Assassin´s Creed

20. Oktober 2017 at 19:43

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

Der zum Tode verurteilte Callum Lynch soll durch die Giftspritze hingerichtet werden, erwacht jedoch kurz darauf in einer merkwürdigen Forschungseinrichtung. Diese ist Teil der ominösen Abstergo Foundation und befindet sich mittels einer futuristischen Apparatur namens Animus auf der Suche dem letzten Nachkommen einer uralten Blutlinie, die bis auf den Assassinen Aguilar de Nerha im Spanien des 15. Jahrhunderts zurückgeht, und scheint diesen in Lynch gefunden zu haben. Denn allein de Nerha weiß, wo ein mysteriöses Artefakt namens Apfel von Eden von ihm selbst während der Spanischen Inquisition versteckt wurde. Die Macht des Apfels von Eden soll den Schlüssel zum freien Willen der Menschheit enthalten und die Abstergo Foundation will ihn um jeden Preis.

 

Die Spiele aus der Assassin´s Creed-Reihe und deren Welten kenne ich allenfalls bruchstückhaft, ich bin da also alles andere als ein Experte und will vielmehr den Film an sich bewerten und so wenig Bezug zu den Spielen wie möglich miteinbeziehen. Nach seiner Verfilmung von Macbeth arbeitet Justin Kurzel nun für Assassin´s Creed erneut sowohl mit Michael Fassbender als auch mit Marion Cotillard zusammen, und beschreitet dennoch ganz andere Wege als noch mit seiner visuell eindrucksvoll wie gleichermaßen karg geratenen Shakespeare-Verfilmung. Von Shakespeare zu einer Videospiel-Reihe von Ubisoft, das muss man erstmal machen. Fassbender – nach eigener Aussage selbst großer Fan der Spiele – spielt als Callum Lynch/Aguilar de Nerha nicht nur die Hauptrolle, er hat auch kräftig mit produziert und den Film in seiner Entwicklungsphase immer wieder angeschoben. Ubisoft zu Folge wollte man mit Assassin´s Creed einen Film in die Kinos bringen, welcher sich eben gerade nicht ausschließlich an die Fans richtet, sondern auch ein Publikum zu erreichen vermag, das dieser Welt fremd ist. Allerdings funktioniert das für mich nicht und ich fühlte mich so gar nicht abgeholt, eher im Gegenteil, hatte ich doch immer mal wieder das Gefühl, dass der Film mich aus seiner Welt geradezu ausschließt anstatt mich als Nicht-Fan willkommen zu heißen. Auf der erzählerischen Ebene hastet Assassin´s Creed in großem Tempo manchmal bis an die Grenze der Orientierungslosigkeit durch ein konfuses Wirrwarr aus oft nur angerissenen Subplots und rätselhaften Figuren. Eine stellenweise geradezu kryptisch erzählte Story verhindert das Eintauchen in diese auf dem Papier ja durchaus interessante Welt. Mir stellten sich da echt Fragen, obwohl der Film oberflächlich betrachtet nicht sonderlich komplex strukturiert ist.

 

