Lord of Illusions (1995)

14. Juli 2018 at 16:45

 

 

© MGM/UA Distribution Company/Quelle: IMDb

 

 

 

Flesh is a trap… that’s what he used to say… flesh is a trap, and magic sets us free.“

 

 

 

Eigentlich ist es kaum mehr als ein einfacher Fall von Versicherungsbetrug, der Privatdetektiv Harry D´Amour nach Los Angeles führt, doch die Stadt der Engel hält noch einen ganz anderen Job für ihn bereit. Denn als er von der Frau des Illusionisten Philip Swann den Auftrag erhält, ihren Mann zu beobachten, da gerät er nach und nach in die Kreise teuflischer Okkultisten, welche mittels eines magischen Rituals ihr seit dreizehn Jahren totes Oberhaupt erneut zum Leben erwecken wollen.

 

Nachdem Clive Barker mit Hellraiser das Tor zur Hölle weit aufgestoßen und den Zuschauer mit Nightbreed nach Midian entführt hat, da widmet er sich mit seinem dritten und bisher letzten Film dem schmalen Grat zwischen Sein und Schein, zwischen Illusion und Magie. Auch Lord of Illusions basiert auf einer seiner eigenen Kurzgeschichten und hat The last Illusion aus der Anthologie Books of Blood Vol. 6 zur Grundlage. Und auch hier bleibt Barker seinen grundlegenden erzählerischen Motiven treu und fabuliert von einer großen Sehnsucht nach einer Welt hinter unserer Welt, einer Welt im Schatten jenseits unserer Wahrnehmung. Unter der glitzernden Oberfläche von Los Angeles brodelt es und üble Dinge bahnen sich an, während ein vermeintlich simpler Fall von Versicherungsbetrug den Privatdetektiv Harry D´Amour in die Stadt der Engel führt. Einen Hang zum Okkultismus hat er zwar, doch wo er hier eher zufällig hineingerät, das übersteigt sowohl Kompetenz als auch Vorstellungskraft.

 

Angel Heart und die Hellblazer-Comics kommen einem in den Sinn, versucht sich Barker hier doch offensichtlich an einer Mischung aus modernem Horror und klassischem Film Noir, und man spürt und sieht schon deutlich, was er im Sinn hatte, doch ich bin mir nicht ganz sicher, ober er das Genre des Noir wirklich in Gänze verstanden hat. Zu sehr scheint Barker nämlich eher all die klassischen erzählerischen Motive des Film Noir Punkt für Punkt abzuhaken. Auch stimmt die erzählerische Balance zwischen eben jenen beiden Polen nur zum Teil, wenn die klassische Detektivarbeit deutlich stärker im Vordergrund steht als der moderne Horror und die Phantastik, Clive Barkers eigentliche Kernkompetenzen. Stimmung und Atmosphäre können zwar überzeugen und obwohl Lord of Illusions sein bisher temporeichster und Action geladenster Film ist, kann das aber auch nicht über deutliche Längen und erzählerische Durchhänger im Mittelteil hinwegtäuschen. Zudem ist die eigentliche Story hinter all dem Budenzauber erstaunlich uninspiriert, geradezu fadenscheinig dünn und künstlich auf zwei Stunden Laufzeit aufgeblasen, und in ihren Plotpoints und diversen Wendungen sehr vorhersehbar. Das verwundert mich ein wenig, hatte Barker hier doch wieder alleinig alle kreativen Zügel in seinen Händen.

 

6 von 10 Illusionen, die keine sind

 

 

Nightbreed (1990)

14. Juli 2018 at 16:17

 

 

© 20th Century Fox/Quelle: IMDb

 

 

 

Everything is true. God’s an Astronaut. Oz is over the Rainbow, and Midian is where the monsters live.“

 

 

Aaron Boone wird von seltsamen Träumen verfolgt, in deren Mittelpunkt immer wieder schreckliche Kreaturen und ein mysteriöser Ort namens Midian eine Rolle spielen. Ein Ort, der Vergebung und Frieden verspricht, und beides hat Boone bitter nötig. Also macht er sich auf die Suche nach Midian und der Brut der Nacht, doch als er diese schließlich findet, da droht ein Konflikt mit den Menschen, die lieber ausrotten, was sie nicht kennen, statt es verstehen zu wollen.

