Free Fire (2016)

30. Januar 2018 at 13:00

 

 

© StudioCanal UK

 

 

 

„I’m not talking about your fucking Hollywood. I’m talking about the real Holywood. Holywood, County Down, Northern Ireland.“ – „You guys got a Holywood too?! That’s great. That’s what I like about this business. It could be financially rewarding and you can still learn something new everyday.“

 

 

 

Als ein Deal zwischen einigen IRA-Männern und amerikanischen Waffenhändlern schrecklich schief geht, stehen sich plötzlich ein Dutzend Gangster in einer Lagerhalle randvoll mit Waffen und Munition gegenüber und es dauert nicht mehr lange, bis die ersten Schüsse fallen.

 

In Ben Wheatley setze ich große Hoffnungen für das Genre-Kino: sein Film Kill List hat mir damals komplett den Schalter rausgehauen und mich verstört zurückgelassen. Sightseers war inszenatorisch zugänglicher und lockerer, glänzte dafür durch herrlich schwarzen Humor. Und High-Rise ist eine kongeniale J.G. Ballard-Verfilmung voller zivilisatorischem Wahnsinn und Anleihen bei Cronenberg, eine Art vertikales Gegenstück zu Snowpiercer. Und nun also Free Fire, ein actionlastiges Kammerspiel, ein bleihaltiger Ensemblefilm in fettem wie unironischem 70er Jahre-Anstrich. Ein Waffendeal, der furchtbar schief geht. Ein räumlich begrenzter Schauplatz, zwei Handvoll Personen mit undurchsichtigen Absichten und das Vielfache an geladenen Waffen – nein, es braucht wirklich keine Voraussicht, um dieses Pulverfass als solches zu erkennen. Dass es in der Konstellation zügig knallt, ist somit keineswegs überraschend. Andere Filme machen den großen Shootout zu ihrem Höhepunkt im Finale, Free Fire zelebriert eine geradezu absurde Eskalation der Gewalt über zwei Drittel seiner Laufzeit und erhebt den nicht mehr enden wollenden Schusswechsel zu seinem alleinigen Erzählprinzip.

Und genau da fangen die Probleme von Free Fire an, wenn Ben Wheatley zu Gunsten seiner Inszenierung nahezu gänzlich auf einen Plot verzichtet: erzählerisch ist sein Film buchstäblich nicht mehr als eine einzige große Schießerei. Motivationen einzelner Figuren sind da genauso Nebensache wie die Figuren selbst: ihr einziges Merkmal ist, dass sie Teil dieses Shootouts sind. Dazu gibt es keine nennenswerten Sympathieträger in diesem Haufen von Gangstern und Handlangern. Eines von beiden kann ich in der Regel verschmerzen, aber wenn ich weder eine handfeste Story noch zumindest halbwegs sympathische Figuren habe, dann muss mich ein Film schon irgendwie anders durch Besonderheiten überzeugen. Leider gelingt das Free Fire nicht so richtig, denn die rund einstündige quasi Dauer-Schießerei ermüdet auch irgendwann. Zumindest sind die Dialoge on point und der verbale Schlagabtausch temporeich und mit einer ordentlichen Dosis Zynismus versehen. Letztlich destilliert Wheatley mit Free Fire das Genre des Gangsterfilmes auf seine rudimentärsten Bestandteile und kocht einen zwar interessanten, jedoch nur bedingt schmackhaften Sud aus 70er Jahre-Look, Blei, Blut und Beleidigungen, der phasenweise zwar unterhält, aber auch mangels Abwechslung irgendwann Abnutzungserscheinungen aufweist. Es ist schon etwas schade, aber für mich ist Free Fire der bisher schwächste Film von Wheatley. Meine Hoffnung in ihn als Regisseur schmälert das jedoch kaum und zusammen mit Namen wie Edgar Wright, Jeremy Saulnier und S. Craig Zahler gehört er für mich nach wie vor zur Speerspitze eines neuen Genrekinos.

