John Wick: Chapter 3 – Parabellum (2019)

26. Mai 2019 at 18:00

 

 

© Lionsgate/Quelle: IMDb

 

 

 

A fourteen million dollar bounty on his head, and everyone in the city wants a piece of it… I’d say the odds are about even.“

 

 

 

Nach der Ermordung von Santino D´Antonio im Continental Hotel wird John Wick für seinen Regelbruch von der Hohen Kammer exkommuniziert und buchstäblich zum Abschuss freigegeben. Vollkommen auf sich allein gestellt, ohne jeglichen Anspruch auf Hilfe oder Unterstützung, muss er sich nun Heerscharen von Killern erwehren, die alle hinter dem 14 Millionen Dollar Kopfgeld her sind.

 

Si vis pacem, para bellum. John Wick ist zurück, grimmiger und wütender als jemals zuvor. Der dritte Teil der Saga rund um den legendären Profikiller knüpft nahtlos an seinen Vorgänger an, wenn der Titelheld nur Minuten vor seiner Exkommunikation steht und ein 14 Millionen Dollar Kopfgeld auf ihn ausgesetzt ist. Regisseur Chad Stahelski steigt sofort und ohne Umschweife temporeich in das Geschehen ein, wenn er immer nah an Wick dran bleibt, ihm auf Schritt und Tritt folgt und so einen geradezu atemlosen Einstieg erschafft. Tick Tock, Mr. Wick. Die Uhr läuft erbarmungslos. Schon der erste Kampf gibt den gnadenlosen und kompromisslosen Ton vor und der Härtegrad ist zweifellos höher denn je. Die Action ist erwartungsgemäß abermals eindrucksvoll choreografiert und gewohnt übersichtlich in Szene gesetzt, doch Stahelski und sein Team erweitern dieses Mal das Arsenal an Mordinstrumenten und Settings um einige neuerliche Facetten und so manche Actionsequenz ist dadurch ausgesprochen kreativ geraten. Manches habe ich so tatsächlich noch nie zuvor gesehen, manches ist einfach clever geklaut.

 

Leider schleichen sich aber gerade bei der Action auch phasenweise ein paar Längen ein, wenn hin und wieder Sequenzen zu lang und zu repetitiv geraten sind und Wiederholung und Variation Einzug halten, wo ein wenig Straffung manchmal vielleicht besser gewesen wäre. Ein gewisser Grad der Redundanz und Ermüdung lässt sich da leider kaum leugnen, doch insgesamt ist das alles auf ganz hohem Niveau umgesetzt. Dazu treibt John Wick: Chapter 3 – Parabellum seine umspannende Rahmenhandlung zielsicher voran, führt neue Motive und Figuren ein und baut die faszinierende Mythologie dieser Parallelwelt gekonnt weiter aus. Doch auch hier erlaubt sich das Drehbuch von Derek Kolstad hin und wieder Ausreißer nach unten und liefert so manche an Albernheit grenzende Idee im Storyverlauf: ein etwas übertrieben mystisches Treffen in der Wüste etwa oder Wicks Motivation weiterleben zu wollen, die etwas dünn wirkt. Doch das gelungene world building vermag das wieder auszugleichen, auch wenn weniger hinzugefügt wird als es noch der zweite Teil im Bezug zum ersten Teil vollbrachte.

 

Keanu Reeves ist wie gewohnt eine Bank und verkörpert den stoischen Killer perfekt in einer gelungenen Mischung aus eiskalter Präzision und Eleganz, wenn er sich durch gefühlt niemals endende Horden von Gegnern metzelt. Hilfreich zur Seite steht ihm dabei eine Zeit lang mit der von Halle Berry überraschend eindrucksvoll verkörperten Sofia eine schlagkräftige Weggefährtin aus alten Zeiten, deren zwei Hunde ein kleines Highlight darstellen. Dem gegenüber steht Mark Dacascos als Zero, der Wick im Auftrag der Hohen Kammer zur Strecke bringen soll, diesen jedoch zugleich auch respektiert und bewundert für seine Fertigkeiten. Die Figur macht ihm sichtlich Spaß und entsprechend enthusiastisch ist seine Spielfreude. Schön zu sehen, dass Dacascos nochmals zeigen darf, was für Fähigkeiten in ihm Stecken. Seine beiden Handlanger werden von Yayan Ruhian (The Raid 1&2)und Cecep Arif Rahman (The Raid 2) gespielt, die erfreulicherweise mehr von ihrem virtuosen Können zeigen dürfen als ursprünglich erwartet, stellen sie Wick doch vor eine gewaltige Herausforderung. Auch der tolle Ian McShane, Lance Reddick und Laurence Fishburne sind in ihren gewohnten Rollen dabei und werden noch ergänzt durch Anjelica Huston und eine eher blasse Asia Kate Dillon als Abgesandte der Hohen Kammer.

