Atomic Blonde (2017)

12. Januar 2018 at 22:10

 

 

© Focus Features

 

 

 

„Oh, my god, I think I fucking love you!“

 

 

 

Die Top-Agentin des MI6 Lorraine Broughton wird kurz vor dem Fall der Mauer 1989 nach Berlin geschickt, um eine gestohlene Liste aller verdeckt arbeitenden westlichen Agenten wiederzubeschaffen. Doch kaum in der damaligen Hauptstadt angekommen wird schnell deutlich, dass sie niemandem trauen kann und es scheinbar auch noch einen Verräter gibt, der für die Russen arbeitet. Schnell wird sie das Ziel zahlreicher Angriffe durch andere Geheimdienste und muss sich immer wieder zur Wehr setzen.

 

Atomic Blonde ist nach John Wick (welchen er noch zusammen mit Chad Stahelski drehte) die zweite Regiearbeit des ehemaligen Stunt-Koordinators David Leitch und eine Verfilmung der Graphic Novel The Coldest City von Antony Johnston. Und ganz ähnlich zu John Wick und dessen Fortsetzung spielt Atomic Blonde in seiner ganz eigenen, völlig überhöhten wie vollkommen stilisierten Welt fernab jeglicher Wirklichkeit, stellt aber zugleich auch überhaupt nicht den Anspruch daran, realistisch wirken zu wollen. Der Film macht von Anfang an kein Geheimnis daraus, nicht mehr als Style over Substance zu sein, und Style hat er, das muss man ihm lassen. Der historische Kontext des Falls der Berliner Mauer ist innerhalb der eigentlichen Handlung kaum mehr als bloße Fassade und an einer dezidierten Aufarbeitung der Ereignisse ist Atomic Blonde nun wirklich nicht interessiert, wenn er lose Fakten munter mit seiner eigenen Fiktion vermischt. Die Story an sich funktioniert zwar als Vehikel für die Action, als Spionage-Thriller überzeugen kann Atomic Blonde hingegen eher weniger und selbst die denkbar einfach und vorhersehbar vorgetragene Agentenstory dient im Grunde nur dazu, damit Regisseur David Leitch zahlreiche Actionszenen miteinander verknüpfen kann. Die Action allerdings kann sich mehr als nur sehen lassen und ist tatsächlich das Kern -wie Glanzstück des Filmes. Und so ist die Sahne auf dem Action-Kuchen auch eine der vielleicht stärksten Sequenzen des modernen Actionkinos, wenn in einem Ostberliner Treppenhaus eine komplexe und hervorragend choreografierte, rund zehn minütige Kampfszene ohne erkennbaren Schnitt ihren Auftakt findet, eingefangen von einer zwar sehr dynamischen, aber niemals zu sehr verwackelten Kamera, welche immerzu in Bewegung, aber dennoch sehr fokussiert und dicht am Geschehen ist. Die Action selbst ist wuchtig, druckvoll und kühl, geradezu professionell emotionslos vorgetragen, und verfehlt ihre Wirkung in ihrer einfachen wie präzisen Effizienz zu keinem Moment, denn sie hinterlässt deutliche Spuren. Charlize Theron hat offenkundig versucht soviel wie möglich der Stuntarbeit selbst zu machen, hat sich buchstäblich mächtig reingehangen und im Vorfeld viel trainiert. Und jede Menge Spaß scheint sie dabei auch noch gehabt zu haben. Dass sie auch Actionszenen beherrschen kann, davon bekam man ja bereits in Mad Max: Fury Road einen kleinen Eindruck. Die Figur der Lorraine Braughton verkörpert sie scheinbar mit müheloser Leichtigkeit und überzeugt in dieser Rolle vollkommen. James McAvoy darf ein wenig versiffte Schmierigkeit in den sonst visuell sehr kühl inszenierten Film voller Blau/Grau-Farbfilter und Neonlicht bringen, bleibt aber ein wenig hinter seinen Möglichkeiten zurück. John Goodman bereichert jeden Film, hat hier aber eine eher kleine Rolle auszufüllen.

