Night Moves (1975)

10. Januar 2020 at 1:40

 

 

© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Who’s winning? – Nobody. One side is just losing slower than the other.“

 

 

 

Als Privatdetektiv befasst sich Harry Moseby überwiegend mit untreuen Ehepartnern. Da kommt ihm der Fall einer jugendlichen Ausreißerin ganz gelegen. Doch je weiter seine Ermittlungen voran schreiten, umso komplizierter und undurchsichtiger scheint der Fall zu werden.

 

Point of view. Alles ist eine Frage der Perspektive, der Wahrnehmung, aber auch der Verzerrung. Auf den ersten Blick könnte man Arthur Penns Night Moves für einen typischen Neo-Noir seiner Zeit halten. Doch hinter der vermeintlichen Detektiv-Story verbirgt sich die filigrane Charakterstudie eines Mannes auf der Flucht vor sich selbst. Einen klassischen Krimi sollte man hier nicht erwarten, denn der Plot ist allenfalls Nebensache, und erst im letzten Drittel und besonders im knackigen Finale zieht das sonst eher moderate Tempo merklich an. Penn konzentriert sich viel mehr auf die inneren Untiefen seiner Hauptfigur. Harry Moseby ist alles andere als der coole und abgeklärte Ermittler mit genialen Eingebungen und lässigem Look. Er hadert mit seinem Leben, mit vertanen Chancen, mit verpassten Gelegenheiten, und so dekonstruiert Night Moves gnadenlos den Mythos des hard boiled private eye.

 

Harry ringt so sehr um Kontrolle, Souveränität und den Überblick, dass er das Wesentliche übersieht und Zusammenhänge nicht zu erkennen oder entsprechend zu interpretieren vermag. So passt es auch ganz hervorragend, dass der Zuschauer zu jeder Zeit ganz nah dran ist an Harry und immerzu dessen point of view erlebt. An keiner Einstellung ist er nicht aktiv beteiligt und einen Wissensvorsprung gibt es nicht, wenn wir den gesamten Film allein durch seinen getrübten Blick erleben und ihm auf Schritt und Tritt folgen. Selbst die Lösung des für ihn eigentlich unlösbaren Falles geht nicht aktiv auf sein Konto und kommt eher von außen. Night Moves ist ruhig, aber auch lässig und lakonisch erzählt, und glänzt nicht nur durch seine klug angelegten Figuren, sondern auch durch geschliffene, pointierte Dialoge. So ruhig jedoch Night Moves erzählt ist, so sexuell aufgeladen und ambivalent ist die Atmosphäre, wenn Penn besonders die blutjunge Melanie Griffith provokant-irritierend in aufreizender Art und Weise in Szene setzt. Zeigefreudig, aber niemals plump als bloßer Selbstzweck.

 

All das kulminiert letztlich in einem starken Schlussbild, welches Night Moves ausgezeichnet zusammenfasst. Einer der vielleicht weniger bekannten, aber dennoch spannenden Filme des bereits langsam ausklingenden New Hollywood und durchaus ein Bruder im Geiste von Robert Altmans The Long Goodbye (1973) oder Charley Varrick (1973) von Don Siegel.

 

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The Train (1964)

7. Juni 2019 at 17:03

 

 

© United Artists/Quelle: IMDb

 

 

 

You talk about the war. I talk about what it costs!“

 

 

 

Zweiter August, 1944. Der 1511. Tag der deutschen Besatzung in Frankreich, der Krieg ist so gut wie beendet und die Allierten stehen vor ihrem Sieg. Große wie klangvolle Namen, materiell wie ideell unersetzlich und von unschätzbarem Wert: Gauguin, Renoir, Manet, Picasso, Van Gogh, Degas, Miro, Cézanne, Matisse und viele andere, geraubt aus Museen und Sammlungen, angehäuft in den Jahren der Besatzung. Der deutsche Offizier Franz Von Waldheim will all diese Kunstwerke unbedingt noch so schnell wie möglich nach Berlin schaffen und lässt einen Güterzug mit ihnen beladen, doch der französische Untergrund rund um Paul Labiche setzt alles nur erdenkliche daran, genau das zu verhindern.

 

Die Geschichte, dass Burt Lancaster den ursprünglichen Regisseur Arthur Penn nach nur wenigen Drehtagen zu Gunsten eines mehr actionlastigen, auf ihn zugeschnittenen Filmes vertrieb und durch John Frankenheimer ersetzen ließ, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, doch dazu später mehr. Was Frankenheimer hier in der Frühphase seiner Karriere mit The Train abliefert, das darf durchaus als eine Art Blaupause für das moderne Actionkino gesehen werden, so kraftvoll, mitreißend und treibend ist sein Film. Ist die erste Hälfte eher noch ein ausgefeiltes Katz -und Mausspiel voller List und Tücke zwischen den Nazis und der Resistance, so zieht das Tempo in der zweiten Hälfte merklich an, steigert sich hin zu atemloser Action geprägt von einer enormen kinetischen Energie und mündet schließlich in einem herrlich ambivalenten Schluss und der Frage nach dem eigentlichen Wert von Kunst als Ausdruck nationaler Identität in Relation zu Menschenleben.

 

Der für seinen beinahe schon fanatischen Anspruch auf Authentizität berühmt-berüchtigte Frankenheimer frönt dem bereits bei The Train und setzt auf grimmigen Realismus. Überwiegend on location, mit echten Zügen und mit echten Flugzeugen statt Modellen gedreht, entstehen so rasante, packende und spektakuläre Actionszenen voller Wucht und Druck, die auch heute noch zu begeistern wissen. Die Kulissen sind aufwendig, die Stunts gefährlich und die Kameraperspektiven zum Teil erstaunlich kreativ, was zu einer gewissen Zeitlosigkeit führt. Die bewusste Entscheidung, The Train in teils wunderschönem Schwarz/Weiß zu drehen bricht ein wenig mit dem aufwendig inszenierten Spektakel und vermag so auch auf der handwerklichen Ebene Spannung zu erzeugen. Burt Lancaster in der Rolle des Labiche ist gewohnt viril und athletisch, mit breiten Schultern, hemdsärmelig, ein Macher, und doch eher Held wider Willen, der durch Umstände zum Handeln gezwungen wird.

 

The Train ist ein herausragend inszenierter Action-Thriller, der auch heute noch zu packen weiß und mühelos Spannung generiert. Dank Frankenheimer auf dem Regiestuhl stark von Authentizität geprägt, sind die Action-Sequenzen voller Wucht, Präzision und Detailreichtum, und tragen zu einem intensiven Erlebnis bei, welches letztlich auch eine etwas ambivalente Betrachtungsweise zulässt. Doch die Ironie am Ende ist: nach The Train geriet die Karriere von Lancaster ein wenig ins Trudeln, wohingegen die von Arthur Penn gerade erst beginnen sollte.

 

9 von 10 spektakulären Zugunfällen