 

6,5 von 10 abgeprallte Querschläger

 

 

Scott Pilgrim vs. the World

28. September 2017 at 23:43

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

„An epic of epic epicness.“

 

 

 

Scott Pilgrim ist ein mustergültiger Slacker. Anfang 20, ohne Job, gammelt er sich Tag für Tag durch sein Leben in Toronto, datet ein Schulmädchen und probt immerzu mit seiner Band Sex Bob-omb für den großen Durchbruch, als plötzlich die geheimnisvolle Schönheit Ramona Flowers in sein Leben platzt. Sie ist buchstäblich das Mädchen seiner Träume, doch bevor er mit ihr zusammen sein kann, muss er sich noch mit ihren sieben teuflischen Ex-Lovern rumschlagen.

 

Ich platze mit meiner Meinung gleich einfach mal so heraus: Edgar Wright ist ein meisterhafter Regisseur, Scott Pilgrim vs. the World ist der Beweis und dieser Text eine Liebeserklärung an sein zweifellos stärkstes Werk. Seine Verfilmung des sechsteiligen Comics von Bryan Lee O´Malley ist ein permanent Popkultur referenzierendes Monster, ein visuell einzigartiges Feuerwerk der Ideen, ein Wanderer zwischen den unterschiedlichsten medialen Kunstformen, dem es mühelos gelingt all seine Einflüsse zu bündeln und ein vollkommen für sich stehendes Gesamtkunstwerk zu erschaffen. Und wie Wright die Geschichte erzählt, wie er die Gedanken – und Gefühlswelt seines Protagonisten direkt und ungefiltert auf die Leinwand überträgt und den Zuschauer daran teilhaben lässt, das zeugt von unglaublich profunder Kenntnis der letzten vierzig Jahre Popkultur – von Pac Man über Mangas bis hin zu zeitgenössischem Indierock – sowie einer schier immensen Lust daran, mit dieser Kenntnis zu spielen und einem unglaublich guten Gespür für Tempo und Timing. Visuell ist das alles unfassbar eindrucksvoll und geradezu überbordend kreativ umgesetzt, wenn sich die verschiedensten Erzählformen munter vermischen, wenn 80er Jahre Videospiel-Ästhetik auf Comicwelten trifft, wenn sich der Film frech und schamlos Dinge erlaubt, vor denen auf Filmhochschulen stets gewarnt wird, dann bricht Scott Pilgrim vs. the World buchstäblich den filmischen Horizont auf. Was mich aber abseits all dieser audiovisuellen Pracht, all der wundervollen Ideen und Einfällen auf der erzählerischen Ebene und all dieser nerdigen Detailverliebtheit noch am allermeisten fasziniert und begeistert, das ist der so schlichte wie zu gleich schöne Kern der Geschichte. Wenn man nämlich all diesen Popkultur-Wahnsinn, die inszenatorischen Tricks und Kniffe und den visuellen Budenzauber einfach mal außen vor lässt und beiseite wischt, dann offenbart sich tief im Innern von Scott Pilgrim vs. the World ein roter Faden, welcher zu keiner Sekunde aus den Augen gelassen wird. Denn letztlich erzählt Edgar Wright mit seinem Film nicht mehr und nicht weniger als die vielleicht älteste Geschichte der Menschheit: Junge trifft Mädchen, Junge verliebt sich in Mädchen. So einfach, so universell. Und bei all dem kreativen Feuerwerk, welches er nahezu permanent entfacht, verliert er nie das Gespür für seine Figuren und drosselt gezielt das erzählerische Tempo um der Romanze zwischen Scott und Ramona genügend Freiraum und Luft zum atmen zu geben. Der Cast erledigt dann den Rest und füllt den Film mit Leben und lässt seine Liebesgeschichte erst richtig glaubwürdig erscheinen. Und auch bis in kleinere Nebenrollen ist der Film wahnsinnig gut besetzt und kann mit Namen wie Chris Evans, Anna Kendrick, Brie Larson, Jason Schwartman, Brandon Routh oder Kieran Culkin um sich werfen. Sogar Thomas Jane und Clifton Collins, jr. dürfen kurz für einen ausgesprochen witzigen Cameo-Auftritt vorbeischauen. Aber das Herz von Scott Pilgrim vs. the World sind Michael Cera und die wundervolle Mary Elizabeth Winstead. Und seien wir doch mal ehrlich: wie könnte man sich nicht in Ramona Flowers verlieben?

