Morgan (Das Morgan Projekt)

17. Juli 2017 at 12:21

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„Do you know the cruelest thing you can do to someone you’ve locked in a room? Press their face to the window.“

 

 

 

Mit Hilfe von Nanotechnologie kombiniert mit menschlichem Genmaterial erschaffen Wissenschaftler ein künstliches Wesen namens Morgan. Als es zu einem blutigen Zwischenfall kommt, wird die Risikomanagerin Lee Weathers damit betraut, sich einen Überblick zu verschaffen und eine Empfehlung über den Fortbestand des Projektes abzugeben. Doch als es während der psychologischen Analyse von Morgan durch einen hinzugezogenen Experten erneut zu Blutvergießen kommt, eskaliert die Situation vollends und die künstlich erschaffene Kreatur kann sich befreien.

 

Luke Scott liefert nach Arbeiten für die Second Unit bei Exodus:Gods and Kings und Der Marsianer und einigen Kurzfilmen für das Prometheus/Alien: Covenant-Universum für seinen Vater Ridley Scott nun mit Morgan seinen ersten Langfilm. Und eines muss man zweifellos anerkennen: das Auge seines Vaters hat er scheinbar geerbt, ist Morgan über weite Strecken doch hübsch anzusehen und weiß visuell zu überzeugen. Wenn er dazu auch die inhaltliche Ebene ähnlich gut im Griff haben würde, dann hätte aus seinem Regiedebüt ein richtig guter Film werden können. Da das leider nicht der Fall ist, bleibt Morgan zwar ein interessanter Beginn, welcher zumindest im Ansatz ganz ähnliche philosophische und moralische Dilemmata thematisiert, wie sie zuletzt auch Alex Garland mit seinem kammerspielartigem Science Fiction-Drama Ex Machina verarbeitet hat. Doch erreicht dieses durchaus komplexe Thema seinen vorerst dramatischen Höhepunkt in Form der psychologischen Analyse von Morgan, dann kippt der Film in seiner Stimmung, es kommt zu einem relativ harten tonalen Bruch und bereits etablierte Motive verlieren plötzlich zu Gunsten von Action angereichert mit Horrorelementen an Bedeutung, so dass Morgans künstliche Herkunft, ihre Intelligenz und die damit implizierten Fragen fortan keine Rolle mehr spielen. Das ist zwar ein wenig schade, könnte ich jedoch problemlos verschmerzen, wenn die daran folgende Action nicht schrecklich herkömmlich und gewöhnlich ausfallen würde wie direkt vom Reißbrett. Auch die Handlung bleibt beinahe immer vorhersehbar und verlässt nur ausgesprochen selten seit Jahrzehnten ausgetretene Genrepfade, ja, sogar den Twist am Ende kann man durchaus vorher kommen sehen. Zudem werde ich das Gefühl nicht los, dass Morgan nicht zu seiner eigentlichen Herkunft als B-Movie so wirklich stehen will oder kann, obwohl der Plot an sich doch eben ein solcher Stoff durch und durch ist. Ein Film wie Species beispielsweise ist mir da um einiges sympathischer, weil er seine Herkunft nicht verleugnet und vollkommen dazu steht, was er ist und auch gar nicht versucht mehr zu sein, wohl wissend, das nicht leisten zu können. Ein B-Movie durch und durch, was ja auch überhaupt nichts schlimmes ist, ganz im Gegenteil. Morgan hingegen versucht sich ein wenig größer zu machen, als sein Plot letztlich ist, bleibt dabei aber zumindest durchweg unterhaltsam.

 

Somit formuliert Morgan anfangs zwar eine durchaus interessante und moralisch ambivalente Fragestellung, wirft diese jedoch recht zügig zu Gunsten von Action und Horror über Bord. Es bleibt eine hübsch anzusehende, geradlinig inszenierte Action-Horror-Variante von bereits bekannten Motiven, die kaum eigenständige Idee zu entwickeln vermag und immer vorhersehbar bleibt. Unterhaltsam ist das zwar, vielmehr aber auch nicht, denn inhaltlich ist da noch deutlich Luft nach oben. Eine gelungene Arbeitsprobe für Regisseur Luke Scott ist das aber allemal.

