Nobody (2021)

29. Januar 2022 at 21:30

 

 

© Universal Pictures

 

They say God doesn´t close one door without opening another. Please God, open that door.

 

Mit nur wenigen schlagkräftigen Bildern gepresst in eine knackige Montage-Sequenz macht Regisseur Ilya Naishuller (Hardcore Henry, 2015) gleich zu Beginn deutlich, mit was für einem frustrierend unauffälligen und gewöhnlichen Durchschnittsleben wir es hier zu tun haben. Der von Bob Odenkirk verkörperte Hutch Mansell ist buchstäblich ein Nobody, selbst für die Müllabfuhr unsichtbar. Doch man spürt schnell, dass da etwas in ihm schlummert, wartet, lauert, etwas Unterdrücktes, etwas, das sich aufgestaut hat und ausbrechen will. Und es bricht aus.

 

Nicht ohne Grund fühlt sich Nobody verwandt zu John Wick an, denn Derek Kolstad ist hier für das Drehbuch verantwortlich. Doch Mansell wirkt psychologisch ausgefeilter und geerdeter als der von Kenau Reeves verkörperte Superkiller, auch wenn das alles kein Vergleich zu der präzisen Beobachtung von Gewalt und deren Folgen in David Cronenbergs A History of Violence (2005) ist. Aber immerhin, Naishuller nimmt sich die nötige Zeit für seine Figuren und lässt sich auf sie ein, statt wie in Hardcore Henry bloß die technischen Aspekte aggressiv in den Vordergrund zu rücken. Nobody darf zwischendurch auch mal atmen und das tut dem Film extrem gut.

 

Das Highlight des Filmes ist zweifellos die minutenlange Kampfsequenz in einem Bus, in welcher Mansell ausgesprochen unangenehm aufräumt. Hier zeigt sich auch ganz besonders Naishullers ausgeprägtes Gespür für Action, welche er zusammen mit seinem Kameramann Pawel Pogorzelski (Hereditary, Midsommar) dynamisch filmt und gleichzeitig genug Fingerspitzengefühl aufbringt, um die temporeiche Choreografie für sich selbst sprechen zu lassen. Das Timing der Inszenierung ist hier wahnsinnig präzise und pointiert, die Action selbst druckvoll und schmerzhaft, zugleich jedoch erstaunlich bodenständig und wenig elegant.

 

Leider peitscht Nobody den Wahnsinn im letzten Akt ein wenig zu sehr auf die Spitze, so dass das übertriebene Finale nicht so recht zu dem zuvor etablierten Ton passen will, diesen sogar geradezu unterläuft. Schade, da scheint dann doch wieder der überbordende Stil von Hardcore Henry bei Naishuller durch zu kommen. Bis auf diesen Wermutstropfen ist Nobody robust inszeniertes und vor allem knackig erzähltes Genrekino, welches ohne große Umschweife schnell zur Sache kommt. Kurzweilig und voller überraschender Härte, mit einem starken Bob Odenkirk in der Hauptrolle und einem erschreckend unberechenbaren Aleksey Serebryakov als Antagonist. Hardcore Henry hat mich schnell gelangweilt, Nobody hingegen mein Interesse geweckt. Ich bin gespannt, was Naishuller als nächstes ausheckt.

 

7/10