Angel Heart (1987)

19. August 2018 at 11:35

 

 

© Tri-Star Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

No matter how cleverly you sneak up on a mirror, your reflection always looks you straight in the eye.“

 

 

 

Der abgehalfterte Privatdetektiv Harry Angel erhält im New York der 50er Jahre vom mysteriösen Louis Cyphre den scheinbar recht simplen Auftrag, einen verschwundenen Schnulzensänger namens Johnny Favorite ausfindig zu machen. Er willigt zögerlich ein und macht sich auf die Suche, doch jeder, den er zu Favorite befragt oder der Informationen liefern könnte, ist kurz darauf tot. Seine Spur führt ihn schließlich bis nach New Orleans, wo er sich mit Rassisten und Okkultismus konfrontiert sieht und schließlich einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur kommt.

 

The flesh is weak. Only the soul is immortal. Blut und Regen, flatternde Hühner und bissige Köter, schmierige Rassisten, hässliche Inzestgesichter, entfesselte Sexualität und das winzige wie geniale Detail eines solch simplen Dinges wie ein Nasenschutz, seltsam fremd und doch so gewöhnlich. Hin und wieder gibt es Filme, die ihrer Zeit um Jahre voraus sind und das Potential haben, unsterblich zu werden. Noch seltener ist eine solche Entwicklung bei ihren Premieren abzusehen, doch nach über zwanzig Jahren lässt sich mancher Status kaum noch leugnen. Blade Runner gehört in diesen Kreis, Heaven´s Gate, Jacob´s Ladder vielleicht und zweifellos auch Angel Heart.

 

Today is Wednesday. It´s anything can happen day. Regisseur Alan Parker verfilmt mit Angel Heart 1987 den neun Jahre älteren Roman Fallen Angel von William Hjortsberg und orientiert sich inhaltlich und strukturell am klassischen Film Noir, erweitert seinen Kosmos jedoch mit fortschreitender Laufzeit mehr und mehr um zahlreiche Elemente aus Horror, Mystery, Okkultismus und Voodoo, wenn wir dem Protagonisten auf seinem Weg zunächst durch die kalten, matschigen, schmuddeligen und düsteren Straßen New Yorks folgen und schließlich im schwül-heißen, kochendem und brodelndem Glutofen Louisiana den Verstand zu verlieren drohen. Überhaupt inszeniert Alan Parker besonders den Süden als eine seltsam unwirkliche Welt abseits dem uns Bekannten, voller uns fremden Bräuche und Sitten, eine Welt, welche nach ihren ganz eigenen Regeln und Gesetzen funktioniert. Zunehmend verliert Angel Heart den Bezug zur Realität, immer mehr bricht das Mysteriöse, das Surreale, das Albtraumhafte durch und sickert fortan ungehindert immerzu mehr und mehr in diese seltsam unwirkliche Welt und evoziert Wahnvorstellungen und Fieberträume.

 

How terrible is wisdom, when it brings no profit to the wise? Parker versteht es meisterhaft und so gnadenlos wie kaum ein anderer, beinahe jedem seiner Bilder Schrecken, Ungewissheit und Angst einzubrennen und konserviert gekonnt nagende Gefühle des Unbehagens und eine diffus allgegenwärtige Bedrohung. Parker will den Zuschauer keineswegs mit dumpfen und vorhersehbaren Schockeffekten erschrecken, sondern versetzt ihn viel lieber in einen Zustand konstanter Anspannung und stetigem Unbehagen irgendwo zwischen Abscheu und Neugierde. Seine Bildsprache ist nahezu vollständig durchdrungen von unzähligen Anspielungen, Hinweisen, Symbolen, Motiven und Verweisen, die allesamt bereits von dem drohenden Unheil künden, welchem sich Harry Angel unausweichlich nähert.