 

Atomic Blonde eher als Actionfilm denn als Agententhriller zu begreifen, ist hilfreich, liegen doch auch dort genau seine Kernkompetenzen. Als Thriller ist der Film von David Leitch weniger überzeugend, als reiner Actioner dafür um so mehr. Die Story ist überschaubar und bietet wenig neues, die Action ist dafür im Gegensatz umso eindrücklicher und kann zumindest mit einer größeren Plansequenz aufwarten, welche sicherlich mit zum Besten und Aufwendigsten gehört, was das moderne Actionkino zu bieten hat. Letztlich kann ich nur festhalten: ich hatte verdammt viel Spaß mit Atomic Blonde und bekam ziemlich genau das, was ich mir im Vorfeld von dem Film erhofft hatte.

 

7,5 von 10 Gläsern voller Wodka auf Eis

 

 

Split

11. Juni 2017 at 16:49

 

 

   © Universal Pictures

 

 

 

„We are what we believe we are.“

 

 

 

Nach einer gemeinsamen Geburtstagsfeier werden die drei Teenager Casey, Claire und Martha von einem Unbekannten gewaltsam entführt und von ihm in einen Keller gesperrt. Schon bald soll sich zeigen, dass der Mann namens Kevin ernsthaft krank ist und scheinbar unter einer stark ausgeprägten dissoziativen Identitätsstörung leidet, die immer wieder die unterschiedlichsten Persönlichkeitsstrukturen offenbart. Während die drei Mädchen fieberhaft versuchen eine Fluchtmöglichkeit zu finden, erregt Kevin bei den regelmäßigen Besuchen seiner langjährigen Psychiaterin mit eigenartigen Verhaltensweisen und rätselhaften Emails den handfesten Verdacht, dass etwas nicht stimmt.

 

Ein Hinweis vorweg: entgegen meiner sonst üblichen Vorgehensweise wird diese Rezension an Ende ganz bewusst Spoiler enthalten, erscheint mir der thematische Überbau doch als zu interessant, um ihn einfach links liegen zu lassen. Aber keine Sorge, der Teil wird entsprechend gekennzeichnet sein, so dass jeder für sich entscheiden kann, ob er ihn denn nun lesen möchte oder doch lieber nicht.

 

