Hardware (M.A.R.K. 13)

15. Juli 2017 at 17:24

 

 

© Phaze UK/Miramax

 

 

 

Moses „Mo“ Baxter lebt in einer postapokalyptischen, radioaktiv verstrahlten Welt und schlägt sich dort als Schrottsammler durch. Auf überwiegend ausrangierte Elektronikbauteile jeglicher Art hat er es abgesehen, welche er auf tagelangen Touren durch verwüstete Grenzgebiete findet und zum Verkauf in die Stadt bringt. Als er am Weihnachtstag von einer solchen Tour heimkehrt und bei seinem Hehler auf einen weiteren Schrottsammler trifft, welcher einen seltsamen Metallschädel mit sich führt, der Moses Interesse weckt, kommen die beiden ins Geschäft. Mo will den Schädel für seine Freundin Jill, eine Künstlerin, die in ihrem Atelier aus Schrott Skulpturen formt. Was er jedoch nicht ahnt: der Schädel ist das Überbleibsel eines Militärprojektes der Regierung und kann seinen Körper selbstständig rekonstruieren. Während Mo wieder zu einer neuen Tour aufbricht, entbrennt für Jill ein Kampf um Leben und Tod.

 

Über The Island of Dr. Moreau, dass vermeintliche Opus Magnum von Regisseur Richard Stanley, welches leider nie so nach seinen Vorstellungen erschaffen werden konnte, wie er es sich immer erträumt hatte, habe ich mich schon an anderer Stelle ausgiebig ausgelassen. Sechs Jahre zuvor erschien sein Regiedebüt in Gestalt von Hardware und zusammen mit dem 1992 gedrehten Dust Devil sollten diese drei dann auch alle seine Langfilme bleiben. The best science fiction/horror film since Alien, wie das Plakat vollmundig wie größenwahnsinnig verkündet, soweit würde ich dann doch nicht gehen, und der Vergleich hinkt ohnehin gewaltig, aber Hardware ist für ein derartiges low budget-Projekt letztlich ziemlich gelungen und kann seine Schwächen auf der inszenatorischen Ebene durch allerhand kreativer Ideen und vor allem durch den unbändigen Enthusiasmus seines Regisseurs wieder wett machen. Inhaltlich basiert der Film auf Motiven der Comicstory Shok! Walter’s Robo-Tale aus der Feder von Steve MacManug und Kevin O´Neill, die in der wöchentlich erscheinenden, britischen Anthologie 2000 AD veröffentlicht wurde, welche unter anderem auch Judge Dredd hervor gebracht hat. Hardware macht es einem mit seiner recht gewöhnungsbedürftigen und eigenwilligen Stilistik zu Beginn nicht ganz leicht, einen direkten Zugang zum Film zu finden, ergeht sich Richard Stanley doch geradezu exzessiv in der Verwendung zahlreicher Rotfilter. Dadurch entsteht eine seltsam fiebrige, surreale Atmosphäre der Fremdartigkeit, auf die man sich schon einlassen muss, die aber auch nicht Jedermanns Geschmack sein dürfte. Sieht man allerdings mal vom inflationären Einsatz verschiedenster Rottöne ab, kann die Effektarbeit überwiegend überzeugen und gerade der M.A.R.K. 13 sieht durchaus gelungen aus. Legt dieser auch erstmal mit dem Morden los, dann darf das Blut reichlich spritzen. Das Setting selbst ist eher begrenzt, der Film spielt nur zu Beginn auch draußen, hat in diesen Szenen aber einige seiner besten Ideen zu bieten. Die eigentliche Handlung rund um den amoklaufenden Killerroboter hingegen spielt sich überwiegend in dem Apartmentkomplex von Jill ab. Über seine Außenwelt und deren Zustand verrät Hardware dann explizit auch eher wenig, bindet aber immer wieder kleine Elemente wie Nachrichten im TV, Radiosendungen oder Werbespots und manchmal einfach nur kurze Dialogfetzen in das Geschehen mit ein, die ein etwas umfangreicheres Bild entstehen lassen. Dazu gesellt sich ein erstaunlich passender wie eindringlicher Soundtrack und Songs wie The Order of Death von Public Images Ltd, Cold Metal von Iggy Pop, Stigmata von Ministry oder Ace of Spades von Motörhead verschmelzen mit dem Score von Simon Boswell und auch mit der inhaltlichen Ebene und erschaffen zusätzlich zu den visuellen Aspekten eine äußerst fremdartige, beinahe artifizielle Atmosphäre. Iggy Pop spricht im Film selbst dann auch den Radiomoderator Angry Bob und darf schwer am Rad drehen, Lemmy von Motörhead gibt in einer kleinen Szene einen Taxifahrer, der seinen Fahrgästen Ace of Spades vorspielt und Carl McCoy, Sänger der Gothic-Rock Band Fields of the Nephilim, verkörpert den ominösen Nomaden zu Beginn von Hardware.