Zudem beweist mir Assassin´s Creed erneut, dass es sehr schwer ist, die Ästhetik von Videospielen in das Medium Film zu übersetzen. Was in Spielen oft wirklich gut wirkt, das erscheint mir in Filmen dann meist zu artifiziell. Solche Szenen hatte ich in Kurzels Film nur all zu oft, wenn man gerade in Actionsequenzen beispielsweise Abläufe zu sehen bekommt, die geradezu 1:1 einem Videospiel entsprungen zu sein scheinen, innerhalb der Struktur des Filmes aber nicht so recht funktionieren wollen. Dazu hat Assassin´s Creed eine ganz eigenartige Ästhetik und wirkt wie mit einem merkwürdigen digitalen Weichzeichner nachbearbeitet, ein visueller Aspekt, welcher mir nicht wirklich zusagt. Der Cast liest sich fantastisch, wenn sich um Michael Fassbender Schauspieler wie Jeremy Irons, Marion Cotillard und (wenn auch nur sehr kurz) Brendan Gleeson dazu gesellen, doch leider wird hier selten mehr als darstellerisches Mittelmaß abgeliefert und vieles wirkt wie auf Autopilot dargeboten. Selbst Fassbender erscheint sowohl als Mörder Callum Lynch wie auch als Assassine Aguilar de Nerha mehr profillos anstatt mysteriös. Die überraschend wenigen, dafür recht langen Actionszenen sind zwar meist recht hübsch anzusehen, bleiben letztlich aber ohne die nötige Wirkung und arm an Druck und Wucht. Parkour spielt da oftmals eine nicht unbedeutende Rolle, doch auf Dauer sind die Actionsequenzen zu repetitiv, wirken ermüdend und nutzen sich dadurch recht schnell ab. Wie eingangs erwähnt: zum Bezug zu der Spielereihe kann ich kaum etwas bis gar nichts sagen, aber Assassin´s Creed als reiner Film konnte mich nicht nur nicht erreichen, ich hatte auch das Gefühl, ausgegrenzt zu sein und kaum mehr als oberflächlich in diese Welt eindringen zu können. Das ist eigentlich schade, denn das erzählerische Potential mit all seinen Möglichkeiten ist enorm. In dieser Form allerdings funktioniert das für mich nicht wirklich und lässt mich mit reichlich Fragen zurück, welche mehr Kontext in Form der Spielewelten eventuell beantwortet hätten. Und vielleicht ging es nur mir so, aber ich fand den Abspann mit beinahe 15 Minuten sehr lang und dachte nach dem eher plötzlichen Ende des Filmes, da müsse doch noch was kommen. Kam aber nicht. Merkwürdig.

 

5 von 10 Assassinen-Klingen, die Hälse durchbohren

 

 

 

 

Alien: Covenant

28. Mai 2017 at 14:55

 

 

 

                   ©Twentieth Century Fox

 

 

„One wrong note eventually ruins the entire symphony.“

 

 

 

2104: Zehn Jahre nach dem Verschwinden der USCSS Prometheus befindet sich die Besatzung des Kolonieschiffes USCSS Covenant mit ihrer Fracht von rund 2000 sich im Hyperschlaf befindenden Siedlern auf dem Weg zu dem weit entfernten Planeten Origae-6, um dort eine neue Heimat zu finden. Ein Unfall jedoch führt dazu, das die Crew frühzeitig geweckt werden muss, um die notwendigen Reparaturen durchführen zu können. Ein rätselhafter Funkspruch lenkt ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Planeten, deutlich näher und scheinbar noch besser für menschliches Leben geeignet als Origae-6, doch schon bald nach dem Eintreffen des Landungstrupps auf der potentiell neuen Heimat beginnen die Probleme und ehe sie sich versehen, kämpft die Besatzung der Covenant ums nackte Überleben.

 