Es ist zwar nun schon rund 18 Jahre her, aber Regisseur M. Night Shyamalan stand mal in Hollywood hoch im Kurs, wurde 1999 nach seinem Überraschungserfolg The 6th Sense als neues Wunderkind gefeiert und man hat ihm eine große Karriere prophezeit. Dass dem nicht so kam, wissen wir heute, denn nach dem umjubelten Frühwerk folgte zwar noch der starke Unbreakable, danach aber begann eine künstlerische Talfahrt, die mit After Earth zweifellos ihren Tiefpunkt erreichte. Signs, The Village, Lady in the Water, The Happening, The Last Airbender, ein Flop größer als der andere, ein finanzieller wie kreativer Tiefschlag nach dem nächsten. Erst 2015 mit The Visit gelang es Shyamalan, diese Abwärtsspirale zu durchbrechen, und das erstaunlicher Weise mit einem vergleichsweise schmal budgetierten Film. Nun meldet sich der indischstämmige Regisseur erneut zurück und hat für seinen neuesten Film Split mit James McAvoy sogar einen der talentiertesten Schauspieler seiner Generation mit an Bord. Wie so oft bei Shyamalan muss man die grundlegende Prämisse mehr oder weniger ohne Hinterfragen schlucken und bereit sein, diese bis zum Schluss – inklusive aller daraus resultierender Logiklöcher – mitzugehen, ansonsten wirft es einen aus dem Seherlebnis. Gelingt dies jedoch, dann wird der geneigte Zuschauer mit einem spannenden wie interessanten Szenario konfrontiert, auch wenn die Idee der dissoziativen Identitätsstörung in Filmen nicht neu ist. Man denke da nur an Identity von James Mangold oder gar an Psycho vom großen Alfred Hitchcock, die Beispiele sind zahlreich. Aber Split geht soweit, all die im Film ausgelebten Persönlichkeiten von Kevin eben auch nur durch James McAvoy darzustellen, und dessen Performance muss an dieser Stelle einfach mal ausgesprochen hervorgehoben werden. Was der Mann hier abliefert, ist eine schauspielerische Tour de Force, sprengt beinahe jeden Rahmen und es ist ungemein faszinierend mit anzusehen in all seinem Facettenreichtum, wie er ganz selbstverständlich jeder einzelnen Ausprägung dieser Persönlichkeiten ihren ganz eigenen Ausdruck verleiht, wie er ihnen akribisch eine eigene Sprache gibt, Mimik, Gestik, Körperhaltung. Zwar unterscheiden sie sich anhand ihrer Kleidung relativ offensichtlich, aber eine solche Abgrenzung hätte es für mich nicht unbedingt gebraucht, macht doch allein McAvoys Schauspiel das differenzieren problemlos möglich. Er packt diese Herausforderung ganz offensichtlich voller Freude angesichts der sich ihm bietenden Möglichkeiten mit beiden Händen beim Schopf und deckt eine wahre Bandbreite an Eigenschaften ab, die den Zuschauer bis zum Finale im Unklaren darüber lassen, wie ernst gemeint die furchteinflößenden Prophezeiungen des Entführers denn nun sein mögen.

 

Dazu kommt eine enorm gelungene Inszenierung voller bedeutsamer Details. Allein die ganz am Anfang des Filmes stehende Entführungsszene ist fantastisch ausgearbeitet, kann punktgenau ihre Wirkung entfalten und verrät uns schon sehr früh jede Menge über die Figuren. Derlei Momente gibt es dann noch öfter in Split, der im späteren Verlauf sein minimales Setting gut zu nutzen weiß, simpel gehalten ist, aber dabei ungemein effektiv bleibt und eine subtilere Bildsprache an den Tag legt als man wohl möglich anfänglich vermuten würde. Natürlich ist der grundlegende Gedanke hinter der Story gerade auch aus wissenschaftlicher Sicht hanebüchener Unsinn, aber darum geht es Shyamalan überhaupt nicht, denn nichts läge ihm ferner als ein irgendwie gearteter Bezug zur Realität. Viel lieber lässt er seinen Film gegen Ende ins Fantastische kippen und versucht gar nicht erst, seine mitunter abgedrehten Ideen krampfhaft in der Wirklichkeit zu verankern, vielmehr erschafft er hier Stück für Stück sein ganz eigenes filmisches Universum,welches zudem noch in sich schlüssig formuliert ist, aber dazu gleich mehr. Dazu bekommt die Figur der Casey eine Backgroundstory spendiert, die es wahrlich in sich hat und die im weiteren Verlauf der Handlung noch eine nicht unwichtige, geradezu doppelbödige Bedeutung hat. So treffen in Split letztlich zwei geschundene Seelen aufeinander, die sich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, wie man zunächst annehmen würde. Zwei traumatisierte und gebrochene Personen, die legiglich anders mit ihren Erlebnissen umgehen, sich letztlich aber gegenseitig spiegeln.

 

SPOILER-ALARM! Von nun an erfolgt das Weiterlesen auf eigene Gefahr!