 

Alles in allem ist John Wick: Chapter 3 – Parabellum abermals ein gelungener Beitrag zur Reihe um die Unterwelt-Legende, entpuppt sich für mich letztlich jedoch als vermeintlich schwächster Teil. Natürlich liefert Teil 3 alle gewohnten Zutaten und erweitert diese sogar um diverse Noten, doch eine gelegentliche Redundanz besonders in der Action schmälert ein wenig das runde Gesamtbild. Das ist aber auch Jammern auf höchstem Niveau, denn letztlich fetzt der Film ordentlich. I gotta say, I´m a pretty big fan. Ich auch.

 

7,5 von 10 brachialen Pferdeküssen

 

 

Johnny Mnemonic

29. April 2017 at 13:18

 

 

  © TriStar Pictures

 

 

 

„What causes it? This causes it! This causes it! This causes it! Information overload! All the electronics around you poisoning the airwaves. Technological fucking civilization. But we still have all this shit, because we can’t live without it.“

 

 

 

Johnny ist Schmuggler und seine Ware sind Daten. In seinem Kopf gespeicherte Daten, die er selbst nicht kennt und auf die nur der Empfänger mittels eines speziellen Codes zugreifen kann. Als bei seinem nächsten Job seine Auftraggeber noch während der Datenübertragung von Yakuza-Killern getötet werden und auch er nur knapp entkommen kann, befindet er sich fortan auf der Flucht und versucht verzweifelt, die Daten wieder aus seinem Kopf zu bekommen, denn eigentlich ist die Datenmenge viel zu groß für ihn und sein Speicher überlastet.

 

Eines kurz zum Vorverständnis: ich bin ein riesen großer Fan von William Gibson. Seit mir im zarten Alter von 15 oder 16 eher zufällig seine Neuromancer-Trilogie in die Hände fiel ist er sicher einer meiner Lieblingsschriftsteller und gesellt sich dort zu Namen wie Cormack Mccarthy oder Bret Easton Ellis. Kaum eine Romanreihe hat mich in meinem restlichen Leben mehr begleitet als diese, unzählige Male habe ich sie gelesen – zunächst mehrfach auf Deutsch und später auch im englischen Original – und das inzwischen ziemlich zerfledderte Exemplar steht auch heute noch hier im Regal und wird immer wieder gern hervor geholt. Schon nach den ersten paar Seiten war ich damals versunken in diese für mich so fremde wie faszinierende Welt, die Gibson dort erschafft, und geradezu verliebt in seine Sprache. Johnny Mnemonic von Regisseur und Konzeptkünstler Robert Longo ist meines Wissens nach die erste Verfilmung eines Stoffes von William Gibson, bei der er dann auch gleich das Drehbuch schrieb. Anders als bei dem drei Jahre später erschienenen New Rose Hotel, der zwar auch auf einer gleichnamigen Kurzgeschichte von Gibson beruht, aber das Drehbuch seinem Regisseur Abel Ferrara verdankt, ist der Schöpfer dieser Welt bei Johnny Mnemonic spürbar beteiligt. So erweitert er den Kosmos seiner Kurzgeschichte – die im gleichen Universum wie die Neuromancer-Trilogie spielt – teils um völlig neues, aber auch teils um Elemente aus anderen seiner Geschichten. So wird der Himmel der LoTeks  auch in der Vorlage erwähnt, aber für den Film versetzt Gibson ihn auf eine Brücke, die deutlich an die Oakland Bridge aus seiner Idoru-Trilogie erinnert. Auch die PharmaKom-KI in Johnny Mnemonic beinhaltet Elemente aus seinem Roman Neuromancer. Andererseits sind Figuren wie Spider oder der Prediger vollkommen neu und auch das Schwarze Zittern (NAS) findet sich in dieser Form nicht. Johnny, Jane (im Original eigentlich Molly, die auch in Neuromancer eine tragende Rolle hat), die Yakuza und ihr daumenloser Killer, der Delphin Jones und der Hehler Ralfi tauchen so auch mehr oder weniger in der Kurzgeschichte auf. So gelingt es Gibson also, den Inhalt seiner Story für das Drehbuch auszudehnen, ohne dass sich die neuen Elemente allzu fremd anfühlen, stammt all das doch aus dem gleichen Universum.