Als 2012 Ridley Scotts Prometheus erschien, da musste sich der Regisseur einiger Kritik aussetzen. Kritik, welche ich bis heute überwiegend nicht nachvollziehen kann. Sicher, inhaltlich hatte der Film zweifellos seine Probleme, aber dafür war er visuell fantastisch und atmosphärisch dicht. Immer wieder die üblichen Unzulänglichkeiten auf den Tisch zu packen, die ohnehin meist nur etablierten Genremechanismen geschuldet sind, empfinde ich als zu kurz gegriffen, aber das ist ein anderes Thema. Nun also ist nach einigem produktionstechnischem Hickhack das Sequel Alien: Covenant da und hat ein großes Erbe anzutreten. Scott selbst versprach, die Reihe wieder zurück zu ihren Ursprüngen zu führen, zu Angst und Terror, zu unbekanntem Schrecken auf engstem Raum, waren ihm doch all die Fortsetzungen nach seinem Alien (1979) schon immer ein Dorn im Auge. Kann also Alien: Covenant die Brücke zwischen Alien und Prometheus schlagen? Jein. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Ridley Scott das auch gar nicht so wirklich im Sinn hatte, fühlt sich sein neuester Film doch in seinem Tenor viel zu zerrissen an, als dass sich eine klare Vision dahinter erkennen lassen könnte. Zu sehr schwankt Alien: Covenant zwischen dem abgründigen Terror früherer Jahre, einer Verlängerung der philosophischen und religiösen Ansätze von Prometheus, groß angelegter Actionsequenzen und eingestreuten Splatter-Spitzen. Letztlich scheint Scott kaum Lust gehabt zu haben, alte Strukturen und Konzepte weiter zu verfolgen, sind doch die Aliens wie die Besatzung der Covenant nicht selten ziemlich nachlässig inszeniert und die vermeintliche Rückkehr zum Terrorkino wirkt vielmehr wie ein Vehikel, mit dessen Hilfe er viel lieber all die Ansätze und Gedanken aus Prometheus fröhlich weiter spinnen kann. So rückt dann letztlich auch der Konflikt zwischen Schöpfer und Schöpfung in den erzählerischen Fokus – mehrfach gespiegelt zum einen durch die Beziehung von Peter Weyland zu seiner Schöpfung David und später vor allem durch die Beziehung von David zu seinem Nachfolgemodell Walter. Bereits die aller erste Szene macht deutlich, dass Scott dieses Mal die Aliens, die Crew, die Angst und das Gemetzel verhältnismäßig egal sind und nicht viel mehr als Mittel zum Zweck, als simple Erfüllungsgehilfen für sein Sinnieren über den Ursprung der Menschheit sind. Was zunächst einmal nicht sonderlich schlimm sein muss und mir sogar thematisch sehr gut im Film gefiel, dürfte jedoch die Erwartungshaltung vieler Zuschauer torpedieren.

 

Was mir deutlich mehr an Alien: Covenant missfiel, war die erschreckend beiläufig und geradezu im Vorbeigehen mit einer handvoll Sätzen abgehandelte Enstehungsgeschichte der Xenomorphen wie wir sie kennen. Ein Problem, welches ich schon immer mit den Fortsetzungen der Reihe hatte, ist, dass sie jedesmal, Film um Film, den Aliens Hintergrundinfo um Hintergrundinfo mit an die Hand geben und so den namenlosen wie unbegreiflichen Schrecken aus Alien immer weiter Stück für Stück entmystifizieren. Ich will all diese Informationen gar nicht haben, denn gerade das ist doch erst der Clou an Alien, dass ich als Zuschauer genauso wenig über diese rätselhafte Kreatur weiß wie die Crew der Nostromo. Mit jeder weiteren Information über den Xenomorph verliert er für mich auch immer mehr an Schrecken und damit vor allem an Faszination. Wenn Alien: Covenant nun also final die Herkunft der Aliens lüftet, dann bekomme ich Antworten auf Fragen, welche ich gar nicht hätte stellen wollen. Ironischerweise wurde Prometheus oft vorgeworfen, dass der Film zu viele Fragen aufwirft und diese dann unbeantwortet lässt, wohingegen nun Alien: Covenant zuviel erklärt und Antworten findet, wo gar keine Fragen waren. Wenn dann der Konflikt zwischen Schöpfer und Schöpfung so deutlich in den Vordergrund gerückt wird wie Scott es hier tut und das Alien, die Crew der Covenant und deren Kampf ums Überleben nicht mehr das zentrale Element des Filmes sind, dann fühlt sich das merkwürdig an. Es steht zwar Alien drauf, aber richtig viel Alien drin ist jedenfalls nicht, obwohl der Film ein viel klareres Bekenntnis zum ursprünglichen Zyklus ist als 2012 noch Prometheus. Folglich ist dann auch Michael Fassbender in seiner Doppelrolle als Walter/David sehr präsent und drängt durch seine zugegeben sehr starke Darbietung den Rest des Cast deutlich in Hintergrund. Kaum jemand anderes der Crew der Covenant bekommt genug Raum, Zeit oder Tiefe um aus Fassbenders übergroßen Schatten treten zu können. Eine beeindruckende One Man Show ist das zweifellos, führt aber eben auch dazu, dass man kaum noch mitfiebern kann, wenn die Crew Mitglied für Mitglied dezimiert wird, weil die einzelnen Figuren völlig belanglos und schablonenhaft geschrieben sind.

