Reservoir Dogs (1992)

14. August 2019 at 19:39

 

 

© Miramax Film/Quelle: IMDb

 

 

 

I don’t wanna kill anybody. But if I gotta get out that door, and you’re standing in my way, one way or the other, you’re gettin‘ outta my way.“

 

 

 

Der Überfall auf einen Juwelier geht schrecklich schief und lediglich einige wenige der Gangster schaffen es, sich zu ihrem Treffpunkt durchzuschlagen. Die Männer kennen sich untereinander nicht, doch schnell kommt der Verdacht auf, unter ihnen könnte sich eine verräterische Ratte befinden.

 

Wahrscheinlich ist Pulp Fiction (1994) der Film, der Quentin Tarantino als eine der tonangebenden Stimmen im gegenwärtigen Kino etablierte, der Film, dessen damals unglaubliche Strahlkraft dann einfach nicht mehr ausgeblendet werden konnte und die Tür zu Hollywood sperrangelweit aufstieß. Aber alles, was an Pulp Fiction faszinierte und wie eine völlig neue Perspektive auf das Medium Film erschien, das war zwei Jahre zuvor in seinem Low Budget-Regiedebüt Reservoir Dogs bereits vorhanden. Die Postmoderne, die Ironie, die Selbstreflexion, der Umgang mit Popkultur, die Gewalt, alles da. Und zwar noch ungeschliffen und roh, pur, ungefiltert und vor vitaler Energie nur so strotzend, inszeniert mit einer scharf umrissenen Klarheit, welche er zumindest für mich so nie wieder erreichen sollte. Der Einstieg in dieses Heist-Movie ohne Heist gestaltet sich ungemein direkt und unmittelbar, wenn der geneigte Zuschauer gleich mit einer Vielzahl an Figuren konfrontiert wird, doch wer aufmerksam hinsieht, der kann bereits hier so manchen Ausblick in die Zukunft der Gangster erhaschen.

 

Weder Vorbereitung noch Durchführung des Überfalls stehen hier im Vordergrund, sondern vor allem die Folgen des Scheiterns sind es, welchen sich Tarantino widmet. The Killing (1956) von Stanley Kubrick und ganz besonders City on Fire (1987) von Ringo Lam kommen mir da immer wieder in den Sinn. Stellenweise gar an ein Kammerspiel erinnernd, orientiert sich Reservoir Dogs vielleicht auch aufgrund budgetärer Einschränkungen noch sichtlich eher am Theater, vermag das aber in eine seiner Stärken umzuwandeln. Unmittelbarkeit durch Reduktion. Die Gewalt ist zweifellos neben vielen anderen ein prägendes Merkmal von Tarantinos Arbeit, doch keiner seiner späteren Exzesse sollte derart unangenehm auf mich wirken wie das gefühlt eine Ewigkeit andauernde, qualvolle Ausbluten von Mr. Orange. Die Gewalt ist hier noch nicht überstilisiert, macht keinen Spaß und ist sichtlich schmerzhaft. Auch die ihre Chronologie ignorierende Erzählstruktur eines Pulp Fiction findet sich bereits hier, erscheint mir persönlich jedoch immer etwas komplexer und feinsinniger als beim Folgefilm: allein die Szene in der Mr. Orange seine Story erst einübt und dann nach und nach geradezu zu leben beginnt, ist perfekt strukturiert und komponiert. Als Regiedebüt ist Reservoir Dogs ähnlich stilsicher und selbstbewusst inszeniert wie seiner Zeit Bood Simple von den Coen-Brüdern. Sicherlich nicht Tarantinos bester Film, mir jedoch sein liebster.

