Blade Runner 2049

9. Oktober 2017 at 0:01

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

„You’ve never seen a miracle.“

 

 

Im Los Angeles des Jahrers 2049 gibt es nach wie vor Replikanten der alten Generation und auch immer noch Blade Runner, die diese aufspüren und in den Ruhestand versetzen. Der Replikant Sapper Morton sollte nicht mehr als ein ganz gewöhnlicher Auftrag sein für den ebenfalls künstlich erschaffenen Blade Runner KD 6-3.7, doch im Zuge seiner Ermittlungen stößt er auf ein dreißig Jahre altes Geheimnis, welches einmal gelüftet die Welt für immer verändern würde.

 

Gleich vorweg: Auch hier gilt wie immer meine Maxime, das ich den Film nicht spoilern werde und tatsächlich solltet ihr im Vorfeld so wenig über die Handlung wissen wie möglich. 1982 hat Ridley Scott mit Blade Runner einen Film erschaffen, von dem wohl niemand hätte ahnen können welchen Wert er in der heutigen Filmlandschaft haben würde, zumal er seiner Zeit an den Kinokassen unterging und von den Kritikern gnadenlos zerrissen wurde. Scott stellte mit Blade Runner dem Zuschauer Fragen, ohne die Antworten darauf zu liefern. Er nahm sein Publikum nicht an die Hand, er nahm es ernst. Aus heutiger Sicht ist Blade Runner ein filmischer Monolith, welchen jeder sich ernsthaft für Film Interessierende zumindest mal gesehen haben sollte – unabhängig davon, ob man einen Zugang zu ihm findet oder nicht. Und selbst wenn nicht, dann bleibt immer noch die Wertschätzung für den immensen technischen Aufwand, welchen Scott und sein Team 1982 betrieben haben. Braucht es also überhaupt 35 Jahre später eine Fortsetzung? Das habe auch ich mich gefragt und war sehr skeptisch der Idee gegenüber und erst als Denis Villeneuve als Regisseur bestätigt wurde, da machte sich leise Hoffnung in mir breit. Wenn er es nicht würde vollbringen können, dann niemand. Es spricht für enorm großes Vertrauen seitens der Geldgeber in die Fähigkeiten und in die Sonderstellung der Arbeit des Franko-Kanadiers, der in der Vergangenheit mehrfach beweisen konnte, dass er Spannung mit Anspruch vermählen kann, wenn man ihm für dieses ehrgeizige Projekt 185 Millionen Dollar zur Verfügung stellt, wohl wissend, dass es möglicherweise kein Publikum finden wird. Und zur Frage, ob es eine Fortsetzung braucht: ich bin mir ziemlich sicher, dass das Blade Runner-Universum noch so manche erzählenswerte Geschichte zu bieten hat.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Blade Runner 2049 ist ein Wagnis, denn seine ganze Art der Inszenierung steht diametral den modernen Sehgewohnheiten gegenüber und unterläuft diese vollkommen. Es ist ein seltsam aus der Zeit gefallener Film. Das wird zweifellos nicht wenige abschrecken, damit werden manche nicht unbedingt zu Recht kommen und sich gelangweilt fühlen. Aber nur, weil nicht alle paar Minuten etwas explodiert, heißt das ja noch lange nicht, dass im Film nichts passieren würde. Im Gegenteil, in Blade Runner 2049 passiert sogar sehr viel, man muss dem Film nur auch seine volle Aufmerksamkeit widmen (was man eigentlich bei jedem Film tun sollte). Ich wage aber mal zu behaupten, dass der Film die ganz breite Masse nicht wird erreichen können. Das muss er auch gar nicht, es würde mich aber freuen, wenn es doch so wäre. Denis Villeneuve vollbringt