 

Die Rückkehr zu den Wurzeln der Reihe hat Ridley Scott versprochen, zurück zu Angst und Terror, zu engen Luftschächten und verwinkelten Gängen. Vollständig einlösen jedoch kann er dieses Versprechen nicht. Zugegeben, das erste Drittel von Alien: Covenant funktioniert diesbezüglich sehr gut, doch wenn man denkt, jetzt legt das Alien richtig los und knüpft sich nach dem klassischen zehn kleine Negerlein-Prinzip die Crew der Covenant Stück für Stück vor, dann kippt der Film plötzlich tonal und rückt fortan für lange Zeit Walter/David und deren Konflikt sowie den scheinbar unvermeidlichen Gottkomplex in den Fokus, nur um gegen Ende wieder einen Schritt zurück hin zu etwas zu groß ausfallender Action zu machen. So fühlt sich Alien: Covenant insgesamt zu zerrissen zwischen all seinen verschiedenen Stimmungen an und erschafft keine wirklich kohärente Erzählstruktur. Dass dann der Mythos Xenomorph mehr oder weniger im Vorbeigehen vollkommen entzaubert und all seiner Faszination beraubt wird, dass nehme ich dem Film dann letztlich sogar auch persönlich übel. Dennoch muss man festhalten, dass Ridley Scott bei weitem nicht alles an die Wand fährt und Alien: Covenant auch viel richtig macht. Der Film ist visuell wieder sehr eindrucksvoll geworden und erinnert stellenweise tatsächlich wieder mehr an den Look von Alien und auch einige Spannungssequenzen sind gelungen. Dass diese dann nicht wirklich packen, liegt eher weniger an der Inszenierung, sondern vielmehr am Drehbuch, welches versäumt, seine Figuren so zu schreiben, dass man mit ihnen mitfiebern könnte. Unterm Strich aber ist das alles zu wenig und für einen explizit als Rückkehr zum alten Alien-Feeling formulierten Film bietet Alien: Covenant letztlich einfach zu wenig Angst, Terror und Schrecken und leider auch zu wenig Alien.

 

6,5 von 10 Geburtsstunden des größten Monsters der Filmgeschichte

 

 

X-Men: Apocalypse

26. September 2016 at 23:31

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„You are all my children, and you’re lost because you follow blind leaders. These false gods, systems of the weak, they’ve ruined my world. No more.“

 

 

 

Im Kairo des Jahres 1983 wird der uralte und übermächtige Mutant Apocalypse aus Jahrtausende andauernder Gefangenschaft befreit und auf eine hilflose Menschheit losgelassen. Angewidert von dem, was aus seiner Welt geworden ist, beschließt er, die Welt zu zerstören um aus ihren Trümmern eine neue Ordnung nach seinem Bild zu erschaffen. Dazu versammelt er vier potentiell sehr mächtige Mutanten inklusive Magneto um sich, aber um seinen Plan vollends verwirklichen zu können, braucht er auch die Kräfte von Professor Charles Xavier. Allein dieser und seine X-Men sind die vielleicht einzigen, die Apocalypse jetzt noch aufhalten könnten und so entbrennt ein Kampf um die Existenz der Menschheit.