 

9 von 10 zu den Klängen von Stealers Wheel abgeschnittene Ohren

 

 

The Hateful Eight

28. Januar 2016 at 17:30

 

 

© The Weinstein Company

 

 

 

„One of them fellas is not what he says he is…“

 

 

 

Ein gewaltiger Schneesturm im tiefsten Herzen von Wyoming zwingt acht Fremde Unterschlupf in einer abgelegenen Holzhütte zu suchen. So kommt es, dass der ehemalige Nordstaaten-Offizier Major Marquis Warren, der Kopfgeldjäger John „The Hangman“ Ruth, dessen Gefangene Daisy Domergue, der neue Sheriff von Red Rock, Chris Mannix, der britische Henker Oswaldo Mobray, der Cowboy Joe Gage, der ehemals konförderierte General Sandy Smithers und letztlich der Mexikaner Bob, auf engstem Raum miteinander eingesperrt sind und schnell wird deutlich, dass dieses Zusammentreffen kaum zufälliger Natur sein kann…

 

Vorab muss ich erwähnen, dass ich The Hateful Eight in seiner sogenannten Road Show-Fassung sehen konnte, also als analoge Ultra Panavision 70mm Kopie, welche sich nicht nur in Laufzeit und Bildformat von der digitalen Kinofassung erheblich unterscheidet, sondern auch in Struktur, Aufbau und Dramaturgie. Nicht nur kann in der analogen Fassung die Bildsprache im korrekt gezeigten, extra breiten Seitenverhältnis von 2,76:1 ihre volle Pracht entfalten, durch die Ouvertüre und die bewusst sehr geschickt platzierte Intermission entwickelt sich ein völlig anderer erzählerischer Rhythmus. Kann man nun als kindische Spielerei abtun, tatsächlich aber funktioniert diese heute etwas ungewohnt anmutende Erzählstruktur ganz hervorragend, ändern sich doch Tempo und Dynamik nach der Intermission deutlich. Quentin Tarantinos nun mehr achter Film ist nach Django Unchained erneut ein Western geworden und war sein Vorgänger noch eine Art Fingerübung für den Regisseur, dann ist The Hateful Eight sein Glanzstück. Wo Django Unchained eine geradezu comichaft überhöhte Collage aus unzähligen, verschiedensten Versatzstücken war, ist sein jüngstes Werk mit einem deutlich düsteren Grundton ausgestattet, durch und durch pessimistisch und deutlich eigenständiger in seiner Struktur. Zwar wird auch hier nicht auf Zitate, Anspielungen und Querverweise sowie teils absurde Gewalteskapaden verzichtet, aber Tarantino scheint sich zunehmend von seinen Anfängen zu entfernen und sich als ernstzunehmender Künstler zu emanzipieren. The Hateful Eight fällt auch ein wenig aus dem Rahmen seines bisherigen Schaffens, nicht nur, weil es sein vielleicht eigenständigstes Werk ist. Die ausladend schwelgerische und dennoch sehr präzise Bildsprache und die messerscharfen, fein geschliffenen, oft nicht weniger ausladenden Dialoge sind bekanntermaßen ein Markenzeichen von Tarantino, aber hier übertrifft er sich selbst. Gerade das gesprochene Wort ist von zentraler Bedeutung in diesem Reigen aus Misstrauen, Verrat, Paranoia, Hass, Gier, offenem Rassismus und Gewalt, er lebt viel von der Macht der Sprache, von all den bedeutungsschweren Monologen und Dialogen, die nur scheinbar abdriften und ins Leere laufen und bei denen sich zuhören lohnt, auch wenn es sich um vermeintliches Schwadronieren handelt. Insgesamt treibt Tarantino seinen Film überhaupt sehr ausladend und bedächtig voran, beinahe schon gemächlich, und so ist beinahe die halbe Laufzeit von 187 Minuten verstrichen, bis alle Figuren in diesem theaterähnlichen Mikrokosmos etabliert sind. Es ist überaus faszinierend zu beobachten, wie er seine Charaktere geschickt und präzise positioniert und in Stellung bringt, Allianzen bildet und ebenso schnell wieder zu Staub zerfallen lässt, und so mit jeder verstreichenden Minute die Spannung erhöht als würde er Schach spielen mit den Protagonisten seines Filmes. Die feinen Einzelheiten all der kleinen und großen Gefechte und Konflikte, die sich im Laufe der Handlung immer mehr offenbaren, schlagen sich auch nicht nur im gesprochenen Wort nieder, sondern auch in der grandios arrangierten Bildsprache, wenn Tarantino immer wieder das gesamte Bildfeld in Breite und Tiefe nutzt, um Gruppenbildung und Konfrontation zu visualisieren. In solchen Momenten gehen Bild und Wort in The Hateful Eight eine nahezu perfekte Symbiose ein.

