Shin Godzilla

15. September 2017 at 13:47

 

 

© Toho

 

 

 

Die Geschichte selbst ist altbekannt und schnell erzählt: rätselhafte Naturphänomene in der Bucht von Tokio gipfeln schließlich im Erscheinen einer unbekannten wie monströsen Kreatur, die sich anschickt die Stadt zu verwüsten. Wissenschaftler, Militär und Politiker versuchen verzweifelt der Lage Herr zu werden, während das Godzilla genannte Monster weiter wächst und immer mehr von Tokio vollständig verwüstet. Besonders knapp wird die Zeit, als die amerikanische Regierung einen Atomschlag mitten auf Tokyo als letzte Lösung in Betracht zieht.

 

Gareth Edwards amerikanische Sichtweise auf Godzilla (2014) zeigte den Japanern, dass ein weiteres Update der geliebten Riesenechse durchaus profitabel sein kann. Prompt kündigte Toho an, selbst einen nun mehr 29. Beitrag zur Reihe auf die Beine stellen zu wollen und vermutlich nicht ohne Grund ist dieser Godzilla auch der bisher größte in der Geschichte der Filme. Es bedurfte zwar einiger Mühen, aber letztlich konnte man den Neon Genesis Evangelion-Schöpfer Hideaki Anno davon überzeugen, bei Shin Godzilla die Regie zu übernehmen. Ein komplettes Reboot sollte es werden, alles nochmal neu, alles auf Null, angesiedelt im hier und heute als Antwort auf alte wie neue Traumata. Shin Godzilla ist ein japanischer Film für ein japanisches Publikum, das sollte man sich vor Augen führen und im Hinterkopf behalten, denn für unsere westlich geprägten Maßstäbe und Sehgewohnheiten kann der Film durchaus eine Herausforderung sein. Die klassische Kaiju-Ästhetik trifft hier auf gnadenlose Polit-Satire und bürokratischen Irrsinn, wenn sich die etablierte Riege japanischer Politiker geradezu gelähmt im Angesicht der Katastrophe ihre vollkommene Hilflosigkeit eingestehen muss und dennoch Querdenker und neue Denkweisen oder Lösungsansätze immer gleich von den Konservativen beiseite gewischt werden. In scheinbar endlosen und immerzu gleich aussehenden Konferenzräumen und Büros wird unentwegt analysiert, diskutiert, erörtert und beratschlagt, wenn Wissenschaft, Militär und Politik versuchen eine Lösung zu erarbeiten. Hideaki Anno besinnt sich mit Shin Godzilla wieder ganz ursprünglich auf die Anfänge von 1954: hier gibt es keine Kämpfe mit anderen Monstern und Godzilla ist keineswegs der Retter der Welt, er ist die Bedrohung. Es gibt keine Baby-Godzillas, es gibt keine störende Lovestory, keine einsamen Helden im Kampf gegen das Monster, die sich zum Wohl der Menschheit selbstlos opfern, sondern nur die machtlose Regierung, verdammt zum bloßen Zusehen und zum totalen Kontrollverlust, während Godzilla alles in Schutt und Asche legt.

 

© Toho

 

Die Erscheinung und Inszenierung der Riesenechse selbst mag auf den ersten Blick sehr plump erscheinen und wirkt zweifellos gewöhnungsbedürftig, ist Godzilla zwar komplett animiert, aber dennoch dem klassisch traditionellem Design der Reihe unterworfen. Zudem verändert das Monster im Verlauf des Filmes immer wieder Form und Aussehen, indem es mehrere Metamorphosen durchläuft, bis schlussendlich die so sehr in der Popkultur verankerte Erscheinung erreicht wird, welche sich tief ins filmhistorische Bewusstsein gebrannt hat. Und legt diese neue/alte Inkarnation des Godzilla in Tokyo erst einmal los mit ihrer Orgie der Zerstörung, dann sieht das alles sehr gut aus und beschwört Bilder, die oft nur zu sehr an das Tōhuku-Beben, den darauf folgenden Tsunami und die Katastrophe von Fukushima erinnern. Auf dem Höhepunkt des Filmes verbrennt Godzilla mit seinem Feueratem halb Tokyo, den Rest zerlegt er mit seinen radioaktiven Strahlen. Visuell ist das alles sehr ansprechend umgesetzt und Shin Godzilla generiert trotz seines verhältnismäßig niedrigen Budgets von rund 15 Millionen Dollar phasenweise wirklich schöne Szenen der Zerstörung. Wenn ganz Tokyo ohne Strom im Dunkeln liegt und Godzilla von amerikanischen Kampfflugzeugen bombardiert wird, wenn sein glühender Körper die nächtliche Stadt beleuchtet, dann ist das vielleicht einer der beeindruckendsten und schönsten Momente im ganzen Film. Sicherlich kann sich Shin Godzilla auf der Ebene der Effekte kaum mit den gigantisch aufgeblasenen Produktionen der Marke Hollywood messen, dafür aber wohnt Annos Ansatz auch viel naiver Charme inne, den ich persönlich nicht missen möchte, und die Bilder der Zerstörung – gerade auch eben dann, wenn Godzilla schon wieder weiter gezogen ist – zeugen von großer Wucht gekoppelt an reale Ereignisse. Wie bereits 1954 fungiert Godzilla auch heute erneut als fleischgewordenes Mahnmal und materialisierte Angst, damals getrieben von Hiroshima und Nagasaki, heute von Fukushima.