 

„Well, at least we can all agree the third one’s always the worst.“ Ich gebe zu, dass ich es mir ein wenig leicht mache, wenn ich diese Rezension mit jenem Zitat der jungen Jean Grey beginne, aber es ist einfach viel zu verlockend, um es nicht zu nutzen. Im Film selbst fällt dieser Satz nach einem Kinobesuch von Star Wars: Episode VI – Return of the Jedi und es bedarf nicht allzu viel Fantasie, um darin einen ironischen und augenzwinkernden Seitenhieb von Regisseur Bryan Singer gegen Brett Ratners X-Men: The Last Stand von 2006 zu erkennen, dem zweifellos bisher schlechtesten Beitrag der gesamten Reihe. Aber diesem Satz wohnt auch eine gewisse unbeabsichtigte Ironie inne, denn auch X-Men: Apocalypse vermag das Niveau seiner beiden Vorgänger First Class und Days of Future Past nicht immer zu halten. Zudem haben wir es mit einer Prequel-Trilogie zu tun, welche gerade in Bezug auf ihren Ursprung über weite Strecken gut bis sehr gut funktioniert, was im Falle von Star Wars auf Episode I-III nun mal überhaupt nicht zutrifft. First Class war ein mehr als nur gelungener, sehr guter Auftakt zur Wiederbelebung der nach The Last Stand eigentlich toten Reihe und in meinen Augen der beste Film im X-Men-Universum bisher, aber kommerziell nicht unbedingt der große Wurf, weshalb Bryan Singer nach X-Men und X-Men 2 dann für X-Men: Days of Future Past die Regie von Matthew Vaughn wieder übernahm und nun auch für Apocalypse hinter der Kamera steht. Und nach den beiden Vorgängern der Prequel-Trilogie beschließt Bryan Singer nun endgültig den mit First Class begonnenen, selbstmetaphorischen Akt der Neuordnung des X-Men-Universums, der bereits in Days of Future Past seinen Höhepunkt erreichte. Nach Apocalypse werden die Ereignisse (und teils schweren Fehler) der alten Trilogie vollkommen ausgemerzt und für das Bewusstsein der Figuren nicht mehr präsent sein. Die Uhr steht wieder auf Null.

 

 

 

„I tried your way, Charles. I tried to be like them, live like them. But it always ends the same way. They took everything away from me. Now, we’ll take everything from them.“

 

 

 

Apocalypse setzt an einem Punkt zehn Jahre nach den Ereignissen von Days of Future Past ein und durch diesen Zeitsprung holt der Film sowohl die neuen wie auch die alten, bereits bekannten Figuren an unterschiedlich nachvollziehbaren und mit ausreichend Hintergrund versehenen Punkten ab. Die Gefahr durch die Sentinels mag zwar gebannt sein, aber die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber der Mutanten hat sich kaum geändert und an ein harmonisches Miteinander ist nicht zu denken. Zu sehr herrschen nach wie vor Ausgrenzung und Ablehnung vor. Charles Xavier leitet weiterhin seine Schule und unterrichtet Mutanten, Erik Lehnsherr jedoch zog es in die Abgeschiedenheit des ländlichen Polens, um dort ein ruhiges und friedliches Leben führen zu können. So bedarf es auch abermals eines tragischen Zwischenfalls, um ihn nur noch näher an den Abgrund zu stoßen und Mitglied von Apocalypses Gefolgschaft werden zu lassen. Überhaupt wird dem Charakter des Magneto ja in den drei Filmen der Prequel-Reihe der größte und stärkste Entwicklungsbogen spendiert. So darf Michael Fassbender dankenswerter Weise nun nur noch tiefer in die innere Zerrissenheit der Figur eintauchen und er lässt all diesen Schmerz und all diese Wut so überzeugend spürbar werden, hadert so sehr mit seiner Existenz, dass er über die dramaturgischen Schwächen in der Entwicklung seiner Figur, die sich erzählerisch seit First Class immer noch im Kreis dreht, hinweg sehen lässt. So mischen sich auch die immer gleichen Variationen von Momenten des schwermütigen Dialoges zwischen Charles und Erik in den Film, bei denen die Hoffnung und der Optimismus des einen der Desillusion und der Verbitterung des anderen diametral gegenüber stehen. Überhaupt kommt einem vieles bekannt vor und hinterlässt ein leises Déjà-vu-Gefühl, Nightcrawlers Käfigkampf zum Beispiel, die Nuklearwaffen oder die Dark Phoenix-Szene und noch so manch anderes Bild mehr bedient sich bei bekannten Motiven des ganzen Zyklus, aber das stört, wenn überhaupt, nur am Rande und löst eher willkommenes Anerkennen aus.