 

Nun ist Hardware rein objektiv betrachtet kein sonderlich guter Film und hat zweifellos seine Fehler. Aber es lässt sich schon sehr gut erkennen, wie überaus ambitioniert Richard Stanley trotz des niedrigen Budgets war. Er hatte eine Idee, eine Vision von einem Film, welche er ungeachtet aller wie auch immer gearteten Hindernisse bestmöglich umsetzen wollte, so frei wie nur möglich von jeglicher Limitierung. Kompromisslos könnte man das nennen, losgelöst von gängigen Genrekonventionen ist es in jedem Fall, und Stanley scheint sich tatsächlich null für ein solches erzählerisches und inszenatorisches Korsett zu interessieren und geht einfach seinen Weg. Eine Art Ed Wood der 90er Jahre, wenn man so will. So wird Hardware letztlich zu einem dieser seltenen Filme, wo Einfallsreichtum, Enthusiasmus und eine künstlerische Vision die budgetär sehr engen Grenzen und vielleicht auch einen gewissen Mangel an handwerklicher Souveränität einfach hinter sich lassen. Sicher nicht der vermeintliche Kultstreifen, den so mancher Fan in ihm erkannt haben will, so aber in jedem Fall ein herausragendes Stück Genrefilm irgendwo an der schäbigen Grenze zwischen Arthouse und B-Movie, irgendwo zwischen der vollkommen bewussten Künstlichkeit eines Dario Argento und der dreckigen Zweckmäßigkeit des Grindhouse-Kinos.

 

7 von 10 strahlungsfreien Rentiersteaks

 

 

The Island of Dr. Moreau

21. August 2016 at 18:06

 

 

© New Line Cinema

 

 

 

„I have seen the devil in my microscope, and I have chained him.“

 

 

 

Edward Douglas wird nach einem Flugzeugabsturz von dem freundlichen wie merkwürdigen Montgomery mit seinem kleinen Boot aus dem Meer gefischt, so vor dem Tode bewahrt und auf eine abgelegene, kleine Insel gebracht. Dort lebt zurückgezogen der Nobelpreisträger Dr. Moreau und geht ungestört seinen Experimenten nach. Gemeinsam mit Montgomery, die sich als ehemaliger Neurochirurg mit brillanter Zukunft entpuppt, hat der verrückte, aber geniale Wissenschaftler eine Rasse aus genetisch manipulierten Wesen erschaffen, die halb Tier und halb Mensch sind. Seiner Schöpfung gegenüber tritt Dr. Moreau ausgesprochen arrogant auf, inszeniert sich als gottgleich und unterwirft sie seinem Willen. Douglas wird zwar zuvorkommend aufgenommen und anständig behandelt, ist aber gleichzeitig auch Gefangener und darf die Insel nicht verlassen, damit die Experimente nicht der Öffentlichkeit zugetragen werden können. Doch gerade, als er sich mit der Situation abzufinden beginnt, rebellieren die Tier-Mensch-Wesen und proben den  Aufstand, um endlich ihren freien Willen ausleben zu können. Ehe sich Douglas versieht, gerät er zwischen die Fronten und muss um sein Leben kämpfen.