 

Nun, zunächst rückt Shyamalan Split mit der allerletzten Szene ganz bewusst und ausdrücklich in die Nähe seines 2000 erschienen Unbreakable, spielen doch offenbar beide im gleichen filmischen Universum und sollen irgendwann 2019 mit einem dritten Film zusammen eine in sich runde und abgeschlossene Trilogie bilden. Nun scheint es so, dass Unbreakable und Split zwei Seiten einer Münze abbilden und zueinander gehören wie Licht und Schatten, Tag und Nacht oder Ying und Yang. Unbreakable zeigt die Geburt eines Helden, Split die eines Schurken. Wie das genau zusammenhängen könnte, dazu habe ich mir so meine Gedanken gemacht, aber alles, was jetzt folgt, ist reine Spekulation meinerseits. Wir erfahren wenig über Kevin, über sein Schicksal, seine Vergangenheit, sein Trauma, aber doch genug, um Verbindungen zu knüpfen. Sein Vater scheint in früher Kindheit verschwunden zu sein und der Junge wird mit seiner gestörten Mutter allein gelassen und ihren Misshandlungen ausgesetzt. Mit einem Zug sei er weggefahren, wird im Film gesagt, was letztlich in den Traumata mündet, die zu seiner dissoziativen Identitätsstörung führten. Ein Zug ist es auch, vor dem Dennis (ein weiteres Alter Ego von Kevin, die ihn für zu schwach halten und beschützen wollen) nicht unähnlich einer Grabstätte Blumen ablegt, bevor die Bestie erscheint. Meine bescheidene Theorie also wäre die, dass möglicherweise Kevins Vater bei eben jenem Zugunglück ums Leben kam, das David Dunn in Unbreakable als einziger überlebte und welches von Elijah Price mutwillig herbeigeführt wurde. Vermutlich nicht umsonst wird der abschließende dritte Film aller Voraussicht nach Glass heißen und wohl möglich, wer weiß, alle drei Parteien miteinander konfrontieren, Dunn als Held, die Bestie als Schurke, beide auf der Suche nach Mr. Glass. Auf dem Papier eine Superhelden-Trilogie wie aus dem Buche.

 

Zweifellos ist Split ein Film, auf den man sich einlassen muss, dessen grundlegende Prämisse man mitgehen wollen muss, aber allein das eindrucksvolle und enorm vielfältige Schauspiel von James McAvoy erleichtert einem diesen Prozess ungemein. Belohnt wird man dafür mit einem konsequent umgesetzten, in sich schlüssigen und toll aufgebauten Thriller, der zu fesseln weiß und darüber noch Denkanstöße mit auf den Weg gibt. Kombiniert mit Shyamalans (von mir inzwischen verloren geglaubten) Gespür für eine dichte Atmosphäre und der ständigen Anwesenheit einer irgendwie übernatürlichen Präsenz erschafft er mit Split einen wirklich gelungenen, spannenden Film, der zum Glück gar nicht erst versucht, sich in der Realität zu verankern, sondern viel lieber die Freude am Fantastischen zelebriert. Tatsächlich könnte ich noch sehr viel mehr erzählen, will das aber an dieser Stelle lieber erst einmal dabei belassen.

 

8 von 10 Zahnbürsten aufgereiht im Badezimmer

 

 

 

 

Trance

3. Oktober 2016 at 11:59

 

 

© Fox Searchlight Pictures

 

 

 

„Do you want to remember, or do you want to forget?“

 

 

 

Der Kunstauktionator Simon ist Teil eines groß angelegten Gemäldediebstahls, wird dabei jedoch schwer am Kopf verletzt und kann sich in Folge dessen nicht mehr daran erinnern, wo er das Goya-Gemälde Flug der Hexen versteckt hat. Die Diebesbande rund um ihren Anführer Franck ist davon natürlich nicht begeistert und als Folter und Medikamente nicht den gewünschten Effekt erzielen, greift man als letzten Ausweg zu Hypnose. So soll die Therapeutin Elizabeth die verschollenen Erinnerungen wieder zu Tage fördern, doch je tiefer sie in Simons Unterbewusstsein vordringt, desto stärker vermischen sich seine Grenzen zwischen Realität und Illusion.