mit seinem Film zwar nicht die (vermutlich unmögliche) Leistung, Blade Runner in den Schatten zu stellen, doch es gelingt ihm meisterhaft, das Original in Ehren zu halten, sich diesem aber gleichzeitig nicht sklavisch zu ergeben. Sein Film unterliegt trotz der bereits formulierten Welt als Koordinatensystem niemals der Versuchung, sich vollends auf Ridley Scotts Film zurückfallen zu lassen. Vielmehr baut Villeneuve auf eben jenen Referenzen auf, erweitert das filmische Universum aber auf seine Art und Weise um weitere Facetten. Er verbeugt sich zwar vor dem einstigen Schöpfer dieser Welt, geht aber zugleich sehr stilsicher und selbstbewusst seinen ganz eigenen düsteren Weg und rechtfertigt dadurch seine eigene Existenz. In einer Zeit, in der Dinge wie künstliche Intelligenzen, selbstfahrende Autos oder Kommunikationsmittel wie Skype und ähnliches infolge der Digitalisierung mehr und mehr in unser alltägliches Leben dringen, Dinge, die 1982 noch einer scheinbar grenzenlosen Vorstellungskraft zu entspringen schienen, da bedient sich Villeneuve wie einst auch Scott für seinen sperrigen Blockbuster durchaus klassischer Erzählmotive des Film Noir und der Detektivgeschichte.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Wo Ridley Scott 1982 noch die Frage stellte, was den Menschen letztlich ausmacht, da geht Denis Villeneuve noch etwas weiter in der Thematik und rückt zusätzlich die Frage nach dem Recht auf Selbstbestimmung in den Fokus und hinterfragt zudem die Beschaffenheit unserer Erinnerungen und letztlich auch deren Wert. Wenn die Welt um einen herum nur noch aus Datensätzen und Mechanismen besteht, aus Nullen und Einsen, welchen Wert hat dann das Individuum an sich überhaupt noch? Was macht es aus? Erinnerungen nicht, dass macht der Film mehr als nur einmal deutlich, denn sie können nicht nur verfälscht werden, sie verblassen, täuschen uns, zersetzen sich, werden zu Bruchstücken verzerrter Existenzen, schiefe Abbilder vergangener Zeiten. Sie täuschen uns nur allzu gern. KD 6-3.7 wird auch immer wieder von Erinnerungen heimgesucht, wohl wissend, dass diese nicht echt sind. Zugleich ist er ein seltsamer Fremdkörper, Teil einer Welt, welche er nicht versteht, zu der er aber dennoch gehört. Seine Figur ist gezeichnet von Schwermut und Melancholie. Er ist keineswegs frei von Emotionen, ganz im Gegenteil, in der Abgeschiedenheit seiner Wohnung suggeriert ihm das Hologramm Joi genau jene menschliche Wärme und Zuneigung, welche das Jahr 2049 schon lange nicht mehr zu bieten hat. Wenigstens ein künstlicher Hauch von Menschlichkeit als gar keine mehr. Ironischerweise erweist sich dann letztlich eben jenes künstliche Wesen als menschlicher als alle menschlichen Figuren im Film. Ein hübscher kleiner Widerhaken ist das, ein Stachel im Fleisch des Zuschauers. Auch Blade Runner 2049 stellt Fragen ohne die passenden Antworten gleich mitzuliefern. Das mag manchen Zuschauer vielleicht vor den Kopf stoßen oder gar überfordern, mir hingegen gefällt es immer sehr, wenn ein Film sich auch mal traut, Lücken zu lassen, nicht alles en Detail auszuformulieren und mich gedanklich herauszufordern. Die thematischen Implikationen der Story sind Villeneuve wichtiger als actiongetriebene Schauwerte, als großer Krawall und Explosionen im Minutentakt.