 

The future isn´t what it used to be, Mr. Angel. Angefangen beim Drehbuch und der Dramaturgie über die Figurenzeichnung bis hin zu den Schauplätzen, den Kulissen, der Ausstattung und der Kameraführung stimmt bei Angel Heart nahezu alles. Harry Angel verfängt sich in einem dichten wie nahezu undurchdringlichen Netz aus falschen Fährten, doppelten Böden, mysteriösen Hintermännern und Sackgassen und getreu den Mechanismen des Film Noir bleibt die Handlung eher nebulös, ist der eigentliche Kern von Angel Heart doch ein völlig anderer. Allerdings ist Harry Angel nur oberflächlich betrachtet der klassische Held seines Genres, er ist kein hard boiled private eye, er ist nicht der wortkarge tough guy, der Fall entpuppt sich schnell als zu groß für ihn, ist zweifellos nicht seine Liga, wächst ihm zunehmend über den Kopf und er bekommt Angst.

 

I have old-fashioned ideas about honour. An eye for an eye… stuff like that. Und Mickey Rourke ist ein fantastischer Darsteller, der sicherlich zu oft – auch angesichts seiner beinahe schon tragischen Geschichte – unterschätzt wird, doch er besitzt einen kaum zu leugnenden Makel: er kann im Grunde nur Variationen seiner selbst spielen. Das reicht natürlich nicht für die ganz großen Bühnen dieser Welt, doch wenn er leicht verlotterte Typen spielen kann, die in sich ihrem Kern den verletzlichen kleinen Jungen bewahren konnten, dann ist er großartig. Denn dabei braucht er nicht zu spielen, er braucht bloß nur er selbst zu sein. Es sind die kleinen Gesten, die Blicke, die Art, wie er raucht, die seinem Harry Angel im Detail sehr viele Ecken und Kanten geben und eine relativ vielschichtige Figur glaubwürdig zum Leben erwecken. Dazu gesellt sich der Mut zu einer sehr nuancierten Emotionalität und fragilen Verletzlichkeit, die seiner Figur inne wohnt und sich zutiefst aufrichtig anfühlt, statt aufgesetzt zu wirken. Selten in seiner Karriere hat Rourke SO einnehmend, SO abgerissen, SO eindringlich und SO großartig verloren gespielt wie in Angel Heart.

 

They say there´s enough religion in the world to make men hate each other, but not enough to make them love. Letztlich bleibt Angel Heart ein zeitloses Stück Film, das an der Perfektion kratzt. Ein Film, der auch nach dem Wissen um seinen Twist immer noch hervorragend funktioniert, weil er so sehr voller umwerfender Details ist, es unglaublich viel zu entdecken gibt, Alan Parker eine schier unglaubliche Atmosphäre erschafft und die Performance von Mickey Rourke atemberaubend gut ist. Eine mehrfache Sichtung lohnt sich sogar, denn die zahlreichen Symbole, Motive, Anspielungen und wunderbar doppeldeutigen Dialoge sind ausgesprochen reizvoll zu entdecken und entschlüsseln, manchmal aber auch etwas zu deutlich platziert. Wäre Angel Heart hier einen Hauch leiser, nur etwas weniger vordergründig, dann wäre er wirklich brillant.

 

9,5 von 10 frisch gepellten Eiern.

 

 

 

Shortcut Vol. I: The Long Goodbye

25. Januar 2017 at 22:19

 

 

  © United Artists

 

 

 

Zeit für etwas neues auf diesen Seiten. Die Shortcuts. Hin und wieder werde ich hier kurze Texte zu Filmen veröffentlichen, die weniger einer klassischen Rezension entsprechen, sondern vielmehr einfach meinem Empfinden und dem Strom meiner Gedanken. Könnte kryptisch werden… so what?

