Red Notice (2021)

28. November 2021 at 19:25

 

 

© Netflix

 

 

 

Das ist kein Film, das ist ein Produkt. Am Reißbrett kalkuliert, designt und konzipiert von Datenanalysten. Ohne Seele, ohne Herz, ohne Sinn. Nichts ist hier originär, alles, wirklich alles hat man anderswo schon mal gesehen. Besser. Der Humor ist unglaublich flach angelegt, nicht ein einziger Witz vermag zu zünden, alles ist platt. Dazu dann diese ätzenden Meta-Gags. Dieses ironische Augenzwinkern. Frei nach dem Motto: ha ha, wir wissen, dass das alles Käse ist, aber guck mal, wir haben Indiana Jones gesehen. Und Uncharted gespielt. Wir sind ja so cool ironisch.

 

Johnson und Reynolds sind inzwischen zu kaum mehr als bloße Abziehbilder ihrer eigenen Figurenklischees verkommen und einfach nur noch Opfer ihrer Rollen. Da kann selbst Gal Gadot nichts mehr ausrichten, versucht diese wenigstens noch zu spielen. Die Action ist erstaunlich wenig kreativ und vor allem unspektakulär, lustlos und kraftlos in Szene gesetzt und so manche CGI-Sequenz wirkt geradezu absurd schwach und billig. Und zum krönenden Abschluss gibt es dann noch den wohl peinlichsten Cameo-Auftritt seit sehr langer Zeit. Ne, das war nix. Red Notice ist vollkommen beliebig, austauschbar, redundant und nichts von alldem bleibt ernsthaft in Erinnerung.

 

3 von 10 Falten im Nacken von The Rock

 

 

Solo: A Star Wars Story (2018)

13. Oktober 2018 at 11:53

 

 

© Walt Disney Motion Pictures Productions/Quelle: IMDb

 

 

 

I don’t like it, I don’t agree with it, but I accept it.“

 

 

 

Wegen Ungehorsams von der imperialen Pilotenakademie geschmissen kommt Han Solo die Möglichkeit gerade recht, sich einer Gaunerbande rund um den väterlich charismatischen Beckett anzuschließen. Der nächste große Coup soll der Überfall auf einen Zug werden, der randvoll mit dem wertvollen Kraftstoff Coaxium beladen ist.

 

Die Produktionsgeschichte rund um Solo: A Star Wars Story hat ja Schlimmstes vermuten lassen: die Gerüchte über einen Schauspiel-Trainer am Set für Alden Ehrenreich, die Entlassung von Phil Lord und Christopher Miller (21/22 Jump Street, The Lego Movie) als Regisseur-Duo, Ron Howard als vermeintliche Rettung in der Not und unzählige Nachdrehs. Dazu kam Solo zu einem Zeitpunkt ins Kino, als zumindest ich noch mit Episode VIII zu kämpfen hatte und noch gar nicht so recht wieder in Star Wars-Stimmung war. Aber rückblickend muss ich zugeben, dass die erwartete Katastrophe letztlich ausblieb. Sicherlich hat Solo mit so manchen Problemen zu kämpfen, wenn gerade das erste Drittel erzählerisch eher holprig und verhalten daher kommt und das Drehbuch von Lawrence und Jonathan Kasdan zu sehr damit beschäftigt ist, all die bekannten Plot-Points der Vita von Solo nach und nach abzuhaken. Das ist Fan-Service der plumpen Art und dazu noch nicht mal immer wirklich zündend.

 

Es dauert zwar etwas, doch mit dem Einführen neuer, frischer Figuren zieht auch im Film das Tempo merklich an und Solo beginnt sich mehr und mehr von seinem erzählerischen Korsett zu lösen und auf eigenen Pfaden zu wandeln, auf denen dann auch meist dessen Stärken liegen. Ein paar Wendungen gerade gegen Ende sind vielleicht etwas zu viel des Guten, nicht jeder Gag zündet auch, das Finale gestaltet sich als merkwürdig unspektakulär und es braucht seine Zeit, doch letztlich findet Solo seinen Rhythmus und seine Balance und unterm Strich bekam ich ein unterhaltsames, kurzweiliges Gauner-Abenteuer im Star Wars-Universum, welches manchmal mehr Firefly als Star Wars ist. Und der Zug-Heist war wirklich toll inszeniert und Donald Glover als Lando Calrissian mit seiner lässigen wie charmanten Eleganz eine Wucht. Wenn man sich selbst ein wenig von Erwartungshaltungen und dem Star Wars-Universum lösen kann und Solo spätestens ab der Hälfte auch zu sich selbst findet, dann kann das alles schon echt Spaß machen.