 

© Warner Bros. Pictures

 

Den Anforderungen des modernen Blockbuster-Kinos verweigert sich sein Film konsequent, bietet aber dennoch absolut fantastische Bilder. Nahezu jede Kameraeinstellung (es wird nun endlich Zeit, dass Roger Deakins seinen mehr als nur verdienten Oscar bekommt) ist grandios und fängt spektakulär schöne, manchmal geradezu betörende Impressionen ein. Die radioaktiv verstrahlte Wüste von Las Vegas, deren orange farbener Sand Relikte einer einstigen, längst vergangenen Welt verschlingt. Das kalte Neon und der scheinbar niemals aufhörende Regen in Greater L.A., ein gefühlt nirgendwo endender Moloch aus Beton und Glas und Menschen. San Diego als gigantische Müllkippe voller aussortierter Bruchstücke einstiger Großstädte, verfallen und der Natur preisgegeben. Endlose künstlich angelegte Agrarplantagen soweit das Auge reicht und grau in grau. Villeneuve lässt sich unglaublich viel Zeit für seine Bilder, er lässt ihnen ausreichend Raum, um sich vollends entfalten zu können, und uns als Zuschauer, um diese Welten entdecken, erkunden, erfassen und in uns aufnehmen zu können. Natürlich hätte man den Film, wenn man einzelne Szenen straffer und nach moderneren Anforderungen geschnitten hätte, rund um eine halbe Stunde kürzen können, ohne ihn inhaltlich zu beschneiden, doch dadurch würde vermutlich gerade diese erhabene Eleganz, dieses eigenwillige Gefühl der Zeitlosigkeit verloren gehen. Das Tempo ist meist ganz bewusst enorm entschleunigt und geprägt von einer eleganten Bedachtsamkeit, der Bilderreigen stellenweise geradezu meditativ. Sein Film interessiert sich nicht für die Bedürfnisse und Gewohnheiten des modernen Kinogängers, ihn kümmert nicht die ständige Befriedigung des Verlangens nach Spektakel. Blade Runner 2049 fordert Konzentration und den Willen, sich auf diesen sperrigen Brocken einzulassen, doch die Mühen werden entlohnt, so viel ist sicher. Der Film ist vielleicht nicht das erhoffte oder in ihm gesehene Meisterwerk, aber er ist verdammt nah dran. Villeneuve gelingt der schwierige Spagat zwischen Würdigung des Originals und sanfter Erweiterung des Universums ohne sich irgendwem anbiedern zu müssen. Und wer weiß, wie wir in zwanzig oder dreißig Jahren über seinen Film denken werden. Blade Runner war seiner Zeit ein Flop, es sind also beste Voraussetzungen.

 

9 von 10 Whiskey saufenden Hunden ungeklärter Herkunft

 

 

Morgan (Das Morgan Projekt)

17. Juli 2017 at 12:21

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„Do you know the cruelest thing you can do to someone you’ve locked in a room? Press their face to the window.“

 

 

 

Mit Hilfe von Nanotechnologie kombiniert mit menschlichem Genmaterial erschaffen Wissenschaftler ein künstliches Wesen namens Morgan. Als es zu einem blutigen Zwischenfall kommt, wird die Risikomanagerin Lee Weathers damit betraut, sich einen Überblick zu verschaffen und eine Empfehlung über den Fortbestand des Projektes abzugeben. Doch als es während der psychologischen Analyse von Morgan durch einen hinzugezogenen Experten erneut zu Blutvergießen kommt, eskaliert die Situation vollends und die künstlich erschaffene Kreatur kann sich befreien.

 

Luke Scott liefert nach Arbeiten für die Second Unit bei Exodus:Gods and Kings und Der Marsianer und einigen Kurzfilmen für das Prometheus/Alien: Covenant-Universum für seinen Vater Ridley Scott nun mit Morgan seinen ersten Langfilm. Und eines muss man zweifellos anerkennen: das Auge seines Vaters hat er scheinbar geerbt, ist Morgan über weite Strecken doch hübsch anzusehen und weiß visuell zu überzeugen. Wenn er dazu auch die inhaltliche Ebene ähnlich gut im Griff haben würde, dann hätte aus seinem Regiedebüt ein richtig guter Film werden können. Da das leider nicht der Fall ist, bleibt Morgan zwar ein interessanter Beginn, welcher zumindest im Ansatz ganz ähnliche philosophische und moralische Dilemmata thematisiert, wie sie zuletzt auch Alex Garland mit seinem kammerspielartigem Science Fiction-Drama Ex Machina verarbeitet hat. Doch erreicht dieses durchaus komplexe Thema seinen vorerst dramatischen Höhepunkt in Form der psychologischen Analyse von Morgan, dann kippt der Film in seiner Stimmung, es kommt zu einem relativ harten tonalen Bruch und bereits etablierte Motive verlieren plötzlich zu Gunsten von Action angereichert mit Horrorelementen an Bedeutung, so dass Morgans künstliche Herkunft, ihre Intelligenz und die damit implizierten Fragen fortan keine Rolle mehr spielen. Das ist zwar ein wenig schade, könnte ich jedoch problemlos verschmerzen, wenn die daran folgende Action nicht schrecklich herkömmlich und gewöhnlich ausfallen würde wie direkt vom Reißbrett. Auch die Handlung bleibt beinahe immer vorhersehbar und verlässt nur ausgesprochen selten seit Jahrzehnten ausgetretene Genrepfade, ja, sogar den Twist am Ende kann man durchaus vorher kommen sehen. Zudem werde ich das Gefühl nicht los, dass Morgan nicht zu seiner eigentlichen Herkunft als B-Movie so wirklich stehen will oder kann, obwohl der Plot an sich doch eben ein solcher Stoff durch und durch ist. Ein Film wie Species beispielsweise ist mir da um einiges sympathischer, weil er seine Herkunft nicht verleugnet und vollkommen dazu steht, was er ist und auch gar nicht versucht mehr zu sein, wohl wissend, das nicht leisten zu können. Ein B-Movie durch und durch, was ja auch überhaupt nichts schlimmes ist, ganz im Gegenteil. Morgan hingegen versucht sich ein wenig größer zu machen, als sein Plot letztlich ist, bleibt dabei aber zumindest durchweg unterhaltsam.