 

Als Johnny Mnemonic 1995 in die Kinos kam, da waren die Erwartungen an den Film recht hoch. Entsprechend tief war die Fallhöhe, entsprechend groß war die Enttäuschung darüber, lediglich einen doch sehr geradlinigen Actionplot mit eher typischer B-Movie-Dramaturgie serviert zu bekommen. So setzt auch Regisseur Longo lieber auf grelle Effekte und holzschnittartige wie schrille Figuren statt auf angedeutete Charakterentwicklung wie Gibson noch in seiner Kurzgeschichte, wo er mit wenigen Zeilen auf wenigen Seiten viel zu erzählen hat, wenn man denn aufmerksam hinsieht. Aber wie so oft liegt die Schönheit im Detail. Dass Robert Longo aus der New Yorker Kunstszene kommt, spürt man deutlich an den wundervoll detailfreudig und sehr originell ausgestatteten Setdesigns und Kulissen. Allein die Kommandozentrale der LoTeks rund um den drogensüchtigen Ex-Militär Delphin Jones weiß in all ihrem Detailreichtum zu begeistern. Zudem verzichtet Longo bei seinen Setdesigns durchgängig auf digitale Effekte, denn diese beschränken sich vielmehr allein auf die Visualisierung des Cyberspace. Somit entsteht ein ganz anderes Gefühl für die räumlichen Umgebungen und die Beschaffenheit der unterschiedlichen Kulissen. Die CGI-Effekte hingegen sind nicht sonderlich gut gealtert, glänzen aber auch durch eine sehr kreative Art der Inszenierung. Wie man hier versucht hat, den Cyperspace – William Gibsons Konsens-Halluzination – visuell darzustellen, das gefällt auch durch einen leicht naiven Charme. Und auch auf der darstellerischen Ebene hat Johnny Mnemonic einiges zu bieten, vereint der Cast doch eine illustre Runde an mehr oder weniger schillernden Persönlichkeiten. Keanu Reeves als Datenkurier Johnny bietet hier sein gewohnt stoisches Mienenspiel auf, was aber ganz wunderbar in den stilistischen Kontext des Filmes passt. Schauspielerisch spannender ist da schon zum Beispiel Udo Kier in seiner Rolle als Hehler Ralfi, denn es ist immer eine Freude für mich, das exaltierte Spiel dieses Mannes zu bestaunen. Oder die beiden zu der Zeit vollkommen abseitig besetzten Henry Rollins und Ice-T – der eine zeitweise  Sänger der New York Hardcore-Punk-Bands Black Flag und Rollins Band, der andere Rapper voller street credibility gemischt mit politischen Ambitionen und schauspielerischem Enthusiasmus – beide wissen auf ihre Art durchaus zu überzeugen. Abgerundet wird das Ensemble durch Namen wie Takeshi Kitano, Dolph Lundgren, Dina Meyer (die in Johnny Mnemonic ihre erste Filmrolle nach der Serie Beverly Hills, 90210 hatte und Dragonheart sowie Starship Troopers sollten folgen) oder die deutsche Schauspielerin Barbara Sukowa – alles in allem ein durchaus spannend zusammengestellter Cast.