 

6,5 von 10 Umhängen in Landos Kabine

 

 

 

 

Charley Varrick – Der große Coup (The Last of the Independents)

6. Mai 2017 at 16:31

 

 

  © Universal Pictures

 

 

 

„The difference is the Mafia kills you, no trial, no judge. They never stop looking for you, not ‚til you’re dead. I’d rather have ten F.B.I.s after me.“

 

 

 

Charley Varrick überfällt zusammen mit seiner Frau Nadine und ihrem Komplizen Harman Sullivan eine kleine Bank irgendwo im texanischen Grenzland, doch der bis in letzte Detail geplante Raub geht trotzdem schief. Drei Menschen sterben und im Verlaufe der Flucht muss auch Nadine ihr Leben lassen. Doch die eigentliche Dimension ihrer Tat offenbart sich erst später im Wohnwagen von Charley, wenn die beiden ungleichen Männer feststellen müssen, dass sie statt der geplanten 20.000 bis 30.000 Dollar sage und schreibe rund 750.000 Dollar erbeutet haben. Für Charley ist schnell klar, dass das in der Bank zur Zwischenlagerung deponiertes Geld der Mafia sein muss und versucht fortan, irgendwie halbwegs unbeschadet aus dieser Situation wieder herauszukommen, denn die Mafia will ihr Geld zurück und schickt den beiden den Killer Molly hinterher.

 

Im Moment habe ich eine stark ausgeprägte New Hollywood-Phase – also eben jenem Zeitraum von etwa Ende der 60er Jahre bis in die ganz frühen 80er Jahre, in dem zahlreiche junge, wilde Regisseure wie Steven Spielberg, Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Sam Packinpah, John Carpenter, Brian De Palma, John Boorman, Sidney Lumet, Roman Polanski, George Roy Hill oder Michael Cimino und viele andere den etablierten und müde gewordenen Alteingesessenen in Hollywood deutlich spürbar aufzeigten, dass sich Filme auch auf eine völlig andere Art und Weise inszenieren lassen als bisher. Einer der für mich aus filmhistorischer Sicht spannendsten Zeiträume voller Experimente und Wagnisse. Viele der Filme dieser Zeit – vor allem die großen Klassiker – sind mir durchaus bekannt, zum Teil schon sehr lange, aber es gibt auch immer wieder Perlen für mich zu entdecken wie beispielsweise neulich The Long Goodbye von Robert Altman, The Last Picture Show von Peter Bogdanovich, Little Big Man von Arthur Penn oder eben nun Charley Varrick von Don Siegel, den man streng genommen so gar nicht zum New Hollywood zählen kann, sondern vielmehr eher zur alten Garde. Siegel aber liefert mit Charley Varrick nun nur zwei Jahre nach Dirty Harry mit Clint Eastwood einen Film, der ohne nähere Kenntnis seines Regisseurs geradezu lupenrein in diese so spannende Phase fällt und mich ziemlich überrumpelt hat. Recht lakonisch und deutlich beschwingter als der so zynische Vorgänger, macht Charley Varrick lange durchaus auch immer mal wieder Spaß, bis sich mehr und mehr die eigentlichen Ausmaße der Geschichte offenbaren und die Ereignisse immer tragischer werden. Und das Drehbuch von Howard Rodman und Dean Riesner, basierend auf dem Roman The Looters von John Reese, ist ein ganz wunderbares Beispiel für gelungenes story telling anhand von winzigen wie zunächst unauffälligen Kleinigkeiten. Sehr früh und unaufdringlich, geradezu aufreizend beiläufig, etabliert der Film Dinge, die im späteren Verlauf noch von Bedeutung sein werden – ein Ehering, ein Gespräch über einen Zahnarzt, eine Vergangenheit als Kunstflieger. Nicht weniger faszinierend und reizvoll finde ich, wie wenig man als Zuschauer anfangs über die näheren Zusammenhänge weiß, deren eigentliche Komplexität sich mit fortschreitender Handlung nach und nach immer weiter Schicht um Schicht zwiebelartig herausschält.