 

Nach Hellraiser ist Nightbreed die zweite Regiearbeit von Clive Barker und erneut widmet er sich einer seiner eigenen Geschichten. Und erneut sind wie auch in Hellraiser die Sehnsucht und die Suche nach einer anderen Welt das eigentliche Thema: egal, ob Frank in Hellraiser oder Dr. Channard in Hellbound, die sich beide im Reich der Zenobiten die Erfüllung ihrer jeweiligen Sehnsüchte erhoffen, oder nun in Nightbreed Boone und Narcisse, die sich von Midian Erlösung versprechen, ihre Motive sind sich sehr ähnlich. Und auch Nightbreed besticht durch überwiegend fantastische Masken, Kostüme und Setdesigns, denn Barker erschafft hier ein düsteres Fantasy-Märchen für Erwachsene, stimmungsvoll, atmosphärisch dicht, kreativ in seiner Inszenierung und voller teils winziger, aber dennoch bemerkenswerter Details.

 

Erzählerisch wirkt zumindest die Kinofassung nicht immer ganz rund, weil diese ihrer Zeit vom Studio stark gekürzt und rückblickend geradezu verstümmelt wurde, so dass es schwer fällt, alles in Gänze zu erfassen, weil entscheidende Elemente unter den Tisch fallen. So lässt allenfalls noch erahnen, welch großartiger Film sich in Nightbreed eigentlich verbirgt. Der deutlich längere Directors Cut vermag auch etwas mehr Licht ins Dunkle zu bringen, doch Fragen bleiben dennoch zurück und mit ihnen immer noch das merkwürdige Gefühl, dass da etwas fehlt. Auch von einer Form des Genozids will Barkers zweiter Film erzählen, hier jedoch sind mir seine Botschaft und die damit einhergehende Bildsprache gerade im Vergleich zu Hellraiser dann doch etwas zu plakativ und eher weniger subtil geraten.

 

Dennoch ist er weiterhin aufrichtig an seinen Figuren und deren Bedürfnisse wie auch Sehnsüchten interessiert, ohne diese gleich vorab moralisch wie auch immer zu bewerten oder zu verurteilen. Dass das große Finale ein wenig unübersichtlich und chaotisch ausfällt, das lässt sich vermutlich ebenso auf die stark geschnittene Kinofassung zurückführen. Letztlich bleibt ein toll inszenierter Fantasy-Film rund um Themen wie Sehnsucht, Erlösung, Heimat und Zugehörigkeit, bei dem man jedoch immerzu das Gefühl hat, dass einem wichtige Elemente der Geschichte vorenthalten werden, weil Barkers Vision den Scheren der Studiobosse zum Opfer fiel. Das ist schade, denn mehr Freiheit seitens des Studios hätte Nightbreed sicherlich sehr gut getan, das riesige Potential jedenfalls ist zweifellos vorhanden und auch durchaus erkennbar.

 

7 von 10 Orten der Erlösung

 

 

Hellbound: Hellraiser II (1988)

8. Juli 2018 at 15:36

 

 

© New World Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

„Your suffering will be legendary, even in hell!“

 

 

 

Angesichts der Tatsache, dass Hellbound: Hellraiser II kaum mehr ein Jahr später nach dem überraschend erfolgreichen Erstling in die Kinos kam, könnte man einen Schnellschuss aus der Hüfte erwarten, um noch mehr Geld zu verdienen. Man könnte damit kaum weiter daneben liegen. Clive Barker führte zwar keine Regie mehr, sondern stattdessen sein Freund Tony Randel, der sich später noch für Filme wie den oft unterschätzten Tierhorror-Streifen Ticks (1993), die Realverfilmung von Fist of the North Star (1995) oder insgesamt 23 Folgen der Serie X-Factor verantwortlich zeigen sollte. Barker war jedoch als Produzent beteiligt, immer noch sehr eng in die Arbeit eingebunden und im Grunde auch permanent mit am Set, sein kreativer Geist ist also auch in Hellbound zu jeder Sekunde zu spüren. Die Handlung schließt quasi direkt an Hellraiser an, wenn sich Kirsty unmittelbar nach den Ereignissen im Haus ihres Vaters in einer Art Nervenklinik befindet und ihr niemand glauben will außer Dr. Channard, der ein seltsames Interesse an ihrer Geschichte zeigt.