 

Somit formuliert Morgan anfangs zwar eine durchaus interessante und moralisch ambivalente Fragestellung, wirft diese jedoch recht zügig zu Gunsten von Action und Horror über Bord. Es bleibt eine hübsch anzusehende, geradlinig inszenierte Action-Horror-Variante von bereits bekannten Motiven, die kaum eigenständige Idee zu entwickeln vermag und immer vorhersehbar bleibt. Unterhaltsam ist das zwar, vielmehr aber auch nicht, denn inhaltlich ist da noch deutlich Luft nach oben. Eine gelungene Arbeitsprobe für Regisseur Luke Scott ist das aber allemal.

 

6 von 10 toughen Risikomanagerinnen

 

 

 

 

Alien: Covenant

28. Mai 2017 at 14:55

 

 

 

                   ©Twentieth Century Fox

 

 

„One wrong note eventually ruins the entire symphony.“

 

 

 

2104: Zehn Jahre nach dem Verschwinden der USCSS Prometheus befindet sich die Besatzung des Kolonieschiffes USCSS Covenant mit ihrer Fracht von rund 2000 sich im Hyperschlaf befindenden Siedlern auf dem Weg zu dem weit entfernten Planeten Origae-6, um dort eine neue Heimat zu finden. Ein Unfall jedoch führt dazu, das die Crew frühzeitig geweckt werden muss, um die notwendigen Reparaturen durchführen zu können. Ein rätselhafter Funkspruch lenkt ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Planeten, deutlich näher und scheinbar noch besser für menschliches Leben geeignet als Origae-6, doch schon bald nach dem Eintreffen des Landungstrupps auf der potentiell neuen Heimat beginnen die Probleme und ehe sie sich versehen, kämpft die Besatzung der Covenant ums nackte Überleben.

 