 

Nothing says goodbye like a bullet… Marlowe braucht geschlagene zehn Minuten, um die Katze zu füttern und dann verschmäht sie das Futter. Miststück, sagt er. Ein verwöhntes Ding, die Kleine, trotz der schäbigen Umstände. Und hartnäckig dazu. Es hat wohl selten lässiger gewirkt, das Füttern einer Katze. Und länger gedauert. Geh doch zurück nach Indien, sagt er zu ihr. Zu den Tigern. El porto del gato. Und raucht dabei locker drei Kippen weg. Elliot Gould ist klasse als abgewrackter Privatdetektiv, lakonisch, zynisch, ein bischen versifft, immer einen Spruch oder eine Zigarette auf den Lippen. Manchmal – eigentlich ziemlich oft – beides. Einem Freund will er helfen und einen Schriftsteller in typischer Hemingway-Pose soll er finden. Versoffen, verwirrt, cholerisch, aber vermisst von seiner Gattin. Brutale Gangster mischen mit. Wege werden sich kreuzen, Menschen sich scheiden und Gelegenheiten sich ergeben. Richtigen Durchblick hat er keinen und tappt viel und lange im Dunkeln, bleibt ein Spielball anderer und reagiert mehr als dass er agiert, aber das spielt auch gar keine Rolle. Alles fließt irgendwie vor sich hin. Hauptsache, es gibt was zu rauchen. Die Coen-Brüder dürften The Long Goodbye recht häufig gesehen haben. It’s okay with me. I even lost my cat. Ganz starkes Ding. Ganz anders, als erwartet. Ganz anders, als erhofft.

 

8 von 10 hungrigen wie hartnäckigen Kätzchen

 

 

A Girl Walks Home Alone at Night

10. November 2015 at 14:30

 

 

 

A Girl Walks Home Alone at Night (2014)
A Girl Walks Home Alone at Night poster Rating: 7.1/10 (11,550 votes)
Director: Ana Lily Amirpour
Writer: Ana Lily Amirpour
Stars: Sheila Vand, Arash Marandi, Marshall Manesh, Mozhan Marnò
Runtime: 101 min
Rated: UNRATED
Genre: Horror
Released: 20 Apr 2015
Plot: In the Iranian ghost-town Bad City, a place that reeks of death and loneliness, the townspeople are unaware they are being stalked by a lonesome vampire.

 

 

 

„Sad songs hit the spot, don´t they?“

 

 

 

Ein junges Mädchen streift nachts durch die Straßen der fiktiven iranischen Stadt Bad City. Was niemand ahnt: sie ist ein Vampir und auf der Suche nach Opfern und erleichtert die Stadt um allerhand Gesindel. Als der junge und rebellische Arash ihren Weg kreuzt, wird eine Reihe von Ereignissen los getreten, die ihrer beider Leben verändern wird…

 