 

Es ist der Moment in Charleys Wohnwagen, wenn er und Harman feststellen, dass sie bei weitem mehr Geld bei dem Banküberfall erbeutet haben als ursprünglich gedacht, in dem klar wird, dass das alles wohl kaum gut wird enden können. Harman ist außer sich vor Freude, blind, vielleicht, bestimmt sogar naiv, und glaubt, das große Los gezogen zu haben, Charley hingegen ist sofort misstrauisch, ahnt Böses und ist alles andere als glücklich über die fette Beute. Eine kleine Szene, die jedoch ihre beiden Figuren auf den Punkt genau geradezu perfekt charakterisiert. Rückblickend betrachtet ist die Besetzung des Charley Varrick mit Walter Matthau absolut genial, denn zumindest in meiner Erinnerung war er abonniert auf zwar leicht schrullige, aber dennoch liebenswerte Charaktere, gern in Kombination mit Jack Lemmon wie in The Odd Couple (Ein seltsames Paar). Insofern ist die berechnende Präzision und kühle Überlegtheit seines Verrick angesichts einer solch ausweglosen wie tragischen Situation dann doch sehr überraschend. Völlig anders als Clint Eastwood, der zwei Jahre zuvor noch mit seinem Dirty Harry im Grunde nur die moderne Großstadtvariante seiner Figuren aus den Filmen von Sergio Leone gab, wortkarg und zynisch, ein Mann, der gar nicht anders kann, da tut Varrick alles, was nach dem Banküberfall geschieht aus einem bestimmten Grund, welcher sich für den Zuschauer zwar in dem Moment nicht unbedingt offenbart, später aber in jedem Fall noch von Bedeutung sein wird. Harman ist das genaue Gegenteil, jung, nicht der Hellste, ein Heißsporn, der nur das Geld und dessen Vorzüge sieht, nicht aber die Gefahren, die dessen Besitz mit sich bringt. Er würde sich am liebsten sofort absetzen und das Geld mit vollen Händen ausgeben für Frauen und Schnaps. Das Konfliktpotential zwischen den beiden ist also schnell vorhanden, doch die ruhige und überlegte Konfliktbewältigung von Charley erweist sich mittelfristig als die deutlich bessere Strategie. Denn einfach abhauen und untertauchen ist für ihn keine Option. Nicht, wenn man die Mafia auf den Fersen hat.

 

Charley Varrick ist wahrlich eine kleine Perle des New Hollywood, in Vergessenheit geraten und lange kaum beachtet, aber ihre Entdeckung ist dafür dann umso lohnenswerter. Deutlich beschwingter, lakonischer und weniger zynisch als noch in Dirty Harry erzählt Don Siegel seine Geschichte eines missglückten Banküberfalls, weniger ernst oder gar unangenehm ist die Situation der Beteiligten dadurch jedoch nicht. Erzählerisch ist Charley Varrick zwar durchaus dem Film Noir zugetan, inszenatorisch und visuell dagegen so gut wie gar nicht. Filmemacher wie Quentin Tarantino oder die Coen-Brüder jedenfalls oder Paul Thomas Anderson zumindest für Inherent Vice dürften Charley Varrick vermutlich mehr als einmal gesehen haben, nimmt dieser doch 1973 schon so manches Element ihrer Filme vorweg. Eine Schande, dass Don Siegel auf Druck des Studios den ursprünglichen, zweifellos absolut großartigen Titel The Last of the Independents ändern musste.

 

8 von 10 Flaschen Whiskey gegen Zahnschmerzen

 

 

Trance

3. Oktober 2016 at 11:59

 

 

© Fox Searchlight Pictures

 

 

 

„Do you want to remember, or do you want to forget?“

 

 

 

Der Kunstauktionator Simon ist Teil eines groß angelegten Gemäldediebstahls, wird dabei jedoch schwer am Kopf verletzt und kann sich in Folge dessen nicht mehr daran erinnern, wo er das Goya-Gemälde Flug der Hexen versteckt hat. Die Diebesbande rund um ihren Anführer Franck ist davon natürlich nicht begeistert und als Folter und Medikamente nicht den gewünschten Effekt erzielen, greift man als letzten Ausweg zu Hypnose. So soll die Therapeutin Elizabeth die verschollenen Erinnerungen wieder zu Tage fördern, doch je tiefer sie in Simons Unterbewusstsein vordringt, desto stärker vermischen sich seine Grenzen zwischen Realität und Illusion.