 

Ja, Johnny Mnemonic hat zweifellos ganz offensichtliche Schwächen, aber dennoch mag ich ihn nach wie vor sehr. Das Drehbuch zum Beispiel hat so manche Probleme und William Gibson ist zwar ein fantastischer Schriftsteller, aber seine Stärken liegen dann doch an anderer Stelle und meines Wissens nach war das auch sein erster und letzter Ausflug in diese Gefilde. Nicht jede darstellerische Leistung kann überzeugen und so manche besticht vielleicht eher durch unfreiwillige Komik und trotz toller Setdesigns voller liebevoller Details sind die digitalen Effekte – allen voran die Animation des Cyberspace und das Finale – nicht allzu gut gealtert. Zudem ist aus filmhistorischer Sicht durchaus interessant, dass Johnny Mnemonic auch schon bestimmte Elemente des vier Jahre später erscheinenden Matrix vorweg nimmt. Letztlich ist Robert Longos Verfilmung der Kurzgeschichte von William Gibson tatsächlich kaum mehr als ein geradlinig erzählter B-Movie-Plot, macht das aber so charmant und detailverliebt, dass ich dem Film seine Schwächen nicht übel nehmen kann und ihn verteidige, wo ich nur kann.

 

7 von 10 drogensüchtigen Delphinen mit direktem Zugang zum Cyberspace

 

 

 

John Wick: Chapter 2

22. Februar 2017 at 22:59

 

 

  © Summit Entertainmant

 

 

 

„The man. The myth. The legend. John Wick. You’re not very good at retiring.“

 

 

 

Eigentlich hatte der Profikiller John Wick geglaubt, seine Rückkehr aus dem Ruhestand sei nach seinem blutigen Rachefeldzug gegen den russischen Mafiaboss Viggo Tarasov und dessen Schergen nun endlich vorüber und er könne zurückkehren zu einem normalen Leben, da steht erneut jemand aus seiner Vergangenheit vor seiner Tür und fordert eine alte Schuld ein, die es zu begleichen gilt.

 

John Wick kam 2014 für mich aus dem nichts und glich einem Schlag mitten in die Fresse, so unvorbereitet traf mich die schiere Wucht dieses wahnsinnigen Filmes voller purer Kinetik und dank des hohen Tempos ohne nennenswerte Verschnaufpausen. Eine Art geistiges Erbe des 80er Jahre Actionkinos, welches sich wieder auf dessen ursprüngliche Qualitäten und Werte besinnt und über seine kompromisslose Action hinaus dazu noch ein Meisterwerk in Sachen visuellem Storytelling ist. Wie Chad Stahelski und David Leitch hier mit nur ganz wenigen Pinselstrichen diese vollkommen eigene Welt des John Wick entwarfen, das war einfach nur genial. Ich mag es immer wahnsinnig gern, wenn ein Film viel mehr über seine Bilder erzählt, als mich mit Dialogen zu erschlagen und den Erklärbär zu spielen. Wie dem auch sei, schnell wurde eine Fortsetzung angekündigt und bald machte sich leise Skepsis in mir breit. Würde man dieses Spektakel wiederholen können oder an einem zweiten Teil scheitern? Würden die Macher an ihrer direkten wie druckvollen Stilistik festhalten oder würde ein aufgrund des nicht gerade unerfolgreichen ersten Teiles höheres Budget spürbare Änderungen mit sich bringen? Berechtigte Fragen, aber nun, nach dem Kinogenuss von John Wick: Chapter 2 kann ich beruhigt verkünden: wenn überhaupt, dann steht der neueste Streich seinem Vorgänger in nur sehr wenigen Punkten nach und bildet eine überaus gelungene Fortsetzung, welche zum einen den geradezu mythischen Status seiner Hauptfigur (nicht immer, aber dazu später mehr) weiterhin zementiert, zugleich aber auch die Welt, in der John Wick sich bewegt, dem geneigten Zuschauer deutlich weiter offenbart als zuvor.

