La La Land

15. Januar 2017 at 17:45

 

 

  © Summit Entertainment

 

 

 

„They worship everything and they value nothing.“

 

 

 

In Los Angeles begegnen sich die leidenschaftliche Schauspielerin Mia und der Jazzpianist Sebastian. Zwei Träumer, die an ihren Wünschen versuchen festzuhalten. Die eine erträumt sich ihren Durchbruch in Hollywood, der andere will nichts sehnlicher als seinen eigenen Jazzclub eröffnen. Zufällig laufen sie sich über den Weg und verlieben sich nach anfänglichen Schwierigkeiten ineinander, doch es ist nicht leicht, ihre Liebe zwischen erfolglosen Vorsprechen, deprimierenden Gastspielen in Bands und der rauen Atmosphäre generell in der Szene aufstrebender junger Menschen der Stadt zu hegen. Als sich erste Erfolge einstellen, müssen Entscheidungen getroffen werden.

 

Erst vor wenigen Wochen kam ich zum ersten Mal in den Genuss von Whiplash, dem Regiedebüt von Damien Chazelle, ein fiebrig treibendes Drama rund um einen talentierten Musikschüler und seinen enorm fordernden Lehrer. Ich muss gestehen, dass mich der Film sehr beeindruckt hat, angefangen bei seiner enorm rhythmus-orientierten Inszenierung, über seine soghafte Atmosphäre bis hin zum als Naturgewalt aufspielenden J.K.Simmons. Chazelles zweites Werk La La Land hatte ich zwar schon zuvor auf dem Schirm, weil mir die Trailer im Vorfeld sehr gefielen und ich das Genre des Musical-Filmes durchaus mag, aber Whiplash steigerte meine Vorfreude dann doch nochmal gewaltig. Dann jedoch kamen die Golden Globes mit dem triumphalen Siegeszug von La La Land in beinahe allen bedeutenden Kategorien und es wurde ein unfassbarer Hype los getreten, so dass man sich kaum noch retten konnte und an es an jeder Ecke nur noch ein einziges Thema zu geben schien. Solche massiven Hype-Wellen dämpfen in der Regel meine Euphorie immer ein wenig und lassen Skepsis in mir aufkeimen und auch in diesem Fall war das nicht anders. Aber ich kann euch beruhigen: ausnahmsweise mal ist La La Land tatsächlich ein Film, der all seinen Vorschusslorbeeren zur Abwechslung mal wirklich gerecht wird. Nach Whiplash bleibt Damien Chazelle seinem bisherigen Genre des Musikfilms gewissermaßen weiterhin treu, verlagert aber nun den Schwerpunkt weg vom Jazz geprägten Lehrer/Schüler-Drama hin zum knallbunten und farbenfrohen Musical. Dabei ist La La Land zwar verhaftet in der Vergangenheit, aber auch offen für die Moderne, und trotz ganz offensichtlichem Bezugsrahmen immer eigenständig. So schaut Chazelle weder nostalgisch verklärt, noch ironisch distanziert auf jene Filmepoche zurück, die sein Film zum Thema macht, und stürzt sich stattdessen viel lieber Hals über Kopf, angstfrei und frech in eben jene legendäre Szenerie eines längst vergangenen Hollywood. La La Land mag zwar an die klassischen Hollywood-Musicals angelehnt sein, lässt sich aber auch nicht davon abhalten, ständig andere, neue und interessante Wege zu finden, um seiner im Kern doch recht schlichten Liebesgeschichte immer wieder neue Impulse geben zu können. Sicher spickt Chazelle seinen Film mit zahlreichen Verweisen auf Filme wie Singing in the Rain, auf Fred Astaire, Ginger Rogers, Debbie Reynolds oder Gene Kelly ebenso wie auf Jacques Demy und dessen Die Regenschirme von Cherbourg mit Catherine Deneuve, aber La La Land verkommt nie zur bloßen Imitation, sondern nimmt sich vielmehr lauter kleine Elemente dieser Filme und formt daraus etwas neues ganz nach seinen eigenen Vorstellungen.