 

 

 

„Elohim, Pushan, Ra – I’ve been called many names over many lifetimes. I am born of death. I was there to spark and fan the flame of man’s awakening, to spin the wheel of civilization. And when the forest would grow rank and needed clearing for new growth, I was there to set it ablaze.“

 

 

 

Auf den ersten Blick folgt Apocalypse der aktuell so beliebten Hollywood-Maxime der ständigen Steigerung. Ging es noch in Days of Future Past „nur“ um das Überleben der Mutanten, steht nun nicht weniger als das Schicksal der gesamten Welt auf dem Spiel. Und tatsächlich ist mit Apocalypse dieses mal der Bösewicht um ein vielfaches mächtiger als zuvor, die Action größer und bombastischer und die Anzahl der für die Handlung relevanten (oder manchmal auch nicht relevanten) Figuren kaum noch überschaubar, aber Bryan Singer überspannt den Bogen nie, zeigt Verständnis für seine Charaktere und deren Entwicklung und stattet seinen Film trotz Blockbuster-Mechanismen und Spezialeffekt-Gewitter im Finale mit Herz und Seele aus. Und trotz des üblichen CGI-Overkills, den man aus unzähligen anderen Filmen bereits kennt und in solchen finalen Konfrontationen geradezu erwarten würde, bietet Apocalypse aber auch immer wieder kleine, visuell toll umgesetzte Momente, wenn so manche Figur das wahre Potential ihrer Kräfte entdecken darf. Wenn Bryan Singer schließlich zum letzten Akt in seinem Film ansetzt, dann finden die wirklich großartigen Szenen auch nicht in den Kämpfen zwischen den vier Reitern des Apocalypse und den jungen X-Men statt, sondern vielmehr bei einem Kräftemessen auf Gedankenebene zwischen Apocalypse und Charles Xavier. Dieses Duell hätte man durchaus noch ein wenig ausgefallener inszenieren können, dennoch weiß es zu überzeugen und setzt einen angenehmen Gegenpol zu der übrigen Zerstörungsorgie. Dass diese weder spürbare Folgen noch wirkliche Konsequenzen hat, ist ja inzwischen schon so etwas wie eine moderne Blockbuster-Krankheit geworden: Kairo wird im Finale effektvoll und bildgewaltig in Schutt und Asche gelegt, aber der Schrecken und die Bedrohung, die von Apocalypse ausgehen, werden für den Zuschauer nie ernsthaft greifbar und bleiben allenfalls abstrakt. Keine zivilen Opfer, kein einrückendes Militär, nichts dergleichen bietet der Film auf, um seinem Finale auch wirklich merkliches Gewicht zu verleihen. Zugegebenermaßen machen das in diesem Punkt inzwischen einige Filme aus dem MCU und sogar Batman v Superman: Dawn of Justice deutlich besser.