 

Oh Danny Boy. Ich möchte meine erneute Sichtung von Trance auch zum Anlass nehmen, um mal ein paar Gedanken über das Kino des Danny Boyle zu verlieren, den ich für einen oftmals sträflich unterschätzten und viel zu wenig beachteten Regisseur halte. Inhaltlich und thematisch lässt sich der Brite nämlich in keine Schublade stecken und springt mit seinen Filmen gerne wild durch allerlei Genre,  jedoch prägt seine Werke immer sein ganz eigener, unverkennbarer Stil, sehr modern, visuell aufregend und immer stark am Puls der Zeit. Aber aus irgendeinem mir nicht ganz ersichtlichen Grund wird Boyle trotz einer enormen Dichte an wirklich guten Filmen, angefangen bei Trainspotting und The Beach, über 28 Days Later und Sunshine, Slumdog Millionaire und 127 Hours bis hin zu eben Trance und zuletzt Steve Jobs, nicht so wahrgenommen, wie sein konstant hohes Niveau es eigentlich erwarten lassen würde. Irgendwie bewegt er sich immer ein wenig unter dem Radar oder, wie er selbst es ausdrückt: „I learned that what I’m better at is making stuff lower down the radar. Actually, ideally not on the radar at all.“

 

Was anfangs noch schwungvollen Schrittes mit einem direkt an das Publikum gerichteten Kommentar seitens James McAvoy als leichtgängiges Gaunerstück daherkommt, das verzerrt Danny Boyle schon bald zu einem wilden, psychedelischen Trip, in dessen Verlauf die Grenzen zwischen Realität und Illusion schon bald zu verschwimmen beginnen, bis sie sich letztlich vollkommen auflösen. Wenn Trance auf der thematischen Ebene die Beschaffenheit unserer Realität und wie wir diese wahrnehmen hinterfragt und auf den Prüfstein stellt, dann ist der Film gar nicht so weit entfernt von Inception, wie man vielleicht glauben möchte. Während jedoch Christopher Nolan seine in immer tiefer liegende Traumebenen absteigenden Schachzüge sorgsam vorbereitet und sauber ausführt, damit der Zuschauer nie völlig den Überblick verliert und der Orientierungslosigkeit anheim fällt, kümmert sich Danny Boyle nicht im geringsten um die Etablierung einer solchen inneren Logik und lässt uns viel lieber immer tiefer in diesen Strudel aus Wahrheit, Lüge, Suggestion und Einbildung fallen. Viel eher spürt man in jedem Moment die reine Lust am Fabulieren des waghalsigen Plots, der sich nicht eine Sekunde lang groß um eben erwähnte innere Logik schert und ganz eindeutig keinerlei Interesse an der geradezu mathematischen Präzision eines Inception hat. Bereits der Durchbruch der Vierten Wand gleich zu Beginn von Trance ist elementar bedeutsam, spricht doch McAvoy direkt in die Kamera und erzählt dem Zuschauer von berühmten, geraubten Kunstwerken. Eines davon ist ein Rembrandt, in dessen Bildmitte sich der Künstler selbst hinein gemalt hat, und dort sitzt er und sieht seinen Betrachter ebenso an wie uns Simon in diesem Moment, und dennoch geht er in der Gesamtbetrachtung leicht unter. Diese paradoxe Struktur wird zum Leitmotiv des Filmes und fortan geht es immer auch um die Frage: was sieht man, was nicht und welche Bedeutung misst man dem bei. In welchem Gemälde befinden wir uns eigentlich? Und ist Simon der Betrachter oder schon Teil des Kunstwerks?