 

Dabei ist das Grundsetting der Story dem des Vorgängers gar nicht mal so unähnlich, wenn die Ereignisse beide Male fast gleich losgetreten werden, doch Hellbound macht spätestens ab der Hälfte – eher schon etwas früher – so viele Türen und Ebenen auf, dass schnell ein faszinierend abstruser Sog entsteht, der einem im Minutentakt so viele großartige Ideen um die Ohren ballert, dass man aus dem Staunen kaum noch raus kommt. Wo Hellraiser stringenter, strukturierter und geradliniger seine Geschichte zumindest anfangs noch eher als intimes Familiendrama und tragische Liebesgeschichte erzählt, da öffnet Hellbound ein Kaleidoskop des Abseitigen und zeigt uns einen Ort, den keiner von uns ernsthaft kennenlernen möchte: unsere ganz eigene, intime, private Hölle. Endloser Schmerz ohne Aussicht auf Erlösung. Visuell erinnert das alles oft an Gemälde von Hyronismus Bosch, Pieter Bruegel oder Francisco de Goya und an den deutschen Expressionismus sowie Elemente von H.P. Lovecraft oder Arbeiten von H.R. Giger. War die Hölle in Hellraiser noch eher stark psychologischer Natur, formuliert Hellbound die Welt der Zenobiten, diesen Nicht-Ort, stärker aus, ein Labyrinth aus engen Gängen, düsteren Kammern, abgefahrenen Architekturen und bevölkert von unseren schlimmsten Albträumen.

 

Und dann ist da ja noch Leviathan, das abgründige und finstere Herz dieser kalten Hölle, in seiner vollkommen geometrischen Abstraktion und mit seinem schwarzen „Licht“kegel, eigentlich eher der puren Abwesenheit von Licht, rätselhaft wie furchterregend und rational kaum zu begreifen. Ja, das kommt alles ein Stück weit durchaus auch einer Art von Entmystifizierung gleich, aber es baut vollkommen auf der von Clive Barker ersonnenen Welt auf und erweitert die Mythologie aus Hellraiser sehr elegant. Der erste Film ist ein wenig wie der Blick durch ein Schlüsselloch, Hellbound mehr wie ein geöffneter Türspalt mit Fuß in der Tür. Auch Pinhead bekommt nun ein wenig mehr Hintergrund, was ihm etwas Kontur gibt und leicht tragisch wirken lässt in dieser bizarren Melancholie, welche er auszustrahlen scheint. Letztlich ist Hellraiser zweifellos der nicht nur technisch wie handwerklich bessere Film, bei dem einfach alles von der souveränen Inszenierung über das beeindruckende Schauspiel und die atemberaubend gute Effektarbeit bis hin zum fabelhaften Score zusammen passt, Hellbound jedoch macht mir mit seinen absurd-kreativen und völlig frei drehenden Genre-Auswüchsen punktuell mehr Spaß. Die letzte Szene jedoch, die hätte man sich wirklich sparen können und darf getrost ausgeblendet werden, verkündet sie doch bereits vom Abstieg ins allzu Reißerische noch kommender Sequels.

 

8 von 10 blutigen Matratzen-Geburten

 

 

 

 

Hellraiser (1987)

7. Juli 2018 at 15:09

 

 

© Entertainment Film Distributors/New World Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

„Pain and pleasure, indivisible.“

 

 

 

Frank Cotton ist mehr als nur gelangweilt von seinem Leben und seinen Exzessen und daher auf der Suche nach höheren Vergnügungen ungeahnter Freuden. Diese soll ihm eine mysteriöse Puzzelbox bescheren, welche angeblich eine Tür in eine fremde Welt öffnen kann. Und tatsächlich gelingt es ihm, den Übergang in eine andere Dimension zu finden, doch was ihn dort erwarten sollte, das hatte er sich anders vorgestellt.

 

Als 1987 mit Hellraiser das Regiedebüt des britischen Schriftstellers Clive Barker das Licht der Welt erblickte, da platzte dieses düstere wie ungemein ernsthafte Werk in ein Genre, welches jener Zeit von oftmals humoresken Überzeichnungen wie etwa Evil Dead und dessen Fortsetzung, Return of the Living Dead, Night of the Creeps, Fright Night oder The Lost Boys aufgebrochen wurde. Hellraiser war anders. Fleisch, Lust, Schmerz, Sex, Verlangen, Untreue – das sind die Eckpunkte des Koordinatensystems, in welchem der Film sich thematisch bewegt. Die Suche nach dem größtmöglichen Vergnügen, Schmerz inklusive. Hellraiser verstört und berührt gleichermaßen in dem Gefühl, nicht noch weiter gehen zu dürfen, es aber dennoch unbedingt zu wollen. So handelt der Film eher weniger von irgendwelchen Monstern oder Psycho-Killern, sondern vielmehr von tief in unserem Inneren brodelnden und schwelenden, unbegreiflichen wie unaussprechlichen Empfindungen, die uns zu übermannen drohen und in absolute Grenzbereiche führen. Von Lust und Verlangen, so stark und unnachgiebig, dass sie bis zur Selbstaufgabe treiben.