 

Natürlich hat X-Men: Apocalypse auch seine Probleme: die bereits erwähnte Folgenlosigkeit der Ereignisse, der von den Allmachts- und Weltherrschaftsfantasien seines Bösewichts angetriebene Plot ist dünn, nicht immer sind Entscheidungen nachvollziehbar (so wirken die Rekrutierungsmaßnahmen von Apocalypse bis auf Magneto doch eher willkürlich), nicht jede Idee funktioniert auch immer (wie die vollkommen sinnfreien elektromagnetischen Käfige, um Mutanten im Zaun zu halten), die Besetzung und auch der Umgang mit so manchem Charakter ist fragwürdig (Psylocke, Storm und Angel vor allem) und erzählerisch dreht man sich immer noch sowohl im kleinen wie im großen im Kreis. Aber Bryan Singer hat viele gelungene Ideen dagegen anzubringen, die immer wieder verhindern, dass der Film in Avengers-Reflexe verfällt und in Hirn und Herz befreites Blockbuster-Kino abzurutschen droht. Zudem geht X-Men: Apocalypse gekonnt genug mit seinem Arsenal an Figuren um, um ein emotional glaubwürdiges Zentrum zu erschaffen, welches den Film ein wenig erdet, und die aufgeworfenen, durchaus existenzialistischen Fragen über den Glauben an alleinige Macht, die Verführung zielloser, verwirrter Außenseiter und Gesellschaftsstrukturen voller Ressentiments bestehen problemlos neben den reinen Unterhaltungswerten und verschwinden nicht unter all dem Bombast, all der Action und all den Spezialeffekten. Letztlich nimmt Bryan Singer noch ein paar lose Fäden wieder auf, bringt sie zu Ende und rebootet sein Universum nun vollständig. Theoretisch bräuchte es keinen weiteren Film mehr, denn der Zyklus fügt sich zusammen, die Geschichte ist erzählt und man steht wieder am Anfang. Dass das aber so nicht kommen wird ist nur allzu offensichtlich.

 

7 von 10 Szenen mit Quicksilver, die hoffentlich nicht bald überhand nehmen

 

 

 

Macbeth

4. August 2016 at 23:24

 

 

© Studio Canal/The Weinstein Company

 

 

 

„Life’s but a walking shadow. Honor. Love. Friends. But in there’s death. Curses.“

 

 

 