 

6 von 10 toughen Risikomanagerinnen

 

 

 

 

Split

11. Juni 2017 at 16:49

 

 

   © Universal Pictures

 

 

 

„We are what we believe we are.“

 

 

 

Nach einer gemeinsamen Geburtstagsfeier werden die drei Teenager Casey, Claire und Martha von einem Unbekannten gewaltsam entführt und von ihm in einen Keller gesperrt. Schon bald soll sich zeigen, dass der Mann namens Kevin ernsthaft krank ist und scheinbar unter einer stark ausgeprägten dissoziativen Identitätsstörung leidet, die immer wieder die unterschiedlichsten Persönlichkeitsstrukturen offenbart. Während die drei Mädchen fieberhaft versuchen eine Fluchtmöglichkeit zu finden, erregt Kevin bei den regelmäßigen Besuchen seiner langjährigen Psychiaterin mit eigenartigen Verhaltensweisen und rätselhaften Emails den handfesten Verdacht, dass etwas nicht stimmt.

 

Ein Hinweis vorweg: entgegen meiner sonst üblichen Vorgehensweise wird diese Rezension an Ende ganz bewusst Spoiler enthalten, erscheint mir der thematische Überbau doch als zu interessant, um ihn einfach links liegen zu lassen. Aber keine Sorge, der Teil wird entsprechend gekennzeichnet sein, so dass jeder für sich entscheiden kann, ob er ihn denn nun lesen möchte oder doch lieber nicht.

 

Es ist zwar nun schon rund 18 Jahre her, aber Regisseur M. Night Shyamalan stand mal in Hollywood hoch im Kurs, wurde 1999 nach seinem Überraschungserfolg The 6th Sense als neues Wunderkind gefeiert und man hat ihm eine große Karriere prophezeit. Dass dem nicht so kam, wissen wir heute, denn nach dem umjubelten Frühwerk folgte zwar noch der starke Unbreakable, danach aber begann eine künstlerische Talfahrt, die mit After Earth zweifellos ihren Tiefpunkt erreichte. Signs, The Village, Lady in the Water, The Happening, The Last Airbender, ein Flop größer als der andere, ein finanzieller wie kreativer Tiefschlag nach dem nächsten. Erst 2015 mit The Visit gelang es Shyamalan, diese Abwärtsspirale zu durchbrechen, und das erstaunlicher Weise mit einem vergleichsweise schmal budgetierten Film. Nun meldet sich der indischstämmige Regisseur erneut zurück und hat für seinen neuesten Film Split mit James McAvoy sogar einen der talentiertesten Schauspieler seiner Generation mit an Bord. Wie so oft bei Shyamalan muss man die grundlegende Prämisse mehr oder weniger ohne Hinterfragen schlucken und bereit sein, diese bis zum Schluss – inklusive aller daraus resultierender Logiklöcher – mitzugehen, ansonsten wirft es einen aus dem Seherlebnis. Gelingt dies jedoch, dann wird der geneigte Zuschauer mit einem spannenden wie interessanten Szenario konfrontiert, auch wenn die Idee der dissoziativen Identitätsstörung in Filmen nicht neu ist. Man denke da nur an Identity von James Mangold oder gar an Psycho vom großen Alfred Hitchcock, die Beispiele sind zahlreich. Aber Split geht soweit, all die im Film ausgelebten Persönlichkeiten von Kevin eben auch nur durch James McAvoy darzustellen, und dessen Performance muss an dieser Stelle einfach mal ausgesprochen hervorgehoben werden. Was der Mann hier abliefert, ist eine schauspielerische Tour de Force, sprengt beinahe jeden Rahmen und es ist ungemein faszinierend mit anzusehen in all seinem Facettenreichtum, wie er ganz selbstverständlich jeder einzelnen Ausprägung dieser Persönlichkeiten ihren ganz eigenen Ausdruck verleiht, wie er ihnen akribisch eine eigene Sprache gibt, Mimik, Gestik, Körperhaltung. Zwar unterscheiden sie sich anhand ihrer Kleidung relativ offensichtlich, aber eine solche Abgrenzung hätte es für mich nicht unbedingt gebraucht, macht doch allein McAvoys Schauspiel das differenzieren problemlos möglich. Er packt diese Herausforderung ganz offensichtlich voller Freude angesichts der sich ihm bietenden Möglichkeiten mit beiden Händen beim Schopf und deckt eine wahre Bandbreite an Eigenschaften ab, die den Zuschauer bis zum Finale im Unklaren darüber lassen, wie ernst gemeint die furchteinflößenden Prophezeiungen des Entführers denn nun sein mögen.