Als 2012 Ridley Scotts Prometheus erschien, da musste sich der Regisseur einiger Kritik aussetzen. Kritik, welche ich bis heute überwiegend nicht nachvollziehen kann. Sicher, inhaltlich hatte der Film zweifellos seine Probleme, aber dafür war er visuell fantastisch und atmosphärisch dicht. Immer wieder die üblichen Unzulänglichkeiten auf den Tisch zu packen, die ohnehin meist nur etablierten Genremechanismen geschuldet sind, empfinde ich als zu kurz gegriffen, aber das ist ein anderes Thema. Nun also ist nach einigem produktionstechnischem Hickhack das Sequel Alien: Covenant da und hat ein großes Erbe anzutreten. Scott selbst versprach, die Reihe wieder zurück zu ihren Ursprüngen zu führen, zu Angst und Terror, zu unbekanntem Schrecken auf engstem Raum, waren ihm doch all die Fortsetzungen nach seinem Alien (1979) schon immer ein Dorn im Auge. Kann also Alien: Covenant die Brücke zwischen Alien und Prometheus schlagen? Jein. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Ridley Scott das auch gar nicht so wirklich im Sinn hatte, fühlt sich sein neuester Film doch in seinem Tenor viel zu zerrissen an, als dass sich eine klare Vision dahinter erkennen lassen könnte. Zu sehr schwankt Alien: Covenant zwischen dem abgründigen Terror früherer Jahre, einer Verlängerung der philosophischen und religiösen Ansätze von Prometheus, groß angelegter Actionsequenzen und eingestreuten Splatter-Spitzen. Letztlich scheint Scott kaum Lust gehabt zu haben, alte Strukturen und Konzepte weiter zu verfolgen, sind doch die Aliens wie die Besatzung der Covenant nicht selten ziemlich nachlässig inszeniert und die vermeintliche Rückkehr zum Terrorkino wirkt vielmehr wie ein Vehikel, mit dessen Hilfe er viel lieber all die Ansätze und Gedanken aus Prometheus fröhlich weiter spinnen kann. So rückt dann letztlich auch der Konflikt zwischen Schöpfer und Schöpfung in den erzählerischen Fokus – mehrfach gespiegelt zum einen durch die Beziehung von Peter Weyland zu seiner Schöpfung David und später vor allem durch die Beziehung von David zu seinem Nachfolgemodell Walter. Bereits die aller erste Szene macht deutlich, dass Scott dieses Mal die Aliens, die Crew, die Angst und das Gemetzel verhältnismäßig egal sind und nicht viel mehr als Mittel zum Zweck, als simple Erfüllungsgehilfen für sein Sinnieren über den Ursprung der Menschheit sind. Was zunächst einmal nicht sonderlich schlimm sein muss und mir sogar thematisch sehr gut im Film gefiel, dürfte jedoch die Erwartungshaltung vieler Zuschauer torpedieren.

 

Was mir deutlich mehr an Alien: Covenant missfiel, war die erschreckend beiläufig und geradezu im Vorbeigehen mit einer handvoll Sätzen abgehandelte Enstehungsgeschichte der Xenomorphen wie wir sie kennen. Ein Problem, welches ich schon immer mit den Fortsetzungen der Reihe hatte, ist, dass sie jedesmal, Film um Film, den Aliens Hintergrundinfo um Hintergrundinfo mit an die Hand geben und so den namenlosen wie unbegreiflichen Schrecken aus Alien immer weiter Stück für Stück entmystifizieren. Ich will all diese Informationen gar nicht haben, denn gerade das ist doch erst der Clou an Alien, dass ich als Zuschauer genauso wenig über diese rätselhafte Kreatur weiß wie die Crew der Nostromo. Mit jeder weiteren Information über den Xenomorph verliert er für mich auch immer mehr an Schrecken und damit vor allem an Faszination. Wenn Alien: Covenant nun also final die Herkunft der Aliens lüftet, dann bekomme ich Antworten auf Fragen, welche ich gar nicht hätte stellen wollen. Ironischerweise wurde Prometheus oft vorgeworfen, dass der Film zu viele Fragen aufwirft und diese dann unbeantwortet lässt, wohingegen nun Alien: Covenant zuviel erklärt und Antworten findet, wo gar keine Fragen waren. Wenn dann der Konflikt zwischen Schöpfer und Schöpfung so deutlich in den Vordergrund gerückt wird wie Scott es hier tut und das Alien, die Crew der Covenant und deren Kampf ums Überleben nicht mehr das zentrale Element des Filmes sind, dann fühlt sich das merkwürdig an. Es steht zwar Alien drauf, aber richtig viel Alien drin ist jedenfalls nicht, obwohl der Film ein viel klareres Bekenntnis zum ursprünglichen Zyklus ist als 2012 noch Prometheus. Folglich ist dann auch Michael Fassbender in seiner Doppelrolle als Walter/David sehr präsent und drängt durch seine zugegeben sehr starke Darbietung den Rest des Cast deutlich in Hintergrund. Kaum jemand anderes der Crew der Covenant bekommt genug Raum, Zeit oder Tiefe um aus Fassbenders übergroßen Schatten treten zu können. Eine beeindruckende One Man Show ist das zweifellos, führt aber eben auch dazu, dass man kaum noch mitfiebern kann, wenn die Crew Mitglied für Mitglied dezimiert wird, weil die einzelnen Figuren völlig belanglos und schablonenhaft geschrieben sind.