 

Ja, Shin Godzilla ist in vielerlei Hinsicht durchaus gewöhnungsbedürftig. Sein Erzählrhythmus mutet merkwürdig an, werden schnellere Actionsequenzen doch immer wieder gegen geschnitten zu scheinbar endlos langen und wenig ertragreichen Konferenzszenen, und auch die Animation des Monsters selbst wirkt zuweilen eigenartig misslungen. Dafür können sich die Zerstörungssequenzen in Tokyo allesamt durchaus sehen lassen und machen Spaß. Darüber hinaus liefert Hideaki Anno einen herrlich satirischen Seitenhieb auf die konservativ verkrusteten Strukturen der japanischen Politik. Wer jedoch Shin Godzilla allein wegen der Monsteraction in Betracht zieht, der sollte sich vielleicht einen anderen Film suchen. Letztlich bleibt vor allem ein Film über die brutale Machtlosigkeit des Menschen gegenüber der Natur.

 

7 von 10 fleischgewordenen Naturkatastrophen

 

 

 

Kong: Skull Island

18. März 2017 at 12:27

 

 

  © Warner Bros.

 

 

 

„This planet doesn’t belong to us. Ancient species owned this earth long before mankind. I spent 30 years trying to prove the truth: monsters exist.“

 

 

 

Der Vietnamkrieg ist gerade vorbei, da wittert Bill Randa von der Regierungsorganisation Monarch seine Chance, die sagenumwobene Insel Skull Island einer näheren Untersuchung zu unterziehen und überzeugt einen US-Senator davon, ein Expeditionsteam zu genehmigen. So macht sich eine kleine Gruppe bestehend aus Wissenschaftlern, Militär und Zivilisten und angeführt vom Abenteurer James Conrad auf den Weg durch eine gigantische Sturmfront, die Skull Island permanent im Verborgenen hält. Kaum auf der Insel angekommen, werden sie bereits vom gigantischen Riesenaffen Kong attackiert, dezimiert und quer über die ganze Insel verteilt.

 

Wenn sich riesige Monster auf der großen Leinwand gegenseitig die Köpfe einschlagen, dann hat das Kind in mir seine helle Freude an dem dargebotenem Spektakel. Egal, ob Filme wie Godzilla, Pacific Rim oder eben jetzt die neueste Inkarnation des King Kong, da fühle ich mich beinahe immer bestens aufgehoben. Und auch Kong: Skull Island konnte mich in Aufregung versetzen, wurde mir doch so ziemlich alles geboten, was mein Herz begehrte. Ich habe fette und spektakuläre Monsteraction erwartet und fette und spektakuläre Monsteraction bekommen. Mehr braucht es in diesem Kontext für mich dann auch gar nicht mehr um mich zu unterhalten. Umso angenehmer empfand ich es, dass der mir bisher unbekannte Regisseur Jordan Vogt-Roberts gar nicht erst zu vertuschen versucht, welchen Geistes Kind sein Film ist, und von der ersten Minute an vollkommen dazu steht, nicht mehr zu sein als bloßes Effektspektakel. Das versprüht auf jeden Fall seinen ganz eigenen Charme, zeugt von der reinen Lust am Fabulieren und zelebriert einen scheinbar grenzenlosen Gigantismus, ganz unkompliziert und ohne unnötige Umwege über story telling. Die Geschichte selbst von Kong: Skull Island ist schlicht und leicht zu überschauen und auch die Charaktere sind nicht viel mehr als bloße Stereotypen und klischeehafte Abziehbilder, bei denen meist völlig egal ist, wer überlebt oder stirbt, doch das alles ist mehr oder weniger egal, wenn Kong seinen Pfad der Verwüstung schneisenartig über die Insel zieht. In dem Kontext mutet es ein wenig eigenartig an, einen solch starbesetzten Cast einfach so zu verschleudern, denn Tom Hiddleston, Brie Larson, Samuel L. Jackson, John Goodman und John C. Reilly werden zu Gunsten der Monsteraction mehr oder weniger verheizt, aber dafür gibt es viel Spektakel zu bestaunen. Das Drehbuch verzichtet sogar auf den sonst oftmals üblichen Vorlauf (welchen Peter Jackson einst ein wenig übertrieben hat in meinen Augen – ich mag seinen King Kong gern, aber die ersten anderthalb Stunden haben durchaus ihre Längen, wie ich finde) und präsentiert seinen haarigen Star dem Publikum sehr schnell und ohne größere Einführung.