 

Es ist schon ein wenig erstaunlich, wie leichtfertig und kunstvoll Damien Chazelle mit seiner nicht immer linearen Erzählstruktur spielt, wenn er mit Zeitsprüngen, parallelen Handlungssträngen und sogar dem Erzählen im Konjunktiv jongliert, sich aber niemals verzettelt. Überhaupt ist die ganze Inszenierung von La La Land einfach nur wundervoll und zauberhaft, angefangen bei den Songs und den tollen Choreografien, über die Kostüme und Ausstattungen bis hin zu den traumhaften Setpieces. Schlicht ist all das zwar gehalten, deswegen aber nicht weniger bezaubernd. Immer wieder, besonders in den Tanszenen, gibt es lange one shots ohne Schnitte zu bewundern, wenn die Kamera immer zwischen den verschiedenen Akteuren hin und her gleitet, aber nie die Übersicht verliert. Auch die Chemie zwischen Ryan Gosling und Emma Stone ist einfach umwerfend und zumindest hier kommen die beiden den klassischen, großen und ikonischen Leinwandpaaren vergangener Tage wohl noch am nächsten. Darüber hinaus verhandelt der Film unter seiner funkelnden und glitzernden, irgendwie nostalgischen und doch modernen, bunten und träumerischen Oberfläche doch mehr als nur seine schlichte Liebesgeschichte zwischen Mia und Sebastian. Es geht ebenso auch um den Konflikt zwischen Idealismus und Realität, um die Diskrepanz zwischen dem, was man aus Leidenschaft gespeist tun möchte, und dem, was man gezwungenermaßen im zermürbenden Alltag tun muss. Es geht um Träume und Wünsche und vor allem auch um die Frage, an welchem Punkt man sich der Realität stellen soll oder muss, um diese vielleicht aufzugeben und zu begraben oder eben doch weiterzuverfolgen und sein Leben an ihnen auszurichten. Zudem lassen sich diverse Sätze und Kommentare im Film selbst wie beispielsweise der von John Legend über den Jazz („How are you gonna be a revolutionary if you’re such a traditionalist? You hold onto the past, but jazz is about the future.“) so auch 1:1 auf Film und Kino beziehen. Insofern mag La La Land stellenweise vielleicht ein wenig wehmütig und nostalgisch verklärt wirken, aber letzten Endes ist es der Film nicht, zeigt er doch immer wieder, wie sich Vergangenheit und Moderne zu etwas neuem verschmelzen lassen.

 

Ich hätte es nicht einmal zu träumen gewagt, dass ein solcher Film wie La La Land in heutigen Zeiten überhaupt noch gemacht wird. Und dass er dann auch noch große Teile der breiten Masse erreicht und nicht einfach nur ein tristes Nischendasein fristet, macht das ganze nur noch eindrucksvoller. Hut ab, Damien Chazelle, allein für den Mut, diesen Weg so konsequent zu beschreiten. La La Land ist im wahrsten Sinne des Wortes einfach zauberhaft. Ein vielmals überstrapaziertes Wort, welches hier jedoch einfach mal zutreffend ist. Eskapismus in Reinkultur, eine knallbunte Liebeserklärung an das Kino, an Los Angeles und eine längst vergangene Zeit voller wunderbarer und schöner Ideen und Einfälle und zugleich ein warmherziges Plädoyer an unsere Träume, welches unbedingt darin bestärken will, diese nicht nur festzuhalten, sondern auch zu verfolgen. Einfach nur schön.

 

9 von 10 grandios choreografierten Tanzszenen

 

 

Streets of Fire

1. Oktober 2016 at 16:01

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

„There’s nothin‘ wrong with goin‘ nowhere, baby, but we should be goin‘ nowhere fast, it’s so much better goin‘ nowhere fast!“

 

 

 

Als die junge Rocksängerin Ellen Aim während eines Konzerts mitten auf der Bühne vom finsteren Raven Shaddock und dessen Bikergang entführt wird, kann im Grunde nur noch ihr Ex-Freund Tom Cody helfen. Also bittet ihn seine Schwester in die Stadt zurückzukehren, die er einst verließ. Gemeinsam mit der ehemaligen Soldatin McCoy und Ellen Aim´s schmierigen Manager und neuen Freund Billy Fish macht sich Cody auf, um seine Ex aus den Fängen von Raven zu befreien.

 