 

Die Rückkehr zu den Wurzeln der Reihe hat Ridley Scott versprochen, zurück zu Angst und Terror, zu engen Luftschächten und verwinkelten Gängen. Vollständig einlösen jedoch kann er dieses Versprechen nicht. Zugegeben, das erste Drittel von Alien: Covenant funktioniert diesbezüglich sehr gut, doch wenn man denkt, jetzt legt das Alien richtig los und knüpft sich nach dem klassischen zehn kleine Negerlein-Prinzip die Crew der Covenant Stück für Stück vor, dann kippt der Film plötzlich tonal und rückt fortan für lange Zeit Walter/David und deren Konflikt sowie den scheinbar unvermeidlichen Gottkomplex in den Fokus, nur um gegen Ende wieder einen Schritt zurück hin zu etwas zu groß ausfallender Action zu machen. So fühlt sich Alien: Covenant insgesamt zu zerrissen zwischen all seinen verschiedenen Stimmungen an und erschafft keine wirklich kohärente Erzählstruktur. Dass dann der Mythos Xenomorph mehr oder weniger im Vorbeigehen vollkommen entzaubert und all seiner Faszination beraubt wird, dass nehme ich dem Film dann letztlich sogar auch persönlich übel. Dennoch muss man festhalten, dass Ridley Scott bei weitem nicht alles an die Wand fährt und Alien: Covenant auch viel richtig macht. Der Film ist visuell wieder sehr eindrucksvoll geworden und erinnert stellenweise tatsächlich wieder mehr an den Look von Alien und auch einige Spannungssequenzen sind gelungen. Dass diese dann nicht wirklich packen, liegt eher weniger an der Inszenierung, sondern vielmehr am Drehbuch, welches versäumt, seine Figuren so zu schreiben, dass man mit ihnen mitfiebern könnte. Unterm Strich aber ist das alles zu wenig und für einen explizit als Rückkehr zum alten Alien-Feeling formulierten Film bietet Alien: Covenant letztlich einfach zu wenig Angst, Terror und Schrecken und leider auch zu wenig Alien.

 

6,5 von 10 Geburtsstunden des größten Monsters der Filmgeschichte

 

 

Der Marsianer

17. Januar 2016 at 16:57

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„In the face of overwhelming odds, I’m left with only one option, I’m gonna have to science the shit out of this.“

 

 

 

Mark Watney ist als Botaniker und Ingenieur Mitglied der Ares-III-Mission auf dem Mars. Als ein gewaltiger Sandsturm die sechsköpfige Crew aus Astronauten unterschiedlichster Nationalitäten zum Rückzug zwingt, wird Watney von umherfliegenden Trümmerstücken getroffen und von der Gruppe getrennt. In der Annahme, ihr Kollege sei tot, tritt die Ares-III dem Heimweg an ohne zu ahnen, dass Watney noch lebt. Allein und in dem Wissen, dass er mindestens vier Jahre ausharren muss, bis Ares-IV auf dem Mars landen soll, muss er sich auf seinen Einfallsreichtum und seine wissenschaftlichen Fähigkeiten besinnen…

 

Große Hollywood-Produktionen und der Mars, das war bisher keine besonders ertragreiche Kombination, waren doch Filme wie Red Planet, Mission to Mars oder John Carter nicht nur kolossale Flops an den Kinokassen, sondern auch einfach nicht wirklich gut umgesetzt oder gar katastrophale Reinfälle. Ridley Scott wagt sich allerdings dennoch erneut an dieses Thema und verfilmt den gleichnamigen Bestseller-Roman von Andy Weir trotz einer eventuellen thematischen Übersättigung durch Filme wie Gravity und Interstellar. Scott überrascht dann allerdings zunächst einmal durch eine erstaunlich lockere und unbeschwerte, stellenweise gar witzige Erzählweise, wodurch sich Der Marsianer angenehm von der Konkurrenz abhebt, die tonal oftmals deutlich dunkler ausfällt. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt nicht nur einzig und allein auf dem Überlebenskampf des Mark Watney, sondern versteht sich eben auch als das Portrait eines Mannes, dessen Wille zum Überleben trotz geringer Chancen ungebrochen ist, eines Mannes, der den sicheren Tod vor Augen hat und trotzdem nicht aufgibt. Tag für Tag stellt er sich allen möglichen Problemen, großen und kleinen, nebensächlichen und existenzbedrohenden, und löst eines nach dem anderen, Schritt für Schritt, besonnen und überlegt. Aufzugeben und sich seinem Schicksal zu fügen ist für Watney nie eine Option und so wird Der Marsianer auch zu einem Plädoyer dafür, wozu der menschliche Geist fähig sein kann, wenn er nicht der Verzweiflung nachgibt, zielgerichtet voran geht und niemals aufgibt.