 

Trance ist ein vollkommenes Kunstprodukt und eine ganz klare Abkehr vom Alltagsrealismus. Nichts in diesem Film ist dem Zufall überlassen und einer schöpferischen Logik unterworfen, welche sich durch und durch der puren Ästhetik des digitalen Kinos verschrieben hat. Und diese reizt Danny Boyle auch bis an ihre Grenzen aus und erschafft ein geradezu psychedelisches Verwirrspiel um Sein und Schein, Trug und Wahrheit, einen surrealen wie elektrisierenden Heist-Thriller mit reichlich Anleihen an den Film Noir. Trance ist sicherlich nicht Boyles bester Film, aber er weiß sehr wohl um dessen Stärken und Schwächen, versteht diese gekonnt zu nutzen und erschafft so einen modernen, pulsierenden Reigen rund um Realität, Wahrnehmung und verschütteten Erinnerungen, welcher nicht dem Fehler erliegt, alles erklären zu wollen, aber gleichzeitig auch nie so verworren und undurchsichtig wird, dass man ihm nicht mehr folgen könnte. Letztlich sind unsere Erinnerungen ein Teil unserer Persönlichkeit und gleichzeitig auch nur Abbilder der Wirklichkeit. Sie können uns trügen, sich im Laufe der Zeit verfälschen oder uns gar völlig in die Irre führen, aber wir brauchen die Gewissheit, dass sie uns zu dem machen, was wir sind. Sind unsere Erinnerungen gefälscht, dann sind wir es auch.

 

8 von 10 Schlüsseln im Wandschrank

 

 

X-Men: Apocalypse

26. September 2016 at 23:31

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„You are all my children, and you’re lost because you follow blind leaders. These false gods, systems of the weak, they’ve ruined my world. No more.“

 

 

 

Im Kairo des Jahres 1983 wird der uralte und übermächtige Mutant Apocalypse aus Jahrtausende andauernder Gefangenschaft befreit und auf eine hilflose Menschheit losgelassen. Angewidert von dem, was aus seiner Welt geworden ist, beschließt er, die Welt zu zerstören um aus ihren Trümmern eine neue Ordnung nach seinem Bild zu erschaffen. Dazu versammelt er vier potentiell sehr mächtige Mutanten inklusive Magneto um sich, aber um seinen Plan vollends verwirklichen zu können, braucht er auch die Kräfte von Professor Charles Xavier. Allein dieser und seine X-Men sind die vielleicht einzigen, die Apocalypse jetzt noch aufhalten könnten und so entbrennt ein Kampf um die Existenz der Menschheit.

 

„Well, at least we can all agree the third one’s always the worst.“ Ich gebe zu, dass ich es mir ein wenig leicht mache, wenn ich diese Rezension mit jenem Zitat der jungen Jean Grey beginne, aber es ist einfach viel zu verlockend, um es nicht zu nutzen. Im Film selbst fällt dieser Satz nach einem Kinobesuch von Star Wars: Episode VI – Return of the Jedi und es bedarf nicht allzu viel Fantasie, um darin einen ironischen und augenzwinkernden Seitenhieb von Regisseur Bryan Singer gegen Brett Ratners X-Men: The Last Stand von 2006 zu erkennen, dem zweifellos bisher schlechtesten Beitrag der gesamten Reihe. Aber diesem Satz wohnt auch eine gewisse unbeabsichtigte Ironie inne, denn auch X-Men: Apocalypse vermag das Niveau seiner beiden Vorgänger First Class und Days of Future Past nicht immer zu halten. Zudem haben wir es mit einer Prequel-Trilogie zu tun, welche gerade in Bezug auf ihren Ursprung über weite Strecken gut bis sehr gut funktioniert, was im Falle von Star Wars auf Episode I-III nun mal überhaupt nicht zutrifft. First Class war ein mehr als nur gelungener, sehr guter Auftakt zur Wiederbelebung der nach The Last Stand eigentlich toten Reihe und in meinen Augen der beste Film im X-Men-Universum bisher, aber kommerziell nicht unbedingt der große Wurf, weshalb Bryan Singer nach X-Men und X-Men 2 dann für X-Men: Days of Future Past die Regie von Matthew Vaughn wieder übernahm und nun auch für Apocalypse hinter der Kamera steht. Und nach den beiden Vorgängern der Prequel-Trilogie beschließt Bryan Singer nun endgültig den mit First Class begonnenen, selbstmetaphorischen Akt der Neuordnung des X-Men-Universums, der bereits in Days of Future Past seinen Höhepunkt erreichte. Nach Apocalypse werden die Ereignisse (und teils schweren Fehler) der alten Trilogie vollkommen ausgemerzt und für das Bewusstsein der Figuren nicht mehr präsent sein. Die Uhr steht wieder auf Null.