 

Dazu kommt eine enorm gelungene Inszenierung voller bedeutsamer Details. Allein die ganz am Anfang des Filmes stehende Entführungsszene ist fantastisch ausgearbeitet, kann punktgenau ihre Wirkung entfalten und verrät uns schon sehr früh jede Menge über die Figuren. Derlei Momente gibt es dann noch öfter in Split, der im späteren Verlauf sein minimales Setting gut zu nutzen weiß, simpel gehalten ist, aber dabei ungemein effektiv bleibt und eine subtilere Bildsprache an den Tag legt als man wohl möglich anfänglich vermuten würde. Natürlich ist der grundlegende Gedanke hinter der Story gerade auch aus wissenschaftlicher Sicht hanebüchener Unsinn, aber darum geht es Shyamalan überhaupt nicht, denn nichts läge ihm ferner als ein irgendwie gearteter Bezug zur Realität. Viel lieber lässt er seinen Film gegen Ende ins Fantastische kippen und versucht gar nicht erst, seine mitunter abgedrehten Ideen krampfhaft in der Wirklichkeit zu verankern, vielmehr erschafft er hier Stück für Stück sein ganz eigenes filmisches Universum,welches zudem noch in sich schlüssig formuliert ist, aber dazu gleich mehr. Dazu bekommt die Figur der Casey eine Backgroundstory spendiert, die es wahrlich in sich hat und die im weiteren Verlauf der Handlung noch eine nicht unwichtige, geradezu doppelbödige Bedeutung hat. So treffen in Split letztlich zwei geschundene Seelen aufeinander, die sich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, wie man zunächst annehmen würde. Zwei traumatisierte und gebrochene Personen, die legiglich anders mit ihren Erlebnissen umgehen, sich letztlich aber gegenseitig spiegeln.

 

SPOILER-ALARM! Von nun an erfolgt das Weiterlesen auf eigene Gefahr!

 

Nun, zunächst rückt Shyamalan Split mit der allerletzten Szene ganz bewusst und ausdrücklich in die Nähe seines 2000 erschienen Unbreakable, spielen doch offenbar beide im gleichen filmischen Universum und sollen irgendwann 2019 mit einem dritten Film zusammen eine in sich runde und abgeschlossene Trilogie bilden. Nun scheint es so, dass Unbreakable und Split zwei Seiten einer Münze abbilden und zueinander gehören wie Licht und Schatten, Tag und Nacht oder Ying und Yang. Unbreakable zeigt die Geburt eines Helden, Split die eines Schurken. Wie das genau zusammenhängen könnte, dazu habe ich mir so meine Gedanken gemacht, aber alles, was jetzt folgt, ist reine Spekulation meinerseits. Wir erfahren wenig über Kevin, über sein Schicksal, seine Vergangenheit, sein Trauma, aber doch genug, um Verbindungen zu knüpfen. Sein Vater scheint in früher Kindheit verschwunden zu sein und der Junge wird mit seiner gestörten Mutter allein gelassen und ihren Misshandlungen ausgesetzt. Mit einem Zug sei er weggefahren, wird im Film gesagt, was letztlich in den Traumata mündet, die zu seiner dissoziativen Identitätsstörung führten. Ein Zug ist es auch, vor dem Dennis (ein weiteres Alter Ego von Kevin, die ihn für zu schwach halten und beschützen wollen) nicht unähnlich einer Grabstätte Blumen ablegt, bevor die Bestie erscheint. Meine bescheidene Theorie also wäre die, dass möglicherweise Kevins Vater bei eben jenem Zugunglück ums Leben kam, das David Dunn in Unbreakable als einziger überlebte und welches von Elijah Price mutwillig herbeigeführt wurde. Vermutlich nicht umsonst wird der abschließende dritte Film aller Voraussicht nach Glass heißen und wohl möglich, wer weiß, alle drei Parteien miteinander konfrontieren, Dunn als Held, die Bestie als Schurke, beide auf der Suche nach Mr. Glass. Auf dem Papier eine Superhelden-Trilogie wie aus dem Buche.

 

Zweifellos ist Split ein Film, auf den man sich einlassen muss, dessen grundlegende Prämisse man mitgehen wollen muss, aber allein das eindrucksvolle und enorm vielfältige Schauspiel von James McAvoy erleichtert einem diesen Prozess ungemein. Belohnt wird man dafür mit einem konsequent umgesetzten, in sich schlüssigen und toll aufgebauten Thriller, der zu fesseln weiß und darüber noch Denkanstöße mit auf den Weg gibt. Kombiniert mit Shyamalans (von mir inzwischen verloren geglaubten) Gespür für eine dichte Atmosphäre und der ständigen Anwesenheit einer irgendwie übernatürlichen Präsenz erschafft er mit Split einen wirklich gelungenen, spannenden Film, der zum Glück gar nicht erst versucht, sich in der Realität zu verankern, sondern viel lieber die Freude am Fantastischen zelebriert. Tatsächlich könnte ich noch sehr viel mehr erzählen, will das aber an dieser Stelle lieber erst einmal dabei belassen.

 

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