 

Zunächst beginnt der Film mit einem von der eigentlichen Handlung eher losgelösten Prolog, der voller Tempo und sehr actionreich klarmacht, woher hier erneut der Wind weht. Danach wir erst einmal das Tempo herausgenommen und Regisseur Chad Stahelski, diesmal ohne David Leitch an seiner Seite, beginnt, die eigentliche Geschichte zu etablieren. Drehbuchautor Derek Kolstad ändert am Grundkonzept recht wenig, optimiert allenfalls die eine oder andere Stellschraube und die eigentliche Story ist nach wie vor schlicht und dient kaum mehr als Vehikel für all die dynamischen Actionszenen, verlagert ihren Schwerpunkt aber zunächst einmal hin zu den Mechanismen und Eigenarten dieser seltsamen Welt voller Auftragskiller und Ganoven, die ihrem ganz eigenen Kodex folgen, vollkommen losgelöst von der Realität. Comichaft überzogen und stetig pendelnd zwischen ernsthafter Härte und augenzwinkernder Verspieltheit, baut der zweite Teil viele der bereits etablierten Elemente weiter aus und führt uns tiefer in diese mysteriöse Parallelwelt, deren Absurditäten man allerdings akzeptieren muss, um den Film auch wirklich genießen zu können. So ist es auch hilfreich, dass sich zahlreiche alte Weggefährten aus dem ersten Teil hier erneut wiederfinden und ein Gefühl der Vertrautheit und Kontinuität vermitteln, ist der erzählerische Tenor doch beinahe identisch. Zwar kratzt der fortschreitende Ausbau dieser filmischen Welt ein wenig am Nimbus von John Wick als stoischer Einzelgänger und der eine oder andere könnte das als leichten Kritikpunkt betrachten, mich persönlich jedoch hat das nicht so sehr gestört, dass es das Filmvergnügen für mich spürbar abwerten würde. So wird dann auch in der zweiten Hälfte der auf den ersten Blick eher lang anmutenden 120 Minuten Laufzeit (die letztlich dann doch schneller vergehen, als einem lieb ist) das Tempo wieder angezogen und der Film reiht nahezu eine waghalsige Actionsequenz an die nächste, wobei so manches Set Piece in inszenatorischer Hinsicht brilliant ist. Allein der finale Akt in einer Art surrealem Spiegelkabinett lohnt schon das Geld für die Kinokarte, ist diese Szene doch visuell einfach fantastisch umgesetzt, wenn dort beinahe jegliche Grenzen aufgehoben werden und die rein sinnliche Wahrnehmung der Action vollkommen über die logische Wahrnehmung dominiert.

 

Selten erlebe ich es, dass eine Fortsetzung ihrem furiosen ersten Teil in so wenig nachsteht, dass ich sie kaum schlechter bewerten kann. Natürlich verfügt John Wick: Chapter 2 nicht mehr über den schlagkräftigen Überraschungseffekt seines Vorgängers, der mehr oder weniger aus dem Nichts kam und vollkommen unvorbereitet einschlug, dafür aber versteht es der Film im Gegenzug sehr gut, punktuell in seiner Inszenierung nochmals einen drauf zu setzten und gibt sich sogar eher noch kompromissloser. Darüber hinaus erhalten wir noch mehr und vor allem auch tiefer gehende Einblicke in die überaus faszinierende wie zwielichtige und vollkommen fremdartig anmutende Zwischenwelt des John Wick, der dieser eigentlich nur noch entsagen will, sie ihn aber nicht lässt und abermals einholt. Das mag zuweilen vielleicht ein wenig entmystifizierend anmuten, offenbart aber auch neue Möglichkeiten für kommende Szenarien. Der dritte Teil scheint beschlossene Sache, ist das Ende von Chapter 2 doch ein mehr als nur deutlicher Hinweis, aber wenn die Qualitäten weiterhin auf solch hohem Niveau rangieren, dann dürfte auch ein weiterer Film sicherlich seinen Reiz haben. Ich jedenfalls hätte nichts dagegen.

 

8 von 10 kugelsicheren Abendgarderoben

 

 

The Neon Demon

7. November 2016 at 18:24

 

 

© Gaumont Film Company

 

 

 

„Beauty isn’t everything. It’s the only thing.“

 

 

 

Die sechzehn jährige Jesse ist gerade erst allein nach Los Angeles gezogen mit dem Ziel, dort als Model Fuß fassen zu können. Tatsächlich kann sie schon bald ihren ersten Vertrag ergattern und lernt mit der Visagistin Ruby jemanden kennen, die sie immer tiefer in eine befremdliche Glitzerwelt voller dekadenten Partys, exzessiven Ausschweifungen und stylishen Foto-Shootings führt. Doch schon bald lernt die naive Jesse Neid und Missgunst kennen, denn ihr kometenhafter Aufstieg in der Welt der Models findet nicht bei jeder ihrer Kolleginnen auch unbedingt Anklang.