 

 

 

„I tried your way, Charles. I tried to be like them, live like them. But it always ends the same way. They took everything away from me. Now, we’ll take everything from them.“

 

 

 

Apocalypse setzt an einem Punkt zehn Jahre nach den Ereignissen von Days of Future Past ein und durch diesen Zeitsprung holt der Film sowohl die neuen wie auch die alten, bereits bekannten Figuren an unterschiedlich nachvollziehbaren und mit ausreichend Hintergrund versehenen Punkten ab. Die Gefahr durch die Sentinels mag zwar gebannt sein, aber die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber der Mutanten hat sich kaum geändert und an ein harmonisches Miteinander ist nicht zu denken. Zu sehr herrschen nach wie vor Ausgrenzung und Ablehnung vor. Charles Xavier leitet weiterhin seine Schule und unterrichtet Mutanten, Erik Lehnsherr jedoch zog es in die Abgeschiedenheit des ländlichen Polens, um dort ein ruhiges und friedliches Leben führen zu können. So bedarf es auch abermals eines tragischen Zwischenfalls, um ihn nur noch näher an den Abgrund zu stoßen und Mitglied von Apocalypses Gefolgschaft werden zu lassen. Überhaupt wird dem Charakter des Magneto ja in den drei Filmen der Prequel-Reihe der größte und stärkste Entwicklungsbogen spendiert. So darf Michael Fassbender dankenswerter Weise nun nur noch tiefer in die innere Zerrissenheit der Figur eintauchen und er lässt all diesen Schmerz und all diese Wut so überzeugend spürbar werden, hadert so sehr mit seiner Existenz, dass er über die dramaturgischen Schwächen in der Entwicklung seiner Figur, die sich erzählerisch seit First Class immer noch im Kreis dreht, hinweg sehen lässt. So mischen sich auch die immer gleichen Variationen von Momenten des schwermütigen Dialoges zwischen Charles und Erik in den Film, bei denen die Hoffnung und der Optimismus des einen der Desillusion und der Verbitterung des anderen diametral gegenüber stehen. Überhaupt kommt einem vieles bekannt vor und hinterlässt ein leises Déjà-vu-Gefühl, Nightcrawlers Käfigkampf zum Beispiel, die Nuklearwaffen oder die Dark Phoenix-Szene und noch so manch anderes Bild mehr bedient sich bei bekannten Motiven des ganzen Zyklus, aber das stört, wenn überhaupt, nur am Rande und löst eher willkommenes Anerkennen aus.

 

 

 

„Elohim, Pushan, Ra – I’ve been called many names over many lifetimes. I am born of death. I was there to spark and fan the flame of man’s awakening, to spin the wheel of civilization. And when the forest would grow rank and needed clearing for new growth, I was there to set it ablaze.“

 

 

 