 

Und ist Kong erst einmal auf der Bildfläche erschienen, dann geht es auch schon Schlag auf Schlag zur Sache, denn er ist bei weitem nicht das einzige Monster auf Skull Island. Visuell sieht das alles dann auch fantastisch aus und kann punktuell sogar durch die eine oder andere ausgesprochen kreative Kameraperspektive überzeugen. Der 70er Jahre Soundtrack weiß zu gefallen, auch wenn klar ist, dass es sich dabei schon auch um einen Griff in die Trickkiste handelt, doch er lädt zum dezenten Mitwippen ein und täuscht über die eine oder andere erzählerische Schwäche hinweg. Auch der Humor, überwiegend transportiert durch John C. Reilly als Hank Marlow, weiß meist zu überzeugen und bildet einen angenehmen Gegenpol zu der Ernsthaftigkeit eines Samuel L. Jackson, der in bester Apocalypse Now – Manier Colonel Kurtz nachahmt und langsam dem Wahnsinn anheim fällt, besessen von der Idee, Kong zu töten. Überhaupt taucht Apocalypse Now recht häufig als Referenz in Kong: Skull Island auf: Look und vor allem die Farbgebung erinnern an Francis Ford Coppolas Meisterwerk, das Setting ist durchaus ähnlich, es gibt eine Bootsfahrt auf einem Fluss sowie Helikopterangriffe und Napalm, und auch einige Namen der Figuren lassen sich als Anspielungen lesen. Als sonderlich tiefschürfend erweisen sich all diese Verweise nicht wirklich, aber Apocalypse Now scheint ganz offensichtlich die größte Inspirationsquelle gewesen zu sein. Sogar dem großen Klassiker des italienischen Mondo-Genre Cannibal Holocaust wird in einer kurzen Szene Tribut gezollt und wer beide Filme kennt, der weiß ganz genau, was ich meine. Übrigens lässt sich anhand von Kong: Skull Island und Peter Jacksons King Kong sehr gut begrifflich differenzieren, wo der Unterschied zwischen einem Remake und einem Reboot liegt, denn Jackson nimmt ein in sich geschlossenes Werk und passt es erzählerisch und visuell moderneren Zeiten an, Jordan Vogt-Roberts hingegen nimmt die Figur an sich samt ihrer Heimat aus ihrem ursprünglichen Kontext heraus und erzählt eine völlig neue Geschichte. Die zudem im gleichen filmischen Universum spielt wie Gareth Edwards Godzilla und in einem gemeinsamen Zusammentreffen gipfeln soll.

 

Letztlich gibt es gar nicht so wahnsinnig viel über Kong: Skull Island zu sagen: er hat meine Erwartungen an ihn erfüllt, mir jede Menge fette Monsteraction geboten und das Kind in mir glücklich gemacht. Dass Handlung und Figuren flach und austauschbar bleiben, habe ich so im Vorfeld erwartet und in meinen Augen kann und darf man das einem solchen Film auch nicht ankreiden. Kong kommt schnell zur Sache, das macht Spaß und sieht toll aus. Was will man denn mehr in einem solchen Film? Ich wurde zwei Stunden lang gut unterhalten, hatte keine Langeweile und wurde in eine fantastische Welt entführt. Dafür sind Abenteuerfilme doch eigentlich gemacht, oder nicht?

 

7 von 10 zweckentfremdeten Bäumen im Kampf gegen Hubschrauber