 

Natürlich ist sich Edgar Wright vollkommen im klaren darüber, dass er allein aufgrund der Art und Weise, wie er seine Geschichte erzählt, große Teile des Publikums nicht erreichen wird. Dafür ist vieles an Scott Pilgrim vs. the World einfach zu weit weg vom Mainstream, vieles einfach zu sehr auf bestimmte Nischen der Popkultur fixiert. Das schöne aber ist: es ist ihm egal. Wright zelebriert das alles so voller Enthusiasmus, dass man das Gefühl bekommt, er hätte den Film auch nur für sich allein gemacht. Schon die Cornetto-Trilogie (Shaun of the Dead, Hot Fuzz, The World´s End) war sehr gut und zeugte vom scheinbar grenzenlosen Genre-Wissen ihres Regisseurs, aber Scott Pilgrim vs. the World treibt das alles frech wie versiert auf die Spitze und katapultiert den Film damit tief in mein Nerd-Herz. Baby Driver habe ich leider noch nicht sehen können, bin aber sehr, sehr gespannt darauf, was sich Mr. Wright hier wieder alles hat einfallen lassen. Seine Vision von Ant-Man hätte ich übrigens auch nur allzu gern gesehen.

 

9 von 10 Extraleben

 

 

Kong: Skull Island

18. März 2017 at 12:27

 

 

  © Warner Bros.

 

 

 

„This planet doesn’t belong to us. Ancient species owned this earth long before mankind. I spent 30 years trying to prove the truth: monsters exist.“

 

 

 

Der Vietnamkrieg ist gerade vorbei, da wittert Bill Randa von der Regierungsorganisation Monarch seine Chance, die sagenumwobene Insel Skull Island einer näheren Untersuchung zu unterziehen und überzeugt einen US-Senator davon, ein Expeditionsteam zu genehmigen. So macht sich eine kleine Gruppe bestehend aus Wissenschaftlern, Militär und Zivilisten und angeführt vom Abenteurer James Conrad auf den Weg durch eine gigantische Sturmfront, die Skull Island permanent im Verborgenen hält. Kaum auf der Insel angekommen, werden sie bereits vom gigantischen Riesenaffen Kong attackiert, dezimiert und quer über die ganze Insel verteilt.

 

Wenn sich riesige Monster auf der großen Leinwand gegenseitig die Köpfe einschlagen, dann hat das Kind in mir seine helle Freude an dem dargebotenem Spektakel. Egal, ob Filme wie Godzilla, Pacific Rim oder eben jetzt die neueste Inkarnation des King Kong, da fühle ich mich beinahe immer bestens aufgehoben. Und auch Kong: Skull Island konnte mich in Aufregung versetzen, wurde mir doch so ziemlich alles geboten, was mein Herz begehrte. Ich habe fette und spektakuläre Monsteraction erwartet und fette und spektakuläre Monsteraction bekommen. Mehr braucht es in diesem Kontext für mich dann auch gar nicht mehr um mich zu unterhalten. Umso angenehmer empfand ich es, dass der mir bisher unbekannte Regisseur Jordan Vogt-Roberts gar nicht erst zu vertuschen versucht, welchen Geistes Kind sein Film ist, und von der ersten Minute an vollkommen dazu steht, nicht mehr zu sein als bloßes Effektspektakel. Das versprüht auf jeden Fall seinen ganz eigenen Charme, zeugt von der reinen Lust am Fabulieren und zelebriert einen scheinbar grenzenlosen Gigantismus, ganz unkompliziert und ohne unnötige Umwege über story telling. Die Geschichte selbst von Kong: Skull Island ist schlicht und leicht zu überschauen und auch die Charaktere sind nicht viel mehr als bloße Stereotypen und klischeehafte Abziehbilder, bei denen meist völlig egal ist, wer überlebt oder stirbt, doch das alles ist mehr oder weniger egal, wenn Kong seinen Pfad der Verwüstung schneisenartig über die Insel zieht. In dem Kontext mutet es ein wenig eigenartig an, einen solch starbesetzten Cast einfach so zu verschleudern, denn Tom Hiddleston, Brie Larson, Samuel L. Jackson, John Goodman und John C. Reilly werden zu Gunsten der Monsteraction mehr oder weniger verheizt, aber dafür gibt es viel Spektakel zu bestaunen. Das Drehbuch verzichtet sogar auf den sonst oftmals üblichen Vorlauf (welchen Peter Jackson einst ein wenig übertrieben hat in meinen Augen – ich mag seinen King Kong gern, aber die ersten anderthalb Stunden haben durchaus ihre Längen, wie ich finde) und präsentiert seinen haarigen Star dem Publikum sehr schnell und ohne größere Einführung.