Auf den ersten Blick folgt Apocalypse der aktuell so beliebten Hollywood-Maxime der ständigen Steigerung. Ging es noch in Days of Future Past „nur“ um das Überleben der Mutanten, steht nun nicht weniger als das Schicksal der gesamten Welt auf dem Spiel. Und tatsächlich ist mit Apocalypse dieses mal der Bösewicht um ein vielfaches mächtiger als zuvor, die Action größer und bombastischer und die Anzahl der für die Handlung relevanten (oder manchmal auch nicht relevanten) Figuren kaum noch überschaubar, aber Bryan Singer überspannt den Bogen nie, zeigt Verständnis für seine Charaktere und deren Entwicklung und stattet seinen Film trotz Blockbuster-Mechanismen und Spezialeffekt-Gewitter im Finale mit Herz und Seele aus. Und trotz des üblichen CGI-Overkills, den man aus unzähligen anderen Filmen bereits kennt und in solchen finalen Konfrontationen geradezu erwarten würde, bietet Apocalypse aber auch immer wieder kleine, visuell toll umgesetzte Momente, wenn so manche Figur das wahre Potential ihrer Kräfte entdecken darf. Wenn Bryan Singer schließlich zum letzten Akt in seinem Film ansetzt, dann finden die wirklich großartigen Szenen auch nicht in den Kämpfen zwischen den vier Reitern des Apocalypse und den jungen X-Men statt, sondern vielmehr bei einem Kräftemessen auf Gedankenebene zwischen Apocalypse und Charles Xavier. Dieses Duell hätte man durchaus noch ein wenig ausgefallener inszenieren können, dennoch weiß es zu überzeugen und setzt einen angenehmen Gegenpol zu der übrigen Zerstörungsorgie. Dass diese weder spürbare Folgen noch wirkliche Konsequenzen hat, ist ja inzwischen schon so etwas wie eine moderne Blockbuster-Krankheit geworden: Kairo wird im Finale effektvoll und bildgewaltig in Schutt und Asche gelegt, aber der Schrecken und die Bedrohung, die von Apocalypse ausgehen, werden für den Zuschauer nie ernsthaft greifbar und bleiben allenfalls abstrakt. Keine zivilen Opfer, kein einrückendes Militär, nichts dergleichen bietet der Film auf, um seinem Finale auch wirklich merkliches Gewicht zu verleihen. Zugegebenermaßen machen das in diesem Punkt inzwischen einige Filme aus dem MCU und sogar Batman v Superman: Dawn of Justice deutlich besser.

 

Natürlich hat X-Men: Apocalypse auch seine Probleme: die bereits erwähnte Folgenlosigkeit der Ereignisse, der von den Allmachts- und Weltherrschaftsfantasien seines Bösewichts angetriebene Plot ist dünn, nicht immer sind Entscheidungen nachvollziehbar (so wirken die Rekrutierungsmaßnahmen von Apocalypse bis auf Magneto doch eher willkürlich), nicht jede Idee funktioniert auch immer (wie die vollkommen sinnfreien elektromagnetischen Käfige, um Mutanten im Zaun zu halten), die Besetzung und auch der Umgang mit so manchem Charakter ist fragwürdig (Psylocke, Storm und Angel vor allem) und erzählerisch dreht man sich immer noch sowohl im kleinen wie im großen im Kreis. Aber Bryan Singer hat viele gelungene Ideen dagegen anzubringen, die immer wieder verhindern, dass der Film in Avengers-Reflexe verfällt und in Hirn und Herz befreites Blockbuster-Kino abzurutschen droht. Zudem geht X-Men: Apocalypse gekonnt genug mit seinem Arsenal an Figuren um, um ein emotional glaubwürdiges Zentrum zu erschaffen, welches den Film ein wenig erdet, und die aufgeworfenen, durchaus existenzialistischen Fragen über den Glauben an alleinige Macht, die Verführung zielloser, verwirrter Außenseiter und Gesellschaftsstrukturen voller Ressentiments bestehen problemlos neben den reinen Unterhaltungswerten und verschwinden nicht unter all dem Bombast, all der Action und all den Spezialeffekten. Letztlich nimmt Bryan Singer noch ein paar lose Fäden wieder auf, bringt sie zu Ende und rebootet sein Universum nun vollständig. Theoretisch bräuchte es keinen weiteren Film mehr, denn der Zyklus fügt sich zusammen, die Geschichte ist erzählt und man steht wieder am Anfang. Dass das aber so nicht kommen wird ist nur allzu offensichtlich.

 

7 von 10 Szenen mit Quicksilver, die hoffentlich nicht bald überhand nehmen