf den Plan, dann wird es noch einmal richtig spannend. Der Anführer und Besitzer der Skinhead-Kneipe ist ruhig und kontrolliert, wirkt enorm abgeklärt, agiert geradezu freundlich und zuvorkommend, ist dennoch bestimmend, vermittelt zu jeder Sekunde das Gefühl, die Situation vollkommen im Griff zu haben und ist gerade deswegen absolut furchterregend und von unfassbarer Präsenz.

 

Wie schon mit Blue Ruin liefert Jeremy Saulnier einen weiteren starken Beitrag zum amerikanischen Genre-Kino und dürfte nun wohl aus der Nische des Geheimtipps langsam aber sicher hinaus wachsen. Green Room ist straff und schnörkellos inszeniert, dreckig und brachial, sehr spannend und er nutzt gekonnt sein begrenztes Setting. Seine sparsamen, aber dafür umso intensiveren Gewaltspitzen gehen abermals durch Mark und Bein, brechen vollkommen unberechenbar über die Figuren des Filmes hinein und verschwinden so schnell wie sie passieren. Leider ist die Zeichnung der Protagonisten nicht mehr so ganz gelungen wie noch in Blue Ruin, aber die der Antagonisten umso besser. Letztlich ist Green Room ein fieser kleiner Bastard im Genre der Belagerungsthriller und ich bin jetzt schon gespannt, was Jeremy Saulnier als nächstes machen wird. Seine beiden letzten Filme waren wirklich gutes Genre-Kino abseits ausgetretener Pfade und sehr mutig in ihrer Inszenierung und von derartigen Filmen kann es nicht genug geben. Ein deutlicher Mittelfinger in Richtung der glattpolierten, weichgezeichneten Filmindustrie ohne Ecken, Kanten und Mut zu Experimenten. Danke dafür!

 

7 von 10 zweckentfremdeten Teppichmessern