 

Oh Danny Boy. Ich möchte meine erneute Sichtung von Trance auch zum Anlass nehmen, um mal ein paar Gedanken über das Kino des Danny Boyle zu verlieren, den ich für einen oftmals sträflich unterschätzten und viel zu wenig beachteten Regisseur halte. Inhaltlich und thematisch lässt sich der Brite nämlich in keine Schublade stecken und springt mit seinen Filmen gerne wild durch allerlei Genre,  jedoch prägt seine Werke immer sein ganz eigener, unverkennbarer Stil, sehr modern, visuell aufregend und immer stark am Puls der Zeit. Aber aus irgendeinem mir nicht ganz ersichtlichen Grund wird Boyle trotz einer enormen Dichte an wirklich guten Filmen, angefangen bei Trainspotting und The Beach, über 28 Days Later und Sunshine, Slumdog Millionaire und 127 Hours bis hin zu eben Trance und zuletzt Steve Jobs, nicht so wahrgenommen, wie sein konstant hohes Niveau es eigentlich erwarten lassen würde. Irgendwie bewegt er sich immer ein wenig unter dem Radar oder, wie er selbst es ausdrückt: „I learned that what I’m better at is making stuff lower down the radar. Actually, ideally not on the radar at all.“

 

Was anfangs noch schwungvollen Schrittes mit einem direkt an das Publikum gerichteten Kommentar seitens James McAvoy als leichtgängiges Gaunerstück daherkommt, das verzerrt Danny Boyle schon bald zu einem wilden, psychedelischen Trip, in dessen Verlauf die Grenzen zwischen Realität und Illusion schon bald zu verschwimmen beginnen, bis sie sich letztlich vollkommen auflösen. Wenn Trance auf der thematischen Ebene die Beschaffenheit unserer Realität und wie wir diese wahrnehmen hinterfragt und auf den Prüfstein stellt, dann ist der Film gar nicht so weit entfernt von Inception, wie man vielleicht glauben möchte. Während jedoch Christopher Nolan seine in immer tiefer liegende Traumebenen absteigenden Schachzüge sorgsam vorbereitet und sauber ausführt, damit der Zuschauer nie völlig den Überblick verliert und der Orientierungslosigkeit anheim fällt, kümmert sich Danny Boyle nicht im geringsten um die Etablierung einer solchen inneren Logik und lässt uns viel lieber immer tiefer in diesen Strudel aus Wahrheit, Lüge, Suggestion und Einbildung fallen. Viel eher spürt man in jedem Moment die reine Lust am Fabulieren des waghalsigen Plots, der sich nicht eine Sekunde lang groß um eben erwähnte innere Logik schert und ganz eindeutig keinerlei Interesse an der geradezu mathematischen Präzision eines Inception hat. Bereits der Durchbruch der Vierten Wand gleich zu Beginn von Trance ist elementar bedeutsam, spricht doch McAvoy direkt in die Kamera und erzählt dem Zuschauer von berühmten, geraubten Kunstwerken. Eines davon ist ein Rembrandt, in dessen Bildmitte sich der Künstler selbst hinein gemalt hat, und dort sitzt er und sieht seinen Betrachter ebenso an wie uns Simon in diesem Moment, und dennoch geht er in der Gesamtbetrachtung leicht unter. Diese paradoxe Struktur wird zum Leitmotiv des Filmes und fortan geht es immer auch um die Frage: was sieht man, was nicht und welche Bedeutung misst man dem bei. In welchem Gemälde befinden wir uns eigentlich? Und ist Simon der Betrachter oder schon Teil des Kunstwerks?

 

Trance ist ein vollkommenes Kunstprodukt und eine ganz klare Abkehr vom Alltagsrealismus. Nichts in diesem Film ist dem Zufall überlassen und einer schöpferischen Logik unterworfen, welche sich durch und durch der puren Ästhetik des digitalen Kinos verschrieben hat. Und diese reizt Danny Boyle auch bis an ihre Grenzen aus und erschafft ein geradezu psychedelisches Verwirrspiel um Sein und Schein, Trug und Wahrheit, einen surrealen wie elektrisierenden Heist-Thriller mit reichlich Anleihen an den Film Noir. Trance ist sicherlich nicht Boyles bester Film, aber er weiß sehr wohl um dessen Stärken und Schwächen, versteht diese gekonnt zu nutzen und erschafft so einen modernen, pulsierenden Reigen rund um Realität, Wahrnehmung und verschütteten Erinnerungen, welcher nicht dem Fehler erliegt, alles erklären zu wollen, aber gleichzeitig auch nie so verworren und undurchsichtig wird, dass man ihm nicht mehr folgen könnte. Letztlich sind unsere Erinnerungen ein Teil unserer Persönlichkeit und gleichzeitig auch nur Abbilder der Wirklichkeit. Sie können uns trügen, sich im Laufe der Zeit verfälschen oder uns gar völlig in die Irre führen, aber wir brauchen die Gewissheit, dass sie uns zu dem machen, was wir sind. Sind unsere Erinnerungen gefälscht, dann sind wir es auch.

 

8 von 10 Schlüsseln im Wandschrank