 

Und diese ultimativen Freuden, die versprechen die Zenobiten, angeführt von Pinhead, der sie selbst als explorers in the further regions of experience bezeichnet. Demons to some, angels to others. Sie betreiben mit geradezu religiöser Hingabe eine Art übernatürlichen Hedonismus, welcher sich durch die Ausdehnung jeglicher Empfindung bis hin zu einem extrem schmerzhaften Punkt der sensorischen Überlastung und andauernden quälenden Schmerzen manifestiert. Pinhead – der erst später diesen Namen erhalten sollte – ist ein etwas schräges Phänomen der Popkultur und mag zwar auf den ersten Blick in die Top-Riege der legendären Horrorfilm-Ikonen gehören, aber irgendwie war er dort doch auch immer eine Art Außenseiter zwischen Freddy, Jason, Michael und Leatherface und seltsam deplatziert. Vielmehr verströmt er eine bizarre Ambivalenz, ist irgendwie weder böse noch gut, er und die anderen Zenobiten sind eher einfach da, seltsam neutrale wie passive Beobachter und nur ihren abartigen Praktiken verpflichtet. Der eigentliche Bösewicht in dieser Geschichte ist zweifellos jemand anderes. Doch letztlich wollen Versprechen gehalten und eingelöst werden. Ihr Design ist gleichsam atemberaubend furchterregend wie faszinierend in ihrem extrem übersteigerten Körperkult. Eine Formulierung aus einem Making-of zum Film ist mir diesbezüglich sehr in Erinnerung geblieben: repulsive glamour. Was in meinen Augen den Nagel auf den Kopf trifft. Buchstäblich.

 

Clive Barker inszeniert seinen Hellraiser (wohlgemerkt: sein erster Spielfilm!) grandios, ist dabei ungemein selbstsicher, weiß ganz genau was er will und hält das erzählerische Tempo trotz nicht zu leugnender physischer wie psychischer Härte überraschend zurück, geht nicht gleich in die Vollen, sondern widmet sich lieber einem langsamen Aufbau und einer unglaublich dichten, drückenden und geradezu beklemmenden Atmosphäre. Es ist erstaunlich, wieviel Raum Barker trotz aller Explizität vor allem auch dem Unausgesprochenen lässt. Den leisen Zwischentönen. Allein die winzige Szene zu Beginn, wenn Julia eine Zigarette auf dem Fußboden des Elternhauses ihres Mannes Larry austritt, das sagt in wenigen Sekunden einfach alles über diese Ehe, so voller unverhohlener Verachtung ist dieser Moment. Natürlich nutzt Hellraiser auch wie viele andere solcher Genre-Filme den Mechanismus des Einsturzes einer heilen Familienwelt, doch Barker lässt nie Zweifel daran, wie sehr fragil und beschädigt dieses Gefüge bereits ist, bevor das nackte Grauen erst Einzug hält. Visuell ist das alles fantastisch gelungen und hervorragend zwischen kalter Realität und fiebriger Phantasmagorie umgesetzt. Hellraiser bietet immer wieder ganz starke Bilder, die sich nur schwerlich wieder vergessen lassen. Viele der zum Teil durchaus derben Splatterszenen sehen auch heute noch technisch gut aus und nur ein oder zwei Sequenzen gegen Ende des Filmes wirken rückblickend reichlich antiquiert. Der fabelhafte Score aus der Feder von Christopher Young rundet dieses grausam-schöne Erlebnis letztlich ab und schnürt ein stimmungsvolles wie faszinierendes und gleichermaßen abstoßendes Gesamtpaket, welches in meinen Augen zu den besten Horrorfilmen der letzten Dekaden zählt. Ein Meisterwerk in Blut, Schmerz und Begierde. We have such sights to show you!

 

9 von 10 Höllen voller unaussprechlicher Qualen