 

Das Kino des Nicolas Winding Refn ist von jeher ein ausgesprochen egoistisch geprägtes und sein neuestes Werk The Neon Demon bildet da sicherlich keine Ausnahme. Mehr noch, dieses Mal zelebriert er seine ganz eigenwillige Stilistik noch viel mehr als er es schon in Only God Forgives getan hat und erschafft formvollendetes Oberflächenkino in seiner reinsten Form. Kam jedoch Only God Forgives noch als surrealer Fiebertraum rund um das Thema Rache daher, ist The Neon Demon deutlich kühler und distanzierter in seiner Inszenierung geraten. Und wie die meisten seiner vorherigen Filme spaltet auch The Neon Demon erneut die Gemüter der Zuschauer. Refn war noch nie ein Regisseur der Kompromisse oder gar Anbiederung an ein Publikum, das ihn ohnehin nicht interessiert. Insofern kann ich sehr gut verstehen, wenn man keinen Zugang zu dieser sehr egozentrischen Filmwelt des dänischen Regisseurs erlangt. Und tatsächlich hätte es mich auch bei seinem neuesten Film doch sehr überrascht, wenn keine Verurteilung oder Manifestation der Empörung von Gruppen oder Einzelpersonen entstanden wären, die argumentieren, dass es sich bei The Neon Demon um einen weiteren, flachen, an das männliche Publikum gerichteten Film handelt, der Frauen objektiviert, stereotypisiert und verunglimpft. Mal im Ernst: wie kann ich einem Film Frauenfeindlichkeit vorwerfen, der sich einem ganz von sich heraus doch schon frauenfeindlichen Kosmos widmet? Das ist mir deutlich zu kurz gegriffen und viel zu einfach gedacht. Zudem muss man auch festhalten, dass Refn lediglich abbildet, nie aber urteilt. Seine Bilder bleiben wertfrei und ohne Anklage. Auch den immer wieder zu vernehmenden Vorwurf der inhaltlichen Leere und der stringenten Künstlichkeit kann ich zumindest aus einem bestimmten Betrachtungswinkel nachvollziehen, aber ebenso wenig verstehen wie den der Misogynie. Natürlich ist jedes Bild in The Neon Demon geradezu durchzogen von dieser Künstlichkeit, aber das ist in meinen Augen keineswegs ein Kritikpunkt, denn was könnte die künstliche und absurde Welt der Mode besser untermalen als künstliche Figuren in künstlichen Umgebungen, versehen mit künstlichen Neon-Farben und einem künstlichen Soundtrack? Und es geht Refn auch keineswegs um eine Kritik oder gar schräge Satire auf die Fashionwelt, denn die braucht es gar nicht, dafür ist die Künstlichkeit des ganzen Modezirkus auch so schon viel zu offensichtlich und sich selbst entlarvend, genauso wie sein Jugendwahn und sein Schönheitskult. Stattdessen zelebriert er eine von kalten Neonlichtern geflutete Parallelwelt, die das menschliche Antlitz so weit abstrahiert, bis es nur noch wie ein aus Marmorstein geschlagenes Zerrbilder seiner selbst erscheint. Alles, was hier von Belang anmutet, sind die Ideale der Oberflächlichkeit. Der Film handelt vorgeblich von jungen weiblichen Models in L.A., von Konkurrenz und Missgunst unter ihnen, von der Schönheit, die nicht alles ist, sondern das Einzige ist in ihrer Welt. Eine Welt, in der es unmittelbar um das Sehen geht, um das Glück, gesehen zu werden, und das Drama, nicht gesehen zu werden. Natürlich geht es Refn dabei nicht im Geringsten um einen realistischen Blick auf dieses Milieu und die Mechanismen, aus denen es gebaut ist, auch und erst recht nicht um eine wendungsreiche Dramaturgie oder ein konkretes Handlungsgeschehen. Hier geht es nicht um junge Mädchen, nicht um Outfits, nicht um Laufstege; es geht nicht um psychologische Komplexität, nicht um Figuren, die wichtige Motive und Pläne hätten; es geht einzig und allein um das Kino selbst, um die Essenz des Kinos, um das Sehen. Nicht etwas sehen, sondern bloß den Vorgang des Sehens selbst. So ist dann The Neon Demon auch nicht als Angebot an das Denken konzipiert. Sicherlich kann man den Film auf unterschiedliche Weisen auslegen und interpretieren, doch bewusst daran gelegen war Refn vermutlich nicht und die Frage nach der eigentlichen Aussage hinter dieser Bilderflut versandet ganz automatisch und geradezu unmittelbar. An Dingen wie Inhalt, Handlung oder Bedeutung ist Refn schlicht und ergreifend einfach nicht interessiert. Ist es eine Demontage der schillernden Modewelt? Eine Parabel auf unsere Fixierung auf Schönheit? Ist es vielleicht einfach nur eine Verkettung von avantgardistischen Bildern und Posen? Ist er doppelbödig klug oder tappt er in die selbst geschaffene Falle, dass sein Film, der die zelebrierte Oberflächlichkeit der Modewelt erforscht, selbst nicht viel mehr als hochstilisierte Fassade ist? Eine klare Antwort darauf gibt es nicht, The Neon Demon ist alles und doch nichts davon, und letztlich ist es auch vollkommen egal. Die Charaktere im Film sind gar keine, denn so etwas wie eine Entwicklung erleben sie nicht, sie sind allenfalls Figuren, eigentlich aber nur noch schablonenhafte Projektionsflächen für seine Bilder. Nicht ohne Grund dominieren den Film zwei bestimmte metaphorische Bilder, wenn immer wieder Spiegel und Augen in den Vordergrund rücken. Allein das pure Sehen ist der Dreh- und Angelpunkt in Refns künstlicher Welt und sonst nichts, alles andere wird auf das absolut Rudimentärste herunter gebrochen und hemmungslos der Bilderflut untergeordnet. Ein paar Worte noch zu Ellen Fanning: Schönheit liegt zweifellos immer auch im Auge des Betrachters und weniger in gesellschaftlich formulierten Kriterien und ist vollkommen subjektiv. So kann man also zu ihrer Wahl als Hauptfigur stehen, wie man möchte, und dem einen gefällt sie, dem anderen eben nicht. In meinen Augen ist sie fantastisch besetzt und wirkt zart und fragil, engelsgleich und makellos, vor allem aber kindlich naiv und seltsam kühl zugleich. Man spürt sofort, dass da irgendetwas in ihr schlummert, von dem man nur bedingt möchte, dass es zum Vorschein kommt.