Die an dieser Stelle für gewöhnlich übliche, kurze Inhaltsangabe spare ich mir dieses Mal, denn Shakespeares Tragödie über Machtgier, Liebe und Wahnsinn, der heimtückische Aufstieg durch Meuchelmord und der dann folgende tiefe Sturz des Macbeth sollte zumindest in groben Zügen bekannt sein. Bereits so große Namen wie Orson Welles, Akira Kurosawa oder Roman Polanski, aber auch unzählige andere Regisseure haben sich, mal mehr, mal weniger erfolgreich, an einer Adaption des zweifellos zeitlosen Stoffes versucht. Nun gesellt sich auch der noch verhältnismäßig unbekannte australische Regisseur Justin Kurzel dazu, der bisher mit dem durchaus gelungenen Snowtown erst einen Spielfilm vorzuweisen hat, sich mit Macbeth aber gleich für die anstehende Videospielverfilmung Assassin`s Creed empfehlen konnte. Inhaltlich orientiert sich Kurzel letztlich bis auf einige wenige filmisch bedingte Raffungen und Auslassungen dann auch weitestgehend am Originalstück von Shakespeare. Mit den Dialogen verhält es sich dann konsequenterweise auch ganz ähnlich, bleiben diese doch überwiegend unberührt und Kurzel macht sie sich keineswegs zu eigen, sondern übernimmt sie größtenteils aus der originalen Vorlage und belässt sie in ihrer ursprünglichen Form. Atmosphärisch verwandelt er das Drama um den Abstieg des Macbeth in den Wahnsinn in ein unglaublich dichtes und geradezu erdrückendes Werk, das zwar enorm minimalistisch inszeniert ist, aber dennoch sehr bildgewaltig und brachial daherkommt. Dieser Spagat zwischen nicht allzu sklavischer Werktreue und fulminanter Visualisierung gelingt Kurzel erstaunlich gut, ist sein Macbeth doch visuell und akustisch sehr beeindruckend und die Erzählstrukter beschränkt sich bei weitem nicht nur auf Handlung und Dialog, sondern erstreckt sich über zahlreiche Ebenen und bezieht darüber hinaus auch noch die Bildkomposition, die Bildtiefe, die Farbgebung und vor allem auch die Musik mit ein. Dazu reduziert das Drehbuch die ohnehin schon nicht sonderlich komplexe Handlung auf ihre rudimentärsten Bestandteile und fokussiert sich stattdessen lieber voll und ganz auf die Figuren, wodurch diese und vor allem die Inszenierung deutlich in den Vordergrund rücken, was aber letztlich nie zu Lasten des Inhaltes oder der Dialoge geht. Gerade in der eröffnenden Schlachtszene wird deutlich, wie Kurzel geschickt mit Stilmitteln wie Zeitraffer, Sprüngen, Superzeitlupen, teilweise sogar Standbilder und Overvoices arbeitet und so einen ganz eigenen, geradezu hypnotischen Bilderrausch aus beinahe alptraumhafter Ästhetik und mitreißender Dynamik erzeugt, sich massentauglicher Zugeständnisse konsequent verweigert und stattdessen lieber sperrig bleibt. Gelegentlich lässt sich ein Hauch von Style over Substance nicht immer leugnen, aber Kurzel verfällt nie in selbstverliebte Effekthascherei, um zu zeigen was er kann, und meistens ist seine moderne Art der Inszenierung ein interessanter und spannender Gegenpol zum altmodischen Ursprung der Vorlage und enorm bereichernd für die Erzählstruktur. Unbedingt erwähnenswert sind in jedem Fall noch die schauspielerischen Leistungen von Michael Fassbender als Macbeth und Marion Cotillard als dessen Frau Lady Macbeth. Sind die beiden ohnehin schon herausragende Darsteller mit Ausnahmequalitäten, übertreffen sie sich in Macbeth ohne jeden Zweifel selbst und bieten eine fantastische Performance. Wie Fassbender nur mit seiner Mimik oder winzigen Gesten den ohnehin schon schweren Worten nochmals mehr Gewicht zu verleihen mag, das ist enorm faszinierend. Im Zusammenspiel mit der kaum weniger beeindruckenden Marion Cotillard verstehen es beide hervorragend, sich gegenseitig immer wieder zu Höchstleistungen vor der Kamera anzutreiben. Beide tragen einen wesentlichen Teil zu der insgesamt sehr fesselnden Wirkung von Macbeth bei, die mit anderen Darstellern so vermutlich nicht zu stande gekommen wäre.

 

Justin Kurzel gelingt mit der jüngsten Verfilmung einer der wohl bekanntesten Tragödien von William Shakespeare der heikle Spagat zwischen Werktreue und Modernisierung. Den Kern des Stückes versteht er zu erhalten, überträgt diesen aber durch seine Art der Inszenierung gleichzeitig auch in die Neuzeit. Macbeth ist visuell und akustisch zweifellos großartig, geprägt von einem Minimalismus, der dennoch ausgesprochen bildgewaltig daherkommt, und erzeugt einen brachialen wie düsteren und bedrückenden Bilderreigen, dem man sich nur schwerlich entziehen kann. Allerdings sollte gesagt werden, dass sich Kurzel schon eher in Arthouse-Gefilden bewegt, sich dem Mainstream nie auch nur ansatzweise anbiedert und eingefahrene Sehgewohnheiten gezielt unterwandert. Das Ergebnis ist wahrlich schwere Kost, die sicherlich nicht jedermanns Geschmack trifft, ein intensiver und zuweilen anstrengender Filmgenuss, wenn man denn dazu bereit ist, sich darauf einzulassen. Ein Film, den man gesehen haben sollte, den man danach aber auch vielleicht so schnell nicht noch einmal wird sehen wollen. Zumindest geht es mir so damit.

 

8 von 10 Königsmördern