A rock & roll fable… another time, another place… Was für ein energiegeladener und atemloser Trip dieser Film doch ist. Ich wünschte wirklich, ich hätte ihn früher für mich entdecken können, aber jetzt ist er da in meiner Filmwelt, und er wird sie auch nicht mehr verlassen. Allein die Eröffnungssequenz ist ihr Geld wert und pure Kinomagie der 80er, pulsierendes Nachtleben im Neonlicht, geschnitten zum Rhythmus der Musik, die den Herzschlag des Films vorgibt. Ich bin großer Freund des stark auf Bewegung ausgelegten Actionkinos von Regisseur Walter Hill, dem wir unter anderem Filme wie Driver (1978) und The Warriors (1979), das recht frühe Buddy-Movie 48 hrs. (1982), Red Heat (1988) und den oft unterschätzten Johnny Handsome (1989) oder seine eigene Interpretation von Akira Kurosawas Film Yojimbo in Gestalt seines Last Man Standing (1996) zu verdanken haben, aber Streets of Fire ging bisher irgendwie an mir vorbei. Dabei ist der Film eben genau eine solche Genre-Perle wie auch der neulich von mir besprochene Pumpkinhead und einer dieser seltenen Momente, in denen einfach alles irgendwie zu passen scheint. Tempo, Timing, Look und Coolness. Was Walter Hill uns hier präsentiert, das sucht wirklich seines gleichen, diese wilde Mischung aus Musical, Actionfilm, Western, Neo-Noir, Romanze, Melancholie und Märchen. Streets of Fire erschafft buchstäblich seine ganz eigene Welt, entführt uns vom ersten Moment an in eben diese, gleichzeitig modern wie zeitlos, und vereint so viele Stilelemente in seinen rund 90 Minuten, dass einem Hören und Sehen vergehen kann. Geschickt verschmilzt Hill in seinem Film Klischee um Klischee um Klischee und destilliert all das zu etwas viel größerem, reduziert auf das absolut nötigste und dennoch vollkommen unvergleichlich. Ganz ähnlich wie im Western, der oftmals eher geradlinig und von Bewegung geführt verläuft, bietet auch der simple und überschaubare Plot von Streets of Fire keinen Anlass zur Abweichung und konzentriert sich vollkommen auf sein minimalistisches Setup. Da ist die damsel in distress, die entführte Jungfrau in Nöten, wenn man so will, da ist der stoische drifter, der lonesome gunman, der wortkarg durch die Welt streift und nie irgendwo länger bleibt als unbedingt nötig, da ist sein zupackender und schlagkräftiger Sidekick voller spitzfindiger Sprüche, und da ist zu guter letzt der psychopathische Bösewicht. Mehr braucht Hill nicht, um aus diesen klassischen Elementen eine packende wie kurzweilige, visuell einzigartige Collage, einen ganz eigenen filmischen Kosmos aus den verschiedensten Versatzstücken zu erschaffen. Streets of Fire spielt in einer namenlosen Großstadt, einer in sich geschlossenen Kunstwelt, welche die amerikanische Großstadt des Gangsterfilms der 30er Jahre, die traditionelle Westernstadt, den Moloch des Film Noir und die neonleuchtenden Strassen der 80er Jahre in sich vereint und bevölkert wird von seltsam zeitlos anmutenden Menschen, die oftmals wirken, als wären sie direkt dem Musical Grease entsprungen und dem Lebensgefühl der 80er Jahre huldigen. So ist dann letztlich auch der große Star des Films wie so oft bei Walter Hill die Stadt selbst. Waren noch in Driver die Straßen gestaltet wie ein unüberschaubares Netz aus Asphalt, gelangten noch The Warriors auf den pausenlos fahrenden S-Bahn-Zügen schnellstmöglich von einem Ort zum nächsten, so sind es in Streets of Fire die regennassen, vom pulsierenden Neonlicht glitzernden Strassen, die auch ein Michael Mann in seiner Hochphase so hätte entwerfen können. Walter Hills Timing ist einfach unglaublich präzise und über alle Maßen auf den Punkt, so dass Streets of Fire weniger inszeniert als doch mehr komponiert wirkt: jede Szene, jeder Schnitt, jede Bewegung, jeder Blick, jeder Satz, jede Kamerabewegung sind genau an der richtigen Stelle platziert. Am Ende sehen wir unseren wortkargen Helden Tom Cody ähnlich wie John Wayne damals in The Searchers (1956) im Rahmen einer Türöffnung stehen und realisieren, dass die Welt, für die er zuvor noch gekämpft hat, niemals sein Zuhause sein wird. Für ihn ist es Zeit weiterzuziehen. Ein Happyend, ja, die Jungfrau in Nöten ist gerettet, nur den Prinzen, den bekommt sie nicht. Aber die Musik geht weiter.

 

Walter Hill war mit Streets of Fire ganz eindeutig seiner Zeit voraus, was sich auch in der damaligen Rezeption des Filmes deutlich niederschlägt. Dabei erschafft er einen rasanten und visuell sehr reizvollen Hybriden aus so vielen verschiedenen Versatzstücken, die eigentlich nicht zusammen gehören, und verdichtet das alles zu einem in vielen Belangen wirklich einzigartigen Film mit ganz eigenem Herzschlag. Streets of Fire konnte mich schon beim ersten Schauen begeistern, aber nach dem dritten, vierten oder fünften Mal konnte er mein Herz im Sturm erobern. Ich mag ja ohnehin das sehr auf Bewegung ausgelegte Actionkino des Walter Hill, aber Streets of Fire hebt das noch einmal auf ein höheres Level und ist dann irgendwie auch die Quintessenz dessen, was Kino noch in seinen Anfangstagen war, nämlich Bild gewordene Bewegung.

 

8 von 10 lakonischen Helden, unterwegs auf einsamen Strassen