 

Ich bin ein großer Freund des Kinos von Nicolas Winding Refn, kann aber ebenso sehr gut verstehen, wenn jemand damit nun so gar nichts anfangen kann. Nur gewisse Vorwürfe der Kritik an ihm, seinen Filmen im allgemeinen und The Neon Demon im besonderen kann ich in der Form oft nicht nachvollziehen. Schon die erste Sichtung des Filmes hat mich enorm fasziniert, es werden zweifellos noch mehrere folgen und ich bereue es jetzt nur noch mehr als zuvor, es nicht geschafft zu haben ihn im Kino zu sehen. Aus meiner Sicht heraus kulminieren in The Neon Demon all die Stärken seiner bisherigen Filme und seine nur noch radikalere Form der Inszenierung macht ihn für mich zu Refns bisher intensivsten Film. Ob auch zu seinem besten, das wird sich dann im Laufe der Zeit noch zeigen. Zweifellos zelebriert er sich in seinem neuesten Werk über alle Maßen selbst und erschafft ein in seinem vollkommen ohne Ironie glorifizierten Körperkult beinahe schon riefenstahleskes Oberflächenkino. Ein Film von einem Narzissten für Narzissten. Und das meine ich jetzt keineswegs negativ.

 

9 von 10 wahrhaft sehenden Augen mit Luft nach oben