 

Und ist Kong erst einmal auf der Bildfläche erschienen, dann geht es auch schon Schlag auf Schlag zur Sache, denn er ist bei weitem nicht das einzige Monster auf Skull Island. Visuell sieht das alles dann auch fantastisch aus und kann punktuell sogar durch die eine oder andere ausgesprochen kreative Kameraperspektive überzeugen. Der 70er Jahre Soundtrack weiß zu gefallen, auch wenn klar ist, dass es sich dabei schon auch um einen Griff in die Trickkiste handelt, doch er lädt zum dezenten Mitwippen ein und täuscht über die eine oder andere erzählerische Schwäche hinweg. Auch der Humor, überwiegend transportiert durch John C. Reilly als Hank Marlow, weiß meist zu überzeugen und bildet einen angenehmen Gegenpol zu der Ernsthaftigkeit eines Samuel L. Jackson, der in bester Apocalypse Now – Manier Colonel Kurtz nachahmt und langsam dem Wahnsinn anheim fällt, besessen von der Idee, Kong zu töten. Überhaupt taucht Apocalypse Now recht häufig als Referenz in Kong: Skull Island auf: Look und vor allem die Farbgebung erinnern an Francis Ford Coppolas Meisterwerk, das Setting ist durchaus ähnlich, es gibt eine Bootsfahrt auf einem Fluss sowie Helikopterangriffe und Napalm, und auch einige Namen der Figuren lassen sich als Anspielungen lesen. Als sonderlich tiefschürfend erweisen sich all diese Verweise nicht wirklich, aber Apocalypse Now scheint ganz offensichtlich die größte Inspirationsquelle gewesen zu sein. Sogar dem großen Klassiker des italienischen Mondo-Genre Cannibal Holocaust wird in einer kurzen Szene Tribut gezollt und wer beide Filme kennt, der weiß ganz genau, was ich meine. Übrigens lässt sich anhand von Kong: Skull Island und Peter Jacksons King Kong sehr gut begrifflich differenzieren, wo der Unterschied zwischen einem Remake und einem Reboot liegt, denn Jackson nimmt ein in sich geschlossenes Werk und passt es erzählerisch und visuell moderneren Zeiten an, Jordan Vogt-Roberts hingegen nimmt die Figur an sich samt ihrer Heimat aus ihrem ursprünglichen Kontext heraus und erzählt eine völlig neue Geschichte. Die zudem im gleichen filmischen Universum spielt wie Gareth Edwards Godzilla und in einem gemeinsamen Zusammentreffen gipfeln soll.

 

Letztlich gibt es gar nicht so wahnsinnig viel über Kong: Skull Island zu sagen: er hat meine Erwartungen an ihn erfüllt, mir jede Menge fette Monsteraction geboten und das Kind in mir glücklich gemacht. Dass Handlung und Figuren flach und austauschbar bleiben, habe ich so im Vorfeld erwartet und in meinen Augen kann und darf man das einem solchen Film auch nicht ankreiden. Kong kommt schnell zur Sache, das macht Spaß und sieht toll aus. Was will man denn mehr in einem solchen Film? Ich wurde zwei Stunden lang gut unterhalten, hatte keine Langeweile und wurde in eine fantastische Welt entführt. Dafür sind Abenteuerfilme doch eigentlich gemacht, oder nicht?

 

7 von 10 zweckentfremdeten Bäumen im Kampf gegen Hubschrauber