 

Was soll man zu diesem filmischen Machwerk nur sagen? The Island of Dr. Moreau ist sowohl vor der Kamera als auch hinter den Kulissen ein absolutes Debakel, ein Zelluloid gewordenes Fiasko in jeglicher Hinsicht. Und ich liebe diesen Film. Tief in meinem Filmherzen gibt es einen Platz, reserviert nur für diese nicht ganz 100 Minuten Wahnsinn, Chaos und fehlgeleitete Eitelkeiten, und ich kann nicht einmal genau bestimmen, warum. Es gibt im Grunde keine gemeinsame Geschichte zwischen dem Film und mir, der 1996 ins Kino kam. Da ist keine jugendliche Erinnerung an ihn, die eine heute verklärte Sicht vielleicht erklären könnte, und der Film kam mir vermutlich eher als Randnotiz Ende der 90er Jahre irgendwann im TV unter. Dennoch liebe ich heute The Island of Dr. Moreau, auch wenn ich ihn keinesfalls als einen meiner Lieblingsfilme betrachten würde. Das ist eine ganz merkwürdige, ausgesprochen irrationale Liebe und dieser Text der Versuch einer Aufarbeitung. Es ist beinahe unmöglich, den Film losgelöst von seiner chaotischen Entstehungsgeschichte zu betrachten, ist sie doch ein wichtiger Bestandteil des Ergebnisses der Dreharbeiten, allgegenwärtig und zu jeder Sekunde spürbar. Alles beginnt mit dem jungen und talentierten Regisseur Richard Stanley, dem es nach seinen beiden kleinen, aber sehr gelungenen Filmen Hardware (1990) und Dust Devil (1992) endlich gelingen sollte, sein Wunschprojekt von New Line Cinema finanziert zu bekommen. Insgesamt vier Jahre hatte Stanley an seiner Vision des Romanes von H.G. Wells gearbeitet und nun sollte er sie mit großem Budget und gespickt mit Stars wie Marlon Brando und Val Kilmer endlich umsetzen dürfen. Dummerweise und zu seinem Leidwesen wurde er nach nur drei Drehtagen entlassen. Gründe dafür gab es einige, die meisten davon waren ziemlich offensichtlich und nicht alle, vielmehr die wenigsten, seine eigene Schuld. Der schlecht gewählte Drehort, weit abgelegen von jeglicher Zivilisation und ein logistischer Albtraum, war da nur der Anfang und wurde gefolgt von einem Hurricane, der das Set verwüstete. Val Kilmer beschloss plötzlich, doch keine Lust auf den Film zu haben, sabotierte das Projekt an allen Ecken und Enden und benahm sich wie ein Grundschüler, wohl wissend, dass er mit seiner Starpower am deutlich längeren Hebel saß als der junge und unerfahrene Regisseur und ihn das Studio sowieso nicht würde gehen lassen. Der ohnehin schon berüchtigte und als schwierig geltende Marlon Brando tauchte zunächst tagelang gar nicht auf und lieferte sich dann einen regelrechten Kleinkrieg mit Kilmer. Da prallten zwei enorm aufgeblasene Egos aufeinander, die manchmal für ganze Tage die Dreharbeiten lahm legten mit ihren kindischen Spielereien. Zudem begann Brando willkürlich zu improvisieren, warf ganze Szenen um, steigerte sich zusehends in immer mehr exzentrische Marotten oder vergab gleich ganze Dialoge an andere Darsteller und degradierte Marco Hofschneider von einer Nebenrolle zum Statisten, um stattdessen den kleinwüchsigen Nelson de la Rosa zu protegieren. Der Moment im Film, als er einen mit Eis gefüllten Blecheimer auf dem Kopf trägt, der entsprang nichts anderem als dem Umstand, dass er sich langweilte. Die zahlreichen Nebendarsteller, unter anderem Ron Perlman und Marc Dacascos, fügten sich in das Chaos am Set, feierten ausschweifende Partys und versuchten, das beste daraus zu machen, dass aus einigen Wochen Drehzeit in der Wildnis annähernd ein halbes Jahr wurde. Nachdem Richard Stanley das Vertrauen in sein Wunschprojekt vom Studio entzogen und er entlassen wurde, sollte John Frankenheimer den Film machen, der sich seine Rettungsaktion zwar fürstlich bezahlen ließ, aber gleichzeitig keinen Hehl daraus machte, absolut kein Interesse weder an dem Stoff, noch am Drehbuch und schon gar nicht an Visionen und Befindlichkeiten anderer zu haben. Mit Kilmer hatte auch er so seine Probleme, wusste ihn aber anders anzugehen. Nachdem die letzte Szene mit Kilmer abgedreht war, ließ er ihn mit den Worten „Cut. Now get that bastard off my set.“ vom Drehort entfernen. Später sollte er über Kilmer sagen: „I don’t like Val Kilmer, I don’t like his work ethic, and I don’t want to be associated with him ever again.“