 

 

 

„I don’t want to come off as arrogant here, but I’m the greatest botanist on this planet.“

 

 

 

Ridley Scott bedient sich zwar vollkommen konventioneller Erzählmuster und innovative Elemente sucht man in Der Marsianer vergeblich, aber obwohl er in diesem Punkt absolut auf Nummer sicher geht, ist sein Film dennoch durchaus spannend erzählt und dynamisch genug inszeniert, um den Zuschauer bei Laune zu halten. Das liegt zum größten Teil auch an dem für diese Form eines Katastrophenszenarios doch eher ungewöhnlich hohen Anteil an Humor, der überwiegend durch Watney´s Sarkasmus zum Vorschein kommt. Die Zwiegespräche mit sich selbst, aufgezeichnet in einer Art Videotagebuch, setzen oft wirklich witzige Highlights und geben Matt Damon zusätzlich noch die erzählerisch durchaus clevere Möglichkeit, seine Monologe auch gezielt an den Zuschauer zu richten, ohne diesen bewusst anzusprechen. Überhaupt wäre Der Marsianer ohne Matt Damon kaum denkbar und das ganze Konstrukt steht und fällt mit seiner schauspielerischen Leistung, denn er transportiert nahezu perfekt den Galgenhumor, den sich Watney als Schutzmechanismus angeeignet hat. Leider kann selbst Damon das große Manko in der Charakterzeichnung nicht ausgleichen, denn irgendwie will es Ridley Scott nicht so recht gelingen, den Zuschauer auch auf der Gefühlsebene mit ins Boot zu holen. Watney ist smart und witzig, keine Frage, und es ist immer faszinierend anzusehen, wie er Problem um Problem löst, aber darüber hinaus ist da recht wenig, das seinen Charakter umschreibt und wirklich emotional involviert ist man beinahe nie. Weil das Drehbuch von Drew Goddard seine Hauptfigur nur so unzureichend entwickelt, ist einem sein Schicksal seltsam egal, man fiebert nicht wirklich mit Watney und seinem Kampf ums Überleben in dieser so feindlichen Umgebung mit. Auch erfährt man so gut wie nichts über diesen Mann, er bleibt seltsam schwammig umschrieben und ist nicht wirklich greifbar. In diesem Kontext hätte dem Film auch ein wenig Verzweiflung gut zu Gesicht gestanden, denn auch diese sucht man vergeblich. Dadurch mangelt es an einer unmittelbaren, ganz konkreten Gefahr, die es zur Identifikation definitiv gebraucht hätte statt der allgegenwärtigen abstrakt intellektuellen Bedrohung. Ein im Grunde fataler und kaum zu verzeihender Fehler für einen Film dieser Art und Ausrichtung. Zudem ist der Der Marsianer nicht frei von teils unnötigen Längen, auch weil sich auf der erzählerischen Ebene gerade im Mittelteil einiges wiederholt und sich mit zunehmender Laufzeit abzunutzen beginnt.

 

Sicherlich ist Der Marsianer alles andere als frei von Fehlern, aber kurzweilig und unterhaltsam ist er durchaus geraten. Der angenehm überraschende und effektiv umgesetzte Humor, der den ganzen Film durchwebt, gleicht erzählerische Mängel wieder aus und es ist ungemein sympathisch, dass der Film im Grunde auch gar nichts anderes will als unterhalten und daraus überhaupt keinen Hehl macht. Zuweilen etwas zu lang geraten und nicht immer sauber inszeniert, zeichnet sich Der Marsianer dennoch durch 144 unterhaltsame Minuten aus. Wissenschaft kann eben doch Spaß machen.

 

7 von 10 auf dem Mars angebauten Kartoffeln