Marriage Story (2019)

12. Dezember 2019 at 1:00

 

 

© Netflix/Quelle:IMDb

 

 

 

Getting divorced with a kid is one of the hardest things to do. It’s like a death without a body.“

 

 

 

Theaterregisseur Charlie und Schauspielerin Nicole stehen am Ende ihrer Ehe. Eine ruhige und einvernehmliche Scheidung soll es gerade auch wegen des gemeinsamen Sohnes Henry werden, doch spätestens mit dem Einschalten ihrer Anwälte wird tief im Dreck gewühlt und schnell liegen die Nerven aller Beteiligten blank.

 

I don’t know how to start… Wenn diese Worte fallen, dann erwarten den Zuschauer kaum weniger als die schauspielerisch vielleicht stärksten und intensivsten fünf Minuten in diesem Jahr. Was Adam Driver (Paterson, Silence) und Scarlett Johansson (Lost in Translation, Her) in dem folgenden Streit an emotionaler Bandbreite und aufrichtiger Glaubwürdigkeit abrufen, das ist außer Konkurrenz, so sehr spielen sich die beiden die Seele aus dem Leib. So liebevoll der Film von Regisseur Noah Baumbach (Greenberg, Frances Ha, The Meyerowitz Stories) auch mit einer aufrichtig rührenden Montage-Sequenz beginnen mag, so schnell wird deutlich, dass wir uns in einem aufwühlenden wie schmerzhaften Trennungsprozess befinden.

 

Gefühlt irgendwo zwischen Woody Allen und Kramer vs. Kramer (1979) angesiedelt, verzichtet Marriage Story jedoch überwiegend auf ätzenden Zynismus und setzt spürbar mehr auf seine vielschichtigen wie glaubwürdigen Figuren. Baumbach nähert sich mit einem feinen Gespür für seine Figuren deren Konflikt, nimmt ihre Bedürfnisse und Probleme angemessen ernst und vermag im Gegenzug immer mal wieder überraschend witzige Pointen zu platzieren. Überhaupt ist das Drehbuch unglaublich gut geschrieben und steckt voller Authentizität, präzisen Beobachtungen sowie fantastischen Dialogen, die den Darstellern viel mit an die Hand geben und zugleich noch Raum zur Entfaltung lassen. Und so niederschmetternd manche Szene auch anmuten mag, wird auch deutlich, welch zartes Band Nicole und Charlie immer noch verbindet. Kleine Momente der Zärtlichkeit blitzen immer mal wieder zwischen all den hässlichen Grausamkeiten und Demütigungen auf.

 

Schauspielerisch ist Marriage Story für mich trotz teils enormer Konkurrenz mit das Beste in diesem Jahr. Driver und Johansson sind das emotionale Kernstück des Filmes und spielen derart intensiv, dass ich den beiden ihre Figuren, deren Gefühle und den Konflikt vollkommen abkaufe. Doch auch Nebenrollen wie Laura Dern (Jurassic Park, Blue Velvet), Ray Liotta (Goodfellas, Cop Land), Alan Alda und Julie Hagerty wissen auf der ganzen Linie zu überzeugen. Noah Baumbach schreibt und inszeniert mit Marriage Story einen ungemein einfühlsamen, aufwühlenden, feinsinnigen und aufrichtigen Film über die Gefühle, Ängste und Bedürfnisse zweier Menschen, ohne sich in klischeehaften Allgemeinplätzen zu verlieren. Eine kleine Besonderheit in der heutigen Kinolandschaft.

 

8,5 von 10 schmutzigen Tricks vor Gericht

 

 

Killing Them Softly (2012)

10. Juni 2018 at 16:34

 

 

© The Weinstein Company/Quelle:IMDb

 

 

 

„America is not a country. It´s a business.“

 

 

 

Die beiden Kleinkriminellen Frankie und Russell wollen schnell und einfach ans große Geld kommen und überfallen eine illegale Pokerrunde um das Preisgeld abzugreifen. Das dieses Pokerspiel von der Mafia betrieben wird, ist ihnen zwar bewusst, doch sie wähnen sich auf der sicheren Seite, ist ein Sündenbock doch schon praktisch bei der Hand. Der Überfall glückt, ruft jedoch schnell einen Mafia-Mittelsmann auf den Plan, der Licht ins Dunkel bringen und die Schuldigen finden soll. Dazu bedient er sich der Dienste des eiskalten Profikillers Jackie Cogan. Als dieser dann noch seinen abgehalfterten Kollegen Mickey nach New Orleans beordert, droht die Lage komplett zu eskalieren.

 

Ein schonungsloses wie bitteres Fazit über den Zustand einer ganzen Nation sind diese zwei Sätze. Eine wahrlich zynische Bilanz in denkwürdigen Worten, ein pessimistischer Kommentar zum Zustand der Welt im Spätkapitalismus. Killing The Softly zeigt in düsteren Bildern ein zerrissenes Land zwischen Wohlstand und Armut. Ein Land, welches immer noch nur zu gern als strahlender Held wahrgenommen werden will, stattdessen aber selbst schon lange am Boden liegt. Der amerikanische Traum ist hier längst zum wirtschaftlichen Überlebenskampf verkommen, bei dem nur die Stärkeren überleben und die Schwachen einfach an den Rand der Gesellschaft gedrückt werden. Der Sound dieses Amerikas ist das Wahlkampfgeschwätz von Obama und McCain, es sind die Phrasen von nationaler Einheit und Erneuerung, die aus jedem Radio und Fernseher blechern erklingen.

 

Der neuseeländische Regisseur Andrew Dominik erzählt all das im Gewand einer eher klassischen Gangster-Geschichte und verpackt seine eigentliche Aussage geschickt in gängigen Genre-Strukturen. Es ist die Geschichte zweier in sich zusammenbrechender Systeme und der daraus resultierenden Folgen. Die Wirtschaft und das organisierte Verbrechen. Unterschiedlicher Rahmen, gleiche Probleme. Am Ende erweist sich der Film als treffsichere und zu gleich zynische wie schonungslose Offenlegung des amerikanischen Traums, wenn hoffnungsvolle Redenschwinger mit der trostlosen, fatalistischen Situation des Alltags zu einem blutig-brutalen, gestylten Thriller zusammenkommen. 

 

Der Cast ist mit Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, Brad Pitt, James Gandolfini, Richard Jenkins und Ray Liotta überragend besetzt. Pitt spielt seine Rolle des pragmatisch agierenden Auftragkillers Jackie Cogan souverän und wortkarg, obwohl der Rest des Films doch sehr dialoglastig und manchmal geradezu geschwätzig daherkommt. Gandolfini gibt eine großartige arme Sau dabei ab und war selten so gut wie hier, blitzen doch in seinem verschwitzten Gesicht, unter dem ungepflegten Rest von dem, was er womöglich einst mal war, stets die Augen eines Soziopathen auf.

 

Die Story ist kurz und knackig, versucht nicht zu überraschen. Es gibt keine unerwarteten Entwicklungen. Vielmehr wird die dreckige Seite des von Obama und anderen Politikern immer heraufbeschworenen und ausgelutschten „American Dream“ gezeigt. Ein dreckiges Amerika, dreckige Leute, dreckige Methoden. Ich für meinen Teil fand den Film auf seine recht spezielle Art und Weise großartig, kann aber gleichzeitig verstehen, dass er bei vielen nur bedingt auf Gegenliebe stößt.

 

8 von 10 entführten Hunden