 

Aber die zweifellos bekannteste und am meisten kolportierte Anekdote über die chaotischen Dreharbeiten ist wohl die von Richard Stanley, der nach seiner Entlassung statt den Drehort zu verlassen deprimiert durch die Wildnis irrte und bei einem dort lebenden Abenteurer unterkam, nur um später unerkannt auf das Set zurückzukehren und sich als Hundewesen in das Finale des Filmes schmuggeln konnte. „I decided to come back as a melting bulldog,“ sollte er sich später in der Dokumentation Lost Soul: The Doomed Journey of Richard Stanley´s Island of Dr. Moreau (2014) erinnern. „I didn’t know Frankenheimer or the assistant directors, so they didn’t recognize me.“ Schaut man sich diese Dokumentation an, wird schnell deutlich, was für ein Meisterwerk der Film hätte werden können, denn wenn Richard Stanley zu Wort kommt, die interessanten Verbindungen zu Joseph Conrads Heart of Darkness aufzeigt und alte Konzeptzeichnungen ausgräbt, dann lässt sich erahnen, was für ein ambitioniertes und visionäres Projekt er eigentlich hatte realisieren wollen. Wie anfangs bereits erwähnt, es ist schwierig, den Film The Island of Dr. Moreau losgelöst von seiner Entstehungsgeschichte zu betrachten. Denn all dieses Chaos, all dieser Wahnsinn, das annähernd psychotische Verhalten seiner beiden Stars Brando und Kilmer, Richard Stanley´s Entlassung und heimliche Rückkehr ans Set, die Widrigkeiten der Natur, die Neubesetzung der Regie mit John Frankenheimer, die zahllosen neuen Fassungen des Drehbuches, all das fängt der Film letztlich perfekt ein und spiegelt es wieder. Und das ist dann auch letztlich die Ironie des Ganzen, denn The Island of Dr. Moreau ist ein Film geworden, der in dieser Form dem ursprünglichen Thema Wahnsinn viel näher kommt, als es den Beteiligten vermutlich lieb sein dürfte und ist insofern, wenn auch eher unfreiwillig, die vermutlich beste filmische Adaption von H.G. Wells Roman. Eine gelungenere Version des Filmes hätte das wohl kaum so erreichen können. Mehr als in den vorangegangenen Verfilmungen von Wells‘ Roman hat man den Eindruck, dass die beiden Wissenschaftler über ihrer Arbeit komplett den Verstand verloren haben. Jede Moral, jede Orientierung ist auf der Strecke geblieben. Im letztlich vollkommen überbordenden Finale, wenn Dr. Moreau seinen eigenen Schöpfungen zum Opfer fällt, wenn Montgomery sich halbnackt im Drogenrausch als dessen Nachfolger inszeniert, wenn die Tiermenschen mit Maschinengewehren bewaffnet in Jeeps durch die Settings rauschen und die Anarchie und das Chaos den die ganze Zeit über volltrunken am Abgrund entlang taumelnden Film endgültig gefangen nehmen und nicht mehr loslassen werden, genau dann hat man das Gefühl, dass The Island of Dr. Moreau ganz bei sich ist. Und dafür liebe ich diesen Film.

 

The Island of Dr. Moreau ist weit davon entfernt ein guter oder gelungener Film zu sein und formal betrachtet in beinahe allen Aspekten eine Katastrophe, aber er ist eben auch ein perfekter Spiegel seiner Entstehung und somit ein wahrlich untrügerisches Abbild eben jenes Wahnsinns. Das ist es, was den Film dann letztlich auch ganz nah an den Kern von H.G. Wells Geschichte dringen lässt, unfreiwillig natürlich, aber zutiefst wahrhaftig. Ich bin mir vollkommen sicher, dass eine weniger chaotische Produktion einfach nur einen schlechten Film zum Ergebnis gehabt hätte. So aber ist The Island of Dr. Moreau das Film gewordene Zeugnis seines ganz eigenen Wahnsinns. Ein Film, der sich herkömmlichen Bewertungen entzieht. Ein Film, den man gesehen haben muss, um seine vollständige Tragweite zu begreifen.