Viel mehr lässt sich über den Inhalt des ersten Spielfilms von Ana Lily Amirpour auch kaum sagen, denn A Girl Walks Home Alone at Night definiert sich über viele Dinge, aber am allerwenigsten über seine Handlung oder Erzählstruktur. Zu episodenhaft und nur lose zusammenhängend sind die Ereignisse rund um Arash, seinen drogensüchtigen Vater, dessen Dealer, dem Vampirmädchen und noch einigen anderen Figuren, die sich in Bad City herumtreiben. Das ist aber kein Nachteil, denn das Erzählen von Geschichten im klassischen Sinne spielt hier nur eine sehr untergeordnete Rolle, deutlich wichtiger sind Atmosphäre und Stimmung, wirklich von Bedeutung sind nur all die wunderschönen Bilder und die stilvolle Schwarz/Weiß-Ästhetik, die sich zusammen mit der Musik in einen geradezu hypnotischen Rausch steigern und den Zuschauer unweigerlich vereinnahmen, ihn mit sich reißen und in ihren Bann ziehen. Folglich wird auch dem gesprochenem Wort eher wenig Raum gegeben, aber durch Bilder, Gesten und Blicke wird alles erzählt, was man wissen muss. Schwelgerische Bilder, lange Kameraeinstellungen und sich langsam entfaltende Stimmungen überlagern immer wieder die Handlung und erschaffen eine düstere, melancholische Atmosphäre, der man sich nur schwer entziehen kann. In ihrer Bildsprache bedient sich Amirpour dann auch im großen Fundus der letzten 100 Jahre Film, angefangen beim klassischen Horror über Western hin zum Film Noir, sogar ein Hauch von James Dean und Elemente des deutschen Stummfilms lassen sich da ebenso entdecken wie zahlreiche andere Verweise und Bezüge zu allerlei Formen der Popkultur. Allein das Zimmer des namenlosen Vampirmädchens quillt regelrecht über vor Reminiszenzen an die Popkultur: ein Raum voller Poster, von der Decke hängt eine kleine Discokugel, an der Wand steht ein Plattenspieler und so wie der ist auch sie ein wenig aus der Zeit gefallen, das namenlose Mädchen, das in Jeans und Ringel-Shirt durchs Zimmer tanzt. Namen wie Quentin Tarantino, Jim Jarmusch oder David Lynch kommen einem da in den Sinn, auch die Ästhetik von Coppolas Rumble Fish, aber Amirpour bleibt zu jeder Sekunde selbstständig und kopiert nicht einfach nur blind, A Girl Walks Home Alone at Night trägt ganz deutlich ihre eigene Handschrift. Ein wilder Stilmix quer durch die Geschichte des Films, der aber niemals überladen wirkt, sondern vielmehr seltsam sparsam und karg. So zelebriert sie die beinahe schon morbide, manchmal geradezu endzeitlich wirkende Atmosphäre, Bad City ist mehr Geisterstadt als Ort des Lebens, ihre Bewohner scheinen alle verkommen und kaputt zu sein, niemand scheint etwas Gutes im Sinn zu haben, und das namenlose Vampirmädchen streift nachts durch die finsteren Straßen, im wehenden Tschador, auf einem Skateboard, das nicht ihr gehört. Begegnet sie erst Arash, dann entspinnt sich eine ganz feine und zarte, sacht erzählte Romanze zwischen den beiden, die zwar zusammen sein wollen, es aber nicht können, die sehr wohl wissen und spüren, dass es unmöglich eine gemeinsame Zukunft für sie geben kann, ihnen bleibt nur der Moment. Ultimativ gewiss wird dieses Dilemma in einer wunderschönen, sehr langen, zeitlupenartigen Szene, wenn die beiden bei ihr zu Hause sind, sie den Song Death der Band White Lies auflegt und sie sich ganz, ganz langsam näher kommen. Dieser Moment ist unfassbar schön, intensiv und berührend, spannend und vor allem sehr knisternd, ein Moment, in dem sich Sehnsucht und Verlangen nach einem anderen Menschen spürbar verdichten und die Welt still zu stehen scheint. Worte braucht es hier für keine, Blicke, Gesten und die Musik reichen völlig aus.

 

A Girl Walks Home Alone at Night ist ein geradezu betörend schönes Stück Film geworden, eher lose und fragmentarisch erzählt, beinahe schon episodenhaft, aber weder das geschriebene, noch das gesprochene Wort stehen hier ebenso wenig im Vordergrund wie die Handlung. Es sind vielmehr all die schwelgerischen Bilder, die langen Einstellungen, Blicke, Gesten und immer auch der fantastische Soundtrack, die Ana Lily Amirpours Spielfilmdebüt ausmachen, wie sich all das in seinem ganz eigenen Reigen aus rauschartigen Bildern und hypnotischer Musik in einen traumartigen Sog steigert. Der Film zitiert sich munter durch die Geschichte von Film und Popkultur im allgemeinen, bleibt aber jederzeit vollkommen selbstständig und auf seine Art einzigartig. In jedem Fall ein sehr lohnenswertes, wunderschönes und zuweilen magisches Erlebnis, aber zweifellos auch ein Film, mit dem nicht jeder etwas wird anfangen können.

 

9 von 10 Katzen, die scheinbar niemandem gehören