 

 

 

„You only need to hang mean bastards, but mean bastards you need to hang.“

 

 

 

Auch die Charaktere sind ausnahmslos fantastisch geschrieben und hervorragend umrissen, erwecken sie doch anfangs noch den Eindruck, ausgesprochen formelhaft, klischeebeladen und eindimensional zu sein, aber nach und nach dekonstruiert Tarantino all diese Stereotypen, bricht sie auf und lässt teilweise überraschend komplexe Figuren zum Vorschein kommen. Ein Panoptikum der Selbstdarsteller offenbart sich in der Holzhütte im Schneesturm, voller Lügner, Falschspieler, Scharlatanen und windigen Opportunisten. Gut und Böse, Schwarz und Weiß, richtig und falsch, all diese Begriffe existieren nicht in dieser kleinen, abgeschlossenen Welt aus Hass und Gewalt, und Helden gibt es dort erst recht nicht. Allerdings gelingt Tarantino das Kunststück, keinen seiner oftmals nur sehr schwer zu durchschauenden Charakter der Lächerlichkeit preiszugeben, in dem sie zu bloßen zweckdienlichen Karikaturen verkommen. Jeder hat seine Bedeutung und jeder hat seine Motivation und immer sind diese, wenn denn erkennbar, auch nachvollziehbar. Überhaupt ist nichts in diesem Film auch das, was es zu sein scheint. Lüge, Täuschung und Ablenkung sind bedeutende und tragende Elemente der Handlung, nie kann sich der Zuschauer auch nur über irgendetwas im Film sicher sein. Das gilt sogar für die grundlegende Erzählstruktur, wenn nach der Intermission und somit in der zweiten Hälfte von The Hateful Eight sich auch diese ändert, dynamischer wird, das Tempo die Schlagzahl erhöht und der Gewaltgrad drastisch anzieht. Einige wirklich bizarre Gewaltspitzen tauchen plötzlich auf, völlig überzogen und grotesk spritzen die Blutfontänen an die Wände, aber auch das ist nur einer von vielen Kunstgriffen des Regisseurs, die vom wesentlichen Kern des Filmes ablenken. Welcher das ist, das muss man schon selbst herausfinden.

 

Oberflächlich betrachtet ist The Hateful Eight ein langweiliger und zäher Film voller ermüdender Dialoge und in die Länge gezogener Szenen und Einstellungen. Man muss schon etwas genauer hinschauen, um letztlich zu erkennen, wie gut er eigentlich doch ist. Ein wortgewandtes und bildgewaltiges Werk von Tarantino, aber auch sein bisher sperrigstes und exzessivstes und somit ein Film, der sicherlich vielen nur bedingt gefallen dürfte. Es mag manchmal anstrengend erscheinen, all dem zu folgen, aber es lohnt sich zweifellos, sich auf den Film einzulassen. Ich will mich noch nicht gänzlich festlegen, denn Tarantinos Filme offenbaren oftmals auch erst nach mehrmaligem Anschauen ihre nicht immer ganz offenkundigen Qualitäten, aber möglicherweise ist The Hateful Eight sein bisher bester Film geworden. Sein kompromisslosester ist er in jedem Fall.

 

8,5 von 10 Mexikanern namens Bob